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Die WKO und ihr „G’spür“ für galaktische Geschäfte

7 Min
Die WKO und das Geschäft mit dem Galaktischen und Übersinnlichen
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Adobe Stock.

Die Wirtschaftskammer vertritt die Interessen österreichischer Unternehmen – auch solcher, die für viel Geld in die Sterne schauen und Ausbildungen erfinden.


Die Welt ist aus den Fugen und die Liste möglicher Gründe lang. Trump, Krieg, Terror, Klima. Soweit die gängige Interpretation. In einem Mitgliedermagazin der Wirtschaftskammer Wien namens „G’spür“ findet sich noch eine weitere: „Saturn und Neptun gehen in das Feuerzeichen Widder und treffen dabei fast aufeinander“, erklärt darin die Berufsgruppensprecherin der gewerblichen Astrolog:innen der Wirtschaftskammer Wien. Die „Umpolung“ einiger Planeten „in extrovertierte Zeichen“ – noch dazu im Zeitalter der „Luftepoche“ – lasse große Umbrüche erahnen. „Bei der letzten Neptun-Saturn-Konjunktion passierte der Mauerfall in Berlin“.

„G’spür“ wird von der Fachgruppe „Persönliche Dienstleister“ der Wiener Wirtschaftskammer herausgegeben. Die „Persönlichen Dienstleister“ umfassen neben den Berufsgruppen der Farb- und Imageberatung oder der Tierbetreuer:innen auch Astrolog:innen, Human-, Raum- oder Tierenergetiker:innen. Letztere winken mit abenteuerlichen Angeboten, eigens ersonnenen „Ausbildungen“ und „Qualitätssiegeln“ für pseudowissenschaftliche Angebote. In offiziellen WKO-Kursen erfahren Teilnehmer:innen vom „Tierkreis und seine Entstehung“ oder den „Planeten und ihren Würden“, online informiert der Fachverband über die Geheimnisse der „Chakren“ und „Auren“ von Tieren.

Der Staat zwischen Unsinn und Gefahr

Aus dem „Grundrecht der Erwerbsfreiheit“ folgt, dass sich der Staat möglichst wenig in gewerbliche Tätigkeiten einmischen soll, erklärt Stefan Storr, Professor für Öffentliches Recht und Öffentliches Wirtschaftsrecht an der Uni Graz. Strengere Vorschriften gelten für reglementierte Gewerbe, etwa in der Gastronomie, für Baumeister:innen, Elektrotechniker:innen oder Chemiker:innen. Für sogenannte „freie Gewerbe“, etwa für Webdesigner:innen oder Fotograf:innen, gibt es weniger Regeln.

Grundsätzlich gilt: Eine Tätigkeit ist ein Gewerbe, wenn sie selbstständig, regelmäßig und mit Gewinnabsicht ausgeführt wird und nicht gegen Strafgesetze verstößt. Außerdem muss die oder der Gewerbetreibende „zuverlässig“ sein, ansonsten kann ihr oder ihm die Berechtigung entzogen werden. Salopp formuliert, müssen Produkte halten, was sie versprechen.

Auch hier gibt es Spielraum. Auf der offiziellen Liste freier Gewerbe findet sich etwa die Wahrsagerei oder die „Erstellung von Horoskopen und deren Interpretation (Astrologie)“. Da ist es mit der „Zuverlässigkeit“ so eine Sache, die Notwendigkeit strengerer staatlicher Regulierung sieht Storr dennoch nicht. Einerseits könne der Staat eine gewisse Vernunft der Bürger:innen voraussetzen, andererseits sei nicht ausgeschlossen, dass Menschen eine Wahrsagerin bloß zur Unterhaltung aufsuchen.

Der Staat schreitet ein, wenn ein Gesundheitsrisiko besteht oder es sich um Betrug handelt. Etwa, wenn ein Energetiker verspricht, Krebs heilen zu können. „Doch nur weil etwas vermeintlich Unsinn ist, ist es noch nicht gefährlich“, so Storr.

Nicht per se problematisch

Lambert Jaschke ist Weltanschauungsbeauftragter der Röm.-Kath. Kirche in Kärnten und berät Menschen und Institutionen zu problematischen religiösen Gemeinschaften, zu Fragen der Esoterik und Verschwörungstheorien. In Zeiten, in denen Ärzt:innen ihren Patient:innen oft nicht mehr als fünf Minuten einräumen, sei die Attraktivität alternativer Angebote nachvollziehbar, so Jaschke. „Ein Energetiker nimmt sich eine Stunde Zeit und hört zu, das kann wohltuend und muss nicht per se problematisch sein“. Problematisch oder gar kriminell werde es, wenn Diagnosen gestellt und Heilbehandlungen angeboten werden oder gar von etablierten, wissenschaftlich fundierten Behandlungen abgeraten werde.

Aus seiner Beratungspraxis weiß Jaschke, dass genau das immer wieder passiert. Da freie Berufe wie Astrologie und Energetik keinen Ausbildungsnachweis benötigen, „tummelt sich da sehr, sehr viel“.

Es stellt sich die Frage, wo die Grenzen zwischen Vernunft, Unterhaltung und Unsinn verlaufen – und ab wann ein Gesundheitsrisiko besteht. Selbst hochrangige Funktionär:innen aus den Reihen der „Persönlichen Dienstleister“ werben mit Formulierungen, die einem Heilsversprechen mindestens ähneln. Eine von ihnen behauptet, sie könne „helfen, Gesundheit zu bewahren“ oder mit ihren Methoden „die Selbstheilungskräfte“ stärken. Eine andere berichtet auf ihrer Website, wie sie mit „komplementären und energetischen Anwendungen“ von einer schweren Krankheit geheilt wurde.

Suche nach Halt

Anfällig für derlei Angebote seien insbesondere Menschen in „persönlichen Krisensituationen, aber eigentlich ist fast niemand davor gefeit. Das geht quer durch, unabhängig von sozialer Schicht, Einkommen oder Bildung“ und umfasst auch Mediziner:innen oder Naturwissenschaftler:innen, erklärt Jaschke. Angesichts der derzeitigen Weltlage, zahlreicher Krisen und Unsicherheiten seien pseudowissenschaftliche Angebote wieder auf dem aufsteigenden Ast. In solchen Zeiten, so Jaschke, suchen Menschen vermehrt nach Halt, nach „ganzheitlichen Erklärungen“ für eine komplex und undurchsichtig erscheinende Welt. Und nicht wenige rutschen ab, richten ihr Leben völlig nach den Sternen oder den esoterischen Angeboten und Lehren aus, brechen im Extremfall den Kontakt zu Freund:innen und Familie ab oder unterlassen eine etablierte Therapie.

Öffentlich ist die WKO darum bemüht, sich von pseudowissenschaftlichem Huschpfusch zu distanzieren und setzt auf „Qualitätsmanagement“. Auf der Website finden sich etwa Ethikrichtlinien und Standesregeln. Humanenergetiker:innen können mittels Online-Multiple-Choice Test den Zertifikatslehrgang „Berufliche Sorgfalt“ absolvieren. Für angehende Astrolog:innen bietet die WKO eine „unverbindliche Ausbildungsempfehlung“ im Umfang von mindestens 120 Unterrichtseinheiten à 50 Minuten an. Darin werden etwa „der Tierkreis und seine Entstehung“, „die Planeten und ihre Würden“ und „die Mondknotenachse“ gelehrt. Vertiefungsseminare bieten Einblicke in die Welt der „Fixsterne“ und der „Kinder Astrologie“.

Siegel für Nonsens?

Fraglich ist, ob solche „Qualitätssiegel“ nicht das Gegenteil bewirken – nämlich Pseudowissenschaften ungerechtfertigterweise mit Legitimität zu belohnen. Die Attraktivität pseudowissenschaftlicher Angebote rühre auch daher, dass sie sich nach außen hin einen „wissenschaftlichen Anstrich“ geben und so für potenzielle Kund:innen oft nicht klar ist, wie seriös ein Angebot ist, gibt Weltanschauungsbeauftragter Jaschke zu Bedenken. Denn fest steht: Astrologie und Horoskope beruhen auf willkürlichen, nicht belegbaren Annahmen. Keine Studie hat je einen Zusammenhang zwischen kosmischem Geschehen und menschlichem Schicksal nachgewiesen – wieso also verteilt die WKO dafür Qualitätssiegel?

Auf Nachfrage betont der Fachverband „Persönliche Dienstleister“ in der WKÖ, dass sich die Verwendung von Begriffen wie „Qualitätsmanagement“ oder „Berufliche Sorgfalt“ „ausschließlich auf organisatorische, kommunikative und ethische Aspekte der Berufsausübung“ beziehen. „Eine wissenschaftliche Legitimation oder Evidenzbehauptung wird weder behauptet noch beabsichtigt“, so der Fachverband. Ziel der Maßnahmen seien berufliche Sorgfalt, Transparenz und Konsument:innenschutz zu stärken. Der Fachverband betont ausdrücklich, dass „es sich zum Beispiel bei Energetik und Astrologie um nicht wissenschaftlich anerkannte Methoden handelt, die außerhalb der evidenzbasierten Medizin und Naturwissenschaften anzusiedeln sind“. Mitglieder seien angehalten, Kund:innen darüber transparent zu informieren.

Der Blick in die Sterne lohnt

Was Kund:innen mit dieser Information anfangen und wieso die Kammer der Astrologie und Energetik ein Magazin widmet, obwohl Kund:innen doch gerade über deren Realitätsferne informiert werden sollen, bleibt fraglich. Jedenfalls dürfte sich das Geschäft mit dem Galaktischen und Übersinnlichen für die WKO finanziell lohnen. Einerseits zahlen die gut 17.000 Unternehmen des Fachverbands „Persönliche Dienstleister“ Kammerbeiträge – unabhängig davon, was sie verkaufen und in welchem Verhältnis ihre Produkte zur Wissenschaft stehen. Andererseits verdienen die Funktionär:innen selbst ganz gut daran. Die eingangs erwähnte Funktionärin der Wiener Astrolog:innen gibt für 120 Euro pro Stunde telefonisch Auskunft über die Gestirne, die Bundesvorsitzende der Astrolog:innen verrechnet für eine Stunde „Beratung“ laut Website 160 Euro.

Gegen Bezahlung geben die Funktionär:innen ihr Pseudowissen auch gerne weiter. Eine WK-Funktionärin bietet etwa Kurse für „CranioSacral Balancing“ an. Das entbehrt zwar jeglicher wissenschaftlichen Evidenz, aber für 3.700 Euro können Teilnehmer:innen lernen, „mit den Händen zu lauschen“ und „mit dem Herzen zu kommunizieren“. Eine andere offeriert für mehrere Tausend Euro eigens ersonnene Diplomabschlüsse – für Methoden, die sie selbst erfunden und markenrechtlich schützen lassen hat.

Aber spätestens beim Podcast der „gewerblichen Astrologie“ droht die Interessenspolitik der Kammer ins Stocken zu geraten. In dem wird mitunter erklärt, wie sich die Sternenkonstellation auf Investitionschancen auswirkt und wie Führungskräfte die Astrologie für ihre Arbeit nutzen können. Wer braucht da noch die WKO, wenn für erfolgreiches Unternehmertum ein Blick in die Sterne reicht?


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Infos und Quellen

Genese

Eine Zeit lang warben Wiener Straßenbahnen in schrillem Design für die „Dienstleister:innen mit G’spür“. WZ-Autor Johannes Greß machte vorsichtshalber mal ein Foto, um später nachzuprüfen, was die denn so „spüren“. Herausgekommen ist dieser Text und die Erkenntnis, dass die WKO voller Überraschungen steckt.

Gesprächspartner

  • Lambert Jaschke, Weltanschauungsbeauftragter der Röm.-Kath. Kirche in Kärnten
  • Stefan Storr, Professor für Öffentliches Recht und Öffentliches Wirtschaftsrecht an der Uni Graz und Mitherausgeber des Fachbuchs „Anforderungen an die Aufnahme eines Gewerbes in ausgewählten Staaten“

Daten und Fakten

  • Die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) vertritt die Interessen österreichischer Gewerbetreibender. Sie ist ein wesentlicher Pfeiler der österreichischen Sozialpartnerschaft, berät Unternehmen, bietet Aus- und Weiterbildungsprogramme an und macht sich im politischen Prozess für die Interessen ihrer Mitglieder stark.
  • Der Fachverband „Persönliche Dienstleister“ umfasst 2024 gut 17.000 Unternehmen, der überwiegende Teil der Mitglieder kommt aus dem Bereich der Astrologie und der Energetik. Zusammen erwirtschafteten sie 2023 einen Umsatz von 1,35 Milliarden Euro.
  • Die WKO zählt 2024 österreichweit 520 praktizierende Astrolog:innen und knapp 21.000 Humanenergetiker:innen.
  • Rund ein Drittel der Österreicher:innen glaubt an Esoterik und Astrologie.
  • Ein Forscher:innenteam aus den USA bat 2024 im Rahmen einer Studie 152 Astrolog:innen, aus fünf Sternzeichen auszuwählen und diese dann zwölf Versuchsteilnehmer:innen zuzuordnen. Im Schnitt lagen die Astrolog:innen in 2,49 von zwölf Vorhersagen richtig – das entspricht der Quote, die ein Zufallsgenerator erreicht hätte.

Quellen

Das Thema in der WZ

  • „Warum WitchTok & Co boomen“

Das Thema in anderen Medien

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