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Das stille Comeback des Handwerks

8 Min
Im Jahr 2024 ist die Zahl der offenen Lehrstellen im Vergleich zu 2023 um 16,4 % gesunken. Bei weiblichen Lehrlingen zählen Bürokauffrau, Einzelhandel und Friseurin zu den beliebtesten Berufen, bei männlichen liegen Elektrotechnik, Metalltechnik und Kraftfahrzeugtechnik vorne.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser, Bildquelle: Adobe Stock

Gutes Handwerk ist teuer, gefragt und hat ein Nachwuchsproblem. Ein Einblick in vier Handwerksberufe und die Frage, ob Arbeit mit den Händen glücklich(er) macht – und was das mit sozialen Bubbles zu tun hat.


    • Viele wählen ihren Beruf aus praktischen, nicht aus persönlichen Gründen – soziale Herkunft begrenzt oft die Optionen.
    • Handwerksberufe erleben Wandel, verlangen mehr Know-how und leiden gleichzeitig unter Nachwuchsmangel und geringem Ansehen.
    • Wer sichtbare Ergebnisse schafft, erlebt mehr Sinn in der Arbeit – das motiviert auch Quereinsteiger:innen wie Patricia Willers.
    • Patricia Willers wurde mit 54 Jahren durch AMS-Förderung „AQUA“ zur Gärtnerin umgeschult.
    • In Österreich fehlen laut Wirtschaftskammer ca. 30.000 Fachkräfte im Handwerk.
    • Über 31 % der Betriebe würden mehr Lehrlinge ausbilden, wenn es genug geeignete Bewerber:innen gäbe (Arbeitskräfteradar 2024).
    • Lehrlingsentschädigung: zwischen 600 und 1.200 Euro brutto pro Monat.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Jeden Tag acht Stunden lang draußen im Grünen zu sein, in der Erde zu graben und sich mit Pflanzen zu beschäftigen ist für Patricia Willers ein Traumjob – doch das war nicht immer so. Aus einer Akademikerfamilie stammend, hat sie – ihrem Vater zuliebe – eigentlich Englisch und Japanisch studiert und später dann als Tagesmutter gearbeitet. Die 59-Jährige sah während der Corona-Pandemie überall Plakate zum Fachkräftemangel und beschloss kurzerhand, so eine Fachkraft zu werden – als Gärtnerin. „Es war wie eine Verliebtheit“, beschreibt Patricia Willers das Gefühl, als sie vor fünf Jahren in der Berufsschule alles zum Gärtnerberuf lernen durfte.

Von der Quereinsteigerin bis zum Traditionsbetrieb

Als spät berufene Gärtnerin ist Patricia Willers die Ausnahme, nicht die Regel. Gerade in handwerklichen Berufen, wo Betriebe in der Familie – meistens vom Vater zum Sohn – weitergegeben werden, ist der Karriereweg oft klassisch. Rene Affengruber führt in Oed, Niederösterreich, seit knapp einem Jahr die KFZ-Werkstatt, die sein Vater aufgebaut hat. Dabei war er einem „Schreibtisch-Job“ nicht abgeneigt: Nach der HTL hat es der heute 32-Jährige als Technischer Konstrukteur probiert und den ganzen Tag 3D-Modelle von Bauteilen am PC angefertigt. „Das war gar nicht meins, die Zeit ist einfach nicht vergangen“, erzählt er. „Ich muss dreckig werden, ich will schrauben und auf den Füßen sein“, wurde ihm schnell klar.

Die Vorlieben im Arbeitsleben sind individuell, gleichzeitig können sich nicht alle ihren Job frei aussuchen. Ein Studium oder eine langjährige unbezahlte Ausbildung kommen für viele aus finanziellen Gründen nicht in Frage oder werden vom Umfeld nicht unterstützt, geschweige denn gefördert. Es gibt weit praktischere Gründe für die Berufswahl als die persönlichen Vorlieben und Interessen: Jugendliche müssen früh zum Familieneinkommen beitragen, in einem Betrieb im Bekanntenkreis wird ein:e Dachdecker:in oder Elektrotechniker:in gebraucht oder ein Elternteil übt diesen oder jenen Beruf aus. Die soziale Herkunft beeinflusst nicht nur die Berufswahl, sie bestimmt die Anzahl der Optionen, die realistisch sind.

Handwerksberufe im Wandel

Einfacher wird’s in jedem Fall, wenn man Motivation im täglichen Tun findet. Für Michael Reider, Heizungsinstallateur mit eigenem Betrieb in Wien-Neubau, zeigt sich das jeden Tag anders: Egal, ob sein Team dafür sorgt, dass die Wohnung im Winter beheizt ist, die Dusche saniert wird oder die Lüftungstechnik läuft – der Nutzen ist klar. „Dabei kann man den Beruf des Gebäudetechnikers nicht mit dem Bild von vor 20 oder 30 Jahren vergleichen: Wir verlegen nicht nur ein paar Rohre, sondern beschäftigen uns mit Klimatechnik, Heizsystemen und neuen Technologien wie Wärmepumpen oder Regelungstechnik“, erklärt der Unternehmer. Um den neuen Anforderungen an diesen Zukunftsberuf gerecht zu werden, setzt sich Reider aktiv für den Nachwuchs ein und bildet selbst Lehrlinge aus – auch wenn er das als Herausforderung beschreibt. „Ich habe das technische Verständnis von Anfang an mitbekommen und war früh mit meinem Vater auf Montage. Den 15-/16-Jährigen von heute fehlt diese Grundlage.“

Auch Thomas Schindler hat in seiner Jugend viele Vogelhäuser per Hand zusammengebaut, bevor er als Tischler an die gefährlichen Sägen und Maschinen durfte. „Ich sage zu meinen Lehrlingen immer: Die wachsen nicht nach“, meint er und wackelt lachend mit allen zehn Fingern. Mittlerweile führt Schindler einen Tischlereibetrieb in Wien und Niederösterreich und ist lieber auf Kund:innenterminen als in der Werkstatt.

„Lern’ was Gescheites!“

Mehr als 20 Prozent der Erwerbstätigen in Österreich arbeiten im Handwerk. Zusätzlich fehlen laut Wirtschaftskammer rund 30.000 Fachkräfte, vor allem in Zukunftsbranchen wie Gebäudetechnik oder Energieeffizienz. Dazu kommt ein Nachwuchsproblem: Laut Arbeitskräfteradar 2024 gaben über 31 Prozent der befragten Betriebe an, dass sie eindeutig mehr Lehrlinge ausbilden würden, wenn sie ausreichend geeignete und interessierte Jugendliche finden würden. „Wir haben immer wieder Jugendliche für einen Schnuppertag hier, die wenigsten zeigen echtes Interesse“, erzählt Mechaniker Rene Affengruber. Auch Thomas Schindler betont, dass nur etwa jede:r Dritte seiner Lehrlinge auch für den Tischlerberuf geeignet sei. „Bei Jugendlichen, die sich in der Schule leichtun, heißt es: Mach Matura und lern’ was Gescheites. Lehrlinge werden oft jene, die überbleiben. Ein Handwerksberuf wird zwar gern gesehen, aber zu wenig geschätzt“, so der Tischler weiter.

Arbeit zwischen Status, Geschlecht und Geschichte

Gründe, warum verschiedene Berufe in der Gesellschaft so unterschiedlich bewertet werden, rollt man laut dem Arbeitssoziologen Jörg Flecker von der Universität Wien am besten historisch auf. „Neben einer klaren Unterscheidung von Frauen- und Männerarbeit wurde auch immer zwischen Arbeiter:innen und Angestellten getrennt.“ Rein rechtlich gesehen gibt es diese Unterteilung noch immer, obwohl die beiden Begriffe nicht mehr eindeutig voneinander abzugrenzen sind. Techniker:innen in der Industrie sind zum Beispiel besser bezahlt als Angestellte im Handel. Die höhere Bewertung der Angestellten deckt sich laut Flecker also nicht mit den Unterschieden in der Entlohnung. Die Abwertung körperlicher Arbeit ist laut Flecker in der Gesellschaft tief verankert und wird durch die österreichische Liebe zu akademischen Titeln noch verstärkt.

Der Wert des Handwerks in der Zukunft

Klar ist auch: Wie viel dein Job „wert“ ist, bestimmt deine Bubble. Laut Thomas Schindler wird der Tischlerberuf zwar sehr geschätzt, die Inanspruchnahme der Dienstleistung verschiebt sich aber in die gehobene Mittelschicht. Ein Einbaumöbel ist zum Luxus geworden. Ähnliches gilt für einen von Profis gepflegten Garten.

Einzig Reparaturdienstleistungen werden von allen gebraucht: Immer weniger Menschen können selbst den Abfluss reinigen oder erkennen mit einem Blick unter die Motorhaube, wo es hakt. Installateur Michael Reider lobt in dem Zusammenhang die politische Initiative des Handwerkerbonus, der ihm in den letzten eineinhalb Jahren einiges an Geschäft gebracht hat – und vielen Kund:innen eine neue Perspektive auf den Job. „Ältere Leute wissen, dass wir gebraucht werden. Junge Leute wissen gar nicht, was wir tun“, meint er. Das altmodische Bild des Installateurberufs sei ohnehin überholt. „Natürlich ist ein handwerklicher Beruf auch mit Tätigkeiten verbunden, die witterungsbedingt oder objektbedingt nicht immer angenehm sind, aber der Job ist in der heutigen schnelllebigen Zeit gefragter denn je. Ich lerne auch nach 28 Jahren täglich dazu. Die KI wird uns nicht so schnell ersetzen können“, so Reider. Vieles wird zwar automatisiert und effizienter gestaltet, maßgeschneiderte Kund:innenbetreuung können aber nur Menschen garantieren, ist er sich sicher.

Die Lehre weiterdenken

Laut der ehemaligen, langjährigen Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der österreichischen Wirtschaftskammer Renate Scheichelbauer-Schuster wird genau diese Überzeugung bewusst gefördert. Spätestens alle fünf Jahre gibt es eine Evaluierung, durch die gänzlich neue Lehrberufe geschaffen werden und etablierte Lehren um zusätzliche Kompetenzen, vor allem im Bereich Green Skills sowie Digital Skills und KI, ergänzt werden. Auch die Ausbildungsoption der dualen Akademie, bei der AHS-Maturant:innen und Uni-Umsteiger:innen gefragte Schlüsselberufe erlernen können, bietet eine Alternative zur klassischen Lehre. Alle für diesen Artikel interviewten Personen waren sich einig: Die Entscheidung für einen Beruf im jugendlichen Alter zwischen 14 und 16 Jahren ist für viele zu früh und später im Leben ist sie eine finanzielle Herausforderung. Von einer durchschnittlichen Lehrlingsentschädigung zwischen 600 und 1200 Euro brutto im Monat können die wenigsten unabhängig leben.

Hacklerin mit Stolz

Bei Gärtnerin Patricia Willers war der Umstieg nur durch die Förderung „AQUA“ (Arbeitsplatznahe Qualifizierung) des AMS möglich. „Handwerk muss besser bezahlt werden, ich bin mir sicher, dass sich dann mehr junge Menschen dafür interessieren würden“, meint sie. „Für mich hat die Entwicklung hin zum ‚Hacklertum‘ so viel Positives bewirkt“, erzählt sie. „Ich bin jetzt ganz anders in der Stadt unterwegs und sehe die zahlreichen Dienstleistungen, die täglich vollbracht werden, mit anderen Augen. Die Gesellschaft sollte da mehr hinsehen.“

Abgesehen davon, dass die meisten Handwerksberufe mit körperlicher Anstrengung verbunden sind, haben sie noch etwas Essenzielles gemein: Das fertige Ergebnis ist greifbar. Patricia streicht über die Schanigarten-Holzgarnitur, auf der wir sitzen, und meint: „Der Mensch, der das mit seinen Händen geschaffen hat, war kreativ und hat etwas Bleibendes hinterlassen. Das gibt ein gutes Gefühl.“ Arbeitssoziologe Flecker bestätigt: „Menschen streben überwiegend nach Sinn in der Arbeit. Wer das Ergebnis seiner Arbeit vor sich sieht, erfährt unmittelbar, wofür er oder sie sich angestrengt hat.“ Thomas Schindler freut sich mit seinen Kund:innen, wenn der maßgefertigte Badezimmerschrank Freudensprünge auslöst. Rene Affengruber übergibt den Autoschlüssel mit dem Wissen, dass der Motor dank ihm wieder läuft. Michael Reider war nicht erst einmal der „Retter in der Not“, wenn die Gastherme bei Minusgraden repariert wurde. Patricia Willers spaziert am Ende des Tages über frisch gemähtes Gras und freut sich über neue Knospen an den Rosensträuchern.


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Infos und Quellen

Genese

Im Zuge ihrer Arbeit als Journalistin begegnen Anna Gugerell die unterschiedlichsten Berufe – vom Quantenphysiker bis zur Bio-Bäuerin. Am spannendsten findet sie fast immer jene Gespräche, die von Hands-on-Jobs berichten. Selbst kurz davor, zur Floristin umzuschulen, wollte sie sich handwerkliche Berufe mal genauer ansehen: Wie sieht der Alltag tatsächlich aus? Wie wird Handwerk in der Gesellschaft wahrgenommen? Und ist man wirklich glücklicher, wenn man täglich das Produkt seiner Arbeit vor sich hat?

Gesprächspartner:innen

Daten und Fakten

  • Fachkräftemangel im Handwerk:2023 wurden österreichweit 21.000 offene Stellen im Handwerk verzeichnet, viele davon zählen zum Bauwesen. Zu Mangelberufen in Österreich zählen unter anderem auch Elektroinstallateur:innen, Dachdecker:innen, Fliesenleger:innen und andere handwerkliche Berufe.
  • Die häufigsten Lehrberufe:Im Jahr 2024 ist die Zahl der offenen Lehrstellen im Vergleich zu 2023 um 16,4 % gesunken. Außerdem gibt es mehr offene Stellen als Lehrstellensuchende. Ein Problem ist auch die Konzentration auf wenige Lehrberufe. Die beliebtesten bei weiblichen Lehrlingen sind Bürokauffrau, Einzelhandel und Friseurin. Bei den männlichen Lehrlingen sind die Top Drei Elektrotechnik, Metalltechnik und Kraftfahrzeugtechnik.
  • Statistische Fakten zur Lehre:78 % der Absolvent:innen einer Lehre sind 18 Monate nach Abschluss in Erwerbstätigkeit. Im Vergleich zu BHS (48 %) oder AHS (9,8 %) ist das viel höher. Allerdings studieren viele nach BHS oder AHS und sind deshalb nicht erwerbstätig. Die Berufstätigkeit verschiebt sich um einige Jahre nach hinten.Das Median-Brutto-Monatseinkommen von Lehrabsolvent:innen eineinhalb Jahre nach dem Lehrabschluss beträgt 2623 Euro.
  • Jugend und Zukunftsberufe:Laut waff (Wiener Arbeitnehmer*innen Förderungsfonds) sind die Top 3 Zukunftsbranchen Jobs rund um den Klimaschutz, MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) und soziale Berufe wie Pflege oder Pädagogik. In allen drei Bereichen gibt es viele Handwerksberufe, die mit dem Programm gefördert werden.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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