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Erstmals zeigen Daten, wie sich die Bevölkerungszahlen in Europa über Jahrzehnte entwickelt haben. CORRECTIV.Europe und WZ analysiert sie bis zur kleinsten Gemeinde Österreichs: mit prekären Ergebnissen für die Gen-Z.
Es grenzt an ein Paradoxon. Während die Bevölkerung Europas in den letzten 65 Jahren gewachsen ist, verliert gleichzeitig die Hälfte aller europäischen Gemeinden an Einwohner:innen. Das geht aus einer Recherchekooperation von CORRECTIV.Europe und WZ hervor, die auf exklusiven Daten des Joint Research Centre der Europäischen Kommission (JRC) basiert. Was sich in den Daten abzeichnet: Europa wird zu alt.
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Damit stehen wir kurz vor einem Wendepunkt. Denn während die Bevölkerungszahl auf dem Kontinent im Jahr 2025 bei rund 450 Millionen lag, wird sie in den nächsten vier Jahren voraussichtlich ihren Höhepunkt erreichen. Ab dann, so prognostiziert die EU, schrumpft die Bevölkerungszahl – wir werden wieder weniger. Nicht einmal die Zuwanderung wird die rückläufige Geburtenrate ausgleichen können.
Wie sich die Bevölkerung in Europa seit 1961 zahlenmäßig verändert hat, zeigt folgende Karte. Auch eine Unterteilung ab der Zentralisierung Europas 1991 ist möglich.
Problematisch wird es, wenn die Geburtenrate weiterhin abnimmt. Denn dann gibt es verhältnismäßig mehr Großeltern als Enkel. Und damit befindet sich ein überproportional großer Teil der Menschen nicht mehr im Arbeitsleben. Das Gesundheitssystem steht europaweit vor großen Herausforderungen – die Sozialsysteme werden unleistbar.
„Die Alterung der europäischen Gesellschaften ist die größte Herausforderung“, erklärt die Demografin Claudia Neu. „Wir stehen vor enormen Gesundheits- und Pflegekosten, die wahrscheinlich die jüngere Generation tragen muss.“
Diese Recherche ist Teil einer Zusammenarbeit mit Correctiv.Europe, einem Netzwerk für lokalen Journalismus, das gemeinsam mit lokalen Redaktionen in ganz Europa datengestützte und investigative Recherchen durchführt. Correctiv.Europe ist Teil der gemeinnützigen Recherche-Redaktion CORRECTIV, die durch Spenden finanziert wird. Mehr unter correctiv.org/de/europe/
Wer kommt woher und wohin?
Zurück zur Karte. Laut Daten des JRC profitiert die Bevölkerungszahl in West- und Nordeuropa vor allem durch Zuwanderung innerhalb und außerhalb der EU. In der Karte zeigen sich im Norden deshalb viele dunkelgrüne Gebiete.
In Südeuropa hingegen sinkt die Bevölkerungszahl stark. So etwa in Italien und Spanien, wo die Bevölkerungszahl beinahe ausschließlich in den Metropolen steigt. Zwar gibt es in beiden Ländern Zuwachs aus Nicht-EU-Staaten, doch gleichzeitig verzeichnen sie eine zusätzliche Abwanderung in andere EU-Länder. Hinzu kommt auch eine extrem niedrige Geburtenrate von etwa 1,3 Kindern pro Familie. Damit ist auch langfristig mit dem Rückgang der Bevölkerung zu rechnen.
Die größte Abnahme jedoch gibt es aber in Osteuropa – in der Karte sind die meisten Gebiete des ehemaligen Jugoslawiens Rot. Hier spielen insgesamt drei Faktoren eine tragende Rolle: eine niedrige Geburtenrate, eine alternde Bevölkerung und eine erhebliche Abwanderung nach Westeuropa. Zwar verzeichnen osteuropäische Länder aufgrund der Einwanderung aus Nicht-EU-Ländern einen großen Bevölkerungszuwachs, doch dieser kann die Verluste in der Bevölkerung nicht ausgleichen.
Trends in Österreichs Städten
Österreich gehört zu den wenigen EU-Ländern, in dem sich zwei konträre Trends abzeichnen. Einerseits ist die ländliche Bevölkerung seit 1961 um rund 19,5 Prozent gewachsen. Gleichzeitig jedoch ist der Anteil an Menschen, die in ländlichen Gebieten leben, insgesamt zurückgegangen. Vereinfacht gesagt: Die Bevölkerung wächst generell , in den Städten und ihren Vororten jedoch stärker als in den ländlichen Gemeinden.
Laut JRC betrug der Bevölkerungsanteil in den ländlichen Gebieten Österreichs 1961 noch rund 40,6 Prozent. Im Jahr 2024 lag der Anteil bei nur noch 37,4 Prozent – die Menschen leben heute eher in einer Stadt als in eine ländliche Gemeinde. Wenig überraschend: vor allem in Wien.
Doch auch in der Bundeshauptstadt leben heute mit rund 2 Millionen Einwohner:innen weniger Menschen als vor knapp hundert Jahren. Während die Stadt von 1961 bis 1991 in der Zahl ihrer Einwohner:innen um mehr als 5 Prozent schrumpfte, wuchs sie erst wieder um den Fall des Eisernen Vorhangs 1989 – ab 2001 dann sprunghaft, wie die Grafik oben zeigt.
Theresienfeld: diese Gemeinde wächst am stärksten
Von den insgesamt 2.092 Gemeinden in Österreich schrumpften in den vergangenen 65 Jahren rund 27,4 Prozent in der Bevölkerungszahl, also rund 573 Gemeinden. Die übrigen 1.518 Gemeinden hingegen wuchsen.
Aber auch hier gibt es starke Unterschiede. So führt mit einem Zuwachs von knapp 380 Prozent Theresienfeld die Rangliste. Keine Gemeinde Österreichs wuchs so rasant wie der 4.500-Einwohner:innen-Ort im Bezirk Wiener Neustadt.
Bürgermeisterin Ingrid Klauninger erklärt sich den Bevölkerungsanstieg in Theresienfeld durch das verfügbare Bauland, die infrastrukturelle Anbindung an Wien (A2 und ÖBB) sowie eine stabile Versorgung innerhalb der Marktgemeinde. Doch auch für Klauninger ist in Sachen Wachstum bald Schluss. „Es ist der Gemeindeführung wichtig, den Siedlungscharakter unserer Marktgemeinde zu erhalten und keinen Engpass in der Infrastruktur zu riskieren“, sagt die Bürgermeisterin im Gespräch mit der WZ.
Die Gemeinde hat deshalb Maßnahmen in der Raumordnung gesetzt, um „ein kontrolliertes Wachstum“ zu ermöglichen. So dürfen in Theresienfeld beispielsweise nur noch zwei Wohneinheiten pro Grundstück gebaut werden. Von 2024 auf 2025 lag die Bevölkerungszunahme deshalb bereits bei unter einem Prozent, sagt Klauninger.
Lebensqualität in ländlichen Gebieten in Gefahr
Auch Leo van Wissen, Demograf am Netherlands Interdisciplinary Demographic Institute, betont im Gespräch mit Correctiv die möglicherweise sinkende Lebensqualität in ländlichen Gebieten. Der Experte hebt das unterschiedliche Tempo des demografischen Wandels in den europäischen Ländern und Regionen hervor.
In dünn besiedelten ländlichen Gebieten wird es immer schwieriger und teurer, die verbleibende Bevölkerung zu versorgen: Bahnhöfe, Schulen, Bankfilialen und Bäckereien schließen wegen mangelnder Kundschaft und Arbeitskräftemangels. Infolgedessen droht die Lebensqualität der Landbevölkerung zu sinken.
Die Berechnungen von JRC bestätigen das: Für die Staaten in West- und Nordeuropa wird bei anhaltenden Migrationsströmen eine stabile Bevölkerungsgröße erwartet. Dagegen wird für die ländlichen Gebiete – ebenso wie für die Bevölkerung in den osteuropäischen und einigen südeuropäischen Staaten – weitgehend ein Rückgang erwartet. Doch genau das kann negative Auswirkungen auf die Wirtschaft und den sozialen Zusammenhalt haben.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Ingrid Klauninger, Bürgermeisterin Theresienfeld, Niederösterreich
- Claudia Neu, Demografin, im Gespräch mit Correctiv.Europe
- Leo van Wissen, Demograf am Netherlands Interdisciplinary Demographic Institute, im Gespräch mit Correctiv.Europe
Daten und Fakten
- Der Datensatz von JCR liefert genaue Schätzungen der Bevölkerungsentwicklung auf lokaler Ebene in der EU, im Vereinigten Königreich, in Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz.
- Da sich Gemeindegrenzen häufig ändern, sind historische Daten oft ungenau. Mithilfe einer neuen Berechnungsmethode konnten die JRC-Experten erstmals die Bevölkerungsentwicklung für Gemeinden innerhalb ihrer aktuellen geografischen Grenzen ermitteln.
- Der Datensatz enthält die Gesamtzahl der Einwohner:innen in jeder EU-Gemeinde (sowie in Norwegen, der Schweiz, Liechtenstein, Island und dem Vereinigten Königreich) in 10-Jahres-Schritten von 1961 bis 2024 (mit Ausnahme des Vereinigten Königreichs und Islands, für die die Daten nur bis 2021 vorliegen). Alle Zahlen beziehen sich auf die heutigen Gemeindegrenzen.
- Für das Jahr 2024 lagen die tatsächlichen Volkszählungsdaten an den aktuellen Gemeindegrenzen vor, sodass keine Neuberechnung nötig war. Für alle früheren Jahrzehnte (1961–2011) nutzten die Forscher:innen eine Technik namens Dasymetrische Kartierung.
- Ausgangspunkt waren historische Bevölkerungszahlen, die an den alten Grenzen erfasst wurden (zum Beispiel ein historischer Bezirk aus dem Jahr 1971). Die heutigen Gemeindegrenzen wurden über diese alten Grenzen gelegt.
- Das Gebäudevolumen wurde als Näherungswert verwendet, um zu entscheiden, wie die Bevölkerung auf die Zonen aufgeteilt werden sollte. Die Annahme lautet: Mehr Wohngebäude bedeuten mehr Menschen. Sie nutzten satellitengestützte Daten zum Gebäudevolumen von Wohngebäuden (aus der „Global Human Settlement Layer“ der EU), um abzuschätzen, wo die Menschen innerhalb jeder alten Gebietseinheit tatsächlich lebten.
- Die Bevölkerung wurde auf der Grundlage dieses Gebäudevolumens proportional auf die heutigen Grenzen verteilt.
- Für alle Bezugsjahre, einschließlich 2024, wurden die Gesamtzahlen mit den Bevölkerungszahlen aus der jährlichen regionalen Datenbank der Generaldirektion Regional- und Stadtpolitik der Europäischen Kommission (ARDECO) abgeglichen und neu skaliert, damit sich auf regionaler Ebene alles konsistent addiert.
Quellen
- Joint Research Center of the European Commission (JRC)
- Die Bevölkerungszahlen stammen von CensusHub, der harmonisierten Plattform von Eurostat für europäische Volkszählungsdaten, sowie aus einer historischen Bevölkerungsdatensammlung.
- Die Daten zum Gebäudevolumen stammen aus Satellitenbildern.
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