PodcastFrüher bot das Kloster Frauen Bildung, Schutz und Möglichkeiten zur Selbstbestimmung. Heute ist vieles davon auch außerhalb der Kirche selbstverständlich – und darüber hinaus hat die katholische Kirche bei Frauenrechten Aufholbedarf.
Wenn man an das Klosterleben denkt, hat man wahrscheinlich zuallererst Entbehrungen und Zwänge wie Enthaltsamkeit und Gehorsam vor Augen. Was viele nicht wissen: Bis weit in die Neuzeit war ein Ordenseintritt für viele Frauen ein Mittel, sich zu emanzipieren.
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Denn durch die wirtschaftliche Sicherheit der Kirche konnten sie sich intensiv mit Wissenschaft und Kunst beschäftigen. Ihnen wurden Latein als damalige Wissenschaftssprache, Redekunst und Logik beigebracht. Zusätzlich gab es mit Zahlenlehre, Geometrie, Musik und Astronomie einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Schwerpunkt in ihrer Ausbildung.
Die umfassende Bildung haben aber meist nur Frauen adeliger oder wohlhabender bürgerlicher Herkunft genossen. Konnte man die sogenannte Mitgift bezahlen, zählte man zu den Chorfrauen. Da diese das offizielle Stundengebet auf Latein hielten und Führungspositionen übernahmen, musste ihnen die entsprechende Bildung zuteilwerden. Frauen aus weniger wohlhabenden Familien wurden als Laienschwestern eingesetzt und verrichteten hauptsächlich einfachere Arbeiten, etwa auf dem Feld oder in der Küche.
Soziale Ungleichheit gab es also auch in der geistlichen Gemeinschaft. Dennoch konnte man im Schutz der Klostermauern Zwangsehen und männlicher Bevormundung entgehen. Frauenklöster sind bis heute autonome Institutionen, die dementsprechend von Frauen geleitet werden. Ob es um die Verwaltung von Ländereien geht oder um die Lebensweise im Kloster: Männer haben da nicht viel mitzureden.
Die Vorreiterrolle
Im Kloster konnten Frauen also teilweise mehr Rechte genießen als in der weltlichen Gesellschaft. „Der Mann hat bis in die 1970er-Jahre zustimmen müssen, wenn seine Ehefrau berufstätig werden wollte. Für Frauen war der Ordenseintritt ein Befreiungsschlag“, sagt Theologe Paul Zulehner.
Ordensfrauen hingegen konnten als Krankenpflegerinnen, Sozialarbeiterinnen und Lehrerinnen arbeiten. In diesem Fall hatte die Kirche eine gewisse Vorreiterrolle bei der Emanzipation, die außerhalb der Klostermauern erst später ankam.
Für Frauen war der Ordenseintritt ein Befreiungsschlag.Pastoraltheologe Paul Zulehner
„Ich glaube, dass es in der Vergangenheit weitgehend die Leistung der Orden war, gute Bildungsarbeit und Gesundheitsversorgung zu machen. Damit haben die Orden die Gesellschaft in unseren mitteleuropäischen Wohlfahrtsstaaten nachhaltig gestaltet, bis heute“, sagt Christine Rod, Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz.
Die Kirche eröffnete damit Frauen früher schon Wege, sich zu emanzipieren, die heute fast selbstverständlich sind. Mittlerweile haben die Orden ihre Emanzipationsfunktion als Alleinstellungsmerkmal weitgehend eingebüßt. Zudem ist das Klosterleben ein über tausend Jahre altes Konzept, das im 21. Jahrhundert für viele überholt sein dürfte.
Der Nachwuchsmangel
Und das spiegelt sich auch in den Zahlen der römisch-katholischen Kirchen wider. Gab es im Jahr 2005 noch rund 5.000 Frauen im Ordensleben in Österreich, hat sich diese Zahl bis 2024 auf etwa 2.600 fast halbiert. Der Hauptgrund dafür ist die zunehmende Überalterung.
Die meisten Ordensfrauen sind über 75 Jahre alt und immer weniger junge Menschen kommen nach. „Mit solchen Entwicklungen gehen ja immer auch gesellschaftliche Entwicklungen einher. Ich muss zum Beispiel als Frau in keinen Orden mehr eintreten, wenn ich studieren oder eine gute Ausbildung machen will“, sagt Rod.
Heutzutage müssen Frauen kein Gelübde mehr ablegen und enthaltsam leben, um sich bilden und arbeiten zu können. Wenn man sich die Hierarchie der Kirche anschaut, lässt sich sogar argumentieren, dass sie diesbezüglich von der weltlichen Gesellschaft überholt wurde.
Der Papst, der Bischof, der Priester
Vom Papstamt bis zum Diakonat: Von vielen Ämtern in der katholischen Kirche sind Frauen ausgeschlossen. Auf Nachfrage räumt Rod ein, dass die Kirche nach wie vor patriarchal geprägt ist. Dennoch befindet sich die Kirche auch dahingehend im Wandel. Zum Beispiel ist erstmals eine Frau als Vorsitzende der gemeinsamen Österreichischen Ordenskonferenz für Frauen und Männer eingesetzt.
„Unser neuer Erzbischof hat drei Frauen in den Bischofsrat geholt, weil er gesagt hat: ‚Ich kann jetzt auch nicht von heute auf morgen die Frauenfrage in der Kirche lösen, aber ich möchte Frauen in ihrer Leitungsfähigkeit und Einschätzungsfähigkeit ernst nehmen‘“, sagt Rod, die eine dieser drei Frauen ist.
Unser neuer Erzbischof hat drei Frauen in den Bischofsrat geholt.Ordensfrau Christine Rod
Die Frauenfrage wurde erst kürzlich wieder im Vatikan aufgegriffen, wie ein 2025 veröffentlichter Bericht zeigt. Eine Kommission wurde eingesetzt, um zu prüfen, ob Frauen künftig das Weihesakrament empfangen dürfen. Ohne das Weihesakrament darf man bestimmte rituelle Handlungen und Leitungsämter in der Kirche nicht ausüben.
Die Kommission hat sich vorerst dagegen entschieden, Frauen dieses Recht zu gewähren. Während einige Mitglieder argumentierten, dass Jesus ein Mann war und daher auch nur von Männern vertreten werden sollte, verwiesen andere auf die strukturelle Benachteiligung von Frauen.
Die Tradition, die Weihe nur Männern vorzubehalten, trage nicht der sozialen Entwicklung Rechnung, „die einen gleichberechtigten Zugang beider Geschlechter zu allen institutionellen und operativen Funktionen vorsieht“, wird im Kommissionsbericht festgehalten.
Frauen vernetzen sich
Die Thematik wird auch immer wieder bei „Frauen.Führen.Kirche“ aufgegriffen. Das Netzwerk bringt Frauen in kirchlichen Führungspositionen zusammen und setzt sich für Chancengleichheit von Frauen und Männern in Gesellschaft und Kirche ein. Rod gehört dem Netzwerk an.
Auch Zulehner ist der Meinung, dass Frauen längst das Weihesakrament empfangen können sollten. Gleichzeitig betont er, dass sich diesbezüglich auch einiges tut: „Die Kirche befindet sich im Wandel. Sie rückt zunehmend von den patriarchalen Strukturen ab, angetrieben durch sehr kämpferische Frauen.“
Die Kirche befindet sich im Wandel.Paul Zulehner
Er verweist auf die „feministische Theologie“, eine theologische Richtung, die in den späten 1960er-Jahren aus der Frauenbewegung in den USA entstanden und in den 1980er-Jahren in Österreich angekommen ist.
Die katholische Kirche ist also keinesfalls ein starres Konstrukt, das immer noch so agiert wie im vergangenen Jahrhundert. Sie gehört zu den ältesten durchgehend existierenden Institutionen der westlichen Welt. Um zu bestehen, war sie gezwungen, sich zu wandeln.
Die Not der Zeit erfüllen
Es stellt sich also die Frage, ob es Orden in dieser großen Zahl überhaupt noch braucht. Aktuell gibt es 105 Frauenorden und 87 Männerorden in Österreich. Völlig aussterben werden sie nicht, glaubt Rod: „Es wird die Orden weiterhin geben. Aber kleiner, anders. Und ich nehme da ganz viel Bedauern vor allem von außen wahr. Da ist auch viel Nostalgie dabei.“
Die Arbeitsfelder der Orden waren so vielfältig wie die Nöte ihrer Zeit. Zum Beispiel führten die Ordensfrauen Kindergärten sowie Tagesheimstätten für Kinder aus Arbeiterfamilien, die sonst unbetreut geblieben wären. In Kriegszeiten leisteten sie Pflegedienste in Lazaretten.
Aber wir stellen uns nicht auf die Straßen und verkünden großartig.Christine Rod
Und bis heute tragen die Orden zur sozialen Infrastruktur bei. Jedes fünfte Spitalsbett in Österreich steht in einem Ordensspital. Abseits davon betreiben sie 184 Schulen und mehrere Pflegeeinrichtungen. Dennoch müsse man sich überlegen, welche Angebote heute noch gebraucht werden.
Eine spannende Initiative ist für Rod das „Quartier 16“ der Franziskanerinnen in Vöcklabruck. Dabei handelt es sich um ein Haus für Frauen in Notsituationen. Mit fünf Zimmern bietet es betroffenen Frauen befristete Wohnmöglichkeiten. Zudem werden die Bewohnerinnen von drei Sozialarbeiterinnen betreut.
Die Orden wollen durch ihre Lebensweise überzeugen – nicht durch große Rekrutierungskampagnen. „In der Bibel heißt es: ‚Gebt jedem, der euch fragt, Rede und Antwort über die Hoffnung, die in euch lebt.‘ Also, wo Menschen fragen, geben wir Rede und Antwort“, sagt Rod. „Aber wir stellen uns nicht auf die Straßen und verkünden großartig.“
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Christine Rod ist im Jahr 2000 in die Ordensgemeinschaft der Missionarinnen Christi eingetreten. Sie war damals 41 Jahre alt. Seit 4. Mai 2020 übt sie die Funktion der Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz aus. Die Generalsekretärin ist verantwortlich für Kontakte und Kooperationen sowie für die inhaltliche Ausrichtung der Österreichischen Ordenskonferenz.
- Paul Zulehner ist Theologe und katholischer Priester. Bis 2008 war er Professor für Pastoraltheologie an der Universität Wien.
Fakten:
Ordensfrauen legen ein Gelübde gegenüber Gott ab und leben in einer Gemeinschaft. Dabei kann man zwischen Nonnen und Schwestern unterscheiden. Nonnen leben und arbeiten innerhalb ihres Klosters. Ordensschwestern sind stärker außerhalb der Klostermauern tätig, meist für Menschen, die dringend Hilfe benötigen.
Quellen:
Das Thema in der WZ:
Das Thema in anderen Medien:
- Vatican News: Päpstliche Kommission hält Tür zur Frauenweihe offen
- Feinschwarz: Mut zur Frauenordination. Sind die Zweifel des kirchlichen Lehramtes an seiner Zuständigkeit berechtigt?
- ORF: Die „unerhörten“ Nonnen des Mittelalters
- Ordensgemeinschaft Österreich: Künstlerinnen im Ordenskleid
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