Zum Hauptinhalt springen

Der blaue Balken in Ostdeutschland

6 Min
Viele Menschen in Sachsen-Anhalt sehen die AfD als Möglichkeit für einen politischen Umschwung.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock

Warum wählen die Menschen in Ostdeutschland die AfD? Zwischen Frust, Angst und Hoffnung hat die WZ in Sachsen-Anhalt nach Antworten gesucht.


    • Die AfD erhält in Ostdeutschland starken Zuspruch, viele Menschen fühlen sich wirtschaftlich abgehängt und politisch nicht gehört.
    • Angst vor sozialem Abstieg, Migration, Kriminalität und Unsicherheit prägt die Stimmung, während das Vertrauen in die Regierung sinkt.
    • Die AfD bietet einfache Antworten und das Gefühl von Zugehörigkeit, was viele Wählerinnen und Wähler anspricht.
    • AfD erreichte bei Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 44,5 % der Stimmen.
    • Vor der Wahl lag die AfD laut Umfrage bei 40 % Zustimmung.
    • Vollzeitbeschäftigte verdienen im Westen 17 % mehr als im Osten.
    • Viele junge Menschen verlassen weiterhin Ostdeutschland für bessere Jobs im Westen.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Wenn am Sonntag in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt wird, geht es wieder um eine Frage: Wie stark ist die AfD?

Ich kann das gut nachvollziehen, vor zwei Wochen war ich mit meiner Kollegin Anna Jandrisevits in Sachsen-Anhalt. Auf einer Landtagswahl-Watchparty in Magdeburg konnte ich sehen, wie die Stimmung an einem Wahlabend im Sekundentakt kippt. „Die AfD steht bei 44,5 Prozent. Das ist das beste Ergebnis, das sie überhaupt bei einer Wahl auf Landesebene erreicht hat“, verkündet der Moderator. Während der blaue Balken auf der Leinwand immer weiter in die Höhe schießt, jubeln die einen, während die anderen fassungslos den Kopf schütteln.

Willst du dieses YouTube Video sehen? Gib den Youtube-Cookies grünes Licht.

Wiener Zeitung Logo

Cookie Einstellungen

Ohne Cookies funktioniert die Website wienerzeitung.at nur eingeschränkt. Für eine sichere und einwandfreie Nutzung unserer Website werden daher technisch notwendige Cookies verwendet. Für die Darstellung von Inhalten von Drittanbietern (YouTube und APA) werden Session-Cookies gesetzt. Bei diesen kann eine Datenübermittlung in ein Drittland stattfinden. Ihre Einwilligung zur Setzung genannter Cookies können Sie jederzeit unter "Cookie Einstellungen" am Seitenende widerrufen oder ändern. Nähere Informationen zu den verwendeten Cookies finden sich in unserer Datenschutzerklärung und in unserer Cookie-Policy.

Bereits vor der Wahl kam die AfD in Sachsen-Anhalt laut einer Umfrage auf 40 Prozent Zustimmung. Auch in Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD in Umfragen bei 37 Prozent. Während der blaue Balken für die AfD bei jedem Wahlabend größer wird, sinkt das Vertrauen in die Regierung jeden Tag. Anna und ich wollten mit den Bürger:innen in Sachsen-Anhalt über ihre Wünsche, Sorgen und Erwartungen an die Politik sprechen. Im Zentrum steht die Frage, warum die AfD einen so starken Zuspruch bekommt.

„Du bist hier als Ostdeutscher mittlerweile ein Mensch dritter Klasse“, sagt uns ein Mann in Weißenfels. Er erzählt von fehlenden Jobs, niedrigen Löhnen und davon, dass die anderen Parteien in den vergangenen 30 Jahren daran nichts verändert hätten. Ein anderer spricht über seine Sorge vor dem kommenden Winter: „Wir brauchen noch tausend Liter Öl, aber das Konto ist erstmal leer.“ Bei vielen besteht die Hoffnung, dass die AfD endlich etwas verändern könnte.

Du bist hier als Ostdeutscher mittlerweile ein Mensch dritter Klasse

In Halle an der Saale treffen wir eine Rentnerin, die sich vor allem um ihre Sicherheit Gedanken macht: „Wenn es hier in Deutschland Krieg gäbe, würde uns doch keiner aufnehmen. Aber wir nehmen alle auf und geben ihnen Geld fürs Nichtstun.“ Auch ein Paar in Köthen spricht über seine Sorgen. Die beiden kritisieren ebenfalls, dass junge Menschen vom Staat unterstützt werden, und verbinden das mit ihrer Angst vor Kriminalität: „Also, ich kann meine Frau abends nicht allein hier rumlaufen lassen.“

Willst du dieses YouTube Video sehen? Gib den Youtube-Cookies grünes Licht.

Wiener Zeitung Logo

Cookie Einstellungen

Ohne Cookies funktioniert die Website wienerzeitung.at nur eingeschränkt. Für eine sichere und einwandfreie Nutzung unserer Website werden daher technisch notwendige Cookies verwendet. Für die Darstellung von Inhalten von Drittanbietern (YouTube und APA) werden Session-Cookies gesetzt. Bei diesen kann eine Datenübermittlung in ein Drittland stattfinden. Ihre Einwilligung zur Setzung genannter Cookies können Sie jederzeit unter "Cookie Einstellungen" am Seitenende widerrufen oder ändern. Nähere Informationen zu den verwendeten Cookies finden sich in unserer Datenschutzerklärung und in unserer Cookie-Policy.

Viele von ihnen betonen, dass sie nicht grundsätzlich etwas gegen Migrant:innen hätten. Trotzdem nennen sie immer wieder Migration, Kriminalität, finanzielle Probleme, Kriege und vor allem das Gefühl, vom Rest Deutschlands abgehängt zu werden, als zentrale Probleme.

Probleme mit den Rechten

Auf der anderen Seite stehen jedoch die Menschen, die eine AfD-Regierung als Katastrophe ansehen.

„Ich habe leider schlechte Erfahrungen mit Rechten gemacht, ich hoffe, du verstehst das“, sagt ein junger Mann in Magdeburg und möchte deshalb nicht vor die Kamera. Off-Cam erzählt er mir von seiner Angst vor zunehmenden Anfeindungen gegen Migrant:innen und Menschen aus der Queer-Community, sollte die AfD regieren. Auch zwei Sozialarbeiter:innen äußern ihre Sorgen: „Was die AfD macht, ist Propaganda. Sie sagen, die Ausländer sind der Grund für alles, was hier schiefläuft, und dadurch werden die Wut und die Spaltung immer stärker.“ Sollte die AfD die Regierung stellen, fürchten sie auch um die Fördergelder, die für ihre Arbeit benötigt werden.

Willst du dieses YouTube Video sehen? Gib den Youtube-Cookies grünes Licht.

Wiener Zeitung Logo

Cookie Einstellungen

Ohne Cookies funktioniert die Website wienerzeitung.at nur eingeschränkt. Für eine sichere und einwandfreie Nutzung unserer Website werden daher technisch notwendige Cookies verwendet. Für die Darstellung von Inhalten von Drittanbietern (YouTube und APA) werden Session-Cookies gesetzt. Bei diesen kann eine Datenübermittlung in ein Drittland stattfinden. Ihre Einwilligung zur Setzung genannter Cookies können Sie jederzeit unter "Cookie Einstellungen" am Seitenende widerrufen oder ändern. Nähere Informationen zu den verwendeten Cookies finden sich in unserer Datenschutzerklärung und in unserer Cookie-Policy.

Manche nicht AfD-Wähler:innen haben trotzdem Verständnis: „Sie wollen einen Umschwung und glauben der AfD, aber sie wird ihnen nicht helfen. Es würde nur zu noch mehr Sozialhilfekürzungen kommen. Außerdem werden sie nicht ohne Grund vom Verfassungsschutz beobachtet“, erzählt uns ein Mann auf dem Demokratiefestival in Magdeburg.

Ich habe leider schlechte Erfahrungen mit Rechten gemacht.

Und jetzt?

Für mich bleibt diese Reise eine seltsame Erfahrung: Ich stand zwischen Menschen, die in diesem Ergebnis am Wahlabend endlich eine Art Hoffnung fanden, und anderen, die genau diese Hoffnung verloren hatten.

Eine Emotion, die sich durch fast alle Gespräche unserer Reise gezogen hat, war Angst. Die Umstände waren unterschiedlich, die Gefühle dahinter jedoch oft erstaunlich ähnlich: Angst vor sozialem Abstieg, vor steigenden Preisen und vor einer unsicheren Zukunft.

Für viele Ostdeutsche bedeutete die Wende nicht nur Freiheit und einen politischen Neuanfang, sondern auch einen tiefen Bruch mit dem bisherigen Leben. Betriebe wurden geschlossen, Arbeitsplätze gingen verloren und viele Menschen mussten sich in einer völlig neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität zurechtfinden. Gleichzeitig zogen zahlreiche junge und gut ausgebildete Menschen in den Westen. Was für viele zunächst mit Hoffnung und Euphorie über den Mauerfall verbunden war, wurde für manche zu einer Erfahrung von Verlust und Enttäuschung.

Dieses Gefühl ist nicht einfach verschwunden. Erfahrungen von Abwertung und das Empfinden, Bürger zweiter Klasse zu sein, wirken teilweise bis heute nach und werden auch innerhalb von Familien an die nächste Generation weitergegeben.

Auch wirtschaftlich bestehen Unterschiede bis heute. Vollzeitbeschäftigte verdienen im Westen beispielsweise noch immer rund 17 Prozent mehr als im Osten. Gleichzeitig verlassen insbesondere junge Menschen weiterhin ihre Heimatregionen, um im Westen bessere berufliche Perspektiven zu finden.

So entsteht ein Gefühl des Abgehängtseins. Es geht um die Frage, welchen Stellenwert die eigene Region, die eigene Arbeit und letztlich man selbst in diesem Land hat.

„Sie sind die, die uns endlich zuhören“

Und genau hier versteht es die AfD, viele dieser Menschen aufzufangen. Sie gibt ihnen das vermeintliche Gefühl, endlich irgendwo dazuzugehören. „Sie sind die, die uns endlich zuhören.“ Ein Satz, den ich auf unserer Reise immer wieder gehört habe.

Es gibt Menschen, die die Partei aus rechtsextremen Überzeugungen wählen. Doch unsere Gespräche haben auch gezeigt: Nicht jeder, der sein Kreuz bei der AfD macht, teilt diese Ideologie. Manche wählen sie aus Frust über die etablierten Parteien, aus Angst vor sozialem Abstieg, wegen der Migration oder weil sie sich von der Politik schlicht nicht mehr gesehen fühlen.

Genau diese unterschiedlichen Motive versucht die AfD miteinander zu verbinden. Sie bietet einfache Antworten auf komplexe Probleme und schafft Sündenböcke. Dabei greift sie mit Hilfe von Hass Themen auf, die viele Menschen beschäftigen. Gleichzeitig präsentiert sie sich als familienfreundlich und bürgernah.

Was es braucht, sind keine einfachen Antworten, sondern Menschen, die zuhören. Gespräche, in denen Sorgen ernst genommen werden, niederschwellige politische Bildung und eine Politik, die näher am Menschen stattfindet. Die Bürger:innen müssen wieder das Gefühl bekommen, gesehen und gehört zu werden. Denn wo dieses Gefühl fehlt, können einfache Antworten besonders leicht überzeugen.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Die AfD ist bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent die stärkste Kraft geworden.
  • Mit 77,8 Prozent erreicht die Wahlbeteiligung einen neuen Höchststand in dem ostdeutschen Bundesland. Damit liegt sie deutlich über dem bisherigen Rekord von 71,1 Prozent aus dem Jahr 1998 und über der Beteiligung von 60,3 Prozent bei der letzten Wahl 2021.
  • Am Abend des 4. August wurde auf dem Flughafen Leipzig eine mit Sprengstoff beladene Drohne entdeckt und anschließend entschärft. In unmittelbarer Nähe standen mehrere ukrainische Frachtflugzeuge. Der Flughafen dient unter anderem als Umschlagplatz für militärische Hilfsgüter für die Ukraine im Krieg gegen Russland. Die Ermittlungen zum versuchten Drohnenanschlag führen laut einem Medienbericht zum russischen Militärgeheimdienst GRU. Ein mutmaßlicher GRU-Mitarbeiter soll den Anschlag als Logistiker vorbereitet haben. Nach Angaben der „Welt am Sonntag“ soll er über die Türkei nach Deutschland eingereist und später nach Serbien ausgereist sein. Inzwischen soll er sich wieder in Russland aufhalten. Zudem gibt es einen weiteren Verdächtigen aus Belarus.
  • Auch mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung verdienen Vollzeitbeschäftigte im Westen brutto rund 17 Prozent mehr als im Osten. Als einen Grund für diese Lohnlücke sehen Experten die geringere Tarifbindung im Osten. Gleichzeitig sind dort die Lebenshaltungskosten und Mieten häufig niedriger.
  • In Mecklenburg Vorpommern liegt die AfD laut mehreren Umfragen zwischen 35 und 38 Prozent.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte