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Chemiebuch oder Handy?

5 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Adobe Stock

Je früher Kinder auf Social Media unterwegs sind, desto geringer ist ihr Erfolg beim Lernen. Ein Mindestalter kann das zwar eindämmen, doch ohne Regulierungen für die Plattformen ist das zu wenig.


    • Belohnung sofort, Aufwand fast null: Das Handy bietet Kíndern und Jugendlichen das attraktivere Angebot. Und es verändert möglicherweise, wie viel Anstrengung wir für zumutbar halten.
    • Allerdings haben die junge Menschen ihr Konzentrationsvermögen nicht grundsätzlich verloren. Sie wägen es nur gegen andere Einflüsse ab.
    • Befragung von rund 5.000 Schüler:innen in 28 Schulen: Je früher Kinder auf Social Media unterwegs sind, desto geringer ist ihr Erfolg beim Lernen.
    • Wer zum Zeitpunkt der Erstnutzung mindestens 14 Jahre alt ist, schneidet in der Schule besser ab als Kinder, die schon mit elf oder zwölf Jahren auf Instagram, Snapchat & Co. posten durften.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Stell dir vor, du sitzt in einem ruhigen Raum, vor dir der Lernstoff Chemie. Schon der erste Absatz ist eine Herausforderung. Du liest ihn und liest ihn dann noch einmal, kannst dir aber die Stoffeigenschaften und Aggregatzustände von Materie trotzdem nicht vorstellen. Dein Gehirn müht sich beim Lernen ab, doch der Groschen will einfach nicht fallen. Plötzlich leuchtet das Handy auf, eine Daumenbewegung und die Situation ändert sich: Ein Witz, eine Nachricht, ein Kommentar, ein Reel, alles auf Social Media sofort verfügbar, fast ohne Anstrengung. Das Chemiebuch wird gegen das Smartphone getauscht – gelernt wird später.

Belohnung sofort, Aufwand fast null: Das Handy bietet das attraktivere Angebot. Und es verändert möglicherweise, wie viel Anstrengung wir für zumutbar halten. Denn unser Gehirn wägt naturgemäß Kosten und Nutzen ab. Lohnt es sich, sich darauf zu konzentrieren? Soll ich dranbleiben oder umschalten? Soll ich weiterlesen oder etwas Einfacheres anschauen? Digitale Plattformen greifen in diesen Abwägungsprozess ein, schreibt ein Forschungsteam in einem Überblicksartikel, der im Fachjournal Nature Human Behaviour erschienen ist.

Diese Abwägung zwischen schwierig und leicht kann zur Folge haben, dass Jugendliche schlechter in der Schule abschneiden. Immer mehr Buben und Mädchen bekommen ihr erstes Handy schon mit zehn oder elf Jahren und sind bald danach auf Social Media, zeigt eine Umfrage der Tageszeitung Der Standard vom März. Und je früher Kinder auf Social Media unterwegs sind, desto geringer ist ihr Erfolg beim Lernen. Das berichtet ein italienisches Forschungsteam auf der Basis einer Befragung von mehr als 5.000 Schüler:innen in 28 norditalienischen Schulen. Wer zum Zeitpunkt der Erstnutzung mindestens 14 Jahre alt war, schnitt demnach in der Schule besser ab als Kinder, die schon mit elf oder zwölf Jahren auf Instagram, TikTok, Snapchat & Co. posten durften.

Ablenkung und Überlastung

Das Team der Universität Milano-Bicocca in Mailand geht davon aus, dass die Schüler:innen sich durch soziale Netzwerke ablenken lassen und häufiger an andere Dinge denken, anstatt sich auf den Lernstoff zu konzentrieren. Dabei stelle sich eine kognitive Überlastung ein: Wenn das Arbeitsgedächtnis voll ist mit schnellen Infos aller Art, Reaktionen und Selbstvergleichen, fehlt für sperrige Inhalte wie mathematische Formeln oder historische Zusammenhänge der Platz im Kopf. Daraus ergebe sich auch ein Zeitproblem: Wer dauernd auf Social Media scrollt, kann nicht zugleich für die Schule lernen.

Andere Expert:innen führen den Einfluss ständiger Unterbrechungen ins Treffen, die verhindern, dass wir bei der Sache bleiben. „Die Zeitspannen der Konzentration werden kürzer“, sagt etwa Christian Montag, Kognitionsforscher der Universität Macao in China, in einem Kommentar für das Science Media Center Deutschland.

Allerdings hätten die Jugendlichen ihr Konzentrationsvermögen nicht grundsätzlich verloren, betonen der Kommunikationsforscher Douglas Parry und der Computerwissenschaftler Jaan Aru von den Universitäten Amsterdam und Tartu in dem genannten Überblicksartikel. Sondern sie entscheiden bloß häufiger, ihre geistige Energie dort einzusetzen, wo sie mit geringem Aufwand schnell belohnt werden.

Ist eine Sache den Aufwand wert?

Die Autoren stützen ihr Konzept auf zwei grundlegende menschliche Aktivitäten: die Erkundung der Welt, bei der wir uns umsehen, was es da draußen gibt, und die Verarbeitung von Informationen, bei der wir fokussieren müssen, um diese so gründlich wie möglich zu nutzen. Lernen erfordere, wie sie schreiben, einen schmerzhaften Übergang: Man müsse aufhören, verschiedene interessante Dinge auszuprobieren, und sich auf eine anspruchsvolle Aufgabe konzentrieren, deren Belohnungen erst später sichtbar werden.

Grundlegend in der Evolution ist dabei eine zentrale Frage: Wie viel Energie muss ich aufwenden, um etwas zu erreichen, und welche Aktivitäten sind meinen Aufwand wert? Parry und Aru argumentieren, dass digitale Medien die Erkundung besonders einfach und lohnend machen. Ein Wisch bringt Neues, ein Klick liefert soziales Feedback. Und schon fühlen wir uns nicht mehr allein mit dem komplizierten Stoff im Chemiebuch, sondern eingebettet in eine Community, die etwas Interessanteres bietet.

An schwierigen Aufgaben dranbleiben

Dennoch sollten wir jungen Menschen nicht bloß vorwerfen, sie seien undiszipliniert. Denn sie müssen mit ihrer Willenskraft, sich zum Lernen zusammenzureißen, gegen Plattformen antreten, die von hochbezahlten Fachleuten auf maximale Verführung getrimmt wurden. Speziell Kinder und Jugendliche können diesen nicht wie souveräne Kund:innen begegnen, da sie noch lernen, Impulse zu kontrollieren und an schwierigen Aufgaben dranzubleiben, obwohl die Belohnung erst später kommt.

Die Forschungsergebnisse kommen in einer Zeit der weltweiten Diskussion über Altersgrenzen für soziale Medien. Kritiker:innen solcher Verbote argumentieren mit dem Nutzen digitaler Plattformen, die viel Kreativität ermöglichen, Kommunikation effizienter machen und Menschen verbinden. Befürworter:innen heben Gefahren für die mentale Gesundheit und die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen durch Social Media hervor. Doch die Thematik ist weitreichender, denn es geht auch darum, unter welchen Bedingungen sich Konzentrationsfähigkeit entwickeln und festigen kann. TikTok & Co. aber fördern nicht dieses bewusste Engagement, sondern schnelles Ausprobieren, indem sich das Wechseln zwischen Aktivitäten lohnenswerter anfühlt als das Verfolgen von Zielen.

Ein Mindestalter kann daher zwar einen Schutzraum in frühen Jahren ermöglichen, doch ohne Regulierung der Plattformen ist es zu wenig.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Australien hat am 10. Dezember 2025 als erstes Land ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Plattformen wie TikTok, Instagram, Snapchat und YouTube sind für Minderjährige dieser Altersgruppe offiziell nicht erlaubt. Bestraft werden die Tech-Konzerne, denen Bußgelder von bis zu 30 Millionen Euro drohen. Doch eine Umfrage der zuständigen Kommission für Internetsicherheit unter knapp 900 Eltern hat ergeben, dass rund 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen weiterhin aktive Social-Media-Accounts besitzen, etwa indem sie sich neue Accounts zulegen, ohne das Alter anzugeben.
  • In Österreich hat die Regierung kürzlich ihre Pläne für ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige vorgelegt, das Gesetz befindet sich in Begutachtung. Auch in anderen Ländern Europas werden Verbote diskutiert. Studien belegen, dass jedes vierte Kind suchtähnliches Smartphone-Verhalten zeigt. Fast die Hälfte der 13- bis 17-Jährigen nutzt ihr Gerät nahezu ununterbrochen. Übermäßige Social-Media-Nutzung wird bereits mit Angststörungen, Depressionen und beeinträchtigter Gehirnentwicklung in Verbindung gebracht.

Quellen

  • Nature Human Behaviour: An effort recalibration framework for digital media use and cognition
  • Nature Human Behaviour: Longitudinal effect of early social media use on standardized learning outcomes during school Career
  • Science Media Center Deutschland: Frühe Social-Media-Nutzung und schlechtere Schulleistung
  • Science Advances: Untrustworthy sources on Facebook and Instagram in 2020: Concentrated exposure but no attitudinal effects
  • PLOS One: Temptation as a key driver between affective states and usage outcomes of problematic usage of the Internet

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