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Wenn Hilfe zu spät kommt: Notarztversorgung am Limit

5 Min
Die notärztliche Versorgung steht am Land vor großen Herausforderungen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Lange Anfahrtswege und eine geringe Anzahl an Ärzt:innen erschweren die Bedingungen für Notärzt:innen vor allem in ländlichen Gegenden. In Niederösterreich wird die Anzahl der Notarztstützpunkte im Zuge von Sparmaßnahmen von 32 auf 21 reduziert.


Mit der Schließung zahlreicher Notarztstützpunkte geraten vor allem abgelegene Regionen unter Druck. So beträgt die Fahrtdauer am Beispiel des Stützpunktes im niederösterreichischen Retz in Richtung Norden zwischen 30 und 45 Minuten. Es fällt auf, dass Notarztstützpunkte mit geringerer Entfernung zu Krankenhäusern nicht aufgelassen werden. Andere mit größerer Entfernung hingegen schon. Im „Gesundheitsplan 2040+“ des Landes Niederösterreich wird hingegen betont, dass „egal, wann und wo sich ein Notfall ereignet, innerhalb von 20 Minuten ein Notfallteam – ob per Rettungswagen oder Hubschrauber – zur Stelle ist.“ Dies stößt sowohl bei der Bevölkerung als auch bei Rettungskräften auf Skepsis, da dieses Versprechen aus ihrer Sicht schwer einhaltbar ist.

Sanitäter:innen statt Notärzt:innen

Besonders schwierig ist die Situation in den nördlichen Teilen des Landes, die zwar nahe an der tschechischen Grenze liegen, doch grenzüberschreitende Vereinbarungen zur medizinischen Versorgung gibt es nicht. „Die Leute in dieser Region wollen natürlich lieber eine:n Ärzt:in aus der Umgebung, die:der auch Deutsch spricht“, erklärt die Bezirksstellenleiterin des Stützpunktes Retz, Christina Schwarzböck.

Die wegfallenden Notarztstellen sollen in Zukunft durch Notfallsanitäter:innen ersetzt werden. „Das ist entweder völlig verantwortungslos oder ein bewusstes Verschleiern unbequemer Fakten“, kritisiert die Grüne Gesundheitssprecherin Silvia Moser. In Retz beispielsweise bringen die Sanitäter:innen dann die Patient:innen ins 59 Kilometer entfernte Krankenhaus Hollabrunn, an das der Stützpunkt in Retz künftig angebunden sein soll. Die Notfallsanitäter:innen verfügen auch über die entsprechende Ausbildung mit Intubation, um die Aufgaben der Notärzt:innen in Zukunft bewältigen zu können. „Unsere Notfallsanitäter:innen sind alle bestens geschult und leisten hervorragende Arbeit, der Großteil ist aber trotzdem ehrenamtlich für die Bevölkerung im Einsatz“, betont Schwarzböck. Da für Sanitäter:innen keine Registrierungspflicht beim Land besteht, liegen keine Daten zur Anzahl von Sanitäter:innen mit Berufsberechtigung oder zu deren haupt- oder ehrenamtlicher Tätigkeit vor. Grünen-Landtagsabgeordnete Silvia Moser richtete ein Schreiben mit zahlreichen Fragen rund um die Debatte der Notarztstützpunkte an Landesrätin Eva Prischl. Auf die Frage, wieviele Notfallsanitäter:innen mit Zusatzausbildung Intubation (NKI) in ganz Niederösterreich gebraucht werden, um eine flächendeckende Rund-um-die-Uhr-Versorgung gewährleisten zu können, entgegnete Prischl: “Zugezogene Experten erachten die Zusatzqualifikation “Notfallkompetenz Venenzugang und Infusion” (NKV) als maßgeblich. Eine breite Ausbildung für die Zusatzqualifikation NKI ist aufgrund der Einsatzhäufigkeit und der Ausbildungskapazitäten aus derzeitiger Sicht weder sinnvoll noch machbar.

Umfangreichere Ausbildung in anderen Ländern

Die Ausbildung in Österreich unterscheidet sich jedoch deutlich von der in Deutschland. In Österreich müssen 260 Stunden Praxis absolviert werden; die weiterführende Ausbildung zum:zur Notfallsanitäter:in baut auf der Ausbildung zum:zur Rettungssanitäter:in auf.

Bei unseren Nachbarn dauert die Ausbildung zum:zur Rettungssanitäter:in insgesamt drei Jahre und gleicht einem akademischen Abschluss. Danach hat man einen anerkannten Heilberuf mit rechtlichen Kompetenzen, im Notfall handeln zu dürfen. In Österreich liegt der Fokus hingegen eher auf Unterstützung der Notärzt:innen, obwohl die Notfallrettungskräfte laut Sanitätsgesetz im Ernstfall auch Medikamente verabreichen dürfen. „Aus unserer Sicht sollten künftig auszubildende, dreijährig qualifizierte Sanitäter:innen in der Lage sein, eine Einschätzungsleistung am Notfallort sowie eine Verweisung oder Versorgung vor Ort zu leisten”, betont Florian Zahorka vom Bundesverband Rettungsdienst.

Es sollten laut Zahorka die weiteren Ausbildungsstufen eine Schärfung des Tätigkeitsprofils erhalten, etwa indem in der ersten Ausbildungsstufe ein Schwerpunkt auf den adäquaten Krankentransport gelegt wird. In 260 Stunden Ausbildung ist der Auftrag, durchgehend und flächendeckend Notfallversorgung herzustellen, nicht realisierbar.

Zu viele „Nicht-Notfälle“

Gerade am Land häufen sich Einsätze, die eigentlich gar keiner notfallmedizinischen Versorgung bedürfen. Patient:innen rufen nämlich die Rettung, obwohl sie aus medizinischer Sicht nicht benötigt wird. Das machte zuletzt rund 20 Prozent aller Rettungseinsätze aus. Genaue bundesweite Gesamtzahlen für das Jahr 2024 liegen noch nicht zentral vor, aber einzelne Organisationen melden Rekordzahlen. Diese belasten aufgrund weiterer Fahrtwege die vorhandenen Ressourcen. „Wir stellen fest, dass der Rettungsdienst aktuell eher als reiner Transportdienstleister fungiert und somit zur Überlastung der Notaufnahmen und Spitäler beiträgt. Viele Patient:innen werden gegenwärtig in Spitälern behandelt, die ebenso gut im niedergelassenen Bereich versorgt werden könnten”, stellt Zahorka fest und führt weiter aus: „Die aktuelle Diskussion um die Schließung der Notarztstützpunkte zeigt klar, dass dieses Thema nicht rational und faktenbasiert diskutiert wird. Dank umfangreicher wissenschaftlicher Arbeiten wissen wir, dass im überwiegenden Teil der Notarzteinsätze keine notärztlichen Maßnahmen durchgeführt werden, in mehr als der Hälfte aller Fälle wird seitens der Notärzt:innen keinerlei medizinische Maßnahme durchgeführt.”

Die Rettung ist oft ein Transportdienstleister, anstatt für Notfälle da zu sein.
Florian Zahorka, Bundesverband Rettungsdienst

Die aktuell größte Herausforderung ist laut dem Bundesverband also nicht die Versorgung der kritischen Patient:innen, sondern vielmehr die Vielzahl an nicht-indizierten, also nicht ambulant-sensitiven Krankenhausfällen, die Ressourcen bindet und Notärzt:innen bzw. die Notaufnahme belastet.

Kritik auch von Bevölkerung

Während der Gesundheitsplan seitens des Landes Niederösterreich „Rund-um-die-Uhr-Notfallversorgung, jederzeit und bei jedem Wetter“ verspricht, kommt neben den Einsatzorganisationen auch von den Einwohner:innen Kritik. Die von der Einsparung des Stützpunktes Retz betroffenen Einwohner:innen sammelten etwa Unterschriften und reichten eine Petition gegen die Schließung beim Land Niederösterreich ein. Für die Erhaltung des Stützpunktes in Waidhofen/Ybbs wurden sogar knapp 17.000 Unterschriften der Landespolitik übergeben.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Christina Schwarzböck, Leiterin Notarztstützpunkt Retz
  • Florian Zahorka, Vorstand Bundesverband Rettungsdienst Silvia Moser, Landtagsabgeordnete Niederösterreich (Grüne)
  • Eva Prischl, Landesrätin Niederösterreich

Quellen

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