)
Lange Haare gelten heute bei männlichen Soldaten als Zeichen von Ungehorsam und mangelnder Disziplin. Das war vor 250 Jahren komplett anders.
Langes, dichtes Haar war über Jahrhunderte ein Zeichen für kriegerisch-männliche Stärke und Kraft. Die alten Germanen warfen sich zottelig in die Schlacht, die gefürchteten japanischen Samurai trugen ihr Haar am Hinterkopf geknotet. Simson, eine mythische Figur aus dem Alten Testament, war nur so lange unbesiegbar, solange sein Haupt ungeschoren blieb. Langhaarig beeindruckte der schottische Held William Wallace, bekannt durch den Film „Braveheart“, seine Gegner. Die Soldaten des ersten chinesischen Kaisers Qin Shi Huangdi hatten in vorchristlicher Zeit kunstvolle Frisuren, wie an der berühmten Terrakotta-Armee sichtbar wird.
- Kennst du schon?: Warum Ehe eine Erfindung ist, die Frauen schadet
Diese Zeiten sind vorbei. Anno 2026 muss das Haar beim männlichen Soldaten aus Gründen der Disziplin kurz sein. Das österreichische Bundesheer hat sich vor Gericht mit Händen und Füßen gewehrt, als Soldaten diesen April das Tragen langer Haare erlaubt wurde. Argument der Verfassungsrichter:innen: Es gilt der Gleichheitsgrundsatz und Soldatinnen dürfen schließlich immer schon lange Haare haben. Trotzdem laufen bis dato so gut wie alle uniformierten Männer in Österreichs Kasernen – Ausnahmen gibt es – brav gestutzt herum, sonst handeln sie sich massive Probleme ein, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe.
Warum gilt nur kurzes Haar als militärisch korrekt?
Aber warum ist kurzes Haar heute gleichbedeutend mit militärisch korrekt? Es ist wiederum ein Blick in die Geschichte, der hier Klarheit schafft. Noch vor 250 Jahren, also Ende des 18. Jahrhunderts, waren in Europa geflochtene Zöpfe bei Soldaten nicht nur üblich, sondern fallweise strikt vorgeschrieben. Allen voran marschierten die preußischen Grenadiere, deren Offiziere bis auf den Rücken reichende Perücken trugen und wo die einfachen Soldaten Zöpfe mit über 50 Zentimeter Länge hatten. Das war, analog zur zivilen Mode, überall in Europa schick, es wurde als würdevoll angesehen und kein Heerführer wollte Soldaten mit kurzem Haar in seinen Reihen.
Man war auch bereit, für dieses Idealbild einiges auf sich zu nehmen. So hatten die einfachen Infanteristen oft wochenlang nicht die Möglichkeit, ihre langen, seitlich zu Locken aufgerollten Haare zu waschen. Das billige Gel aus Rindertalg, mit der die Frisur fixiert war, wurde mit der Zeit ranzig, stank fürchterlich und zog die Fliegen an. Trotzdem kam kurzgeschorenes Haar nicht in Frage – es wurde maximal hochgesteckt und unter der Soldatenkappe verborgen.
Das alles änderte sich mit der französischen Revolution 1789. Die weißen, gepuderten Perücken, wie sie Wolfgang Amadeus Mozart trug, galten jetzt als Sinnbild der alten Ordnung, des Ancien Régime, das gestürzt und überwunden werden musste. Die Revolutionäre, die sich gegen den Adel und den König wandten, wollte die „alten Zöpfe“ abschneiden und unter keinen Umständen „verzopfte“, also altertümliche Ansichten vertreten. Wer jetzt noch langhaarig herumlief, der tat das, weil er gegen den Zeitgeist eine konservative Gesinnung demonstrieren wollte.
Ab jetzt trug man das Haar kurz. Frankreich ging hier voran, der „Tituskopf“ (französisch Cheveux à la Titus) war en vogue. Es handelte sich dabei um eine Herrenfrisur, bei der die Haare nach allen Seiten frisiert, überall gleich kurz geschnitten und lockig war. Napoleon (1769 – 1821) trug sein Haar kurz wie einst Julius Cäsar und seine Soldaten waren ebenfalls in der überwiegenden Mehrheit kurzhaarig.
Fescher Look nach Henker-Art
Ja, sogar Frauen tendierten plötzlich zur Kurzhaar-Frisur. Ihnen wurden zunächst zu Hunderten unter Zwang die langen Locken abgeschnitten, damit der Nacken frei war und das Fallbeil der Guillotine ungehindert durchdringen konnte. Denn die Französische Revolution radikalisierte sich enorm schnell, die Jakobiner, die schließlich die Macht übernahmen, führten regelrechte Säuberungen durch. Nach Ende der Massenhinrichtungen trugen viele Frauen, auch solche aus adeligen Kreisen, das Haar als Zeichen der Sympathie und Solidarität mit den Exekutierten kurzgeschnitten, bis daraus eine Mode wurde.
Das kurze Haar, zunächst Ausdruck revolutionärer Gesinnung, hielt sich und wurde beim Militär zur absoluten Norm. Das gilt bis heute. In Österreich darf das Haar des männlichen Soldaten im Jahr 2026 nach dem entsprechenden Urteil der Verfassungsrichter:innen zwar lang sein, es soll den Kragen des Uniformhemdes aber trotzdem nicht berühren und nicht tief in die Stirn hängen. Die widerspenstigen Hippies der 60er und 70er-Jahre des 20.Jahrhunderts begingen somit einen absoluten Tabubruch, weil sie ihre Haare lang trugen. Die braven Bürger waren empört, das Erscheinungsbild der „Blumenkinder” war für sie in höchstem Maße unmännlich und unsoldatisch.
Aber, wie wir gesehen haben: Die Zeiten ändern sich, Moden auch und die Art der Kriegsführung sowieso. Das Argument konservativer Offizier:innen heute lautet, dass lange Haare unpraktisch und etwa hinderlich beim Nahkampf wären, sich im Panzer an einem der dort befindlichen Geräte verheddern könnten. Allerdings lösen Drohnen und der umfassende Einsatz von KI gerade viele Parameter der bisherigen Kriegsführung auf. Und so könnte es sein, dass in Österreich männliche Rekruten bald wieder wie vor 250 Jahren langhaarig in die Kasernen einrücken.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Quellen
- Wikipedia: Der Soldatenzopf
- Pierre Miquel: So lebten sie zur Zeit der großen Könige, Tessloff-Verlag, 1979
- April Calahan: Fashion Plates: 150 Years of Style, Yale University Press, 2016
Daten und Fakten
- Die neue Haar-Anweisung des Bundesheeres vom Mai 2026: „Alle Soldatinnen und Soldaten haben zur Uniform des Bundesheeres ihr Haar so zu tragen, dass das Gesichtsfeld nicht eingeschränkt ist. Sollten dafür Hilfsmittel notwendig sein, müssen diese sowohl von der Form, als auch von der Farbe dezent gehalten sein.“ Mit Ausnahme von Kopfbedeckungen darf loses Haar die Uniform- und Ausrüstungsteile nicht berühren. „In derartigen Fällen ist dieses zu befestigen und zusätzlich bei entsprechender Haarlänge ein Dutt auf dem Hinterkopf oder zusammengebunden bzw. geflochten zu tragen.“ Vollbärte sind beim Heer erlaubt, müssen aber gepflegt und gestutzt sein.
- Im Jahr 210 v. Chr. ließ der erste chinesische Kaiser Qin Shi Huangdi eine gigantische Grabanlage erbauen, er zwang schätzungsweise 700.000 Menschen zur Mitarbeit. Die berühmte Terrakotta-Armee sollte den mächtigen Herrscher im Totenreich bewachen und ist seit der Entdeckung im Jahr 1974 weltberühmt. Die Armee umfasst insgesamt mehr als 7.000 Soldaten und Pferde in Lebensgröße, die einst farbenprächtig bemalt waren.
- Die Französische Revolution von 1789 gilt als einer der wichtigsten politisch-sozialen Wendepunkte in der europäischen Geschichte. Sie beseitigte die absolutistische Herrschaft und die Vorrechte von Adel und Kirche und setzte an deren Stelle das Bürgertum. Die wichtigsten Forderungen der Französischen Revolution wurden in den Schlagworten „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zusammengefasst. Zentral war die Erklärung der Menschenrechte.
- Die Guillotine kam während der französischen Revolution massenhaft zur Anwendung. Es handelte sich dabei um eine Hinrichtungsmaschine mit einem Fallbeil, durch das den Delinquent:innen angeblich ein schmerzloser Tod bereitet wurde.
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- Berliner Zeitung: Berliner Zopfpflicht
- ORF: Bundesheer-Soldaten dürfen nun Zöpfe tragen
- ORF: Offizier wegen Pferdeschwanzes verurteilt
)
)