PodcastAnna Mair vertritt junge Männer, die Anschläge geplant haben sollen – so auch Beran A., dessen Ziel das Taylor-Swift-Konzert war. Doch wer ist die Anwältin hinter den Terrorprozessen?
„Ich möchte mich bei allen Swifties entschuldigen“, sagt Beran A. am Landesgericht Wiener Neustadt. Später bricht er in Tränen aus. Es ist der zweite von fünf Verhandlungstagen im Terrorprozess rund um den vereitelten Anschlag auf das Taylor-Swift-Konzert im August 2024. Neben Beran A. bleibt seine Anwältin Anna Mair ruhig. Sie steht ihm mit Taschentüchern zur Seite, legt eine Hand auf seinen Rücken, beschwichtigt ihn lächelnd.
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Bisher hat der heute 21-Jährige gestanden, einen islamistisch motivierten Anschlag auf das Konzert der US-amerikanischen Sängerin Taylor Swift im Wiener Ernst-Happel-Stadion geplant zu haben. Laut eigener Aussage wollte er dadurch berühmt werden. Die Anklage wirft ihm außerdem vor, gemeinsam mit zwei weiteren jungen Männern Anschläge in Mekka, Istanbul und Dubai geplant zu haben – was Beran A. bestreitet.
Trotz dieser schweren Vorwürfe hat Anwältin Mair das Mandat angenommen. Denn die 32-Jährige hat sich auf Terrorismus und Extremismus spezialisiert. Sie verteidigte auch jenen 14-Jährigen, der wegen mutmaßlicher Anschlagspläne auf den Wiener Westbahnhof vor Gericht stand. Oder Evelyn T., die sich 2016 dem Islamischen Staat (IS) in Syrien angeschlossen hatte. Doch wer ist diese Anwältin hinter den Terrorverfahren?
Der Weg zu den Terrorprozessen
Anna Mair hört oft, dass sie im Gerichtssaal sehr gefasst und beherrscht wirkt. „Beruflich ist das definitiv ein Vorteil. Privat versuche ich, das ein bisschen abzulegen. Es ist anstrengend, wenn man immer alles kontrollieren will“, sagt sie und lacht. Wir sitzen in ihrer Kanzlei in der Wickenburggasse im 8. Wiener Gemeindebezirk. Gegenüber befinden sich das Straflandesgericht und die Justizanstalt Josefstadt, wo Beran A. 20 Monate in Einzelhaft saß. Heute ist er in Wiener Neustadt inhaftiert, ebenfalls isoliert von anderen Häftlingen.
In der dschihadistischen Szene wird Mair oft als Anwältin weiterempfohlen. Wenn bei Terrorverdächtigen der Verfassungsschutz vor der Tür steht und ein Rechtsbeistand gesucht wird, fällt schnell ihr Name. „Ich suche mir meine Mandant:innen nicht bewusst aus. Viele kommen einfach zu mir“, erzählt sie. So auch Beran A. Dabei sei sie selbst „eher zufällig in diesen Bereich hineingerutscht“.
Alles begann am 2. November 2020. An diesem Tag erschoss der Islamist Kujtim F. vier Menschen in der Wiener Innenstadt und verletzte zahlreiche weitere schwer – bis er selbst von der Sondereinheit WEGA getötet wurde. Nach dem Anschlag wurden etliche Personen festgenommen, die mutmaßlich in Verbindung mit der Tat standen. Mair war damals noch Rechtsanwaltsanwärterin bei der bekannten und polarisierenden Anwältin Astrid Wagner und übernahm einige der Verfahren. „Irgendwie sind mir die Mandant:innen geblieben“, erzählt sie.
Was sie an ihrem Spezialgebiet so reizt? „Es geht um viel mehr als um Strafrecht. Da spielen kulturelle und vor allem soziale Hintergründe eine Rolle.“
„Ich urteile nicht über Menschen“
Doch warum vertritt man Personen, denen Terroranschläge oder ähnliche Dinge vorgeworfen werden? „Erstens vertrete ich ja nicht die Tat. Das gilt nicht nur im Terrorismusbereich, sondern generell im Strafrecht. Und nur weil jemand etwas Schlimmes getan hat, heißt das nicht automatisch, dass dieser Mensch in seiner Gesamtheit schlecht ist“, erklärt Mair. Ihr Job bleibe derselbe – „egal, ob jemandem der Diebstahl einer Wurstsemmel, Mord oder Terrorismus vorgeworfen wird.“
Mair urteilt nicht über ihre Klient:innen. Dadurch bekommt sie Zugang zu einer Szene, die für viele schwer erreichbar bleibt. „Meine Mandanten merken, dass ich mich mit ihnen auseinandersetze. Dafür respektieren sie wiederum mich.“
Wegen ihrer Fälle wird die junge Anwältin regelmäßig mit Hass, darunter auch Morddrohungen, überschüttet. „Oft sind es einfach frauenfeindliche Beschimpfungen. Erst vor zehn Minuten hatte ich wieder so einen Anruf“, erzählt sie achselzuckend. Ob sie manchmal Angst hat? „Ich bin dadurch definitiv vorsichtiger geworden, schaue mehr nach links und rechts, und wechsle auch mal die Straßenseite.“
Was nach der Haft bleibt
Wer so eng mit radikalisierten Jugendlichen arbeitet wie Mair, beschäftigt sich zwangsläufig auch mit der Frage, ob Menschen wieder aus dieser Ideologie herausfinden können. Laut der Anwältin hänge es stark davon ab, wie weit die Radikalisierung bereits fortgeschritten ist. Auch das Alter spiele eine große Rolle: „Kriminalität nimmt mit zunehmendem Alter oft wieder ab. Einfach, weil sich das Leben verändert. Menschen gründen Familien und übernehmen Verantwortung.“
Mair glaubt, dass Deradikalisierung in vielen Fällen möglich ist – auch aus eigener Berufserfahrung. Problematisch sei es jedoch, wenn junge Menschen sehr früh und etwa ohne abgeschlossene Ausbildung eingesperrt werden. Nach ihrer Haftentlassung hätten sie dann oft keine Perspektiven mehr am Arbeitsmarkt. „Aus meiner Sicht sind Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, die gefährlichsten“, sagt Mair.
Das Wort am Handgelenk
Zurück im Gerichtssaal. Die Strafverteidigerin packt nach einem langen und anstrengenden Verhandlungstag ihre Sachen. Ihr raucht der Kopf, und sie steht noch unter Strom. Bis die Anspannung nachlässt, wird es Stunden dauern. Sie wird versuchen, sich abzulenken. Mit Sport, Gesprächen mit Freund:innen oder einem Glas Gin Tonic.
Abschalten fällt Mair nicht immer leicht. Am liebsten hätte sie alles heute erledigt, am besten schon gestern. Deshalb ziert auch ein ganz bestimmtes Tattoo ihr Handgelenk. „Sabr“ steht dort auf Arabisch. Das bedeutet übersetzt: „Geduld“. Viele ihrer Mandant:innen erkennen es sofort.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Anna Mair, Rechtsanwältin und Strafverteidigerin, u. a. spezialisiert auf Terrorismus- und Extremismusstrafrecht, Kanzlei OFNER | MAIR Rechtsanwälte
Daten und Fakten
- Der 21-jährige Beran A., den Anna Mair vertritt, gestand am ersten Verhandlungstag vor Gericht, einen IS-Anschlag auf ein Taylor-Swift-Konzert in Wien geplant zu haben.
- Er hatte Messer, eine Machete und selbst hergestellten Sprengstoff vorbereitet, wurde aber vor der Tat festgenommen.
- Neben dem Konzert soll er auch weitere Anschlagsziele, so etwa die US-Botschaft und die israelische Botschaft in Wien, ausgespäht haben.
- Laut Anklage plante er gemeinsam mit Hasan E. und Arda K. weitere Anschläge im Ausland. Das bestreitet er.
- Die nächsten Prozesstage sind am 19., 21. und 28. Mai am Landesgericht Wiener Neustadt.
Quellen
- ORF: Anschlag in Wien – Was bisher bekannt ist
- Der Standard: Warum plante er einen Anschlag auf ein Taylor-Swift-Konzert? Beran A. vor Gericht
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