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Der Refrain von Österreichs ESC-Song bleibt hängen – doch reicht das schon für einen echten Ohrwurm? Warum sich manche Melodien ins Gedächtnis graben.
Man hört das Lied morgens im Radio und schon ist es um einen geschehen: Es ist kaum aus dem Kopf zu kriegen. Ob mitten in einem Meeting, beim Warten auf den Bus oder unter der Dusche – es spielt sich den ganzen Tag wie eine innere Schallplatte ab, sodass wir sogar zum gedachten Refrain zu singen beginnen.
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Unser Hörspaziergang zum Song Contest
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Wenn Melodie und Text einprägsam sind und sich immer wieder leicht abgewandelt wiederholen, sodass es sich gut nachsingen lässt, dann hat ein Lied das Zeug zum Ohrwurm. Was den Text betrifft, hat Österreichs Beitrag zum Eurovision Song Contest hier durchaus Potenzial: „Sie brauchen einen Tanzschein, da muss ich streng sein / Weil ohne Tanzschein, lass ich Sie nicht rein“ bleibt mit ein bisschen Übung im Gedächtnis haften. Aber hält sich auch die Melodie auch im Kopf, wenn man das Lied gerade nicht hört? Nicht unbedingt, denn sie ist nicht leicht nachzusingen. „Der Text wird mit gleichbleibender Betonung zu einem durchgeschlagenen, recht monotonen Rhythmus gesungen“, sagt der Wiener Komponist und Autor Edwin Baumgartner zur WZ: „Das macht ‚Tanzschein‘ zwar prägnant, aber nicht unverwechselbar. Man merkt sich den Song nicht sofort, und wenn, dann nur eine Zeile davon.“
Anders verhält es sich etwa mit Hits wie „All you need is Love“ von den Beatles, „Last Christmas“ von Wham, „Cordula Grün“ von Josh, oder „Ein Stern (… der deinen Namen trägt)“ von DJ Ötzi: Sie laufen uns nach, ob wir wollen oder nicht. Die Musik folgt einer simplen, ohrgängigen Melodie, die weder zu einfach noch zu kompliziert ist, denn „wer etwas kompliziert ausmusiziert, kann sich den schönsten Ohrwurm kaputt machen“, sagt Komponist Baumgartner. Und der Text bildet einen sogenannten Hook, enthält also Wörter oder Ideen, die man sich merkt, wie Liebe, Weihnachten, den Stern der so heiß wie ich, oder den Namen der Cordula, und die man gerne im Geist wiederholt.
Die Macht der Musik
Ohrwürmer sind einer von vielen Ausdrücken jener Macht, die Musik über uns haben kann. Der Name für die unfreiwillige Gedächtniserfahrung geht auf die Antike zurück, als Ohrenerkrankungen mit einem Pulver aus zerstoßenen Insekten behandelt wurden. Im Mittelalter entstand dann der Aberglaube, dass ein Käfer namens Ohrkneifer nachts ins Ohr kriechen und sich mit sein Zangen dort festhalten und Ohrensausen verursachen würde, dass man so wie die ins Ohr gehenden Schlager nur schwer wieder los wird.
Mit dem Begriff „unfreiwillige Musikbilder“ oder „Involuntary Musical Imagery“ beschreibt der US-Neuropsychologe Oliver Sacks in einer Studie die Erfahrung, bei der sich Musik im Geiste wiederholt, obwohl wir sie gar nicht hören. Dagegen könnten wir nur wenig unternehmen, erklärt Sacks, außer uns absichtlich ein anders geartetes Lied anzuhören, um den Ohrwurm zu übertönen.
Was passiert dabei im Gehirn? Zu dieser komplexen frage gibt es gibt es mehrere Ideen. Eine Erklärung ist ist, dass ein Ohrwurm entsteht, wenn sich das einprägsames Musikstück im Arbeitsgedächtnis festsetzt. Das Arbeitsgedächtnis ist zuständig für aktuelle und aktive Prozesse. Es registriert, was gerade passiert, nimmt Informationen auf, verarbeitet diese und speichert sie über einen gewissen Zeitraum, bevor manche davon ins Langzeitgedächtnis wandern. Das Arbeitsgedächtnis hat begrenzte Kapazitäten, ist aber nicht ständig ausgelastet. Wenn es sich gerade entspannt, etwa bei Routinearbeiten oder beim Warten, kann es passieren, dass ein Ohrwurm den freien Platz einnimmt und immer und immer wieder im Kopf abgespielt wird.
Vertrautheit und Emotion
Gleichermaßen ist es die Kunst von Songschreiber:innen, denen ein Ohrwurm gelingt, Vertrautheit zu erzeugen. „Bestimmte Tonfolgen erscheinen uns vertraut. Wenn man sie dann in einem Musikstück mehrmals hört, können sie sich leicht einprägen. Nur darf die Musik nicht zu langweilig werden. Wenn sich in der Wiederholung die Abfolgen leicht verändern, haken sie sich im Gedächtnis leichter fest“, sagt der deutsche Sozialpsychologe Hans-Peter Erb in einem Video der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg.
Warum aber schieben sich die Musikfetzen selbstständig in den Vordergrund, selbst wenn man sie gerade nicht hört? Ohrwürmer kommen nicht nur aus dem Radio. Sondern sie können auch von Wörtern, Textzeilen oder Stimmungen losgetreten werden. Und da das Gehirn nur die prägnantesten Teile von Songs abspeichert und die Muster liebt, aus denen Musik besteht, lässt es sich gerne damit beschäftigen, welche Töne als nächstes kommen. Auf diese Weise binden Ohrwürmer unsere Aufmerksamkeit. Für die Kognitionsforschung liegen diese Lieder an der Schnittstelle von Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Vorhersage und innerem Sprechen. Sie zeigen, wie durchlässig unser Bewusstsein für Inhalte ist, die wir nicht bestellt haben.
Wichtig beim Ohrwurm ist außerdem, dass er die Emotionen anspricht, meint der deutsche Musikwissenschaftler Jan Hemming. Wenn etwa ein Ereignis mit einer starken Gefühlsregung verbunden ist, neigen wir dazu, es stärker im Gedächtnis zu behalten. Das Gleiche passiert laut Hemming mit Musikstücken, die uns berühren. Sie werden leichter im Gedächtnis gespeichert und können auch schneller abgerufen werden. Soll heißen: Wer traurig ist und ein trauriges Lied hört, merkt es sich in diesem Zustand besser als ein fröhliches Lied zum Tanzen.
Die Megahits der Musikindustrie
90 Prozent aller Menschen haben mindestens einmal die Woche ein Lied im Kopf. Immerhin 15 Prozent von ihnen würden dies als störend empfinden, weil es von anderen Denkleistungen ablenkt, berichtet der finnische Kognitionsforscher Lassi Liikkanen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass es keine vergleichbaren Phänomene mit anderen Sinnen gibt. Beispielsweise sind keine Studien zu „Augenwürmern“ bekannt – im Gegenteil: Um Dinge zu visualisieren, die nicht oder nicht mehr da sind, bedarf es wohl einer intensiven Meditationspraxis – ohne Erfolgsgarantie.
Musik besteht aus Schallwellen, die über die Ohrmuschel in den Gehörgang gelangen und als Reize unser Denkorgan erreichen, wo eine Region namens auditorischer Kortex erkennt, wie laut, wie lang und wie hoch ein Ton ist. Andere Hirnareale nehmen den Rhythmus, die Harmonie und die Melodie wahr und ordnen die zeitliche Abfolge der Töne ein. Das episodische Gedächtnis wiederum kann Musikstücke erkennen und abrufen. Wieder andere Hirnregionen sind für die emotionale Verarbeitung von Musik zuständig, oder dafür, wie sich der Körper zur Musik bewegt, oder dafür, wie die Musik uns entspannt. Wir hören Musik also nicht nur, sondern sie macht auch etwas mit uns. Vielleicht kann sie uns deswegen auch so verzaubern. Oder Spuk mit uns treiben, indem sie sich meldet, ohne tatsächlich da zu sein.
In der Musikindustrie gibt es die Definition „Ohrwurm“ jedenfalls nicht. „Wir nennen das Megahit“, sagt der Musikmanager Hannes Eder zur WZ: „Jede Nummer, die sich gut verkaufen soll, braucht einen guten Hook. Somit ist der Ohrwurm in der Regel ein Hit, er ist aber nicht zwangsläufig von guter Qualität“, erklärt der langjährige General Manager von Universal Music Austria.
Von 12. bis 16. Mai hat die ganze Welt die Gelegenheit, die Nummern beim Eurovision Song Contest auf ihre Ohrwurm-Tauglichkeit zu prüfen. Den Sieger:innen könnten wir dabei das Prädikat „superkalifragilistischexialigetisch“ verleihen. Denn auch dieses Lied aus Walt Disneys Film „Mary Poppins“ ist ein Ohrwurm – und zwar einer mit einem einzigartigen Wort als Hook. Dazu könnten wir „Ein belegtes Brot mit Schinken / ein belegtes Brot mit Ei“ essen und griechischen Wein trinken. Wohl bekomm’s den Ohren!
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
- Edwin Baumgartner, geboren 1961 in Wien, ist ein österreichischer Komponist, Journalist und Autor.
- Hannes Eder, geboren 1967 in Wien, war langjähriger General Manager von Universal Music Austria und managt mit seiner Agentur phat penguin zahlreiche Bands, darunter Buntspecht, Leftovers und Kruder & Dorfmeister.
Quellen
- National Library of Medicine: Involuntary musical imagery as a component of ordinary music cognition, von Lassi Liikkanen
- Brain: The power of music, von Oliver Sacks
- British Journal of Psychology: Earworms (stuck song syndrome): Towards a natural history of intrusive thoughts
- Helmut-Schmidt-Universität Hamburg: Musikpsychologie: Was ist ein Ohrwurm?
- das.Gehirn.info: Musik im Kopf
- Klanggeber: Ohrwürmer: Warum wir sie bekommen – und wie du sie wieder loswirst
Das Thema in der WZ
Bonuspunkte – Der Hörspaziergang zum ESC | Staatsoper und Hofburg und Heldenplatz
Das Thema in anderen Medien
- FAZ: Wie ein Ohrwurm ins Ohr kommt
- Redaktionsnetzwerk Deutschland: Ohrwürmer: Warum manche Lieder einfach im Kopf bleiben
- science.orf.at: Wie Ohrwürmer in unser Gehirn kriechen
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