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Bildungsmatch zwischen Mädchen und Buben

4 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Adobe Stock

Das Schuljahr hat begonnen. Warum Mädchen bessere Zukunftschancen als Buben haben und welche Folgen das hat.


    • Mädchen haben im Bildungssystem aktuell deutlich bessere Chancen und Abschlüsse als Buben, was sich auch auf den Arbeitsmarkt und gesellschaftliche Rollenbilder auswirkt.
    • Die wachsende Bildungsschere führt zu neuen Herausforderungen bei der Partnersuche und gesellschaftlichen Spannungen, da viele Frauen Partner mit gleichem oder höherem Bildungsniveau suchen.
    • Mädchen haben im Vergleich zu Buben deutlich bessere Bildungschancen: Sie brechen seltener die Schule ab und schließen häufiger Matura und Studium ab.
    • Frauen sind immer präsenter auf dem Arbeitsmarkt, überwinden traditionelle Rollenbilder und sind auch in klassischen Männerberufen erfolgreicher.
    • Die wachsende Bildungsschere beeinflusst auch den Heiratsmarkt: Frauen bevorzugen gebildete Partner, was zu einem Ungleichgewicht bei der Partnersuche führt.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Heuer starten 94.500 Kinder in die Schule. Was wird aus ihnen werden? Professionelle Buchmacher:innen würden, was den Ausbildungserfolg betrifft, jedenfalls auf Mädchen setzen. Sie haben im Vergleich zu Buben deutlich bessere Zukunftschancen.

Buben brechen laut Statistik Austria mit 9,3 Prozent die Schule häufiger ab als Mädchen, von denen nur 7,9 Prozent die Bildungsstätten frühzeitig verlassen. Mehr als die Hälfte der Maturant:innen in Österreich sind junge Frauen, die auch das Studium häufiger abschließen als Männer.

Warum ist das so? Neuroforscher:innen berichten von bestimmten geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Gehirnentwicklung bei heranwachsenden jungen Menschen. Bildungsexpert:innen sehen verschieden gelagerte Auffassungsgaben. Soziolog:innen wiederum machen die Entwicklung an fehlenden Vorbildern für Buben fest, die ihre Orientierungslosigkeit durch schulische Rebellion zum Ausdruck bringen. Zweifelsohne aber tragen jahrzehntelange Fördermaßnahmen für die in der Ausbildung historisch benachteiligten Mädchen in vielen entwickelten Staaten Früchte.

Frauen überwinden Rollenbilder

Infolgedessen sind Frauen präsenter auf dem Arbeitsmarkt und in immer höheren Positionen tätig. Auch die Anpassung an traditionelle Männerberufe glückt ihnen zunehmend besser – sie überwinden die ihnen zugeschriebenen Rollenbilder.

Was aus Sicht der Frauen eine großartige Erfolgsgeschichte ist, hat an anderer Stelle überraschende Nebenwirkungen – am Heiratsmarkt. Haben Hetero-Männer in entwickelten Industriestaaten Umfragen zufolge keine besonderen Präferenzen, was die Ausbildung ihrer Partnerinnen betrifft, so wünschen sich Frauen Partner auf mindestens demselben, bevorzugt aber auf noch höherem Bildungsniveau. Laut dem US-amerikanischen Pew Research Center steigert ein abgeschlossenes Studium die Heiratschancen der Männer um ein Drittel.

Mehr „Likes" für gebildete Männer

Die wachsende Schere betreffend den Ausbildungserfolg bringt also Angebot und Nachfrage bei der Partnersuche aus dem Gleichgewicht – und zwar nicht nur bei langfristig ausgelegten Beziehungen. Analysen erfolgreicher Dates bei Tinder zeichnen nämlich dasselbe Bild: Charme, Bildung und Intelligenz sind auch im Bett gefragt. Jene 10 Prozent der Männer, die all dies im Angebot haben, bekommen 60 Prozent aller „Likes“.

Das Ergebnis all dessen ist ein ziemlicher Frust zwischen den Geschlechtern, der sich Heterofatalismus nennt. Männer sind sich ihrer Rolle nicht mehr sicher. Auf der einen Seite wollen sie keine Patriarchen mehr sein, auf der anderen Seite wissen sie nicht so recht, woran sie sich stattdessen halten sollen. Frauen hingegen haben sich neu erfunden und ein modernes Bild der Weiblichkeit geschaffen. Von den orientierungslos zurück gebliebenen Männern sehen sie ihre Erwartungen nicht erfüllt, resignieren und bleiben lieber allein. Manche wollen Buben nicht einmal gebären. In US-Fruchtbarkeitskliniken mit Option zur Geschlechterwahl geben 80 Prozent an, ein Mädchen zu wollen.

Neue gesellschaftliche Schieflage

Klingt wie eine launige Entwicklung unserer Gesellschaft. Überhaupt – was solls, könnte man sagen: Frauen waren über Jahrhunderte Bürgerinnen zweiter Klasse – und sind es in vielen Ländern noch immer. Doch diese Denkweise wird der Ernsthaftigkeit des Problems nicht gerecht. Denn eine Kohorte ungebildeter, bildungsferner, gelangweilter junger Männer droht in eine Social-Media- und Waffensucht zu verfallen (siehe Infos und Quellen zu Entwicklungen in den USA). Die Geschlechter gehen auch politisch getrennte Wege: Männer bewegen sich auf das eher rechte Spektrum zu, Frauen sind eher liberal.

Eine moderne Demokratie braucht gut ausgebildete Männer und Frauen gleichermaßen. Es ist dem Bildungssystem gelungen, durch gezielte Programme und Förderungen die jahrhundertelangen Bildungsnachteile von Mädchen auszugleichen und das System stärker an ihre Bedürfnisse anzupassen. Wenn aber jetzt eine neue Ungerechtigkeit entsteht, indem die Buben zurückfallen, droht eine neue gesellschaftliche Schieflage, die weder Frauen noch Männern guttut. Das Bildungssystem müsste also darauf achten, dass auch die Buben wieder zu mehr und besseren Abschlüssen kommen und auch testosterongeplagte junge Männer den Wert des Lernens schätzen. Ein langfristig erfolgreiches Bildungssystem muss alle Geschlechter gleichermaßen würdigen und nach ihren Bedürfnissen fördern.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

In den Staaten der OECD, der weltweiten Vereinigung entwickelter Industrienationen, erreichen von den 25- bis 34-Jährigen nur 23 Prozent der Männer, jedoch 33 Prozent der Frauen einen akademischen Grad an Universitäten oder Fachhochschulen (2022).

Quellen

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