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Childless Cat Ladies und AWFULS

6 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

Über MAGA und Frauenverachtung.


    • JD Vance nutzte 2021 das Bild der „childless cat ladies“, um politische Gegnerinnen mit misogynen Tropen zu diffamieren.
    • Die Erzählung von Frauen mit Katzen als gefährlich und gesellschaftszersetzend hat eine jahrhundertealte, misogyne Tradition.
    • Die MAGA-Bewegung verwendet Begriffe wie „AWFULS“ und frauenverachtende Rhetorik gezielt zur Mobilisierung und Ausgrenzung.
    • JD Vance bezeichnete 2021 Demokraten als „childless cat ladies“.
    • Alice Kyteler wurde 1324 in Irland als Hexe mit Katzenbezug verurteilt.
    • Renee Good wurde Anfang 2026 in Minnesota von einem ICE-Beamten erschossen.
    • AWFULS steht für Affluent, White, Female, Urban Liberals.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Könnt ihr euch noch an den „childless cat ladies“-Sager von JD Vance erinnern? Der Mittlerweile-Vizepräsident der Vereinigten Staaten bezeichnete 2021 die Demokraten als „a bunch of childless cat ladies who are miserable at their own lives and the choices that they've made and so they want to make the rest of the country miserable, too“ (dt: „Ein Haufen kinderloser Cat Ladies, die mit ihrem eigenen Leben und den Entscheidungen, die sie getroffen haben, unzufrieden sind und deshalb auch den Rest des Landes unglücklich machen wollen.“). Dass Wahlkämpfe mit Untergriffen gegen politische Mitbewerber geführt werden, ist weder neu noch überraschend. Wie konsequent die MAGA Republikaner hierfür allerdings gezielt und spezifisch misogyne Tropen verwenden, darf nicht außer Acht gelassen werden.

Hexen und Katzen

Dass Frauen ein besonderes Naheverhältnis zu Katzen hätten und dass dieses Näheverhältnis verdächtig oder gefährlich macht ist eine jahrhundertealte misogyne Erzählung.

In dieser Erzählung sind „Cat Ladies“ Frauen, die in der Erfüllung ihrer patriarchal zugewiesenen Rolle als Mütter und Ehefrauen versagen, weil sie statt Kinder zu kriegen lieber Katzen adoptieren und statt Männer zu bemuttern, lieber Katzen streicheln. Sie sind deshalb auch gefährliche Frauen, gerade weil sie Unterwürfigkeit und Angepasstheit und patriarchale Rollenerfüllung verweigern. Katzen sind zudem auch selbst notorisch unangepasst und eigensinnig, Frauen die Katzen mögen sind deshalb schonmal grundsuspekt.

Schon zur Zeit des bekanntesten Gynozids (systematischer Massenmord an Frauen) der Geschichte – der sogenannten „Hexen“verfolgung nämlich - war das Näheverhältnis von Frauen zu Katzen ein wesentlicher Teil des der Verfolgung zugrunde liegenden misogynen Wahns. So wurden Frauen beschuldigt, eine übernatürliche Verbindung zu ihren Katzen zu haben, die sie besonders gefährlich und besonders verfolgenswert macht. Schon die erste Frau, die im Jahr 1324 in Irland als Hexe verurteilt wurde, Alice Kyteler nämlich, wurde bezichtigt einen „Inkubus“ zu besitzen (also gewissermaßen einen männlichen Sexdämon, nein, ich habe das nicht erfunden) der außerhalb der gemeinsamen erotischen Eskapaden die Form einer schwarzen Katze annahm.

Eine der ersten Frauen, die in England (im Jahr 1566 wegen Hexerei erhängt wurde, Agnes Waterhouse, gestand unter Folter, dass sie eine Katze namens „Sathan“ besitze, ein „Hexentier“ (spiritus familiaris), das ihr bei Abtreibungen half (da ist sie wieder die Idee, der childless cat lady, die sich der Fortpflanzung verweigert und sogar aktiv anitnatalistisch agiert, in dem sie unerwünschte Schwangerschaften beendet), außerdem habe die Katze die Nutztiere der Nachbarn getötet.

Frauen mit Katzen waren schon immer in vielerlei Hinsicht verdächtig.

Suffragetten

Das blieben sie über Jahrhunderte hinweg. Sie tauchten in den amerikanischen Salem Witch Trials im 17. Jahrhundert auf. Sie tauchten in Texten des 18. Und 19. Jahrhundert auf. Und sie war ein wesentliches Element der misogynen Kampagne gegen Suffragetten – also jenen Frauen, die das Frauenwahlrecht erkämpften. Oft wurden Frauenrechtlerinnen dabei selbst als Katzen dargestellt, oder es wurde ihnen vorgeworfen (und das ist exakt die patriarchale Anspruchshaltung, die in JD Vances Aussage über die Cat Ladies mitschwingt), dass sie gesellschaftszersetzend wirken, indem sie sich weigern würden, sich um Kind, Mann und Haushalt zu kümmern und stattdessen ihre mütterliche Liebe an feline Begleiter verschwenden. Sie sind, wie Hart Ayrold es im 19. Jahrhundert beschrieb: „am Zweck ihrer Existenz gescheitert“, was sie dazu bringt ihren Katzen (oder Papageien, die nennt er ach) „all das an Zuneigung verschwenderisch“ zukommen zu lassen, „was in ihrem verdorrten Herz noch übrig ist, während sie Babys verabscheut.“

All das schwingt mit, wenn Frauen als „cat ladies“ bezeichnet werden – inklusive einer langen misogynen Verfolgungsgeschichte.

Die Schrecklichen

Nun hat die MAGA-Bewegung allerdings noch ein anderes misogynes Zerrbild erfunden, das durchaus inhaltliche Überschneidungen zeigt zum Feindbild der schrecklichen Cat Lady: AWFULS. AWFUL ist ein despektierliches Akronym, kurz für: Affluent, White, Female, Urban Liberals - also wohlhabende, weiße, urbane liberale Frauen. Sie sind also die AWFULS - das lässt sich auf Deutsch als „schrecklich“ oder „furchtbar“ oder eben „die Schrecklichen“ übersetzen. Eine Gruppe an Personen also, die für Trump und seine MAGA-Bewegung ein erhebliches Problem darstellt. Die gut gebildeten unter ihnen nämlich, haben ihn nicht gewählt. Und: wie bereits die Cat Ladies vor ihnen, wird ihnen vorgeworfen, dass sie sich nicht ausreichend an der Geburtenrate aber zu aktiv an der Scheidungsrate beteiligen.

Nachdem Renee Good Anfang 2026 in Minnesota von einem ICE-Beamten erschossen wurde, nahm der Begriff Fahrt auf, denn sie und Frauen wie sie wurden von rechten Kommentatoren als AWFUL beschimpft.

„Fucking Bitch“

Ein Aspekt der Tötung von Renee Good wurde in der medialen Berichterstattung großteils außer Acht gelassen, der misogyne Gehalt nämlich. Direkt nachdem er sie erschossen hatte, schrie ihr der Beamte noch ein „Fucking bitch“ („Scheiß Schlampe“ oder „Scheiß Fotze“) entgegen. Nach ihrem Tod wird sie im Netz als „AWFUL“ beschimpft.

Die US-Philosophin Kate Manne analysierte die Tötung von Renee Good als wesentlich von Misogynie informiert. Sie argumentiert, dass Good gerade dafür bestraft wurde, dass sie vor ihrem Tod keine Angst vor dem ICE-Beamten zeigte, der sie letztendlich erschoss. Denn von Frauen wird Unterwürfigkeit und Gehorsam erwartet, sowie Ehrfurcht und Furcht vor männlichen Autoritätspersonen. Dieser Erwartung widersetzte sich Renee Good und wurde dafür, so Manne, nicht nur mit dem Tod sondern postmortem noch mit einem „fucking bitch“ bestraft. Manne beschreibt Misogynie und den Glauben an männliche Überlegenheit als Kernelement von faschistischen Bewegungen und faschistischem Denken, als „schlagendes Herz des Faschismus“ Oder, wie Beate Hausbichler im Standard schreibt: „Faschismus und Frauenverachtung gehören zusammen“

Frauenverachtung als konstitutives Element

Frauenverachtung war von Anfang an ein konstitutives Element der MAGA-Bewegung. Von „Grab them by the Pussy“ über „cat ladies“ bis hin zur Beschimpfung weiblicher Journalistinnen als „piggie“ und die Verunglimpfung von Frauen AWFUL bis hin zum maskulinistischen Habitus, der sich durch die gesamte Bewegung zieht.

Sie verlassen sich dabei auf Jahrhunderte alte misogyne Ressentiments, die sich nur allzu leicht mobilisieren lassen. Gleichzeitig offenbaren sie aber auch eine große Angst vor Frauen, insbesondere vor jenen die sich ihnen und ihren Erwartungen und Ansprüchen widersetzen.

Irgendwie scheinen die Cat Ladies und die Awfuls ja gefährlich zu sein, sonst müsste man nicht soviel Angst vor ihnen haben. Denn vielleicht sorgen die „bitches“ ja sogar dafür, dass Trump und seine Bro-Truppe bei den Midterms gehörig abgestraft werden.

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

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