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Heute macht Pink harmlosen Millennial-Pop, früher war sie die „Anti-Tussi“: Mit vermeintlich feministischen Bösartigkeiten gegen Britney, Paris und Christina erhob sie sich über alle, die nicht so waren wie sie.
Pink ist einer dieser Popstars, die zwar weltbekannt sind, aber nur selten im popkulturellen Diskurs stattfinden. Aktuell wird aber erstaunlich viel über Pink geredet – als Person, Künstlerin und 00er-Ikone. Einer der Hauptgründe: Ihre Beteiligung an der wohl größten Popkultur-Kontroverse des Jahres rund um Macklemores vielbeachteten „Free Palestine“-Appell als Ed Sheerans Voract. Pink teilte einen Post, der Macklemores Auftritt als „Anti-Israel-Propaganda“ bezeichnete und von einer „falschen Genozid-Behauptung“ sprach. Auf die Kritik reagierte sie mit schnippisch-beleidigten Memes, bevor sie sich in einem Statement äußerte und rechtfertigte. (Hier lest ihr mehr dazu.)
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Wie eingangs erwähnt, werden gerade aber nicht nur Pinks gesellschaftspolitische Standpunkte, sondern wird auch ihre Legacy seziert. Pink liefert seit Jahrzehnten mal mehr, mal weniger stabilen, aber fast immer generischen Millennial-Pop ab, turnt sich durch die Stadien dieser Welt und gilt als gemeinsamer Nenner der Freche-Kurzhaarfrisuren-Community. In den 00er-Jahren war Pink die Anti-Britney, die die Mädchen und Frauen dieser Welt vor der „Verblödung“ retten wollte. Oder wie wir heute dazu sagen: Pink war das ultimative Pick-Me-Girl. Ein Thema, das vor allem von desillusionierten Millennials heiß diskutiert wird.
Dass Pink ja so anders – soll heißen: schlauer und weniger oberflächlich – ist als alle anderen berühmten Frauen, war lange eines ihrer Hauptverkaufsargumente. Während Britney und Christina die Charts und Jugendzimmer regierten, arbeitete Pink sich auf aggressive Art und Weise an ihnen ab, die damals als feministisch wahrgenommen wurde.
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Immerhin setzte sich Pink dafür ein, weniger Wert auf hotte Bodys und Sexyness zu legen (während sie selbst hot und sexy war), und uns stattdessen einfach mal zu fragen, wie wir die „Female Future“, von der immer alle reden, wahr machen können. Pinks Antwort: Indem wir gnadenlos über alle Frauen herziehen, die nicht in unser beschränktes Bild einer „starken Frau“ passen – und sie dazu nutzen, uns selbst zu profilieren.
Feindbild XTina
In der Praxis sah das Ganze so aus: 2001 kam Pink bei einem Auftritt bei den AMAs mit Doubles von Christina, Britney und Jessica Simpson auf die Bühne, bevor sie ihren Song „Most Girls“ anstimmte.
But I’m not every girl, and I don’t need that world to validate me
’Cause shorty got a job, shorty got a car
Shorty can pay her own rent
Mit Christina Aguilera hatte Pink im Laufe der 00er immer wieder Probleme: Sie war gefrustet, weil Christina die vermeintlich besten Parts auf dem gemeinsamen Track „Lady Marmalade“ bekam. Als Christina schließlich auch noch den Song „Beautiful“ von Songwriterin Linda Perry abstaubte, mit der Pink zuvor an ihrem Album „Missundaztood“ gearbeitet hatte, reichte es ihr. Sie machte diesem Frust unter anderem in Form eines Auftritts Luft, bei dem sie mit einer aufblasbaren Sexpuppe auf die Bühne kam, der sie Teile von „Beautiful“ vorsang, die also ganz klar Christina verkörpern sollte.
„She’s so crazy, that just ain’t me“
Ihr zweitliebstes – und vielleicht noch einfacheres – Ziel schien sie in Britney gefunden zu haben, was heute, wo wir wissen, wie es jener hinter den Kulissen erging, besonders makaber erscheint. In einem Interview bezeichnete sie sie als „Marionette“, im Song „Don’t Let Me Get Me“ nannte sie sie namentlich, wobei die betreffende Textstelle live immer wieder abgeändert wurde. 2007, im Jahr von Britney Spears’ öffentlichem Zusammenbruch, wurde „pretty“ plötzlich zu „crazy“. 2023 wurde „damn“ einmal zu „sweet“, immerhin.
LA told me, “You’ll be a pop star
All you have to change is everything you are”
Tired of being compared to damn Britney Spears
She’s so pretty, that just ain’t me
2006 holte Pink dann in Form ihrer ultimativen Pick-Me-Hymne „Stupid Girls“ zum Rundumschlag gegen die „Porno Paparazzi Girls“ aus, wie sie sie nannte. Damit meinte sie wieder einmal Britney und Christina, aber auch Paris Hilton oder Mary-Kate Olsen. Auf all diese Frauen bezog sich Pink im Musikvideo zum Song, in dem sie sich unter anderem über das gegen Paris’ Willen veröffentlichte Sextape oder Frauen mit Essstörungen lustig machte.
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I don’t wanna be a Pick-Me-Girl
Jetzt könnte man zur Verteidigung von Pink sagen, dass die 2000er nun mal so waren: toxisch und misogyn. Dass viele Mädchen und Frauen diese Songs toll und inspirierend fanden, fast ein bisschen punkig. Don’t hate the player, hate the game, oder so. Und immerhin sind seit „Stupid Girls“ 20 Jahre vergangen, wer von uns hat vor 20 Jahren nicht die eine oder andere dumme Sache gesagt oder getan? Das erklärt aber nicht, warum sie sich 2013 hämisch über Miley Cyrus’ Twerk-Auftritt bei den VMAs äußerte, 2016 über Kim Kardashian herzog, oder 2023 noch einmal das „Lady-Marmalade“-Thema aufwärmen wollte, als sie sich in einem Video shady zum Projekt äußerte.
Songs wie „Stupid Girls“ und Pinks Seitenhiebe gegen Kolleginnen entsprachen vielleicht – und vor allem leider – dem Y2K-Zeitgeist. Pink hätte aber, so wie wir alle, jederzeit die Gelegenheit, ihre Kunst von damals mit dem Wissen von heute zu betrachten. Tut sie das nicht, wird sie zum popkulturellen Auffangbecken für alle Millennial Karens. Die kaufen vielleicht Tickets für Pinks Stadionshows, sind aber vielleicht auch ein bisschen kurzsichtig. Anders als die „Stupid Girls“ von damals, die, wie wir heute wissen, smarte Geschäftsfrauen und kulturelle Ikonen in the making waren. Und an mancher Stelle waren sie zutiefst unglückliche junge Frauen mit großen Träumen, die sich nicht den Kopf rasiert haben oder möglichst dünn sein wollten, weil sie verrückt oder hirnlos waren, sondern Opfer einer ausbeuterischen Industrie. Und jetzt alle: „I don’t wanna be a Pick-Me-Girl!“
Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
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