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Das Märchen von der Industry Plant: Nichts als Pop-Seximus

4 Min
Wäre es wirklich so schlimm, wenn ein Popstar durch gute Beziehungen und ein ausgeklügeltes Konzept groß wird?
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner, Bildquelle: Adobe Stock

Egal ob Nina Chuba, Chappell Roan oder Billie Eilish – taucht ein neues Pop Girl in den Charts auf, heißt es schnell: Die hat sich ihren Erfolg doch gar nicht ehrlich erarbeitet! Das ist sexistischer Blödsinn. Und tbh, selbst wenn: So what?


Ganze zehn Jahre arbeitete Chappell Roan an ihrem großen Durchbruch, bis er 2024 endlich gelang. Früher performte sie die queere Hymne „Pink Pony Club“ vor Passant:innen in Parks, heute singen ihr oft sogar mehrere hunderttausend Menschen entgegen. Nicht alle schien ihr Werdegang aber zu überzeugen: „Die ist doch eine Industry Plant!“ schrien viele reflexhaft.

Eine „Industry Plant“, das ist vereinfacht gesagt ein Artist, der bei einem großen Label unter Vertrag steht, aber erstmal als „selfmade“ wahrgenommen wird und dessen Erfolg gefühlt (!) schlagartig kommt. So schlagartig, dass es verdächtig wirkt: Stecken hinter diesem Erfolg wirklich ehrliche Handarbeit und künstlerische Hingabe? Oder wurde das Ganze von Marketing-Masterminds kuratiert und mithilfe von Musikbranchen-Vitamin-B gepusht? Versuchen Labels hier ganz gezielt, den neuen Superstar zu launchen, während sie uns eine herzerwärmende „Von der Drive-In-Verkäuferin zum Weltstar“-Story verkaufen? (Spoiler: All diese Dinge dürfen gleichzeitig wahr sein.)

Wo sind die männlichen Industry Plants?

Obwohl Chappell Roan hartgesotten und besonders gut darin ist, sich nichts gefallen zu lassen, reichte es ihr irgendwann. In einem Podcast-Interview stellte sie klar, wie „dumm“ sie das Industry-Plant-Gerede findet: „Das ist mein zehntes Jahr im Profibusiness. Ich wurde schon in der High School unter Vertrag genommen. 2020 ging mir das Geld aus, ich zog wieder bei meinen Eltern ein, arbeitete in einem Drive-Thru, wurde von meinem Label fallen gelassen, trennte mich von jemandem, den ich heiraten wollte. Und dann dachte ich mir: Ich versuch’s ernsthaft mit Popmusik.“

Ist das Internet überzeugt davon, dass jemand es nicht allein mit harter Arbeit und Talent in die Charts, Playlists und Feeds geschafft hat, greifen rationale Argumente aber nur selten: Nicht nur Chappell Roan, sondern auch Billie Eilish, Doechii, Nina Chuba, Wet Leg, Clairo, Phoebe Bridgers oder Olivia Rodrigo waren im Lauf ihrer Karrieren immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht echt zu sein. Manchmal driften die Erklärungsversuche dabei schon fast ins Lächerliche ab: Weil Lola Youngs Tante die Autorin des „Grüffelo“ ist, waren sich manche sicher, dass diese Connection in die Unterhaltungsbranche der wahre Grund für ihren Erfolg sei.

Obwohl der Vorwurf auch immer wieder mal männliche Artists wie Sombr oder Yungblud trifft, der erst kürzlich einen ellenlangen Post zum Thema veröffentlichte, fällt auf: Am allerliebsten werden erfolgreiche Frauen als Industry Plants bezeichnet.

All that industry plant shit wack

I see it on the blogs, I see you in the chats

Y’all can’t fathom that I work this hard

And y’all can’t fathom that I earned this chart

- Doechii auf „Girl, Get Up“

Wen juckt’s?

Zwei Gedanken dazu. Erstens: Wäre es wirklich so schlimm, wenn ein Popstar durch gute Beziehungen und ein ausgeklügeltes Konzept groß wird? Damit meine ich nicht, dass Mainstream-Pop nicht im besten Fall authentisch ist. Ich meine damit auch nicht, dass die Identität eines Popstars erlogen sein darf, solange die Zahlen stimmen.

Aber es gibt doch so viele Formen von Authentizität – egal, ob in Gestalt von selfmade Singer-Songwriter:innen oder ganz offen gecasteten Acts. Also: Sofern das Narrativ zum Artist passt – wen juckt’s, solange die Musik mit Fans resoniert? Rhetorische Frage, denn: Es juckt diejenigen, die meinen, gute Musik müsse aus Leidensdruck und prekärem Künstler:innen-Dasein entstehen und auf irgendeine Art „handgemacht“ sein – whatever that means –, um wertvoll zu sein.

Zweitens: Nehmen wir an, eine junge Frau wird wie im Fall der Indie-Pop-Musikerin Clairo in eine Familie mit Beziehungen ins Musikbusiness geboren. Ihr Vater war mit dem Gründer ihres Labels befreundet – also nutzte sie diese Connection. Warum auch nicht? Würde nicht jede:r von uns dasselbe tun, ganz egal, in welcher Branche?

Und warum stößt es vielen gerade dann so sauer auf, wenn vor allem Frauen strategisch an ihre Karrieren herangehen, so wie Männer es seit Anbeginn der Zeit machen? Frauen, die im Musikbusiness – wie in so vielen anderen Bereichen – strukturellem Sexismus, Rassismus und ungerechten Geschäftspraktiken ausgesetzt sind? Vielleicht ist der Industry-Plant-Diskurs im Grunde einfach nur eine weitere konstruierte Debatte, um Frauen in Schubladen zu stecken und ihre Efforts zu diskreditieren. Um es mit einem Zitat von Billie Eilish zu sagen: „Ich wäre gern eine Industry Plant, dann hätte ich nicht so hart arbeiten müssen.“

Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.


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