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„Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen”

7 Min
Wer sich stets nur in seiner Bubble bewegt, verliert die Vorstellung, dass es Andere gibt, die vielleicht breiter aufgestellt sind. Das eröffnet Manipulator:innen, die die Leute dort abholen, wo sie sich selbst eingesperrt haben, eine Bühne.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Hans Leitner / First Look / picturedesk.com

Im WZ-Interview warnt die Psychiaterin Heidi Kastner, Autorin eines Buches zum Thema Dummheit, vor zunehmender Denkfaulheit und fehlender Scham, die demokratische Prozesse gefährden.


    • Heidi Kastner warnt: Dummheit ist gefährlich, da sie emotional gesteuert, unberechenbar und schädlicher als Kriminalität sein kann.
    • Social Media ersetzen den kritischen Diskurs und fördern eine Meinungsbildung, die auf der eigenen Wahrnehmung, aber oft nicht auf Fakten beruht.
    • Acht-Sekunden-Aufmerksamkeitsspanne laut Studien bei vielen Social Media-Nutzern - nicht genug, um komplexe Sachverhalte zu begreifen.
    • Carlo Cipolla unterscheidet: Verbrecher sind rational, Dumme handeln irrational und schaden auch sich selbst.
    • US-Präsident Trump laut Heidi Kastner strategisch denkend, aber nicht dumm.
    • Online-Gruppen mobilisieren Menschen zunehmend faktenfern, da oft nur über Kanäle wie TikTok informiert.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

WZ I Eva Stanzl I Nora Schäffler
Je häufiger Künstliche Intelligenz im Alltag genutzt wird, umso weniger scheinen die Menschen bereit, sich fundiert zu informieren, oder Informationen kritisch zu hinterfragen. Werden wir umso dümmer, je denkfauler wir werden?
Heidi Kastner
Dummheit ist eine Voraussetzung dafür, dass man so agiert.
WZ I Eva Stanzl I Nora Schäffler
Inwiefern gefährdet Dummheit die Demokratie?
Heidi Kastner
Die Grundlage der Demokratie ist die Teilnahme an einer Regierung auf Basis einer informierten Meinung. Nicht wahrzunehmen, in welcher Staatsform man lebt, und was die Voraussetzungen für das Funktionieren dieser Staatsform sind, ist eine Form von Dummheit. Wenn ich nicht weiß, worüber ich abstimme, ist es schwer, zu partizipieren. Und wenn immer mehr Menschen sich nicht informieren oder etwas Vorgekautes aus fragwürdigen Social Media-Auftritten nachplappern, und diese uninformierten Personen irgendwann die Mehrheit stellen, wird es schwierig für Andere, die die Mehrheitsmeinung hinnehmen müssen.
WZ I Eva Stanzl I Nora Schäffler
Ist das so neu? Immerhin gibt es Stammtischgerede und Boulevardmedien schon lange.
Heidi Kastner
Natürlich gab es schon immer Stammtische. Aber dort kann man nicht jede Position einfach vertreten, weil einem Leute gegenübersitzen, die kontern. Das Korrektiv ist ausgeprägter als in Social Media-Blasen, in denen man Gleichgesinnte sucht, die einem nicht gegenüberstehen, aber zustimmen. Früher hat man außerdem, wenn man keine Ahnung hatte, einfach nichts gesagt, um sich nicht zu blamieren. Heute hat kaum jemand mehr die Angst, sich zu blamieren. Man trötet Schwachsinnigkeiten heraus und wird heftig, wenn einem jemand widerspricht, und das ist neu.
WZ I Eva Stanzl I Nora Schäffler
Wie konnte das passieren?
Heidi Kastner
Indem man begonnen hat, eigene Meinung mit eigenen Fakten zu verwechseln und meint, dass jeder das Recht auf eigene Fakten hat. Es hat jeder das Recht auf eine eigene Meinung. Doch eine fundierte Meinung basiert auf Fakten. Wenn ich mir meine Fakten aber so zurechtmache, dass sie bloß meiner gefühlten Meinung entsprechen, wird Meinungsbildung zu Faktenbehauptung und führt zu „alternativen Wahrheiten“, die es nicht gibt. Sich das Recht herauszunehmen, die Fakten so zu interpretieren, wie man meint, und damit Unfundiertes als Grundlage für eine Allgemeingültigkeit herzunehmen, ist relativ neu. Früher sagte man dazu - mehr oder weniger wohlwollend - Irrtum, oder - weniger wohOlwollend - Lüge.
Obwohl Menschen sich zum Fremdschämen verhalten, werden sie trotzdem gewählt.
Heidi Kastner
WZ I Eva Stanzl I Nora Schäffler
Es hagelt allerdings durchaus harte Kritik auf Social Media. Denken sie an Shitstorms gegen Äußerungen in Postings.
Heidi Kastner
Aber schämen tut sich keiner, denn man wird immer eine Bubble finden, die voll hinter einem steht. Auch Scham für unanständiges Verhalten gibt es kaum mehr. Obwohl Menschen in relevanten Positionen sich zum Fremdschämen verhalten, werden sie trotzdem gewählt, weil die Leute es super finden, dass jemand sich etwas Unanständiges traut. Das wäre früher nicht durchgegangen. Ich glaube zwar nicht, dass die Leute früher weniger gelogen haben, aber wenn sie erwischt wurden, wurde ihr unmoralisches Verhalten durch Ächtung sanktioniert.
WZI Eva Stanzl I Nora Schäffler
Wie konnte das passieren?
Heidi Kastner
Die Bereitschaft, unterschiedliche Lösungsansätze für ein Problem zu sehen und die bestmögliche Problemlösung zu diskutieren, ist geringer, weil es leichter geworden ist, für jede noch so abstruse Meinung eine Anhängerschaft zu finden, in der man sich bestätigt fühlt. In unserem Selbstwert sind wir angewiesen auf die Rückmeldungen anderer. Ohne sie fühlen wir uns unsicherer. Wenn mich eine Gruppe bestätigt, fühle ich mich gut aufgehoben und denke, dass ich nicht mehr weiter nachdenken muss.
WZI Eva Stanzl I Nora Schäffler
Inwiefern ist Denkfaulheit auch eine Feigheit?
Heidi Kastner
Feigheit ist ein Aspekt der Denkfaulheit. Um aufzustehen und sich zu exponieren, muss man Energie aufbringen. Wenn mir das aber zu mühsam ist, halte ich lieber feig den Mund und exponiere mich nicht. Oder ich bewege mich ausschließlich in Gruppen, die meine Ansichten bestätigen. Oder ziehe mich auf die Position zurück, dass prinzipiell jede Meinung wertgeschätzt werden solle. Das ist allerdings keine Position, denn dann müsste ich auch jeden Nationalsozialisten und jeden Rassisten für seine Meinung wertschätzen, und das wäre die Totengräberei der Demokratie.
WZI Eva Stanzl I Nora Schäffler
Früher schaute man Nachtrichten oder las Zeitung - es gab eine gemeinsame Informationsbasis. Heute beziehen viele Menschen News aus ihren individuellen Feeds und regieren auf diese in einer enormen Geschwindigkeit. Welche Folgen hat das?
Heidi Kastner
Online-Gruppen, deren Mitglieder keine Tagesnachrichten schauen, mobilisieren viele Menschen oftmals in tatsachenferne Richtungen. Sie beziehen Nachrichten nur über ihre Kanäle, zum Beispiel über TikTok. Als einzige Informationsquelle ist das aber nur bedingt tauglich. Und die Geschwindigkeit erzeugt zum Teil eine Überforderung, weil unsere Sinnesorgane mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten. Der Prozessor im Kopf ist so schnell wie er immer war, aber heute prasselt mehr auf ihn ein. Außerdem kann man bei einer Aufmerksamkeitsspanne von acht Sekunden (die viele Menschen auf Social Media laut Studien haben, Anm.) einen Sachverhalt nicht differenziert erfassen. Auch die Fähigkeit, längere Artikel sinnerfassend zu lesen, geht aus Mangel an Übung verloren.
Dummheit ist sehr gefährlich, vor allem, wenn sie massenhaft auftritt.
Heidi Kastner
WZ I Eva Stanzl I Nora Schäffler
Was passiert, wenn ich weniger Bücher lese?
Heidi Kastner
Ich verliere an Differenziertheit. Das heißt, dass es weniger vorstellbar wird, dass es andere Lebenskonzepte, Lebensverläufe und Positionen gibt. Wenn ich mich immer nur in einem schmalen Segment bewege, geht mir irgendwann die Vorstellung verloren, dass es Andere gibt, die in anderen Segmenten unterwegs sind und vielleicht breiter aufgestellt sind. Man wird immer enger und das eröffnet Manipulatoren eine Bühne, die die enge Sicht aufgreifen und die Leute dort abholen, wo sie sich selbst eingesperrt haben.
WZ I Eva Stanzl I Nora Schäffler
Ist US-Präsident Donald Trump und alles, was er verursacht, ein Beispiel dafür, wie Dummheit die Welt in den Abgrund stürzt?
Heidi Kastner
Trump ist alles andere als dumm. Er und sein Wahlkampfteam haben mit einem sehr guten Sensorium unzufriedene Menschen in den USA instrumentalisiert, indem sie versprachen, dass der amerikanische Traum – wer etwas leistet, wird belohnt – wieder hinhauen wird. Ein völliger Topfen, aber eine schlaue Strategie. Trump ist ein Mensch, der betrügerisch agiert. Er ist mit einem hohen Maß an kognitiver Empathie ausgestattet. Das heißt, er kann sich sehr gut vorstellen, wie das, was er tut, auf andere wirkt, und sie für seine Zwecke einspannen.
WZ I Eva Stanzl I Nora Schäffler
Konzentriert nachzudenken empfinden die meisten Menschen laut einer holländischen Studie als mühsam. Sie auch?
Heidi Kastner
Nein, denn das Einzige, was mich wirklich weiterbringt und befähigt, Erfahrungen zu machen, ist über mein Verhalten und meine eigene Position nachzudenken. Erfahrungen zu machen heißt nicht, dass ich etwas erlebe und es dann halt erlebt habe, sondern dass ich das Erlebte auf eine Meta-Ebene bringe und reflektiere, was an meinem Verhalten welchen Outcome bewirkt hat. Wenn ich mit dem Outcome nicht zufrieden bin, kann ich nur durch reflektieren herausfinden, was ich künftig bei mir anders machen muss, damit ein besseres Ergebnis herauskommt.
WZ I Eva Stanzl I Nora Schäffler
Ist Dummheit gefährlich?
Heidi Kastner
Ja, Dummheit ist sehr gefährlich, vor allem, wenn sie massenhaft auftritt. Das Problem der Menschen, die unabhängig von ihrer Intelligenz oder ihrem Wissen nicht vernunftgeleitet agieren, ist, dass es unmöglich ist, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen, weil sie rein emotional entscheiden und daher unberechenbar sind. Der Wirtschaftswissenschafter Carlo Cipolla unterscheidet zwischen Verbrechern und Dummen. Verbrecher sind ihm zufolge berechenbar, denn sie fördern ihren eigenen Vorteil, handeln also zielgerichtet, überlegt und rational, um zu bekommen, was sie wollen. Dumme hingegen beschädigen nicht nur andere, sondern auch sich selbst, weil sie es nicht schnallen. Diese Vorgangsweise hat ein noch größeres Schädigungspotential als Verbrechertum.

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Infos und Quellen

Genese

Im Zuge einer Recherche zum Thema Denkfaulheit ist die WZ auf einen spannenden Vortrag von Heidi Kastner zum Thema Dummheit, die das Ergebnis von Denkfaulheit sein kann, gestoßen. Grund genug, bei der Gerichtspsychiaterin und Buchautorin um ein Interview anzusuchen, das wir in Heidi Kastners Büro am Universitätsklinikum Linz durchgeführt haben.

Interviewpartnerin

Adelheid „Heidi“ Kastner, geboren am 17. August 1962 in Linz, ist Psychiaterin. Die ausgebildete Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie ist Primarärztin der Klinik für Psychiatrie mit forensischem Schwerpunkt am Kepler Universitätsklinikum in Linz. Als anerkannte Expertin im Bereich der Forensischen Psychiatrie war sie unter anderem als Gerichtsgutachterin im Fall Fritzl und der Causa Kremsmünster tätig.

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