Zum Hauptinhalt springen

Den Mutigen gehört das Feld

6 Min
Beinahe alle internationalen Erfolge der jüngeren Vergangenheit wurden über Mut und Offensive eingefahren.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Pexels

Österreichs Fußballklubs versuchen, sich international zurück zukämpfen. Dabei fällt auf: Mut wird belohnt, Übervorsicht bestraft. Das historische „Wunder von Linz“ sollte als Weckruf dienen.


    • Der Linzer ASK drehte ein 0:4 gegen Celtic Glasgow und qualifizierte sich erstmals für die Champions League.
    • Österreichische Klubs waren international erfolgreich, wenn sie mutig und offensiv spielten, wie unter Ralf Rangnick und Marcel Koller.
    • Zu viel Vorsicht und Passivität führten zuletzt zu Rückschritten und schwachen Ergebnissen, wie das Beispiel Rapid Wien zeigt.
    • LASK drehte ein 0:4 gegen Celtic Glasgow und gewann 5:1 nach Verlängerung.
    • LASK steht erstmals in der Champions League und erhält 18 Millionen Euro Antrittsgeld.
    • Österreichs Klubs fielen in der UEFA-Fünfjahreswertung auf Rang 22 zurück.
    • Rapid Wien holte in der vergangenen Saison nur 1 Punkt aus 6 Spielen und wurde Letzter in der Conference League.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Es gibt ein Wundermittel gegen den Absturz des heimischen Klubfußballs: Mut, Offensive und Willenskraft. Das ist nicht bloß eine fromme These. Der Linzer ASK hat vergangene Woche einen starken Beleg dafür geliefert. 0:4 lagen die Österreicher im Gesamtscore gegen den schottischen Meister Celtic Glasgow zurück, als nur noch ein bisschen mehr als eine Stunde Zeit blieb. „Grundsätzlich sogst do: Pock die Geig’n ein“, erklärte LASK-Trainer Dietmar Kühbauer. Doch dann drehten die Linzer das Spiel, gewannen die Partie nach Verlängerung 5:1, stehen nun erstmals in der Champions League und sacken schon als fixes Antrittsgeld 18 Millionen Euro ein. Europaweit stand der LASK in den Schlagzeilen. Die BBC berichtete. Und die Süddeutsche Zeitung.

Wunder geschehen vor allem dann, wenn man an sie glaubt – das ist die Botschaft dieses Spiels. Auch Coach Kühbauer erklärte: „Wir haben nicht einfach nur Floskeln herausgehauen vor dem Spiel. Der Staff hat dran geglaubt, die Mannschaft hat dran geglaubt, das Publikum hat mit uns dran geglaubt“.

Kapitulationsmentalität

Österreichische Fußballer waren immer auch bekannt dafür, schnell den Kopf in den Sand zu stecken. Als ÖFB-Nationalspieler Toni Pfeffer 1999 bei einem 0:5-Pausenrückstand gegen Spanien nach seiner Einschätzung für den weiteren Spielverlauf gefragt wurde, erklärte der Mann mit Galgenhumor: „Hoch g’winn ma’s nimma.“ Schmäh statt Siegeswillen. Der Satz steht seither für die Kapitulationsmentalität im lange verlachten Ösi-Kick.

Eine beliebte Floskel im Land lautet vor Spielen gegen (selbst geringfügig) höher eingeschätzte Gegner: Man wolle das Unmögliche möglich machen. Das klingt bei oberflächlichem Zuhören schnell nach einem mutigen Kampfschrei – doch das ist er nicht. In Wahrheit versuchen ängstliche Trainer so den heimischen Fußballfans unterschwellig nahezubringen, dass diese ihre Hoffnungen rechtzeitig begraben sollen, ohne dass sie die verinnerlichte Untergangsstimmung rhetorisch offen zugeben. Die Folge dieses Zugangs: Statt das Unmögliche möglich zu machen, wurde aus Übervorsicht und Angststarre oft das Mögliche verunmöglicht.

Dabei waren Österreicher im vergangenen Jahrzehnt immer dann erfolgreich, wenn sie nicht wie Österreicher auftraten und redeten. Beinahe alle internationalen Erfolge der jüngeren Vergangenheit wurden über Mut und Offensive eingefahren. Das bewies schon der Schweizer Marcel Koller als ÖFB-Teamchef. Zur EM vor zehn Jahren fuhr man deshalb, weil Österreich in Schweden 4:1 gewann, nach einem dominanten und druckvollen Spiel. „Ich habe immer gesehen, dass man international mit einer abwartenden Spielweise nichts gewinnen kann. Heute agieren wir und sind erfolgreich“, erklärte mir der damalige ÖFB-Sportchef Willi Ruttensteiner kurz danach.

In den Folgejahren entwickelte sich eine Gewinnermentalität im Land. Ralf Rangnick installierte in Salzburg sein weltmännisches Powerfußball-Modell. 2017 zog RB Salzburg in ein Europacup-Halbfinale ein, 2020 der LASK in ein Achtelfinale, 2024 Rapid Wien in ein Viertelfinale. In einer nie dagewesenen Art wurden spanische, italienische, deutsche, portugiesische Mannschaften dominiert. Österreichs Klubs kletterten in der UEFA-Fünfjahreswertung in die Top-10, erhielt einen Champions-League-Fixplatz. Und an der Spitze dieser Entwicklung stand ein Nationalteam, das unter Offensiv-Guru Rangnick bei der EM 2024 die Welt staunen ließ.

Hausgemachter Rückschritt

Lange stand Österreichs Fußball für nichts – außer für Blamagen und Pleiten. Wer dagegen heute mit internationalen Kollegen spricht, der erfährt oft wertschätzende Anerkennung. Mutiger Fußball und erfolgreiche Trainer-Exporte wie Oliver Glasner, der es gar zu einer begehrten Aktie in der Premier League gebracht hat, haben dem Fußballland auf der Weltbühne ein neues Gesicht gegeben.

Doch in den eigenen vier Wänden erfolgte zuletzt ein Rückschritt. Vergangene Saison konnten die heimischen Europacup-Starter Sturm Graz, RB Salzburg und Rapid Wien 18 ihrer 22 Gruppenspiele nicht gewinnen, selbst gegen die Außenseiter aus Craiova (Rumänien), Raków (Polen), Budapest (Ungarn) und Belgrad (Serbien) war man chancenlos. Rapid belegte mit nur einem Punkt aus sechs Spielen den 36. und damit letzten Platz in der Conference League, also der dritten europäischen Liga. So schlecht war Österreichs Klubfußball seit über einem Jahrzehnt nicht mehr.

Das alles geschah nicht ohne Grund. Die Trainer begannen Gegner, die eigentlich auf Augenhöhe lagen, aus Eigenschutz starkzureden, um bei Misserfolgen nicht in die Schusslinie zu geraten. Man dürfe die Polen von Lech Posen „nicht ins Rollen kommen“ lassen, erklärte etwa Rapid-Coach Peter Stöger, ehe das Spiel voller Passivität und Ängstlichkeit 1:4 verloren wurde. Dass das nicht nötig gewesen wäre, zeigte kurz darauf ein Amateurverein aus Gibraltar, der sich nicht vor rollenden Polen fürchtete – und das Spiel einfach gewann.

Österreichs Fußball stürzte so in der UEFA-Fünfjahreswertung auf Rang 22 ab, was ab der nächsten Spielzeit grobe Einschnitte und einen Europacup-Startplatz weniger bedeutet. Heuer ist Wiedergutmachung angesagt. Und die Vereine treten durchaus wieder mutiger auf. Die Wiener Austria lieferte anständige Partien gegen Israelis und Portugiesen. Sturm Graz warf die Schotten von Heart of Midlothian mit einem Gesamtscore von 6:0 raus (ehe man bei Fenerbahçe Istanbul zu übervorsichtig agierte). Und RB Salzburg hatte mit dem schwedischen Meister Mjällby AIF keine Probleme. Österreichs Klubs haben schon jetzt, bevor die Gruppenphasen beginnen, mehr Punkte gesammelt als in der gesamten vorigen Europacup-Saison. Und doch gibt es einen Wehrmutstropfen.

Wunder und Wundern

Das Gegenstück zum Wunder von Linz bildete nämlich vergangene Woche die Pleite von Hütteldorf. Da vergeigte Rapid Wien gegen Heart of Midlothian (die von Sturm Graz noch 6:0 besiegt wurden) eine knappe Führung, ehe man gegen dezimierte Schotten das Spiel und den Europacup-Herbst leichtfertig verschenkte. Rapid tat dabei etwas, das es schon in den letzten Wochen immer wieder getan hat: Geht das Team in Führung, versucht es tiefer zu stehen, abzuwarten und verfällt dabei regelmäßig in erschreckende Passivität. So brachten die Wiener wenig berauschende Schotten zurück ins Spiel – mit genau jener Herangehensweise, die dem heimischen Fußball in den vergangenen Jahren den hausgemachten Absturz beschert hat.

Rapid schadete damit nicht nur sich selbst massiv – geschätzte sieben Millionen Euro wären in der Europacup-Gruppenphase zu lukrieren gewesen – sondern auch dem österreichischen Fußball. Denn die Wiener hätten durchaus großes Potenzial gehabt, mit dem an sich immer besser funktionierenden Offensiv-Ansatz einige Punkte (und womöglich gar die K.-o.-Phase) in der dritten europäischen Liga zu erreichen. Das wäre für ein dringendes Aufholen in der UEFA-Fünfjahreswertung bitter nötig gewesen.

Immerhin eine wichtige Erkenntnis bieten die zwei gegensätzlichen Europacup-Nächte aus Wien und Linz für Österreichs Fußball: Viel Wille führt zu Wundern. Nach zu viel Vorsicht hingegen darf man sich nicht wundern.

Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne – er analysiert und kommentiert dabei die heißen Eisen der österreichischen Kickeria.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Fünf österreichische Vereine sind heuer für den Europacup qualifiziert: LASK, RB Salzburg, Sturm Graz, Rapid Wien und Austria Wien. Drei schafften es in eine Gruppenphase. Die beiden Wiener schieden im Playoff aus.
  • Die Gegner: Der LASK spielt in der Champions League und trifft dort auf Real Madrid (auswärts), Liverpool (heim), FC Porto (heim), Sporting Lissabon (auswärts), FK Bodö/Glimt (auswärts), Fenerbahçe Istanbul (heim), Slovan Bratislava (heim) und AEK Athen (auswärts).
  • RB Salzburg trifft in der Europa League auf AC Milan, Sparta Prag, Crystal Palace und Ararat-Armenia (heim), sowie auf Leverkusen, RSC Anderlecht, NK Celje und Levski Sofia.
  • Sturm Graz spielt in der Europa League gegen Hoffenheim, AZ Alkmaar, Dinamo Zagreb und Bournemouth (auswärts), im eigenen Stadion trifft man auf Olympique Marseille, Stade Rennes, Celje und OFI Kreta.
  • Die Gruppenspiele werden von September 2026 bis Januar 2027 ausgetragen.
  • Im Europacup wird in drei Ligen gespielt: Champions League, Europa League und Conference League.
  • UEFA-Wertung: In der UEFA-Fünfjahreswertung, in der Österreich 2022 noch auf dem achten Platz gelegen war, stürzte das Land nach der letzten Saison auf Rang 22 ab. Nach den heurigen Qualifikationsspielen holte die heimische Liga wieder auf. In den bisherigen Partien gelangen den heimischen Vertretern 4,2 Punkte – um 0,1 Zähler mehr als in der gesamten Vorsaison. Nun liegt man auf dem 17. Platz.
  • Ab nächster Saison ist Österreichs Klubfußball nur noch mit vier – anstatt wie bislang mit fünf Vertretern – im Europacup dabei. Dazu warten höhere Hürden.
  • Um einen fünften Europacup-Startplatz zu erreichen, müsste es Österreich wieder in die Top-15 schaffen. Doch die dort rangierenden Nationen sind der heimischen Liga so weit enteilt, dass das heuer kaum zu schaffen ist. Auf den 15. Zypern fehlen bereits 6,543 Punkte. Der 14. Dänemark und der 13. Norwegen haben bereits über zehn Zähler Vorsprung, zudem sind diese beiden Nationen mit jeweils vier Gruppenphasen-Startern vertreten. Österreichs Vereine können noch in zumindest 24 Partien Punkte sammeln. Ein Sieg in der Gruppenphase bringt für die Fünfjahreswertung 0,4 Zähler, ein Unentschieden 0,2 Punkte. Zudem gibt es Bonuspunkte für den Einzug in eine K.-o.-Phase.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte