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Der Mensch ist anfällig für Verschwörungserzählungen. Welche psychologischen Effekte dafür verantwortlich sind und wie wir uns gegen Verschwörungen wappnen können, erklärt die Sozialpsychologin Pia Lamberty.
Schwör, wer ist noch nie auf einen Verschwörungsmythos reingefallen? Für einen kurzen Moment hat wohl jeder schon einmal an den vermeintlichen Tod von Popstar Avril Lavigne geglaubt. Oder daran, dass hinter den tödlichen Anschlägen vom 9. September 2001 in den USA noch mehr stecken muss als islamistische Terroristen. Auch im Zusammenhang mit Corona-Pandemie, Klimakrise und Kriegen spülen uns undurchsichtige Algorithmen unzählige Behauptungen in den Feed. Nicht alles davon ist wahr – und trotzdem springt unser inneres Algokind (Algorithmus-Kind) darauf an. Eine:r von fünf Österreicher:innen neigt dazu, Verschwörungsmythen zu glauben. Aber warum ist das so?
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Im menschlichen Gehirn verstecken sich eine Landstraße und eine Autobahn. Was wie eine neue Verschwörungserzählung klingt, ist die psychologische Erklärung für die Verbreitung von Verschwörungsmythen. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty warnt: „Vor allem, wenn wir keine Zeit oder Motivation haben, uns im Detail mit Problemen auseinanderzusetzen, haben wir alle Schwachstellen.“ Unser Gehirn bevorzugt in solchen Fällen eher die Autobahn: „Auf der Landstraße fahren wir langsam, können uns alles in Ruhe anschauen und Informationen verarbeiten.“ Das kostet allerdings Zeit. „Wenn wir schnell von A nach B kommen wollen, nehmen wir die Autobahn.“
Dieser Prozess wird durch verschiedene psychologische Effekte beeinflusst. Manche dieser Effekte können in Stresssituationen zwar überlebensnotwendig sein, machen uns aber auch fehleranfälliger. Lamberty, die seit über zehn Jahren zu Verschwörungserzählungen forscht und das deutsche Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) mitgegründet hat, weiß, wie man sich am besten gegen Verschwörungsmythen und falsche Informationen wappnen kann.
Ist diese Information durch Fakten geklärt?Pia Lamberty
Negativitätsverzerrung
Der menschliche Überlebensinstinkt spielt dabei eine wichtige Rolle. Da das Gehirn aufs Überleben programmiert ist, reagiert es stärker auf Informationen, die eine Bedrohung darstellen könnten. Sozialpsychologin Pia Lamberty stellt folgenden Vergleich an: „Die Prüfung, durch die ich falle, ist bedrohlicher als der Geburtstagskuchen, den ich bekomme.“ Dieser Effekt mache uns besonders anfällig für Verschwörungsmythen, die häufig mit negativen Emotionen arbeiten: „Die Dinge, die viral gehen, sind selten die schönen Geschichten über Hundebabys, sondern die Skandale, wenn irgendwas Schlimmes passiert ist.“
Tipp der Expertin: „Lasse ich mich gerade stark durch meine Gefühle leiten oder ist diese Information durch Fakten geklärt? Ist da irgendjemand, der ein Interesse daran hat, mit meinen Gefühlen zu spielen und sie zu verstärken?“
Bestätigungsfehler
Wir neigen dazu, eher nach Informationen zu suchen, die unsere eigene Meinung bestätigen. Das kann dazu führen, dass wir bereits bei der Recherche filtern und uns unbewusst durch unsere Überzeugungen, Erfahrungen und Gefühle beeinflussen lassen. „Wenn neue Informationen nicht zu unserer Meinung oder unserer politischen Haltung passen, sagen wir schneller: Nein, das stimmt nicht“, fasst Lamberty zusammen. Das spare zwar Energie, mache aber anfälliger für falsche Informationen und Verschwörungsmythen.
Tipp: „Man kann sich einmal pro Woche ein Thema aussuchen, zu dem man eine ganz klare Meinung hat. Dann gilt es herauszufinden, wo man vielleicht falsch liegt oder wozu es offene Fragen gibt. Wenn man nach Informationen sucht, sollte man sich generell immer fragen: War ich da jetzt eigentlich neutral oder habe ich einfach nur versucht, eine Bestätigung für meine Meinung zu bekommen? Was sagen andere Leute außerhalb meiner Bubble zu diesem Thema?“
Illusorische Korrelation
Wenn der Mensch glaubt, einen Zusammenhang zwischen zwei Aktionen zu erkennen, spricht man von einer „illusorischen Korrelation“. Dieser Effekt tritt vor allem in Situationen ein, in denen der Mensch eine Entwicklung nicht selbständig kontrollieren kann, wie Lamberty erklärt: „Die Psyche versucht dann für diesen Kontrollverlust einen Ersatzweg zu finden und sieht überall Muster, wo keine sind.“ Zum Beispiel klopfen manche Menschen auf Holz damit ihnen nichts Schlimmes zustößt.
Tipp: „Einen Schritt zurückmachen und überlegen: Kann A wirklich zu B führen? Und zwar so klar und so wenig emotional wie möglich.“
Je häufiger wir eine Botschaft sehen, desto glaubwürdiger bewerten wir sie.Pia Lamberty
Mere-Exposure-Effekt
Sinngemäß übersetzt handelt es sich hier um den „Effekt des bloßen Kontakts“. Die Sozialpsychologin bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Je häufiger wir eine Botschaft sehen, desto positiver oder glaubwürdiger bewerten wir sie.“ Als Beispiel nennt Lamberty die vermeintliche Sichtung einer Löwin in einem Waldstück in der Nähe von Berlin im Jahr 2023. Die Nachricht über die Löwin, die keine Löwin war, verbreitete sich schnell und versetzte die deutsche Hauptstadt für einige Tage in Aufruhr. Das Tier entpuppte sich schlussendlich als Wildschwein. Auch in der Werbung spielt dieser Mechanismus eine wichtige Rolle.
Tipp: „Sich mit dem eigenen Umfeld auseinandersetzen – mit wem umgebe ich mich und welche Meinungen haben diese Menschen? Meistens teilen wir ähnliche Ideen wie unser Umfeld. In den seltensten Fällen bilden die Menschen um uns den Querschnitt der Bevölkerung ab. Geht es um Werbung, sollte man sich auch fragen, ob zum Beispiel eine Creme wirklich so toll ist wie ihr Ruf oder ob mit dem Verkauf der Creme einfach jemand Geld machen möchte.“
Verhältnismäßigkeitsverzerrung
Dieser Effekt zeigt sich häufig bei einschneidenden Ereignissen von besonders verheerendem Ausmaß, zum Beispiel bei Terroranschlägen. Je größer die Katastrophe oder je bekannter die verunglückte Person, desto eher „neigen wir als Menschen zur Annahme, dass da mehr dahinterstecken muss“ als bloßer Zufall, erklärt Expertin Pia Lamberty. Kurz nachdem solche Situationen eintreten, ist die Informationslage oft dürftig. Das liegt daran, dass Medien beim Überprüfen von „Breaking News“ Zeit benötigen. Dadurch entsteht der Expertin zufolge eine Lücke, in der gerne falsche Verschwörungserzählungen verbreitet werden.
Tipp: „Gerade dann, wenn es richtig schlimm wird, sollte man sehr vorsichtig sein, was einem präsentiert wird. In diesen Momenten werden wir oft von unseren Gefühlen überrollt. Nur weil etwas groß ist, heißt das nicht, dass das eine geheime oder bösartige Ursache haben muss.“
Wir sollten aushalten können, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben.Pia Lamberty
Bedürfnis nach einem abschließenden Urteil
Je schwieriger die Situation und je mehr Informationen auf uns einprasseln, desto stärker wird das Verlangen nach einfachen und klar strukturierten Antworten. Pia Lamberty warnt davor, in emotional überwältigenden Situationen oder unter Zeitdruck voreilig an die einfachsten Lösungen zu glauben: „Das Gehirn nimmt gerne Abkürzungen.“ Gerade Verschwörungserzählungen machen oft eine Gruppe für ein Unglück verantwortlich und bieten so leicht verständliche und strukturierte Antworten, die nicht der Realität entsprechen.
Tipp: „Die Ambiguitätstoleranz trainieren! Oder einfacher gesagt: Wir sollten aushalten können, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass man seine Moral über Bord wirft und etwa Gewalt gegen Menschen toleriert. Wir müssen uns selbst genauso kritisch bewerten wie andere Menschen.“
Um zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden zu können, ist es also entscheidend, sich selbst gut zu kennen. Für besonders wichtig hält Pia Lamberty die Fähigkeit, auch die eigenen Gefühle erkennen und einordnen zu können. Um nicht selbst zur Verbreitung von Verschwörungsmythen beizutragen, rät sie davon ab, in emotionalen Ausnahmezuständen oder unter Zeitdruck Meinungen oder Informationen im Internet zu verbreiten.
Solltest du Probleme oder Fragen zu Verschwörungsmythen haben, kannst du dich aus ganz Österreich kostenlos an die Beratungsstelle Extremismus wenden. Die Beratungsstelle ist telefonisch unter 0800 2020 44 oder per E-Mail, Facebook oder WhatsApp erreichbar und berät anonym und vertraulich.
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Infos und Quellen
Quellen
- Beratungsstelle Extremismus: Thema: Verschwörungstheorien
- Bundeszentrale für politische Bildung: Die Psychologie des Verschwörungsglaubens (Pia Lamberty, 2020)
- Scilog FWF: Europas Politik im Bann der Verschwörungen (Alois Pumhösel, 2025)
- Das frei zugängliche Online-Spiel „Bad News“ hilft zu verstehen, wie man auf Social
Media-Plattformen Reichweite generieren und eine Community aufbauen kann. Ziel des Spiels ist es, Manipulationstechniken und falsche Informationen zu erkennen.
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