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Der brutale Kampf um Österreichs Migra-Kicker

8 Min
Dem österreichischen Fußball kommen seit Jahren große Talente abhanden. Vor allem die Verbände aus den Balkan-Ländern und der Türkei werben intensiv um Emigranten in ganz Europa.
© Illustration: WZ, Bildquelle: getty images

Kinder von Migranten wie David Alaba und Marko Arnautovic sorgten für einen rot-weiß-roten Fußball-Boom. Doch nun wollen immer mehr Talente für das Heimatland ihrer Eltern spielen – und verlassen den ÖFB. Warum?


Es ist schon wieder passiert – zum Ärger des Österreichischen Fußball-Bundes. Das 19-jährige Stürmertalent Leon Grgic, geboren in Bruck an der Mur, in der Steiermark zuhause und seit Jahren ÖFB-Nachwuchs-Nationalspieler, wird künftig für Kroatien auflaufen – das Heimatland seiner Eltern.

ÖFB-Manager buhlten gar in seinem Wohnzimmer um den Sturm-Spieler. Doch nichts zu machen. Verbands-Boss Josef Pröll sprach von einer „ganz großen Enttäuschung“, da der heimische Fußball dringend junge Stürmer braucht. Der abtrünnige Grgic erklärte bloß: „Ich habe auf mein Herz gehört“.

Das ist nicht der erste derartige Fall. Dem österreichischen Fußball kommen seit Jahren große Talente abhanden. Vor allem die Verbände aus den Balkan-Ländern und der Türkei werben intensiv um Emigranten in ganz Europa. Nun regiert Frust. Der mit Steuergeld-Millionen geförderte ÖFB beklagt hohe Kosten für jahrelang intensiv betreute Top-Hoffnungsträger – und steht am Ende immer öfter mit leeren Händen da.

Die Sache hat Sprengkraft. Es geht um die Zukunft des heimischen Fußballs, wie schlagkräftig und vielfältig er künftig sein wird – und um zwei heikle Fragen: Warum entscheiden sich immer mehr Migranten-Kinder für das Heimatland ihrer Eltern? Und wie kann der ÖFB sie halten?

Die Lage ist kompliziert. WZ-Recherchen zeigen: Nationalstolz und Druck spielen eine Rolle, aber auch Versäumnisse des ÖFB.

Der Wiener Robert Ljubicic: „Kroatien liegt mir im Blut, das sind meine Leute“

Österreichs Fußball profitiert von Kindern von Migranten. Marko Arnautovic hat es trotz serbischer Wurzeln zum Rekord-Nationalspieler gebracht. David Alaba, Zlatko Junuzovic, Veli Kavlak, Kevin Danso – die Liste ist lang. Aleksandar Dragovic, 34, in Wien geboren, Kind serbischer Einwanderer, hat 100 Länderspiele für Österreich absolviert. „Für mich war immer klar, dass ich für Österreich spielen will“, sagt er zur WZ. „Ich bin dem Land dankbar und wollte etwas zurückgeben.“

Heute sehen das immer mehr Burschen anders. Der Wiener Robert Ljubicic, als Spitzen-Talent auf Empfehlung des ÖFB gar mit einer Quasi-Befreiung vom Bundesheer-Grundwehrdienst bedacht, wechselte 2022 zu Kroatiens Verband. „Kroatien liegt mir im Blut, das sind meine Leute“, erklärte er. Der Linzer Luka Sucic von Real Sociedad spielt für Kroatien. Sandi Lovric, geboren in Lienz und bis zur U-21 ÖFB-Spieler, läuft für Slowenien auf. Der Wiener Mert Müldür für die Türkei. Amar Dedic aus Zell am See für Bosnien.

2020 erleichterte die FIFA Verbandswechsel von Fußballern. Das spiegelt sich in Zahlen, die der ÖFB erhoben hat. Bei der WM 1994 lag der Anteil an Spielern, die nicht ihr Geburtsland vertraten, bei 8,3 Prozent. Bei der WM 2022 hatte sich dieser auf 16,5 Prozent verdoppelt. Lange dachte der ÖFB, dass Migration dem heimischen Fußball-Nationalteam haufenweise talentierte Kicker bescheren werde. Nun zeigt sich ein differenzierteres Bild.

Berater-Druck: „…dann spielt er für ein anderes Nationalteam“

„Die Kroaten fahren durch ganz Österreich, halten Sichtungslehrgänge ab und laden alle ein, die mit kroatischen Wurzeln bei uns spielen“, verrät ÖFB-Nachwuchs-Teamchef Manfred Zsak. Verbandsintern wird erzählt, dass der kroatische Superstar Luka Modric Talente aus ganz Europa in seinem Ferienhaus empfange. „Die fühlen sich geschmeichelt und knicken ein.“ Ein ähnliches Bild in der Türkei. Das dortige Nationalteam besteht mittlerweile aus vielen Männern, die im Ausland geboren sind – und Verbänden in ganz Europa abgeluchst wurden.

Spieler loten aus, in welcher Nation sie bessere Chancen haben. Aber auch Berater spielen eine gewichtige Rolle. „Wenn der Grgic behauptet, sein Herz schlägt für Kroatien, frage ich mich, ob das die Jahre im österreichischen Nachwuchs noch nicht so war“, kritisiert ÖFB-Trainer Zsak. Viel eher glaubt er, dass „Manager im Spiel sind, die ihn teurer verkaufen können, wenn er für eine Top-Nation wie Kroatien spielt“. Es gebe sogar Berater, die im ÖFB mit dem Druckmittel aufgetaucht seien, „wenn ihr Spieler nicht einberufen wird, spielt er für ein anderes Nationalteam“, erzählt Ex-ÖFB-U21-Teamchef Werner Gregoritsch.

Teamchef Ralf Rangnick machte intern Druck

Im ÖFB klagte man über die Situation, wirkte aber hilflos. Die einzelnen Nachwuchs-Teamchefs sollten Gespräche zu Spielern und Eltern suchen. Doch selbst ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel klang resignativ. Es lasse sich eben „schwer verhindern, dass jemand für sein Vaterland spielen will“, erklärte er Ende 2024. Immer öfter mischte sich laut WZ-Informationen Teamchef Ralf Rangnick ein, der mit abwanderungswilligen Spielern telefonierte und intern Druck machte, den Kampf um hoffnungsvolle Talente doch verbissener zu führen.

Anfang des Jahres engagierte der Fußball-Bund einen Mann, der die Talente im Land halten soll: Sebastian Prödl, 38 Jahre alt und einst selbst österreichischer Nationalspieler. Prödl gilt als ehrgeizig und strebsam, trägt einen hippen Männerzopf und spricht wohlformuliert. Gleich zu Beginn las er sich ins Einbürgerungsrecht mehrerer Nationen ein und ließ eine Datenlage ermitteln. Er versuchte herauszufinden, in wie vielen Fällen der ÖFB um Spieler kämpfen muss.

Erschreckende Zahlen

Die Zahlen erschreckten ihn. Erfasst wurden Talente zwischen zehn und zwanzig Jahren in allen Nachwuchs-Schmieden des Landes. Das Ergebnis: Bloß 42 Prozent sind österreichische Staatsbürger ohne ausländische Wurzeln. 40 Prozent dagegen könnten aufgrund ihrer Vorfahren für mehrere Nationen spielen – und schnell abgeworben werden. Der Rest: Ausländer, wo nicht klar ist, wo sie geboren wurden – und wo der ÖFB ausloten will, ob sie für Österreich spielberechtigt wären. Laut WZ-Informationen handelt es sich um etwa 130 Talente, die man für den ÖFB gewinnen – oder verlieren kann. Eine Mammutaufgabe.

Viele Verbände werben früh und verdeckt um ÖFB-Talente. Dazu sind die Einbürgerungsregeln in Österreich strenger als etwa in den Balkan-Ländern. „Die kriegen dort innerhalb von drei Tagen einen Pass“, kritisiert ein ÖFB-Vertreter. Prödl versucht den Spielern nun Karrierewege im ÖFB schmackhaft zu machen – und wirbt mit Superstar David Alaba oder dem renommierten Teamchef Rangnick.

Meine Familie hat mich so aufgezogen, als ob Österreich mein Land wäre.
Ümit Korkmaz

Lange waren Nationenwechsel kein riesiges Thema. Ümit Korkmaz etwa, ein Wiener mit türkischen Wurzeln, entschied sich vor der EM 2008 für Österreich. Es habe auch Interesse aus der Türkei gegeben, erzählt er. „Aber meine Familie hat mich so aufgezogen, als ob Österreich mein Land wäre. Andere Kinder bekommen zu Hause eingebläut, dass Österreich scheiße ist, da fällt es dann schwer, sich für den ÖFB zu entscheiden.“

ÖFB-Nationalspieler Yusuf Demir als „Vaterlands-Verräter“ beschimpft

Nationalgefühl entstehe oft sehr früh, großteils im Familienverbund, glaubt man im ÖFB. Junge Talente aus Einwandererfamilien befänden sich häufig in einem Zwiespalt. Ex-ÖFB-Teamspieler Dragovic etwa, der sich als stolzen Wiener sieht, sang anfangs gar die österreichische Bundeshymne bei Länderspielen nicht mit – auch aus Respekt vor der serbischen Community.

Die Scheu, dem Heimatland der Eltern abzusagen ist bei vielen Spielern größer
Sebastian Prödl

„Ich habe das Gefühl“, sagt Prödl, „dass die Scheu, dem Heimatland der Eltern abzusagen bei vielen Spielern größer ist, als Österreich abzusagen.“ Und das hat Gründe. Österreichs Yusuf Demir spielte vor Jahren mit dem ÖFB-U-21-Nationalteam in der Türkei, dem Land seiner Eltern. „Die Zöllner haben seinen Pass gesehen und gesagt: Schleich dich, du Vaterlandsverräter!“, erzählt der damalige Teamchef Gregoritsch der WZ. „Da habe ich bemerkt, welcher Druck auf den Spielern lastet“.

Spieler wollen zurück – aber dem ÖFB sind „die Hände gebunden“

ÖFB-Spieler mit fremden Wurzeln würden von den dortigen Verbänden zum „Heimkommen“ aufgefordert, „um ihr Vaterland stolz zu machen“, wird im ÖFB erzählt. Und das oft schon in sehr jungen Jahren. Prödl aber glaubt, dass Talente schlecht beraten seien, allzu früh die Nation zu wechseln.

Denn: Es gibt Spieler, die diesen Schritt bereits bereuen – und eine Rückkehr zum ÖFB erwägen. Doch das gestaltet sich schwierig. Laut den Regularien des Weltverbandes FIFA ist ein Verbandswechsel (sobald man ein Pflichtspiel für die neue Nation absolviert hat) nur einmal möglich. „Uns sind dann die Hände gebunden“, sagt Prödl.

Die WZ hat einen Spieler, der zurückmöchte, in Erfahrung gebracht. Auf eine Anfrage reagiert er jedoch nicht. Der Bursche sei unglücklich, heißt es in seinem Umfeld, weil er ohne genaue Aufklärung zu einem Verband gelockt und bald links liegengelassen wurde – aber den Schritt nun nicht mehr rückgängig machen kann.

Der ÖFB möchte Talente nun besser aufklären. Fälle wie der von Leon Grgic, der zuletzt zum kroatischen Verband gewechselt war, sollen weniger werden. In einer Aussendung hinterfragte der Verband die „sportliche Identifikation“ von Kickern, die für mehrere Nationen einsatzberechtigt wären und forderte „volle Überzeugung für den österreichischen Weg“. Darauf erhielt Grgic tagelang Hass-Nachrichten. Er hoffe, erklärte der Spieler, „dass die anonymen Beschimpfungen und Bedrohungen gegen mich und vor allem meine Familie aufhören“. Doch dem ÖFB reicht es. Die Verbandswechsel werden zunehmend zu Staatsaffären. „Wir fördern junge Talente“, sagt Prödl, „und stehen am Ende mit leeren Händen da.“

Doch der ÖFB ist nicht bloß der Leidtragende. Man selbst versucht Spieler von anderen Nationen abzuwerben. Der 19-jährige Wolfsberg-Stürmer Erik Kojzek etwa soll bald für Österreich auflaufen, obwohl er in Slowenien geboren wurde. Der ÖFB hat das Stürmer-Juwel dem slowenischen Verband einfach abspenstig gemacht.


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Infos und Quellen

Genese

Autor Gerald Gossmann recherchierte, warum vermehrt Talente aus Einwandererfamilien den ÖFB verlassen – und wie der Verband sie halten will.

Gesprächspartner

  • Aleksandar Dragovic, Ex-ÖFB-Teamspieler mit Wurzeln in Serbien
  • Sebastian Prödl, Leiter der ÖFB-Nachwuchsnationalteams mit dem Schwerpunkt, Talente aus Einwandererfamilien im Land zu halten
  • Werner Gregoritsch, langjähriger ÖFB-U-21-Teamchef, der die meisten Spieler und Talente gut kennt
  • Manfred Zsak, ÖFB-Nachwuchs-Teamchef
  • Dazu fanden Gespräche mit Insidern, Beratern und im Umfeld von Spielern und Fußball-Bund statt

Daten und Fakten

  • ÖFB-Nationalspieler aus Einwandererfamilien: ÖFB-Nationalspieler mit ausländischen Wurzeln wie Ivica Vastic, der in den 1990er-Jahren vor dem Krieg aus Kroatien geflohen war, bildeten lange die Ausnahme. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten wurden Kicker aus Einwandererfamilien häufig zu wichtigen Stützen der ÖFB-Nationalmannschaft.
  • ÖFB-Ärger: Im ÖFB sieht man durch viele abgewanderte Spieler, die hier ausgebildet und gefördert wurden, das System ausgenutzt. Bei den Verbänden FIFA und UEFA will man künftig für strengere Regeln lobbyieren – oder eine finanzielle Ausbildungsentschädigung erwirken. Der neuen Leiter der Nachwuchs-Nationalteams Sebastian Prödl betont, dass man sich unabhängig davon auf jene fokussieren wolle, „die mit Überzeugung, Identifikation und Leidenschaft den rot-weiß-roten Weg mitgehen“.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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