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„Das wichtigste Medikament ist das, das gerade fehlt“

9 Min
Mehrere hundert Wirkstoffe sind derzeit in Österreich nicht oder nur eingeschränkt verfügbar.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Österreichs Apotheken sind laufend damit beschäftigt, Lieferprobleme auszugleichen – manchmal auch in rechtlichen Graubereichen. Besonders deutlich spürbar sind die Probleme bei Psychopharmaka.


    • Psychopharmaka-Lieferengpässe verursachen gravierende Probleme, da Patient:innen oft nicht einfach auf Alternativen umsteigen können.
    • Informationsmangel über Lieferprobleme erschwert Apotheken und Ärzt:innen die Versorgung und führt zu großem organisatorischem Aufwand.
    • Niedrige Medikamentenpreise und Export führen zu Versorgungsengpässen, Apotheken arbeiten oft defizitär und sind am Limit.
    • Rund 74.000 Medikamentenpackungen fehlen aktuell in Österreich
    • 33 % der lieferkritischen Wirkstoffe betreffen das Nervensystem und damit auch Psychopharmaka
    • Seit 21. April 2025 müssen 400 umsatzstärkste Packungen für 4 Monate gelagert werden
    • 10 % der Österreicher:innen nehmen jährlich zeitweise Psychopharmaka ein
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Stell dir vor, ein schwerer Schicksalsschlag hat dein Leben erschüttert, aber eine kleine Tablette jeden Morgen ermöglicht dir ein weitgehend unbeschwertes Leben. Nein, das ist keine Werbeeinschaltung, sondern eine Beschreibung der Lebensrealität von geschätzt zehn Prozent der Menschen in Österreich, die innerhalb eines Jahres zumindest zeitweise ärztlich verschriebene Psychopharmaka einnehmen. So, und nun stell dir vor, du weißt, wie wichtig dein Antidepressivum ist, holst deshalb immer rechtzeitig das neue Rezept – und erfährst dann in der Apotheke, dass dein Medikament schon wieder nicht verfügbar ist.

Was bei einem Fiebersenker oder einem Blutdruckmittel nicht weiter tragisch ist, weil es genügend Alternativen gibt, kann bei Psychopharmaka große Probleme mit sich bringen. „Da kann man nicht so einfach von einer Substanz zur anderen wechseln, weil man erst mühevoll auf ein Medikament eingestellt werden muss“, erklärt Alex Hofer, Obmann der Österreichischen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie und Neuropsychopharmakologie (ÖGBPN).

Eine sehr sensible und vulnerable Personengruppe

So geschehen bei jenem Patienten, dessen Fall ein Apotheker der WZ schildert. Weil nicht absehbar war, wann sein Antidepressivum wieder verfügbar sein würde, musste der Betroffene trotz aller Bedenken dann aber doch auf ein anderes umsteigen. Ein im wahrsten Sinn des Wortes nervenaufreibender Prozess, über den er selbst lieber nicht mit uns sprechen will – so wie mehrere andere Patient:innen, denen es ähnlich ergangen ist: zum Beispiel eine Jugendliche, die ihr ADHS-Mittel plötzlich nicht mehr bekam, oder ein Mittvierziger, der seit Monaten auf seine Antipsychotikum-Spritze wartet und ein wirkstoffgleiches Präparat verweigert, weil er Angst hat, dass er es nicht so gut verträgt.


Mehr zum Thema Medikamente kannst du hier im Podcast hören:


Verwunderlich ist das nicht, weil es sich um eine besonders vulnerable Personengruppe handelt. „Da ist es schon schwierig, wenn sich bloß das Aussehen der Verpackung ändert, geschweige denn der Name des Medikaments“, sagt Hofer. Deshalb kommt die Problematik der Medikamentenversorgung in Österreich in diesem Bereich besonders stark zum Tragen, zumal man sich mit Psychopharmaka nicht auf Vorrat eindecken kann, selbst wenn sie jahrelang eingenommen werden müssen: Ärzt:innen dürfen immer nur ein Rezept für eine Monatspackung ausstellen. Und manchmal sind gerade hier nur kleine Packungsgrößen verfügbar.

74.000 Packungen zu wenig

Der Verband der österreichischen Arzneimittelvollgroßhändler (PHAGO) warnte zuletzt, dass in Österreich insgesamt rund 74.000 Medikamentenpackungen fehlen – das entspricht dem gesamten Lagerbestand von drei durchschnittlichen Apotheken. Die Datenbank des zuständigen Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) weist aktuell rund 460 Arzneimittel Wirkstoffe aus, die nur eingeschränkt oder gar nicht verfügbar sind. Bei knapp 17.000 zugelassenen Human-Arzneimitteln klingt das nicht allzu dramatisch – wir reden hier von 2,7 Prozent. Allerdings betreffen 33 Prozent der lieferkritischen Wirkstoffe beziehungsweise 19 Prozent der fehlenden Packungen das Nervensystem, dazu gehören also auch Psychopharmaka. Und wenn die nicht verfügbar sind . . . siehe oben.

So eine Situation möchte ich nicht noch einmal erleben.
Alexander Hartl (Apothekerverband) erinnert sich an eine echte Versorgungslücke bei einem Antidepressivum

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Abgleich der BASG-Datenbank mit einer Bevorratungsliste, die der Gesetzgeber erstellt hat: Diese verpflichtet seit 21. April 2025 die Zulassungsinhaber der rund 400 umsatzstärksten Packungsgrößen, den jeweiligen österreichweiten Bedarf für vier Monate einzulagern. Während die Mangelliste etwas mehr als 30 Psychopharmaka aufweist, steht auf der Bevorratungsliste ein einziges. Alexander Hartl, Vizepräsident des 1.772 Mitglieder starken Österreichischen Apothekerverbandes, der mehr als 95 Prozent der öffentlichen Apotheken vertritt, hält von der Bevorratungsliste wenig. „Erstens wirkt sie eher wie auf die Bedürfnisse einer Notfallambulanz zugeschnitten. Zweitens ist das wichtigste Medikament das, das gerade fehlt.“ Er erinnert sich noch gut an eine echte Versorgungslücke bei einem Antidepressivum, zu dem es nicht einmal eine Alternative gab, bis eine österreichische Firma ein Generikum auf den Markt brachte. „So eine Situation möchte ich nicht noch einmal erleben.“

Keine brauchbaren Informationen zu Lieferproblemen

„Lieferausfälle passieren plötzlich“, sagt Hartl. „Und meist betreffen sie nicht ein einzelnes Medikament, sondern gleich mehrere mit demselben Wirkstoff.“ Ein großes Problem bei Lieferengpässen ist der Informationsmangel. „Wir bekommen weder eine Vorwarnung, dass ein Medikament ausfallen wird, noch eine Begründung, warum das so ist, und auch keine Ankündigung, wann es wieder lieferbar sein wird“, ärgert sich ein Apotheker, der lieber anonym bleiben möchte. Das widerspricht den Vorgaben des BASG, wonach Zulassungsinhaber frühzeitig über drohende Engpässe und über Alternativen informieren sollten.

Der Informationsmangel beeinträchtigt auch die Lieferant:innen, sagt PHAGO-Generalsekretärin Monika Vögele. Ein Grund könnte aus ihrer Sicht sein, dass „die Hersteller riesengroße Konzerne sind, wo die Niederlassung in Österreich vielleicht selbst gar nicht erfährt, ob und wann sie ihren Anteil bekommt“. Eigentlich sollten schon die Ärzt:innen bei der Verschreibung die Verfügbarkeit der Medikamente berücksichtigen. Diese Informationen werden allerdings noch nicht in allen Ordinationen in Echtzeit abgerufen, „weil die Software-Anbieter das unterschiedlich gut implementiert haben“, so Vögele.

Billig hinein, teurer hinaus

Dazu kommt, dass die Liste der lieferkritischen Medikamente „leider weder aktuell ist noch die Realität voll abbildet“, kritisiert Hartl. Einerseits fehlen in Wahrheit viel mehr Wirkstoffe. Andererseits melden Hersteller verfügbare Medikamente als „nicht verfügbar“, weil sie dann dem Exportverbot unterliegen. Österreich ist nämlich traditionell ein Niedrigpreisland. Etliche Medikamente landen deshalb gar nicht in unseren Apotheken, sondern werden von den Importeuren gleich wieder mit Gewinn ins Ausland weiterverkauft. Damit entgehen den Herstellern natürlich die höheren Einnahmen, die sie dort hätten. Das Problem dabei: Sie errechnen einen gewissen Bedarf pro Land und liefern die entsprechende Menge dorthin. Wird zu viel wieder exportiert, geht die Rechnung nicht auf, zulasten der Patient:innen.

„Vor 30 Jahren war jedes Medikament verfügbar. Heute ist es aufgrund der Lieferschwierigkeiten ständig notwendig, nach Rücksprache mit dem Arzt ein gleichwertiges Präparat abzugeben, sodass die Patient:innen mit dem richtigen Wirkstoff in der richtigen Dosierung versorgt werden“, sagt Hartl. Das geht aber meist nicht so ohne weiteres. Ein Problem ist etwa die Vorgabe der Krankenkasse, grundsätzlich das billigste Generikum auszugeben. Ist dieses nicht verfügbar, ist ein teurerer Ersatz erlaubt. Ab einem Preisunterschied von 3 Euro ist allerdings eine aufwendige Dokumentation der Lieferprobleme durch die Apotheke notwendig. „Das gleicht einer elektronischen Schnitzeljagd, weil uns im System je nach Region und Uhrzeit unterschiedliche Preise angezeigt werden“, erzählt Hartl. Und da dies nicht bloß einmal am Tag vorkommt, sondern laufend, passieren hier immer wieder Versäumnisse. Die Konsequenz: Wer auf die Dokumentation vergisst, bekommt nicht nur den Preisunterschied nicht refundiert, sondern muss auch noch die dreifache Differenz als Strafzahlung leisten. Bei hochpreisigen Spezialmedikamenten geht es da um mehrere hundert oder tausend Euro.

Wegen 4 Euro im illegalen Bereich

Dann gibt es Fälle wie jenen der oben erwähnten ADHS-Patientin. „Als Ersatz für ihr Medikament gab es ein Präparat mit demselben Wirkstoff, aber in einer etwas geringeren Dosierung“, berichtet der sie betreuende Apotheker, der lieber anonym bleiben will. „Eigentlich hätte ich ihren Psychiater anrufen müssen, damit er das Originalrezept storniert und ein neues ausstellt. Dieses hätte ich dann beim ÖGK-Chefarzt einreichen und hoffen müssen, dass er den Tausch aufgrund der Lieferprobleme akzeptiert. Aber das hätte alles viel zu lange gedauert. Wir waren unter Zeitdruck, weil die Patientin das Medikament dringend gebraucht hat.“ Letztlich sah die Lösung nach eingehender Beratung mit der Mutter so aus: Der ÖGK verrechnete er das ursprüngliche Medikament, der Jugendlichen gab er die Alternative, die ihn im Einkauf um 4 Euro mehr kostete. „Der geringfügige finanzielle Verlust war mir egal. Aber ich habe mich eigentlich in den illegalen Bereich begeben, um der Patientin rasch helfen zu können.“

Solche Geschichten von Apotheker:innen, die sich für die Versorgung der Bevölkerung weit aus dem Fenster lehnen, kennt Hartl nur zu gut. „Würden wir nur Dienst nach Vorschrift machen, dann hätten wir nicht bloß Liefereinschränkungen, sondern die Gefahr einer echten Unterversorgung“, betont er. „Bei 30 Prozent unserer Kundschaft gäbe es Probleme.“ Der Verband geht davon aus, dass die Fachkräfte in den Apotheken mindestens zwei Stunden pro Tag damit beschäftigt sind, Lieferengpässe zu managen. „Das ist Zeit, die wir investieren müssen, ohne dass wir irgendein Geld dafür bekommen“, sagt Hartl. Dabei geht die Schere zwischen sinkenden Einnahmen und steigenden Personalkosten immer weiter auseinander. „Wir hatten voriges Jahr fünf Apothekenkonkurse, das hat es bisher nicht gegeben. Wir sind bald am Limit.“

Billige Generika als Verlustgeschäft

Viele Generika sind so billig, dass sie für die Apotheken angesichts der niedrigen Gewinnspanne schon ein Verlustgeschäft darstellen. Und: „Manche Kund:innen sind sogar skeptisch, ob das Medikament überhaupt wirkt bei dem Preis“, berichtet Hartl. „Wir sprechen da zum Teil von 1,50 Euro. Dafür kriegen Sie nicht einmal eine Wurstsemmel.“ Wie wichtig die Versorgungsfunktion der Apotheken ist, wurde in der Covid-Pandemie deutlich, als sie am Höhepunkt der Lieferausfälle ein Standard-Antibiotikum selbst herstellten, das andernfalls in Österreich gar nicht mehr verfügbar gewesen wäre.

Wenn es ein Medikament nicht gibt, kann man es auch nicht bevorraten.
Monika Vögele (Arzneimittelgroßhandelsverband PHAGO)

Die Pandemie war wohl auch der Anlass für die Erstellung der gesetzlichen Bevorratungsliste. Allerdings gibt Vögele zu bedenken: „Wenn es ein Medikament aufgrund von Herstellungsproblemen nicht gibt, kann man es auch nicht bevorraten.“ Der Großhandelsverband PHAGO versucht jedenfalls grundsätzlich, für jeden Wirkstoff einen Vorrat für drei Wochen anzulegen, um Engpässe überbrücken zu können. An der Situation wird sich nichts ändern, solange Österreich von der Arzneimittelproduktion im Ausland abhängig ist. Um dem entgegenzuwirken, müsste mehr im eigenen Land hergestellt werden. „Das ist aber angesichts der massiv höheren Kosten nicht zu erwarten“, meint Vögele.

Trotz aller Widrigkeiten konnte er bisher aber noch alle seine Kund:innen ausreichend versorgen, sagt ein Apotheker, der nicht namentlich genannt werden will. „Wir finden immer eine Lösung. Auch wenn es nie schön ist, jemanden nicht mit dem versorgen zu können, was ihm der Arzt eigentlich verschrieben hat.“ Er sieht Österreich im internationalen Vergleich trotz allem gut versorgt: „In anderen Ländern kriegen Kinder nicht einmal ihre Krebsmittel.“ Auch PHAGO-Sprecherin Vögele glaubt nicht, „dass es ein europäisches Land gibt, in dem die Situation besser ist als bei uns“.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Alexander Hartl ist Vizepräsident des Österreichischen Apothekerverbands, der freiwilligen Interessenvertretung von mehr als 95 Prozent der öffentlichen Apotheken mit 1.772 Einzelpersonen als Mitglieder.
  • Alex Hofer ist Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie I an der Medizinischen Universität Innsbruck und Obmann der Österreichischen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie und Neuropsychopharmakologie (ÖGBPN).
  • Monika Vögele ist Generalsekretärin des Verbands der österreichischen Arzneimittelvollgroßhändler (PHAGO).
  • Zwei Apotheker wollten lieber nicht namentlich genannt werden.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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