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Was hat der „Hot Girl Summer“ mit Rechtsextremismus zu tun?

7 Min
Die „Neue Rechte“ betreibt in den sozialen Medien popkulturelle Aneignung.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

In den sozialen Medien bekommt man in linker Ästhetik häppchenweise rechtsextremes Gedankengut serviert. Dahinter steckt eine Strategie.


    • Rechtsextreme nutzen gezielt popkulturelle und linke Ästhetik, um ihre Ideologie modern und anschlussfähig zu inszenieren.
    • Begriffe und Protestformen werden umgedeutet, um rechte Narrative in den Mainstream zu bringen und Minderheiten zu diskreditieren.
    • Mittlerweile versuchen progressive Akteur:innen ihre Methoden zurückzugewinnen.
    • Die extreme Rechte hat sich indirekt am Begriff „Hot Girl Summer“ bedient.
    • Die "Neue Rechte" nutzt seit den 2010ern moderne Popkultur-Strategien.
    • Die ursprüngliche Skinhead-Bewegung solidarisierte sich mit Migranten.
    • Rechtsextreme verpacken Rassismus in neuem Gewand. Sie sprechen heute von „Kulturen“ statt „Rassen“.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Food-Blogger, Beauty-Influencer und Lifestyle-Creator: Erkennt der Algorithmus von Instagram und Co., dass man auf politisch rechte Narrative anspringt, unterscheiden sich die Formate kaum von anderen Bubbles. Nach und nach gleitet man so in eine Parallelwelt ab, in der in frecher, jugendlicher Manier ein Weltbild vermittelt wird, das seit Jahrzehnten besteht.

Neben Beiträgen, wie man am besten Steak zubereitet, finden sich auf einmal Wandervideos in „Talahon-freien Zonen“. Die Geschichten aus dem Fantasy-Epos „Der Herr der Ringe“ werden als Analogie missbraucht, sich von äußeren Einflüssen abzukapseln, was nur durch militante Grenzüberwachung gelingen soll. Zum Techno-Track von „Klangkuenstler“ ist ein Zusammenschnitt von Demonstrant:innen zu sehen, die die Forderung „Millions must leave“ auf einem Banner vor sich hertragen.

Und das ist kein Zufall. Das Konzept nennt sich popkulturelle Aneignung. „Das war schon vor mehreren Jahren gerade auf Social Media ein erklärtes Ziel: vermeintlich Alltägliches mit dem Hochideologischen zu verbinden“, sagt Medienethiker Luis Paulitsch von der DATUM-Stiftung.

Ein Mann mit blonden Haaren trägt einen blauen Anzug und schwarzen Rollkragenpullover, vor einem hellen Hintergrund.
Luis Paulitsch ist Jurist, Zeithistoriker und Medienethiker.
© Thomas Dalby

Dass sich rechtsextreme Akteur:innen linke Ästhetik aneignen, lässt sich am Beispiel des „White Boy Summer“ beschreiben. Dabei hat sich die extreme Rechte indirekt am Ausdruck „Hot Girl Summer“ bedient. Ein Begriff, den die US-Rapperin Megan Thee Stallion im Jahr 2019 populär machte.

Vom Hot Girl zum White Boy

Auf der Social-Media-Plattform X erklärt die Musikerin: „Ein Hot Girl zu sein, bedeutet, ohne Entschuldigung ganz DU selbst zu sein, Spaß zu haben, selbstbewusst zu sein, DEINE Wahrheit zu leben, der Mittelpunkt jeder Party zu sein und so weiter.“ Der dazugehörige Hashtag wurde millionenfach genutzt, hauptsächlich um Body Positivity und feministische Selbstbestimmung zu zelebrieren.

Ein Hot Girl zu sein, bedeutet, ohne Entschuldigung ganz DU selbst zu sein
Megan Thee Stallion

Später parodierte Chet Hanks, Sohn des US-Schauspielers Tom Hanks, den Song unter dem Titel „White Boy Summer“. Mit rechtsextremem Gedankengut hatte das noch wenig zu tun. Im dazugehörigen Musikvideo posierte Hanks mit einer Jamaika-Flagge und mehreren People of Color. Dennoch haben Rechtsextremist:innen den Slogan als Kampfbegriff für sich entdeckt. Hanks hat sich auf Instagram öffentlich distanziert:

„Der ‚White Boy Summer‘ wurde ins Leben gerufen, um Spaß zu haben, verspielt zu sein und ein Fest für flye, weiße Jungs, die schöne Queens jeglicher Herkunft lieben. Alles andere, wozu es verdreht wurde, um irgendeine Art von Hass oder Fanatismus gegen irgendeine Gruppe von Menschen zu unterstützen, ist bedauerlich und ich verurteile es.“

Hierzulande bewarb die Identitäre Bewegung ihre später verbotene Sommer-Demonstration unter dem Slogan. Und so hat sich „Ohne Entschuldigung ganz DU selbst zu sein“ zu rassistisch zu sein, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen entwickelt. „Man nimmt ein Wort, das im kollektiven Gedächtnis eigentlich positiv besetzt ist, gerade im jugendlichen Milieu, und verknüpft es mit einer rechtsextremen Erzählung“, erläutert Paulitsch.

Und so wird aus dem „Pride Month“ der „Stolz-Monat“, aus „Feminismus“ ein „Maskulinismus“ und eben aus dem „Hot Girl Summer“ ein „White Boy Summer“. An den umgedeuteten Slogans zeigt sich die Vorstellung, dass „die da oben“ weiße Männer nach und nach dazu bringen wollen, sich für ihre Herkunft und ihr Geschlecht zu schämen.

„Beim ‚White Boy Summer‘ geht es um eine bestimmte Art von Männlichkeit, die propagiert wird. Und dann sagt man den weißen Jungs, dass sie stolz dafür sein können, woher sie kommen und wer sie sind“, sagt Bianca Kämpf, Rechtsextremismusforscherin beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW). „Aber niemand hat behauptet, dass sie das nicht dürfen.“

Frau mit Brille und schwarzen Rollkragenpullover, verschränkte Arme, vor weißem Hintergrund.
Bianca Kämpf ist Rechtsextremismusforscherin am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW).
© DÖW, Daniel Shaked

Man bedient sich auch hier einer Problematik, mit der hauptsächlich Minderheiten zu kämpfen haben. Durch eine Täter-Opfer-Umkehr wollen Rechtsextreme den Anschein erwecken, dass sie sich nur wehren, um nicht unterdrückt zu werden. So versucht man dann, das eigene unterdrückerische Verhalten gegenüber tatsächlichen Minderheiten zu rechtfertigen.

Im Rechten nichts Neues

Dass Rechtsextreme sich progressiver Praktiken bedienen, ist allerdings nichts Neues. „Das ist eine bewusste Strategie. Es ist offenkundig, dass man gewisse Formen der Linken gerade eben im Bereich von Protestaktionen und Popkultur übernimmt, um sogenannte Metapolitik zu betreiben“, sagt Medienethiker Paulitsch.

Schon im Nationalsozialismus hat man sich an der Bildsprache und am Auftreten der sozialistischen Arbeiterpartei orientiert. Später bediente man sich der Rock’n’Roll-Szene, deren musikalische Wurzeln in der Black Community liegen.

Man übernimmt gewisse Formen der Linken, um sogenannte Metapolitik zu betreiben.
Luis Paulitsch (DATUM-Stiftung)

Auch die Skinhead-Bewegung wurde von der extremen Rechten okkupiert. Der neonazistische Stereotyp mit Glatze und Springerstiefeln stammt eigentlich aus einer bürgerlichen Jugendbewegung aus Großbritannien. Die ursprünglichen Skinheads solidarisierten sich in den 1960er-Jahren mit jamaikanischen Einwanderern.

Als die Szene ab den 1980er-Jahren Österreich erreichte, war sie bereits von rechtsextremer Ideologie unterwandert. Und so prägten die Skinheads die „Baseballschläger-Jahre“ in den 1990ern, die, wie der Name bereits vermuten lässt, von physischer Gewalt gegen Minderheiten geprägt waren.

Das Makeover

Ab den 2010er-Jahren entwickelte sich eine neue Form des Rechtsextremismus: die „Neue Rechte“, hierzulande verkörpert durch die Identitäre Bewegung Österreich. Diese habe „den Rechtsextremismus modernisiert“, erklärt Kämpf. „Vor allem im Auftreten. Sie arbeiten mit den Farben Schwarz und Gelb und dem Lambda-Symbol. Das mussten sie einmal ändern, aber dennoch haben sie den Wiedererkennungswert behalten. So versuchen sie, aus ihrer Organisation eine Marke zu machen.“ Ob das wirklich aufgehen wird, bleibe abzuwarten.

Anstatt die Demokratie durch eine gewaltsame Revolution zu demontieren, nutzt man ihre Mechaniken aus, um sie von innen auszuhöhlen. „Man hat mit den Strategien der sogenannten alten Rechten gebrochen, besonders was das Auftreten betrifft. Man hat sich zum Beispiel nicht mehr offen zum Nationalsozialismus bekannt und stärker auf ein bürgerlich-angepasstes Auftreten gesetzt“, sagt Paulitsch.

Akteur:innen der „Neuen Rechten“ verzichten also auf die bedrohlich wirkende Skinhead-Ästhetik und kleiden sich aktuellen Modetrends entsprechend. Man will modern sein, und das sieht man auch in den sozialen Medien. Durch Memes und Filmreferenzen konnte man das Sagbare erweitern und Begriffe wie „Remigration“ oder „Genderwahn“ in den bürgerlichen Mainstream bringen.

Man spricht nicht mehr von Rassen, sondern von Kulturen.
Bianca Kämpf (DÖW)

Dafür hat sich die „Neue Rechte“ auch sprachlich angepasst. „Man spricht nicht mehr von Rassen, sondern von Kulturen. Das ist der Kern der ‚Neuen Rechten‘: neue Verpackungen für alte Inhalte finden“, sagt Kämpf. Gleiches gilt beim rechtsextremen Kampfbegriff „Remigration“. Ein zuvor neutraler wissenschaftlicher Terminus dient derzeit als Umschreibung für massenhafte Deportation.

Und auch linke Protestformen werden kopiert. Man stört Lesungen an den Universitäten, hisst Banner an öffentlichen Orten und organisiert Flashmobs. „Die Identitären haben sogar Besetzungen gefaked. In Wahrheit haben sie nur ein Banner von Gebäuden hinuntergelassen, alles schnell zur Inszenierung im Internet fotografiert und sind dann wieder abgezogen“, sagt Kämpf.

Zudem hat man sich darum bemüht, Frauen für sich zu gewinnen, um diese als „Frontfrauen“ bei Protestaktionen in der vordersten Reihe zu platzieren. „Der Versuch, die Bewegung geschlechtermäßig diverser zu machen, ist zumindest auf der Straße bislang nicht gelungen“, sagt Paulitsch. Anders sei es im Internet. Dort konnten sich viele Influencerinnen etablieren, die im Sinne der „Neuen Rechten“ das Weltbild ihrer Follower:innen prägen.

Den Kopierer kopieren

Nach Jahrzehnten des Kopiert-Werdens dreht nun die Linke den Spieß um. Das ist unter anderem an der Kleidungsmarke Fred Perry zu beobachten. Polo-Hemden und T-Shirts mit aufgesticktem Lorbeerkranz und Streifen an den Ärmeln galten lange fast als Uniform der Identitären Bewegung. Mittlerweile treten linke Akteur:innen bewusst in der Markenkleidung aus London auf.

Dies sei aber nur ein kleines Fallbeispiel einer Herangehensweise von größerer Dimension, meint Paulitsch. Der YouTuber „Marcant“ besucht AfD- und Identitären-Demos, um mit den Teilnehmer:innen über deren Weltbild zu reden, wobei er sie durch faktenbasierte Argumentation bloßstellen will.

Diese Vorgehensweise kannte man lange Zeit hauptsächlich von rechten YouTubern: Linke Demos wurden aufgesucht, um deren Teilnehmer:innen vorzuführen. Laut Paulitsch erkennt man an „Marcants“ Bildsprache auf YouTube, dass er sich dieser Ästhetik geschickt bedient und so gewisse Methoden der extremen Rechten unterschwellig übernimmt.

Paulitsch ortet eine neue Phase im Kampf um die gesellschaftliche Deutungshoheit: „Wir kommen jetzt wohl in ein Jahrzehnt, in dem progressive Menschen die oppositionellen Gegenspieler sein werden, die nicht nur etwas verteidigen, sondern sich auch gewisse Dinge zurückholen. Also eher offensiv sein müssen.“


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Luis Paulitsch ist Jurist, Zeithistoriker und Medienethiker. Seit 2024 arbeitet er als Head of Operations bei der DATUM STIFTUNG für Journalismus und Demokratie, davor war er langjähriger Referent des Österreichischen Presserats.
  • Bianca Kämpf ist beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) für Forschung, Monitoring und Dokumentation im Arbeitsbereich Rechtsextremismus zuständig. Abseits davon engagiert sie sich in Bildungsangeboten für Jugendliche und Erwachsene zu Rechtsextremismus, Antisemitismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Fakten

Metapolitik ist der Versuch, nicht direkt politische Macht zu gewinnen, sondern zuerst die Ideen, Werte und Vorstellungen einer Gesellschaft zu verändern.

Progressiv bedeutet fortschrittlich. Gesellschaftliche Verhältnisse sollen weiterentwickelt werden, mit dem Ziel von mehr Gleichberechtigung, individuellen Freiheiten oder gesellschaftlicher Teilhabe.

Quellen

Das Thema in der WZ:

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