)
Oder: Der einzige Rat, den ich bereit bin, Kolleg:innen kostenlos und aus reiner Kollegialität noch zu erteilen, damit sie ihr Gesicht wahren können.
Es gibt da diese eine Serie auf Netflix. Sie ist schon etwas älter, aber einige werden sie vielleicht kennen, sie heißt: „Dear White People.“ Es geht darin um eine fiktive Elite-Universität in den USA, in der eine Gruppe Schwarzer Studierender sich gegen die rassistische Übermacht weißer Kommiliton:innen wehrt. Unter anderem mit einer wunderbaren Radiosendung mit dem Titel „Dear White People“. Jede Mikro- und Makroaggression gegenüber „ethnisch undefinierbaren“ Mitstudierenden wird darin thematisiert.
- Mehr für dich: Schießt sie auf den Mond!
Die Serie hat etwas Kathartisches. Und ein wenig ist sie auch Inspiration für diesen Text, der sich vor allem an meine eigene Branche richtet. In diesem Sinne: Dear White Colleagues, oder um es für den österreichischen Kontext zu adaptieren, liebe autochthone Kolleg:innen, deren kulturelle Kompetenz sich auf ein Auslandssemester in Berlin, den einen One-Night-Stand mit einer Person aus (bitte jedes beliebige Land aus Südosteuropa oder dem Globalen Süden einsetzen) und das Pad-Thai mit extra scharf aber nicht Thai-scharf auf der Wiener Gumpendorfer Straße beschränkt. Hier eine Liste an ungefragten Ratschlägen für euer Verhalten gegenüber Kolleg:innen, die keine Wurzeln in den dunklen Barbara-Albert-Ulrich-Seidl-Marlene-Haushofer-Tälern haben, die sie in Debütromanen verarbeiten müssen.
Wir sind nicht Google oder Amnesty International. Wenn also die Länder, die ihr als unsere Herkunftsländer definiert, es plötzlich in die Schlagzeilen schaffen und es aufgrund der unglaublich kompetenten Anheuerungspolitik eurer Vorgesetzen niemanden in euren Redaktionen gibt, der oder die über Sprachkenntnisse und geopolitisches Wissen verfügt, dann sind wir nicht eure Rechercheassistent:innen. Wir sind nicht dankbar dafür, dass ihr uns, deren Expertise ihr ausschließlich in diesem Bereich aufgrund einer vermeintlichen Bindestrich-Identität „anerkennt“, kontaktiert, um euch beim Arbeiten kostenlos helfen zu dürfen, damit ihr Seiten und Sendezeit füllen könnt.
Keine Protagonist:innen für euren Karrieresprung
Mich interessieren auch eure Fragen und Anfragen zu Ländern und Menschen nicht, die euch noch nicht einmal so sehr interessieren, dass ihr euch als Vorrecherche durch ein paar Texte, Podcasts und Dokus bemüht – so wie es eure Vorgesetzten (vielleicht) bei jeder noch so langweiligen Vorwahl in irgendeinem Kaff in euren Bundesländern verlangen würden. Und auch wenn mir klar ist, dass ihr, deren Leben nie zum Spielball der Politik und noch viel weniger der Weltpolitik wurde, Kriege und Konflikte als unglaublich tiefgründigen Smalltalk begreift, werde ich euch kein Privatissimum in Landeskunde geben, als unterhaltsame Geräuschkulisse zu eurem Arbeitsweg oder Mittagessen.
Ich gebe auch keine Tipps, welche Organisationen und Personen man jetzt anschreiben könnte, um mit Menschen aus meinem biografischen Orbit in Kontakt zu treten, damit ihr ihnen jetzt so großzügig „eine Stimme“ geben könnt, damit sie euch mit ihrem Leid (und jeder für sie risikobehafteten Kontaktaufnahme zu euch) zu eurem Karrieresprung und den nächsten „Journalist of the Year Award“ verhelfen. Ich werde keine Rutschen legen zu „Protagonisten“ für eure Geschichten, um den Adrenalinrausch, der zu viele Kolleg:innen immerzu erfasst, weil sie Krieg als aufregendes Spektakel begreifen, bis sie selbst nach kurzer Zeit abstumpfen.
Special hell for you, girls!
Und am wenigsten werde ich euch helfen, liebe Kolleginnen, die unter dem Deckmantel von Solidarität und Schwesternschaft anklopfen, mit einem geheuchelten „wie geht’s dir?“, um dann gleich nachzuschießen, ob die Zahlen, die jetzt im Netz kursieren, stimmen, und ob man Zeit hätte, das alles noch einmal in einem Hintergrundgespräch genau einzuordnen oder vielleicht für andere Artikel und Podcasts gemeinsam zu brainstormen. Girls, you have a special place in my hell. Wieso nicht offen und ehrlich? Wozu die gesäuselte Empathie als Prolog zum parasitären Anzapfen? Als ob ich nicht wüsste, wie dieses Spiel läuft, als ob wir es nicht alle wüssten, als ob wir nicht alle Gefangene desselben Spiels seien, liebe Kolleginnen.
Und nein, liebe weiße Mädchen, ich lasse es euch nicht durchgehen, wenn euch meine vermeintliche Ruppigkeit, euch nicht helfen zu wollen, vor den Kopf stößt. Wenn ihr Argumente als „persönliche Betroffenheit“ abtut, weil offenbar jede intellektuelle Auseinandersetzung für euch emotionalisiert werden muss, um auch von euch verstanden und vor allem verdaut zu werden, um keine Brücken abbrechen zu müssen zu eurer so bösen Aggressorin, die euch eure Unverschämtheit und Inkompetenz vor Augen führt.
Nur noch ein ehrlicher Oasch ins Gesicht
Eine meine besten Freundinnen, selbst ein weißes Mädchen, hat jahrelang versucht, mich in dieser perfiden Verletzlichkeitslogik zu schulen. Je ärmer und bedürftiger der Kontext der Argumentierenden präsentiert wird, umso eher scheint das Argument bei gewissen Geschlechtsgenossinnen auf fruchtbaren Boden zu fallen. Erst über den Umweg der Emotion kann Fehlverhalten subtil kritisiert werden. „Du hast mich mit dieser Frage verletzt“ oder „ich bin derzeit so aufgewühlt, dass ich nicht dazu komme, zu antworten, tut mir leid“ treffen auf offene Ohren (und vor allem ach so gerührte Herzen). „Hör auf, mich auszunutzen, ich merke genau, was du hier tust“ dagegen weniger.
Hin und wieder versuche ich, mich der weißen Mädchensprache mal stotternd, mal non-verbal zu bedienen. Ich schweige, ich lächele, ich ignoriere, ich finde Ausflüchte, ich versuche in höflichen Codes zwischen den Zeilen zu verstehen zu geben, dass dieses Verhalten inakzeptabel ist, ohne die zarten Gefühle meiner ach so empathischen Kolleginnen zu verletzen. Geholfen hat es bislang nicht. Kein sanftes Anstupsen hat je zu einer Verhaltensänderung geführt. Nein, es hat es irgendwie bekräftigt. Mein Fehler. Verzeihung.
Daher die härtere Gangart. Kein Wink mit dem Zaunpfahl mehr. Nur noch einer ehrlicher Oasch ins Gesicht. Meistens reicht auch der nicht, es muss oft der gesamte Unterleib sein, um der Empathielosigkeit und Unverschämtheit auf Augenhöhe beziehungsweise unter der Gürtellinie zu begegnen.
Daher, Dear White Colleagues, insbesondere liebe Kolleginnen, der einzige Tipp, den ich aus reiner Kollegialität noch bereit bin zu geben, um euch in Zukunft in mehr Kreisen, als euch lieb ist, gewisse Peinlichkeiten und Gesichtsverlust zu ersparen: Hört auf, mich und jene, die ihr für die meinen haltet, mit euren als Interesse und Anteilnahme kaschierten Befindlichkeiten und Ausbeutungsversuchen zu belästigen.
Begreift diesen Text als eine Art Email-Signatur. Weint leiser und weint vor allem woanders, meine Schultern gewähren euch kein Asyl, sie werden euch in euren Tränen ersaufen lassen wie Frontex.
Im Namen aller bösen Aggressorinnen, die persönlich immer so betroffen sind,
hochachtungsvoll
Solmaz Khorsand
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Quellen
- Bücher:
- Solmaz Khorsand: Pathos, Kremayr und Scheriau, 2021
- Robin diAngelo: White Fragility, 2019
- Reni Eddo-Lodge: Why I'm No Longer Talking to White People About Race, 2017
- Youtube: Dear white people
)
)
)
)