Zum Hauptinhalt springen

CSD-Anschlag: „Queerfeindlichkeit verbindet Extremisten“

7 Min
Beim CSD in Berlin ereignete sich am Samstag ein islamistischer Anschlag.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Getty Images.

Ein Interview mit Jugendsozialarbeiter Fabian Reicher über den CSD-Anschlag und den Zusammenhang von Queerfeindlichkeit und Radikalisierung.


In Berlin wurden am Samstag bei einem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day, einer Demonstration für queere Rechte, eine Person getötet und 29 weitere verletzt. Der 21-jährige Tatverdächtige wurde bei einem Polizeieinsatz getötet und war den Behörden seit Jahren als Islamist bekannt.

Die WZ hat mit Fabian Reicher, Jugendsozialarbeiter im Bereich Extremismusprävention, über den Zusammenhang von Queerfeindlichkeit, Islamismus und Radikalisierung gesprochen.

WZ | Anna Jandrisevits
Herr Reicher, der mutmaßliche CSD-Attentäter hatte Vorgespräche bei einem Deradikalisierungsprogramm. Hätte man einschätzen können, wie gefährlich er wirklich ist?
Fabian Reicher
Man kann noch so oft einen Überwachungsstaat fordern, sich Programme überlegen oder Strafen verschärfen - zu 100% wird man nie sagen können, wie gefährlich jemand ist. Es gibt Warnsignale, auf die wir achten, etwa den Grad der Ideologie, ob das gesamte Umfeld aus der Szene kommt und wie leicht der Zugang zu Waffen ist. Man kann sich das vorstellen wie bei suizidgefährdeten Personen. Die meisten Anschläge sind Formen von erweitertem Suizid, weil es darum geht, so viele Menschen wie möglich mit in den Tod zu reißen. Wenn solche Fantasien von Jugendlichen ausgesprochen werden, können wir daran arbeiten. Wenn jemand tatsächlich etwas plant, redet er eher nicht mehr und dann wird es gefährlich.
WZ | Anna Jandrisevits
Der Tatverdächtige ist deutscher Staatsbürger, wurde in Deutschland sozialisiert und dürfte sich zumindest teilweise auch in Deutschland radikalisiert haben. Überrascht Sie das?
Fabian Reicher
Nein, das überrascht mich nicht. Die meisten Personen, die in Europa Anschläge ausüben, sind in Europa geboren oder zumindest hier aufgewachsen und sozialisiert worden. Ihre ideologische Verortung ist zum Teil ein europäisches Produkt. Die meisten Attentäter stammen aus der zweiten oder dritten Generation von Migrant:innen. Sie sehen, wie mit ihren Eltern umgegangen wird oder entwickeln eine Oppositionshaltung gegenüber dem Staat, der Gesellschaft oder ihren Eltern und deren Version vom Islam. Sie suchen nach einer radikalen Konstruktion vom Islam, ohne Kompromisse, die auf Rachefantasien beruht. Bei den meisten Attentätern hat man im Nachhinein festgestellt, dass bereits vor der Ideologisierung eine gewaltaffine Veranlagung vorhanden war. Extremistische Erzählungen, wie die vom sg. “Islamischen Staat”, geben dir einen Sinn, wenn du dich verloren fühlst und kein Umfeld hast, das dich stützt. Propagandisten vermitteln: “Eh klar, dass es dir so geht. Du bist im Gebiet des Unglaubens und sie hassen dich und den Islam.”
WZ | Anna Jandrisevits
Die Radikalisierung beginnt bei Jugendlichen also mit der Ausgrenzung?
Fabian Reicher
Radikalisierungsprozesse sind sehr individuell. Bei manchen Personen spielt die ideologische oder theologische Ebene die größte Rolle, bei anderen geht es um psychosoziale Faktoren. Propaganda baut immer auch auf Opfer-Narrativen auf, die ausgenutzt werden, aber oft einen wahren Kern haben. Vor zehn Jahren war Syrien ein riesiges Thema, jetzt ist es Gaza. Jugendliche sehen, dass hier Unrecht geschieht, und das wird von Propagandisten zugespitzt und ausgeschlachtet, quasi auf die Art: “Schaut her, Muslim:innen werden umgebracht und die ganze Welt sieht zu.” Gruppen wie der IS greifen das auf und geben vor, die Einzigen zu sein, die etwas dagegen tun. Das macht sie für Jugendliche attraktiv.
WZ | Anna Jandrisevits
Welche Rolle spielt Queerfeindlichkeit im Islamismus?
Fabian Reicher
Antifeminismus, und somit auch Queerfeindlichkeit, ist das derzeit stärkste Element in allen extremistischen Erzählungen. Es ist ein Brückennarrativ, das alle verbindet, ob konservative Parteien, Rechtsextreme oder islamistische Gruppierungen. Das Ziel von solchen Anschlägen immer negative Aufmerksamkeit, und die bekomme ich natürlich am ehesten, wenn ich ein symbolisch aufgeladenes Ziel auswähle. Es gibt jungen Männern die Möglichkeit, ein Antiheld zu werden. Da ist die Pride, der CSD oder auch ein Taylor Swift-Konzert sehr geeignet, weil es Menschen noch mal mehr emotionalisiert und auf bereits vorhandenen antifeministischen Diskursen aufbaut. In den meisten Medien passiert nach einem Anschlag genau das, was das übergeordnete politische Ziel ist: Es wird polarisiert und gegeneinander aufgestachelt.
Was wir jetzt eigentlich brauchen, ist Solidarität von allen Gruppen und politische Schutzmaßnahmen für die queere Community. Die Zunahme an Queerfeindlichkeit, besonders Transfeindlichkeit, ist ein Problem, das wir auf Social Media seit Jahren sehen und sich natürlich irgendwann in reale Gewalt auf der Straße umschlägt.
WZ | Anna Jandrisevits
Wie geht man am besten mit queerfeindlichen Jugendlichen um?
Fabian Reicher
Wenn Jugendliche sich queerfeindlich äußern, muss ich intervenieren und Position beziehen. Wir versuchen nicht in die Argumentation zu gehen, sondern auf die biographische Ebene einzugehen, also die persönlichen Hintergründe und Erfahrungen der Jugendlichen. Manchmal ist es reine Provokation oder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Die Ablehnung stammt auch oft von einer Angst vor sexuellen Übergriffen. Diese Angst wird durch queerfeindliche Propaganda, speziell die Vermengung von Homosexualität und Pädophilie, erzeugt.
Mit der queeren Rapperin Schwesta Ebra bin ich an Schulen unterwegs, wo wir anfangs viel Ablehnung erleben. Letztens waren wir an einer Schule, wo eine Schülerin direkt meinte: “Wir wollen sowas hier nicht, das ist nichts für uns.” Wir fragen die Schüler:innen dann, welche Schimpfwörter sie aus dem Rap kennen. Dann kommen sie schnell drauf, dass sich 90% der Schimpfwörter gegen Frauen richten und 10% gegen homosexuelle Männer. Dann reden wir über ihre eigenen Ausgrenzungserfahrungen und erzeugen dadurch einen Common Ground, damit die Kinder verstehen, dass die Abwertung von Menschen, egal aufgrund welcher Eigenschaft, ein Problem ist. Dann machen wir Videos mit ihnen für Social Media zu diesen Themen und gehen damit auch viral. Die meisten Kinder wollen mitmachen, weil es ihnen Spaß macht und wir ein gemeinsames Erlebnis schaffen. Wenn Kids mit Vorbehalten dann an einem Video mit einer offen queren Rapperin teilnehmen, ist das ein riesiger Schritt. Es geht im Kern um diese Begegnung, weil die Kids ein positives Erlebnis mit einer queeren Person haben. Das ist der Ansatz, der funktioniert: Den Kids ermöglichen, ihre Meinung zu sagen und Begegnungen zu schaffen, wodurch mehr Sichtbarkeit und Identifikation stattfindet.
WZ | Anna Jandrisevits
Welche Rolle spielen Männlichkeitsbilder bei den Jugendlichen?
Fabian Reicher
Die meisten Jungs, mit denen ich arbeite, haben wenig Vorstellung von realem Mann-Sein. Der Vater ist zum Beispiel weg, auf Instagram und TikTok sehen sie nur Antifeministen. Männlichkeit wird mit der Abwertung von allem, was als weiblich oder unmännlich dargestellt wird, in Verbindung gebracht und da gehört Queerness dazu. Um zu begreifen, dass das falsch ist, brauchen sie Feedback. Darum ist es wichtig, einen wertschätzenden Rahmen ohne Angst zu schaffen, wo man über diese Dinge reden kann, ohne den pädagogischen Zeigefinger zu heben oder die Jugendlichen in eine bestimmte Ecke zu stecken. Dann werden sie unsere Sichtweise auch nicht annehmen und nicht mehr offen darüber reden.
WZ | Anna Jandrisevits
In Österreich soll Social Media für unter 14-Jährige in Österreich bald verboten werden. Halten Sie das für sinnvoll im Hinblick auf Radikalisierung?
Fabian Reicher
Überhaupt nicht. Propagandisten werden auf andere Plattformen gehen und Jugendliche trotzdem erreichen. Außerdem sehen wir in Australien, dass das Verbot von Kindern umgangen wird. Nur weil Jugendliche diese schlimmen Sachen nicht mehr sehen, existieren sie ja trotzdem. Verstörende Videos aus Kriegsgebieten sind nicht das Problem, sondern die Kriege. Wenn ich weniger Gewalt auf Social Media will, sollte ich in der realen Welt etwas tun. Social Media ist da nur ein Spiegelbild, wenn auch zugespitzt und übersteuert.Politiker:innen sollten die Social Media-Plattformen in die Pflicht nehmen, ihre Algorithmen offenzulegen, demokratischer zu gestalten und Maßnahmen gegen Online-Hass und Hetze umzusetzen.



Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

Fabian Reicher ist Jugendsozialarbeiter im Bereich Extremismusprävention und Ausstiegsarbeit für die Beratungsstelle Extremismus. Mit dem Schulprojekt #WirAlleSindWien klärt er Schüler:innen über extremistische Narrative auf. Er ist Autor der Bücher „Die alternative Held:innenreise“ und „Die Wütenden“.

Anlaufstelle

Wenn du dir Sorgen machst, dass sich jemand in deinem Umfeld radikalisiert, hier gibt es Hilfe: www.beratungsstelleextremismus.at

Daten und Fakten

  • CSD-Anschlag: In Berlin wurden am Samstag bei einem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD), einer Demonstration für queere Rechte, eine Person getötet und 29 weitere verletzt. Der 21-jährige Tatverdächtige wurde bei einem Polizeieinsatz getötet und war den Behörden seit Jahren als Islamist bekannt.
  • Islamismus: Der Islamismus ist eine Sammelbezeichnung für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islam die Errichtung einer konstitutiv religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben. Religion und Staat sollen nicht mehr getrennt und der Islam institutionell verankert sein. Damit einher geht die Ablehnung der Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität. (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung Deutschland)
  • "Islamischer Staat": Der sogenannte "Islamische Staat" (IS) ist eine dschihadistische Terrororganisation, die 2014 ein selbsternanntes Kalifat in Teilen Syriens und des Iraks ausrief. Er entstand aus Al-Qaida im Irak und nutzte extreme Gewalt, um Gebiete zu kontrollieren und eine radikale Interpretation des Islam durchzusetzen. Der IS verübte Massenmorde, Anschläge auf der ganzen Welt und versklavte unzählige Menschen. Durch internationale Militärinterventionen verlor er bis 2019 sein gesamtes Territorium, bleibt aber als Untergrundbewegung aktiv. Heute agiert der IS vor allem durch Schläferzellen, Online-Propaganda und Ablegergruppen in verschiedenen Regionen der Welt.

Das Thema in der WZ

Inside Syrien: Der Kampf gegen den IS geht weiter

Zurück aus dem Kalifat: Wie gelingt Deradikalisierung?

IS-Camps in Syrien

„Kinder zu deradikalisieren, ist schwierig“

Ähnliche Inhalte