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Warum das Verbrennungsverbot auf dem Weg zu einer Kreislaufwirtschaft einen geringeren Impact hat als angenommen.
Das Vernichtungsverbot für unverkaufte Kleidung, das die EU vor einigen Jahren politisch auf den Weg gebracht hat, ist mittlerweile beschlossene Sache und muss in Bälde umgesetzt werden. Es verpflichtet große Unternehmen und Konzerne dazu, bestimmte unverkaufte Waren – insbesondere Textilien und Schuhe – nicht mehr zu zerstören, sondern anderweitig zu verwerten. Die EU hat sich damit mehrere Ziele gesetzt: Ressourcen sparen, Überproduktion eindämmen, Kreisläufe stärken. Klingt super, oder?
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Dieses Vernichtungsverbot kommt allerdings mit einer ganzen Reihe an Haken daher: Erstens: Es richtet sich primär an große, in Europa ansässige Hersteller und Händler. Plattformmodelle der Gegenwart – wir kennen sie inzwischen alle: Shein, Temu, Alibaba und wie sie sonst noch heißen –, die formal als Marktplätze agieren und ihre Ware über komplexe Lieferketten außerhalb Europas organisieren, sind regulatorisch von dem Vernichtungsverbot nicht erfasst. Blöderweise entstehen aber genau dort große Teile genau jener Textilströme, die später zum Problem werden.
Nach acht Wochen darf es brennen
Im letzten Moment wurde dieser Anti-Vernichtungs-Richtlinie außerdem noch eine ganze Armada an Ausnahmeregelungen hinzugefügt. Eine davon besagt: Wenn man die unverkaufte Kleidung Spendenorganisationen anbietet und diese sie aber acht Wochen lang nicht abnehmen, dann darf man verbrennen. Und da fängt der Salat an.
Bei der Überproduktion, die nicht verkauft wird, reden wir (firmenabhängig) meistens von minderwertiger Ware. Vor allem rund um die Sale-Zeiten gibt’s plötzlich billigst produzierte Kollektionen: Fleecejacken, die zwei Wäschen nicht überleben; schlecht vernähte Shirts; Jeans, die aus mehr Elasthan als Baumwolle bestehen; und billigster Polyester, soweit das Auge blicken kann.
Es ist nicht so, dass Spendenorganisationen nicht über Unmengen an gespendeter Kleidung verfügen. Selbst wenn Altkleidung tonnenweise nach Afrika verschifft wird, bleiben den Spendeneinrichtungen immer noch Massen übrig. Wir haben einfach zu viel Kleidung auf diesem Planeten. Fast Fashion ist oft auf kurze Nutzungsdauer ausgelegt – dünne Stoffe, schlechte Verarbeitung, kaum reparierbar. Was gespendet wird, ist nicht automatisch hilfreich.
Denn genau auf der minderwertigen Ware bleiben die Spendenorganisationen sitzen. Heißt für die: Sie haben den Aufwand, aber nicht die Einnahmen. Zahlt sich also nicht aus. Und das wiederum heißt: Wenn sie die Spendenware dann nicht annehmen, wird erst recht verbrannt.
Spenden wird das Problem nicht lösen
Als das Vernichtungsverbot kürzlich wieder durch die Medien geisterte, schrieb mir eine Freundin: Warum vernichten Unternehmen Kleidung überhaupt, wenn sie sie doch spenden könnten? Es seien ja keine zusätzlichen Arbeitsschritte. Naja, so einfach ist das alles nicht.
Denn: Doch, es sind zusätzliche Schritte. Ware muss sortiert, geprüft, verteilt, dokumentiert werden. Logistik kostet Geld, Personal, Zeit. Vernichtung ist betriebswirtschaftlich oft einfacher. Und: Es kostet Image, wenn brandneue Kollektionen wenige Wochen später im Secondhand-Laden auftauchen.
Und außerdem (und sehr viel wichtiger): Spenden lösen das Grundproblem nicht.
Im Gegenteil. Die Publizistin Kathrin Hartmann hat diesen Mechanismus mehrfach am Beispiel der Supermärkte kritisiert: Spenden können zum Greenwashing werden – ein moralischer Ablasshandel für ein System, das strukturell auf Überproduktion basiert. Auf Deutsch: Supermärkte bieten uns bis samstags um 17 Uhr frischgebackenes Brot und volle Obst- und Gemüseregale an und spenden das, was übrigbleibt (und zwar viel), an Tafeln. Dass sie das tun, können sie sich dann sogar in den Nachhaltigkeitsbericht schreiben, weil sind die aber sozial, hast du nicht gesehen, wow.
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Was sie NICHT verändern: Ihre Produktionsmengen. Da kann munter weiterhin mehr unnötiges Brot gebacken werden, weil „wird ja eh gespendet und nicht weggeworfen“ – während die Tafeln immer wieder rückmelden, dass sie zu viel bekommen und die Supermärkte den Imagevorteil wahren können, niemals leere Regale zu haben. Auch samstagnachmittags nicht. Ähnliches gilt für Kleidung. Wenn Spenden zur Krücke werden, um ja nicht weniger zu produzieren, verschiebt sich das Problem nur entlang der Lieferkette.
Es wird nicht reichen.
Das EU-Verbot ist ein Schritt – ein wichtiger sogar. Es zwingt Unternehmen, Verantwortung für ihre Überhänge zu übernehmen. Aber mark my words: Es wird nicht reichen. Und es wird nicht das erreichen, wofür es angetreten ist. Dazu sind die Ausnahmeregelungen zu schwammig. Ein weiteres Beispiel: Wenn’s technisch nicht recycelbar ist, weil zum Beispiel Metallteile an der Kleidung sind, die verhindern, dass man sie schreddern kann, darf man verbrennen. Ich trau mich wetten, dass einige Konzerne ab sofort fuzikleine Metalllogos an ihre Shirt-Säume nähen, damit sie den ganzen Pallawatsch mit Spenden oder Recyceln statt Verbrennen erst gleich gar nicht haben.
Wenn es politisch wirklich ernst gemeint ist mit der Kreislaufwirtschaft, dann muss die Debatte dorthin, wo sie weh tut: zu einer Regelung von Produktionsmengen (und nein, wir sind nicht gleich in der sozialistischen DDR, wenn wir Konzernen sagen, sie sollen sich mit ihrer bewusst gesteuerten Überproduktion verzupfen)und zu einer massiven Verteuerung von Fast Fashion nach dem Beispiel Frankreichs, damit der Preis von Kleidung wenigstens wieder in die Nähe eines realistischen fairen Produktionspreises kommt.
Nicht die Frage, ob wir Kleidung spenden oder verbrennen, entscheidet über Nachhaltigkeit. Sondern die, warum wir überhaupt so viel davon herstellen.
Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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