Österreich bekommt mehr Spielerschutz, liberalisiert dafür jedoch den Milliardenmarkt für Online-Glücksspiel. Suchtexpert:innen warnen: Die junge Generation, die am stärksten zum Glücksspiel neigt, könnte noch häufiger in die Sucht geraten.
Yusuf lehnt sich in den schwarzen Ledersessel zurück. Auf den Bildschirmen in einem Casino- und Wettlokal im Wiener Umland laufen gleichzeitig mehrere Fußballspiele. Das Lokal ist zweigeteilt: Vorne stehen die Wettterminals für die Sportwetten, hinter einem Drehkreuz beginnt der Automatensalon für das Glücksspiel. Die Fußball-WM ist gerade vorbei. Wochenlang war das Lokal gut besucht: Werbung, Quoten, Bonusaktionen. Das Turnier war ein Volksfest für die Branche. Jetzt kommen wieder jene, die immer kommen.
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Wie Yusuf und sein Freund Mehmet, der später vorbeischauen will. Yusuf sitzt vor einem der Terminals. Er trägt ein Dress von Galatasaray Istanbul, dunkelgrau und weinrot. Die Farben haben eine Symbolik, wie jeder Fan weiß. Sie erinnern an den Cup-Triumph gegen Arsenal im Mai 2000. Da war Yusuf, der heute 24 Jahre alt ist, noch gar nicht geboren.
An den Wett- und Glücksspielautomaten sitzen Männer jeden Alters. Viele junge Männer sieht man hier, etliche haben Migrationshintergrund. Sie zählen zu jener Gruppe, die besonders häufig von problematischem Glücksspiel betroffen ist. Das ist genau die Gruppe, über die Medien selten berichten. Sie liegt im toten Winkel der öffentlichen Debatte. Doch das ist hier egal, denn alle verfolgen konzentriert die Bildschirme. „Nächster Torschütze“, murmelt einer, und schon surrt ein weiterer Wettschein aus dem Automaten.
Hoffen auf den Jackpot
Hinten, bei den Spielautomaten, werden hingegen Slot-Klassiker wie „Book of Ra“ oder „Lucky Lady’s Charm“ gespielt. 10.000 Euro locken hier als Jackpot bei jedem Spin. Eine Summe, die in vielen Leben einen Unterschied machen könnte. Neben den Wettterminals liegen bei manchen Hartgesottenen die Smartphones, auf denen parallel Slots im Online-Casino laufen. Multitasking ist angesagt.
Es riecht hier nach Kaffee, Red Bull und verlorener Zeit. Von nobler Casino-Atmosphäre in Smoking und mit Markenchampagner, ganz wie bei James Bond, ist hier wenig zu spüren.
Laut Gesundheit Österreich zeigen mittlerweile rund 300.000 Menschen in Österreich ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten. Zumindest beim Glücksspiel will die Bundesregierung mit einer Reform des Glücksspielgesetzes den Spielerschutz verbessern. Herzstück ist ein bundesweites, betreiber- und spielartenübergreifendes Sperrregister: Die Spieler:innen können sich künftig selbst sperren oder von Anbietern gesperrt werden – allerdings nur für klassisches Glücksspiel wie Online-Casinos, Spielbanken und Automaten. Sportwetten bleiben von der Neuregelung ausgenommen, weil sie in Österreich rechtlich weiterhin als Geschicklichkeits- und nicht als Glücksspiel gelten. Kein Glücksspiel, kein Problem, meint der Gesetzgeber.
Pause nach 90 Minuten
Erstmals werden außerdem verbindliche Einzahlungslimits eingeführt, ebenso ein zentrales Limitregister, das diese Grenzen anbieterübergreifend überwachen soll. Bei Online-Slots und Glücksspielautomaten wird die Spielgeschwindigkeit halbiert, der Höchsteinsatz auf fünf Euro reduziert und nach 90 Minuten eine verpflichtende Spielpause (Cooling-off) eingeführt.
Aber mehr Spielerschutz hat einen politischen Preis. Denn gleichzeitig öffnet die Regierung auf Wunsch von NEOS und ÖVP den gigantischen Markt der Online-Casinos. Bisher hatten mit Win2day nur die Österreichischen Lotterien die Möglichkeit, legal Online-Glücksspiel anzubieten. Die vielen anderen Anbieter waren illegal, was diese aber kurioserweise nicht davon abgehalten hat, sogar für ihr Geschäft zu werben. Mancher wird vielleicht noch die Radiospots von „Mr Green“ im Kopf haben. Dass dieses Angebot nicht legal war, wussten viele nicht. Kommt die Novelle wie geplant, können künftig beliebig viele Anbieter eine Konzession erhalten, wenn sie sich an die Voraussetzungen halten.
Plötzlich greift jemand Yusuf mit beiden Händen an die Schulter. „Na, bist du schon Millionär?“ Yusuf hat das Kommen von Mehmet im Eifer des Spiels gar nicht bemerkt. Sie klatschen sich mit der Hand ab, dass es kracht. Dann gehen die beiden in den Automatensalon. Hier muss sich Mehmet mit einer Karte ausweisen, um durch das Drehkreuz zu kommen. Yusuf hat hingegen seinen Fingerabdruck hinterlegt. Der wird an den Automaten gescannt. Mehmet hatte heute Zahltag und daher ein Bündel Scheine dabei. Etliche davon werden in den Wechsler gesteckt. Bald drehen sich bunte Früchte in schneller Folge auf dem Bildschirm. Noch kann man zehn Euro pro Spiel setzen, nach der Novelle werden es fünf sein. Man wird aber dennoch in einer guten Minute hundert Euro verspielen können, wenn es nicht gut läuft.
1.680 Euro jeden Monat für das Spiel?
Die geplanten Limits sind im neuen Gesetz vor allem für junge Erwachsene erstaunlich hoch angesetzt: Wer zwischen 18 und 26 Jahre alt ist, darf künftig höchstens 250 Euro pro Woche einzahlen, ältere Spieler:innen maximal 1.680 Euro pro Monat. Mit dem Limitregister soll verhindert werden, dass Spieler:innen ihre Einzahlungen einfach auf mehrere Anbieter verteilen. Hier ist ein Blick nach Deutschland hilfreich. Der Glücksspielstaatsvertrag 2021 ist strenger: Er limitiert die Einzahlungen für alle auf 1.000 Euro im Monat und den Einsatz pro Spiel auf einen Euro.
Der ehemalige Spielsüchtige Gerhard Pfeiffer ist mit den neuen Limits unglücklich. Er kennt die Abwärtsspirale aus leidvoller Erfahrung. Der Grazer verlor über Jahre die Kontrolle über das Automatenspiel, häufte Schulden an, griff schließlich sogar in die Kasse seines Arbeitgebers. Im Juli 2012 wollte er seinem Leben ein Ende setzen. Er entschied sich im letzten Moment für einen anderen Weg, machte Therapie und unterstützt heute als Leiter einer Online-Selbsthilfegruppe andere Betroffene. Umso deutlicher fällt seine Kritik an der Reform aus. In seiner Stellungnahme bezeichnet die Selbsthilfegruppe die geplanten Einzahlungslimits als „viel zu hoch“. Aus Sicht ehemaliger Spielsüchtiger würden solche Beträge problematisches Spielverhalten kaum bremsen. Spielen weit über die eigenen Verhältnisse sei für junge Erwachsene so nahezu vorprogrammiert.
Wenige mit dem Gesetz zufrieden
Kaum jemand ist mit dem Entwurf wirklich zufrieden. Den Anbietern wie Admiral geht das alles zu weit. Zwar begrüßt das Unternehmen die Öffnung des Online-Marktes und die geplante Bekämpfung der dann noch verbliebenen illegalen Anbieter durch Netz- und Zahlungssperren. Gleichzeitig warnt man aber, dass zu strenge Spielerschutzauflagen den legalen Markt schwächen könnten. Wer legale Angebote zu stark einschränke, treibe Spieler:innen wieder zu unregulierten Online-Anbietern, bei denen es überhaupt keinen Spielerschutz gebe.
Bei den Lotterien sieht man nicht ein, wieso Unternehmen, die jahrelang das österreichische Glücksspielmonopol ignoriert und ohne Konzession Geschäfte gemacht haben, nun mit einer Lizenz belohnt werden sollen. Der Konzern spricht von einem faktischen „Generalpardon“ für bisher illegale Anbieter. Wer sich über Jahre an die geltenden Regeln gehalten habe, dürfe dadurch keinen Wettbewerbsnachteil erleiden. Aber: Bevor eine Konzession vergeben wird, müssten offene Abgabenschulden und rechtskräftige Forderungen geschädigter Spieler:innen vollständig beglichen sein – so sieht es die Novelle vor.
Izabela Horodecki, Leiterin der Wiener Spielsuchthilfe, warnt davor, dass die Reform ausgerechnet jene Menschen im Regen stehen lasse, die bereits spielsüchtig sind. „Mehr als 90 Prozent unserer Klientinnen und Klienten sind bereits glücksspielabhängig. Diese Menschen benötigen Behandlung, Schuldenregulierung und Therapie“, sagt die Psychotherapeutin. Während der Gesetzentwurf zahlreiche neue Präventionsmaßnahmen vorsieht, bleibe eine zentrale Frage unbeantwortet: Wer finanziert die Beratungs- und Behandlungseinrichtungen, wenn durch einen größeren legalen Online-Markt künftig noch mehr Menschen Hilfe benötigen? Schon heute sei die Finanzierung unabhängiger Suchthilfe „völlig unzureichend“. Wer bereits abhängig sei, brauche rasch erreichbare und dauerhaft abgesicherte Hilfe – und genau dafür fehle es an einer nachhaltigen Finanzierung.
Ein Raum wie ein Backroom
Dank einer Übergangsfrist wird sich für die „Generation Jackpot“ hier auch so bald nichts ändern. Erst 2032 kommen geringere Einsätze, verpflichtende Spielpausen und das Sperrregister. Ob das genügt, darüber streiten Politik, Suchtexpert:innen und Glücksspielbranche.
Zurück im Automatensalon ist es längst Abend. Draußen wird es dunkel, drinnen merkt man davon nichts. Es gibt keine Fenster, keine Uhr, nur das Licht der Bildschirme und das monotone Klicken der Start-Tasten. Dafür gibt es kostenlose Getränke. Sonst müsste am Ende jemand rausgehen. Mehmet steckt noch einen Fünfziger in den Automaten. Kirschen, Glocken, goldene Siebenen. Yusuf hat Glück: Ein Feature zahlt 40 Euro. Niemand blickt auf. Jeder verfolgt sein eigenes Spiel. Yusuf lächelt kurz – und drückt auf den Startknopf.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Dr. Izabela Horodecki, Leiterin der Wiener Spielsuchthilfe
- Iris Ledoldis, MA, BA, Sozialarbeiterin und Expertin für Spielsucht
- Gerhard Pfeiffer, Online Selbsthilfegruppe „gemeinsam Spielfrei“, ehemaliger Spielsüchtiger
- Mag. Sigrid Rosenberger, Sprecherin des Finanzministers
- Spieler:innen und ehemalige Spielsüchtige (anonym)
- Mitarbeiter:innen von Glücksspielanbietern (anonym)
- Yusuf und Mehmet (Namen von der Redaktion geändert)
Daten und Fakten
- Rund 300.000 Menschen in Österreich zeigen problematisches oder pathologisches Suchtverhalten im Bereich Glücksspiel und Sportwetten (laut GÖG).
- Rund 50 Prozent der Bevölkerung nehmen zumindest einmal jährlich an Glücksspiel oder Sportwetten teil.
- Rund 40 Prozent spielen mindestens einmal pro Monat.
- Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen.
- Jugendliche und junge Erwachsene gelten als wichtigste Risikogruppe, insbesondere beim Online-Glücksspiel.
- Unter 14- bis 17-jährigen Schüler:innen hat rund jede:r Zehnte bereits Glücksspielerfahrung. Männliche Jugendliche berichten davon viermal so häufig wie Mädchen; Jugendliche an Polytechnischen Schulen und Berufsschulen fast doppelt so häufig wie Jugendliche anderer Schultypen.
- Diese Reportage entstand im Rahmen eines Recherchestipendiums der Literar Mechana. Bernhard Baumgartner recherchierte über mehrere Monate in Glücksspiellokalen und führte zahlreiche Gespräche mit Betroffenen, Suchtexpert:innen und Vertreter:innen der Glücksspielbranche.
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