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Der Wohnungsmarkt ist kein Sims-Spiel

3 Min
"It’s Giving Politics" ist der Titel der neuen Kolumne von Chiara Swaton und Nora Schäffler. Darin schreiben sie im wöchentlichen Wechsel über politische Themen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Warum Wohnen immer mehr zum Privileg wird, bei dem kein Cheatcode hilft


Hallo, ich heiße Nora und gestehe: Ich hänge gerne auf Seiten wie willhaben Immobilien, Immowelt oder ImmoScout24 herum. Ich male mir mögliche Wohnsituationen aus, überlege, wie ich die Wohnung einrichten würde, welche netten Cafés es in der Nähe gäbe. Obwohl ich (zum Glück) gar nicht auf Wohnungssuche bin. Man könnte sagen, ich spiele Sims mit mir selbst. Die Realität: Im echten Leben kann man nicht den Cheatcode „motherlode“ (der mir beim Sims-Spielen schon vieles erleichtert hat) eingeben, um mehr Geld zur Verfügung zu haben. Genau dieser Code wäre bei dem aktuellen Wohnungsmarkt aber ziemlich praktisch.

Mietpreise, Leerstand und politische Luftschlösser

Denn um den österreichischen Wohnungsmarkt steht es schlecht: 50-m²-Wohnungen um 1.150 Euro (kalt, wohlgemerkt), winzige Plätzchen, die gerade für einen Aschenbecher reichen und als Balkon verkauft werden – natürlich mit Aufpreis. Altbauwohnungen, bei denen man mit Glück und der Hilfe von Plattformen, die Mietreduktionen fordern, durchkommt. Und trotzdem: Man stellt Suchagenten ein, beißt sich durch Massenbesichtigungen, verschickt Canva-designte, fürs ästhetische Auge optimierte (das Auge vermietet mit) Bewerbungen, die mehr über einen verraten als das eigene Instagram-Profil mit 17.

Was ist los am Wohnungsmarkt?

Dabei war doch Wien jahrzehntelang ein Positivbeispiel dafür, wie leistbares Wohnen aussehen und funktionieren kann: Sozialbau, Wiener Wohnen und Genossenschaftswohnungen. Auch heute wohnen laut Stadt Wien noch rund 60 Prozent der Wiener:innen in gefördertem oder gemeinnützigem Wohnraum. Doch die Realität verändert sich: Immer mehr Altbau wird zu Eigentum, Neubauten sind oft freifinanziert. Und vor allem: Wohnungen stehen leer, und zwar nicht wenige. Laut Schätzungen allein in Wien 30.000-80.000 - konkrete Zahlen gibt es nicht, weil eine verpflichtende Leerstandserhebung fehlt. Praktisch, aber für wen eigentlich?

Steigende Preise auch im sozialen Wohnbau

Auch der soziale Wohnbau bleibt vor Teuerungen nicht verschont. Laut Statistik Austria stiegen die Mieten in Gemeindewohnungen in den letzten zehn Jahren von durchschnittlich 6,30 Euro auf 8,20 Euro pro Quadratmeter. In Genossenschaftswohnungen ging es von 6,50 Euro auf 8,80 Euro. In anderen Mietverhältnissen liegt der Durchschnitt mittlerweile bei 12,20 Euro pro Quadratmeter - Tendenz steigend.

Besonders bitter: Laut neuer Erhebung sind rund 20 Prozent der Mietverträge in Wien befristet – meist auf drei Jahre. Diese Unsicherheit ist auch noch teuer. Während unbefristete Mieten bei 9,20 Euro liegen, zahlen Mieter:innen mit kurzer Laufzeit (unter zwei Jahren) 13,20 Euro.

Aber warte mal, besonders rund um die Wahlen wurde doch immer damit geprahlt: Neue Wohnräume schaffen! Ja, schon, aber immer weniger. 2022 wurden laut Statistik Austria noch 1.521 neue Wohngebäude in Wien bewilligt. 2024 waren es nur 1.045 – so wenige wie seit zehn Jahren nicht. Kein Wunder, dass die Situation weiter eskaliert.

Fazit? Kein „motherlode“ in Sicht

Klar, die Inflation spielt eine Rolle – gestiegene Baukosten, Energiepreise, Zinsen. Aber sie allein erklärt nicht, warum Wohnen in Wien für viele zum Luxus geworden ist. Vielmehr fehlt es an politischem Mut, konsequenter Regulierung und dem klaren Bekenntnis: Wohnraum ist keine Aktie.

Und schon der Pop-Sänger Passenger hat es in seinem Hit gesagt: Yeah, you only need the light when it’s burning low!

Wien ist kein Einzelfall, aber es schmerzt besonders - weil es mal so viel besser war. Leistbares Wohnen war Realität, keine Utopie. Und genau dorthin müssen wir zurück.

In "It's giving politics" schreiben WZ-Redakteurinnen Nora Schäffler und Chiara Swaton über politische Themen.


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Infos und Quellen

Genese

Bei der Wohnungssuche wünscht sich WZ-Redakteurin Nora Schäffler in die Sims-Welt.

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