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Auf der ganzen Welt können Kinder auf einmal deutlich schlechter lesen und rechnen.
Ich versuche ja, für dich Woche für Woche die spannendsten Studien und die nerdigsten Statistiken zusammenzusuchen, die uns etwas über die sachpolitische Lage der Nation sagen. Und diese Woche, in der gefühlt die ganze Republik aus der Sommerpause zurückgekehrt ist, hat sich unter anderem Folgendes ergeben: Der erste Verhandlungsentwurf zur neuen Sozialhilfereform ist rausgegangen; die Uniqa-Versicherung hat einen Bericht zum privaten Anteil der Gesundheitsausgaben in Österreich vorgelegt; die Erste Stiftung hat ein Gespräch mit dem Gründer und Managern des dänischen Pensionssystems organisiert; und die OECD hat die Pisa-Ergebnisse 2025 veröffentlicht.
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Jetzt würde jedes einzelne dieser Themen eine „Einfach Politik“-Folge rechtfertigen und bis gestern Abend war ich noch entschlossen, mich dem vorbildhaften dänischen System zu widmen. Aber dann habe ich am Abend noch einmal in die PISA-Studie hineingeschaut und mich angesichts der drastischen Ergebnisse entschlossen, das doch gleich und größer zu machen. Sorry, liebe Dän:innen – ihr kommt kommende Woche dran, versprochen.
Es ist nämlich so: Auf der ganzen Welt können Kinder auf einmal deutlich schlechter lesen und rechnen.
Tiefste Werte, die je gemessen wurden
Im Rahmen von „PISA“, dem Programme for International Student Assessment der OECD, sind im Vorjahr in 91 Staaten mehr als 760.000 Schüler:innen zwischen 15 und 16 Jahren in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften getestet worden, davon fast 7.000 in Österreich. Und die Ergebnisse sind eher düster: In Lesen und Mathematik liegen die OECD-Länder im Schnitt auf den tiefsten Werten, die je gemessen wurden, seit PISA im Jahr 2000 gestartet ist. Beim Lesen haben sie seit 2015 durchschnittlich 28 Punkte verloren – das entspricht nach OECD-Umrechnung etwa eineinhalb Lernjahren. In Mathematik sind es 22 Punkte, gut ein Lernjahr. Nur die Naturwissenschaften halten sich halbwegs; dort ist der Schnitt zwischen 2022 und 2025 stabil geblieben.
Wir sehen: Das schaut nicht gut aus. 2022 sind viele Bildungsexpert:innen davon ausgegangen, dass das Ganze ein Covid-Effekt ist, also der Kompetenzverlust durch Schulschließungen entstanden sein könnte. Wäre das so, hätte es bei dem 2025er-Test wohl doch wieder bergauf gehen sollen – das ist aber nicht so. Auch in diesem Zyklus, in dem Schulschließungen längst Geschichte waren, hat der OECD-Schnitt beim Lesen weitere 15 Punkte verloren. Die OECD selbst führt den Verfall in ihrer Analyse ausdrücklich nicht auf ein einzelnes Ereignis zurück, sondern auf ein „Zusammenspiel von langfristigen strukturellen Trends“.
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Einfach Politik.
Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
Wenn wir uns Österreich anschauen, bekommen wir zuerst eine paradoxe Nachricht, nämlich, dass unsere Kinder auf einmal überdurchschnittlich sind. Im Bereich Naturwissenschaft erreichen die österreichischen Schüler:innen 497 Punkte (OECD-Schnitt: 482), in Mathematik 477 (OECD: 463), im Lesen 467 (OECD: 461). Österreich liegt damit in allen getesteten Bereichen über dem OECD-Schnitt – in Naturwissenschaft und Mathematik laut dem IQS, das die Untersuchung hierzulande durchführt, sogar „praktisch bedeutsam“. Das ist besonders bei der Lesekompetenz eine Premiere: In vergangenen Erhebungen ist Österreich da stets unter dem Schnitt der Industriestaaten gelegen.
Unglücklicherweise ist das aber kein Grund zum Jubeln: Wir sind nämlich nicht besser geworden im Lesen, die anderen sind nur schneller schlechter geworden. Auch Österreichs Jugendliche haben seit 2022 im Lesen 13 Punkte verloren (von 480 auf 467) und in Mathematik zehn (von 487 auf 477); über die Dekade sind es minus 18 beziehungsweise minus 20 Punkte, in Mathe ein sauber gleichmäßiger Abstieg von 497 über 487 auf 477. Nur die Naturwissenschaft ist stabil – seit zehn Jahren, mit zuletzt sogar einem (nicht signifikanten) Plus von sechs Punkten.
Der IQS-Bericht dazu hat viele spannende Facetten – für mich der bemerkenswerteste: Der Verfall kommt von oben. Im Lesen ist das Niveau der schwächsten fünf Prozent seit 2015 ziemlich stabil geblieben – abgestürzt sind die stärksten fünf Prozent, um 20 Punkte, allein seit 2022. Ähnliches gilt für die soziale Dimension: Die Kompetenzschere zwischen Jugendlichen mit hohem und niedrigem Sozialstatus hat sich gegenüber dem Höchstwert von 2022 wieder geschlossen – im Lesen und in Mathe allerdings nicht, weil die Benachteiligten aufgeholt hätten, sondern weil die Privilegierten abgesackt sind. (Die Naturwissenschaft ist die rühmliche Ausnahme: Dort ist das Niveau der Schüler:innen mit niedrigem Sozialstatus tatsächlich gestiegen.) Die OECD berichtet international dasselbe Muster: Am weitesten zurückgefallen sind die Kinder aus wohlhabenden Familien.
Was es, so wie ich die Daten interpretiere, übrigens eher nicht ist: die Migration. Die belastet das Schulsystem zweifelsohne, aber die Daten geben die Interpretation, dass das die Ergebnisse nach unten drückt, nicht her. Klarerweise schneiden Jugendliche mit Migrationshintergrund (gemessen an der Umgangssprache) in allen Bereichen meist deutlich schlechter ab als Einheimische:
Wir sehen hier, wie viele Punkte Migrant:innen im Schnitt hinter (oder, in wenigen Ausnahmestaaten wie Kanada oder Großbritannien: vor) einheimischen Schüler:innen liegen – in Österreich im Lesen zum Beispiel um 68 Punkte, mehr als im OECD-Schnitt von 58 Punkten.
Aber: Diese Differenzen sind zuletzt in allen vier Bereichen tendenziell kleiner geworden, in Mathematik sinken sie seit 2015 kontinuierlich. Der Kompetenzrückgang der letzten Jahre passiert laut IQS ausgerechnet bei den Jugendlichen mit Deutsch als Familiensprache. Wer den PISA-Verfall der Zuwanderung zuschreiben will, muss außerdem erklären, warum er in Ländern mit völlig unterschiedlichen Migrationsgeschichten nahezu synchron auftritt – und hierzulande am stärksten bei den deutschsprachigen, sozial besser gestellten Kindern ausfällt.
Was bleibt also als Erklärung? Die OECD verweist – analog zu dem, was ich als Vater zweier Schulkinder auch getippt hätte – auf die fortschreitende Digitalisierung, steigende Bildschirmzeiten und damit immer weniger Jugendliche, die zum Vergnügen lesen.
Durch digitale Geräte abgelenkt
Auffällig ist, dass Länder mit den größten Leseverlusten meist auch die größten Verluste in Mathe und Naturwissenschaft verzeichnen – was für einen gemeinsamen Faktor spricht, der quer durch alle Fächer wirkt: Wer Texte nicht mehr durchhält, lernt auch alles andere schwerer. Im OECD-Schnitt berichten 28 Prozent der Schüler:innen, dass Mitschüler:innen in jeder oder fast jeder Naturwissenschaftsstunde durch digitale Geräte abgelenkt sind.
Neu vermessen hat PISA diesmal auch die KI: 46 Prozent der 15-Jährigen in den OECD-Ländern nutzen mindestens wöchentlich einen Chatbot zum Lernen. Und wer die KI konkrete Schulaufgaben erledigen lässt – Zusammenfassungen, Entwürfe –, schneidet im Mittel schlechter ab als jene, die darauf verzichten.
Jetzt bin ich kein Pädagoge, aber ich hoffe, dass Bildungspolitik- und -praxis ihre Schlüsse aus diesen Ergebnissen ziehen. Wie ein Unterricht ohne digitale Naivität aussehen kann, der Kindern und Jugendlichen trotzdem die wichtigsten Kulturtechniken vermittelt. Ich bin gespannt.
Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.
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