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Kiew erlebt eine der schwersten Wellen an Luftangriffen seit Kriegsbeginn. Die ukrainische Hauptstadt ist das gewöhnt, die jüngsten Attacken Russlands sind allerdings in vielerlei Hinsicht anders.
Drei Uhr morgens ist es – und laut. „Kann es sein, dass wir in einer Matrix leben? In einer erschaffenen Realität?“ fragt ein Typ Anfang 40. Er steht in Schlaf-Jogginghose und T-Shirt in der Einfahrt seines Wohnblocks in Kiew. Dumpfes Grollen ist zu hören. Surren. Geknatter. Er steigt von einem Fuß auf den anderen – Badeschlapfen an den Füßen, in der linken Hand eine Wasserflasche, in der rechten eine Zigarette. Dabei raucht er nie. Er blickt auf seine Hand und die Zigarette zwischen den Fingern. Sagt, als sei er selbst überrascht: „Das letzte Mal habe ich geraucht, als mein Vater gestorben ist.“ Es knallt. In der Hausreihe auf der anderen Straßenseite gehen einige Lichter an.
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Nach Mitternacht beginnt es meistens. Erst wird es still in dieser Stadt von sieben Millionen Einwohner:innen, die vor diesem Krieg nie still war – die Lokale schließen, dann die Ausgangssperre, der Verkehr schläft ein. Und dann: Das an Zahnbohrer erinnernde Surren der Drohnen, das laute Dröhnen der Raketen, das Geknatter der mobilen Flugabwehr, die dumpfen Donner, das Knallen, das die Fenster scheppern lässt, wenn eine Rakete abgefangen wird, die Einschläge. Die Stille danach, die nur von durch Druckwellen ausgelösten Auto-Alarmanlagen durchbrochen wird, hektischem Stimmengewirr in Hausfluren, hallenden Rufen in den Straßenfluchten.
Immer wieder Detonationen
Nächte erlebt Kiew dieser Tage, wie sie die Stadt seit Beginn des Krieges nicht gesehen hat. Um die 500 Drohnen und Raketen waren es, die Russland in der Nacht auf den 10. Juli auf die Hauptstadt der Ukraine abgefeuert hat – nach einem ebensolchen Bombardement nur wenige Tage zuvor. In der Nacht auf Mittwoch waren es mehr als 700 – allerdings nicht mit dem Ziel Kiew sondern Lutsk im Westen des Landes.
Der Drohnenkrieg Russlands, das ist ein rasant eskalierendes Szenario. Waren knapp 200 Drohnen vor einem Jahr noch ein Spitzenwert, so ist diese Summe heute kaum mehr eine Erwähnung wert. Es sind die Drohnen, mit denen der Krieg zum Alltag von Millionen Menschen geworden ist – auch weit weg von der Front. Und das hat vor allem mit den Zielen zu tun. Denn russische Drohnenangriffe auf unmittelbar militärische Ziele sind eher die Ausnahme.
Ein Knall. „Hurensöhne“, sagt der Typ, der sonst nie raucht. Er macht eine Pause und sagt: „Terroristen sind das, nichts anderes als Terroristen.“ Seit Stunden surrt es, das sind die Drohnen, die in Wellen daherkommen. Immer wieder Detonationen. Der Mann zieht sein Handy heraus, liest. In diversen Informationskanälen lassen sich die Angriffe nachvollziehen: Die Anzahl der Drohnen, die im Anflug sind, die Anzahl der Marschflugkörper, die Anzahl der ballistischen Raketen und wo sie sich gerade befinden, welche Richtung sie einschlagen, um dann im Sturzflug auf ihre Ziele zu knallen: Wohnblocks, Garagen, Tankstellen, Spitäler, Rekrutierungsbüros, Einkaufszentren, Spielplätze, Supermärkte, Kindergärten, Logistikzentren von Supermärkten.
In Folge dieses russischen Großangriffs waren am Morgen danach in Kiew zwei Menschen tot: Eine 68-jährige Zivilistin und eine 22-jährige Polizistin – „ermordet von den Russen“, wie es der Sprecher der Militärverwaltung Kiews, Timur Tkachenko, formuliert. 16 Personen wurden verletzt. Zehn davon schwer. In der gesamten Ukraine wurden zwölf Menschen bei russischen Angriffen getötet, 52 wurden verletzt. Alltag nennt man das im elften Jahr dieses Krieges mit Russland und im vierten Jahr der russischen Großinvasion.
Intensität der Angriffe hat sich erhöht
Und doch ist seit einigen Monaten vieles anders. Russland hat die Drohnenproduktion massiv ausgebaut. Zuletzt berichteten ukrainische Medien darüber, dass der russische Produzent „Aero-HIT“ mit chinesischer Hilfe Sanktionen umgehen und die Produktion auf 10.000 Stück pro Monat ausbauen konnte. In russischen Drohnen werden immer wieder westliche und auch chinesische Bauteile gefunden. Zuletzt fiel ein chinesischer Bauteil bei einem Angriff auf Kiew auf das chinesische Konsulat in der Stadt.
Neu ist auch die Kapazität der von Russland eingesetzten Drohnen: Sie sind schneller, dadurch schwerer abzufangen – und sie tragen eine größere Sprengladung als die ersten Drohnen iranischer Bauart, die Russland verwendet hatte. Bisher galten Innenräume als einigermaßen sicher: Also ein Badezimmer, der Flur, ein Stiegenhaus oder Vorzimmer. Heute bringen diese vergleichsweise billigen Waffen allerdings ganze Häuser zum Einsturz.
So hat auch der Mann in der Hauseinfahrt eine kleine Tasche umgehängt mit dem allernötigsten darin: Telefon, Powerbank, Schlüssel, Wasser, ein Schokoriegel, Taschenlampe, Zigaretten für den Ernstfall, Feuerzeug, Ausweise. Sie liegt bereit im Vorzimmer. Bisher ist er in den Flur gegangen, hat sich zwischen die tragenden Bauteile seines Wohnhauses gesetzt oder aufs Klo und dort die Angriffe abgewartet – oder einfach durchgeschlafen oder untertags die Alarme ignoriert. Bisweilen gab es Tage mit Flugalarmen in Serie. Ein Arbeitstag mit Terminen ist dann kaum zu stemmen, wenn man bei jedem Alarm in die U-Bahn geht.
Jetzt allerdings steht er in der Hauseinfahrt. Andere gehen zur nächsten Metrostation. Andere wiederum ziehen sich die Decke über den Kopf. Wie es eine Frau ausdrückt: Rechts mein Mann, links meine Katze, drüber die Decke und ich bin unverwundbar. Sie wohnt in einem Vorort von Kiew, über den jede Nacht Dutzende Drohnen fliegen.
Das Leben verlagert sich unter die Erde
Neu ist auch die Vorgehensweise Russlands: Denn da ist der Umstand, dass vermehrt gebündelt auf einen Ballungsraum gefeuert wird, was für die ohnehin mit Engpässen ringende Flugabwehr in den betroffenen Gebieten eine komplette Überforderung mit sich bringt – womit mehr Flugkörper durchkommen. Kiew galt bisher als relativ sicher. Das ändert sich gerade. Immer wieder fällt der Vergleich mit der ostukrainischen Metropole Kharkiv, die in Permanenz beschossen wird, und wo sich das öffentliche Leben in Folge vielfach unter die Erde verlegt hat. Schulunterricht in Bunkern, Konferenzen in Hallen unter der Erde.
„Schlafentzug als Massenvernichtungswaffe“ nennt der Typ in Pyjamahosen und Badeschlapfen im Hausdurchgang das. Er selbst ist Programmierer. Freiberufler. Er ist mittlerweile dazu übergangen, nachts zu arbeiten. „Weil ich dann wenigstens unter Tags durchschlafen kann“, sagt er. Er frühstückt am Abend. Das Frühstück ist zum Abendessen geworden.
Das Morgengrauen kriecht hoch. Es grollt. Ein Schwarm Vögel steigt aus einem Gebüsch auf. Ein junges Paar mit einem weißen Hund geht hastig vorbei in den Innenhof, tuschelnd, die Schultern hochgezogen, verschwindet in einem Hauseingang. Ein warmer Wind hebt an. Es wird langsam hell.
Alles nur Einbildung?
„Es könnte eine so schöne Sommernacht sein“, sagt der kettenrauchende Nichtraucher. „Wir könnten alle jetzt in einer Bar unten am Fluss sitzen, einen Cocktail schlürfen und die nackten Füße in den lauwarmen Sand stecken, schwimmen gehen.“ Er sagt: „Hältst du es denn für möglich, dass all das gar nicht passiert, dass es nicht existiert und sich nur in unseren Köpfen abspielt? Dass wir alle eigentlich nur Einbildung sind?“ Der Typ beugt sich aus dem Durchgang, blickt nach oben. Wieder ein Dröhnen. Ein nahes Dröhnen.
Dann wird es ruhig.
Es ist Zeit für das Frühstück – oder das Abendessen. Je nachdem. Die Sonne geht auf. Morgenrot mischt sich mit Rauchsäulen. Vögel beginnen zu singen. Die Sirenen von Einsatzfahrzeugen sind zu hören. Zwei Drohnen sind noch unterwegs, heißt es in Telegramkanälen. Sie fliegen vorbei an Kiew irgendwo in Richtung Südwesten.
Der Typ hat das Rauchen aufgegeben, dämpft die Zigarette aus, wirft sie in einen Mistkübel, holt den Schlüssel aus der Tasche, gähnt laut, geht schlafen mit den Worten: „Was für eine Nacht.“
„Werden nie Sklaven sein“
Eine Poliklinik im Bezirk Podil sei fast komplett zerstört worden, so Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko am Tag danach. In einigen Bezirken sind ganze Straßenzüge verwüstet. Es werden Feuer gelöscht, es wird aufgeräumt, es wird repariert, es wird weitergemacht. „Wenn wir aufgeben, werden wir zu Sklaven – aber wir werden nie aufgeben, wir werden nie Sklaven sein, wir werden nie auf die Knie gehen vor einem Tyrannen“, sagt eine Frau. Da ist keine Verzweiflung in ihrer Stimme. Nicht einmal Wut. Sie sagt das wie eine reine Feststellung. Sie ist munter. Sie hat tief und fest geschlafen – neben ihrem Mann und der Katze mit der Decke über dem Kopf.
Ein heißer Tag bahnt sich an.
Und auf den Tag folgt ein Abend. Und auf den Abend die nächste Nacht.
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Infos und Quellen
Genese
Reporter Stefan Schocher war gerade in Kiew angekommen, als Russland in Wellen die umfassendsten Luftangriffe auf die Ukraine seit Kriegsbeginn startete. Aus dem Schlaf gerissen hat sich Schocher sofort daran gemacht, seine Eindrücke niederzuschreiben.
Gesprächspartner:innen
- Ein kettenrauchender Mann, der sich nicht sicher ist, ob der nächtliche Angriff Wahn oder Wirklichkeit ist.
- Eine Frau, die sich die Decke über den Kopf zieht, wenn die Drohnen kommen.
Daten&Fakten
- Nach ukrainischen Angaben war der Luftangriff in der Nacht auf Mittwoch der bisher größte seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022. Laut der ukrainischen Armee setzten die russischen Streitkräfte 728 Drohnen und 13 Raketen ein.
- Seit Kriegsbeginn feuerte Moskau nach ukrainischen Angaben allein circa 28.000 Langstreckendrohnen der Typen Schahed und Geran-2 auf Ziele im Nachbarland ab.
- US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, dass die USA die Ukraine über die Nato weiterhin mit Waffen beliefern wird. Gebraucht werden in erster Linie Patriot-Luftabwehrraketen.
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