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„Ein rechtsfreier Raum im All wäre fatal“

7 Min
Immer mehr private Akteur:innen tummeln sich im All.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Im März erreichte eine kommerzielle Landefähre den Mond. Das Ereignis zeigt den Umbruch in der Raumfahrt: Private Firmen übernehmen strategische Aufgaben, klare Regeln fehlen. Die WZ sprach mit Weltraumingenieur Norbert Frischauf über Entwicklungen.


WZ I Markus Schauta
Im Weltall tummeln sich zusehends mehr Akteur:innen, wodurch auch die Menge an Weltraumschrott zunimmt. Wie akut ist die Bedrohung für Satelliten und Raumstationen?
Norbert Frischauf
Um auf mögliche Konflikte im Weltraum vorbereitet zu sein, schossen die USA, Russland und China eigene, ausgediente Satelliten für Testzwecke ab, was relativ viel Schrott hinterließ. Hinzu kommen ausgebrannte Raketenstufen und abgesplitterte Teilchen von Satelliten – oft nur millimetergroße Teilchen, die aber mit hoher Geschwindigkeit unterwegs sind und bei Kollision Schäden anrichten können.Im geostationären Orbit (Anm.: dort kreist der Satellit in genau 24 Stunden um die Erde und nimmt daher am Himmel eine stationäre Position ein. Das macht es einfach ihn anzupeilen, weil man auf fix stationiere Antennen zurückgreifen kann, die wesentlich günstiger sind, als solche, die mit Nachführmotoren ausgerüstet sind.) bei 36.000 km Höhe ist Weltraumschrott kein Thema, denn um dorthin zu gelangen braucht man viel stärkere Raketen. Daher sind dort weniger Satelliten unterwegs und die Betreiber achten darauf, dass diese am Ende ihres Lebens in einem benachbarten "Friedhofsorbit" geparkt werden. Besonders riskant ist jedoch der niedrige Erdorbit (200–1.000 km), der von der Erde aus relativ leicht zu erreichen ist und in dem auch die Raumstation ISS fliegt. Sie muss regelmäßig ausweichen, um nicht Gefahr zu laufen, dass Schrottteilchen Elemente wie zum Beispiel Solarzellen oder Radiatoren beschädigen. Die meisten der Satelliten, die heute um die Erde kreisen, haben nicht einmal ein Triebwerk, um ausweichen zu können. Kommt es zu einer Kollision, erzeugt das neue Trümmer – diese gefährden weitere Satelliten. Wird dadurch eine Kettenreaktion von Kollisionen im Weltraum ausgelöst, spricht man vom Kessler-Syndrom. Aber von diesem Szenario sind wir derzeit weit entfernt. Damit das so bleibt, hat die Europäische Weltraumorganisation (ESA) eine Charta verfasst, wonach Raumfahrzeuge und Satelliten so konstruiert werden sollten, dass sie weniger Müll produzieren und am Ende ihrer Lebensdauer gezielt entsorgt werden können.
WZ I Markus Schauta
Private Akteur:innen wie SpaceX oder Blue Origin schicken eigene Satelliten ins All und werden in Zukunft Versorgungsflüge zu Raumstationen anbieten. Was bedeutet die zunehmende Privatisierung für die Raumfahrt?
Norbert Frischauf
Ich befürworte die Privatisierung. Konkurrieren mehrere Anbieter miteinander, entsteht Innovation und die Kosten sinken. Problematisch wird es bei Monopolen. So ist die Kommunikation der ukrainischen Streitkräfte derzeit von Elon Musks Satellitennetzwerk Starlink abhängig. Das ist gefährlich, da Musk ihnen jederzeit den Zugang zu Starlink und damit zum Internet abdrehen kann. Die Ukraine ist daher im Begriff, auf das britische Unternehmen OneWeb umzusteigen, um von Musk unabhängig zu werden.Parallel zu den privaten gibt es nach wie vor staatliche Projekte: So haben die USA ihre Trägerrakete vom Typ Atlas, die Satelliten und Raumsonden ins All bringt. Wir haben in Europa die Ariane-Trägerrakete, die von der ESA entwickelt wurde. Außerdem müssen sich private Firmen an die Regularien halten, die der Staat ihnen vorgibt. Anderenfalls bekommen sie keine Startfreigabe.
WZ I Markus Schauta
In zahlreichen Bereichen der Raumfahrt kooperieren Staaten mit privaten Akteur:innen. Welche Vorteile bringt das?
Norbert Frischauf
Wir sprechen seit 2011 vom sogenannten „NewSpace-Trend“, das ist die Verzahnung von Start-ups, Raumfahrtunternehmen, Agenturen, klassischen Industrieunternehmen und der Digitalwirtschaft. Der Staat tritt dabei als Auftraggeber für neue Entwicklungen auf. Geht es nach den Plänen der US-Regierung, sollen zum Beispiel bemannte Raumflüge in Zukunft auch von privaten Anbietern durchgeführt werden. Firmen, die das leisten können, erhalten vom Staat Geld, um die notwendigen Systeme zu entwickeln, und werden infolge für mehrere Transportflüge oder andere Dienste gebucht.Für den Staat ist es deutlich günstiger, Firmen zu beauftragen als selbst zu entwickeln. Aber auch die Privaten profitieren. Mit dem Staat als Auftraggeber im Rücken können Firmen potenzielle Geldgeber viel leichter überzeugen, in ihr Projekt zu investieren. Indem der Staat auf diese Weise strategisch in die private Raumfahrtindustrie investiert, erhält die Entwicklung in der bemannten Raumfahrt einen deutlichen Schub.
WZ I Markus Schauta
Unter Präsident Donald Trump gründeten die USA 2019 die United States Space Force. Frankreich und Deutschland folgten. Russland und China haben ähnliche Einheiten. Welche Rolle spielen diese Streitkräfte heute?
Norbert Frischauf
Streitkräfte operieren in unterschiedlichen Domänen zu denen traditionell Luft, Land und See zählen. Diese wurden in den letzten Jahren um den Cyberraum sowie den Weltraum als eigenständige Domänen erweitert.Die für den Weltraum zuständigen Space Forces zählen zu den Streitkräften, obwohl im Weltall kein Krieg geführt wird. Das besagt auch der Weltraumvertrag von 1967, der festlegt, dass im All keine Massenvernichtungswaffen stationiert werden dürfen.Die Space Force ist daher mithilfe von Satelliten und anderen Raumfahrzeugen in erster Linie für Kommunikation, Navigation und Überwachung zuständig. Dieser Bereich ist aber umso wichtiger, da alle anderen Streitkräfte davon abhängig sind.
WZ I Markus Schauta
Dennoch gewinnt das Szenario "Space Warfare" zunehmend an Bedeutung ...
Norbert Frischauf
Die Idee, Satelliten der Gegner unschädlich zu machen, geht auf die 1970er-Jahre zurück. Das damalige US-Spaceshuttle sollte ursprünglich als Satelliten-Kidnapper fungieren. Satelliten arbeiteten damals noch mit Film. Die Filmkapsel musste anschließend zur Entwicklung zurück auf die Erde gebracht werden.Hätten zum Beispiel Russland ein für die USA strategisch wichtiges Areal fotografiert, wären die Amerikaner mit ihrem Spaceshuttle zum russischen Satelliten geflogen, um diesen mithilfe eines Greifarms in die Ladeluke ihres Shuttles zu verfrachten. Dadurch hätten sie verhindert, dass Russland seine Satellitenbilder auswertet und militärisch sensible Informationen erhält.Diese Strategie wurde aber von der Technologie überholt. Das erste Shuttle kam nach vielen Verzögerungen erst 1981 zum Einsatz. Zu diesem Zeitpunkt wurden Satellitenbilder bereits mittels Telekommunikation auf die Erde geschickt. Satelliten zu entführen war technologisch überholt.
WZ I Markus Schauta
Mit welchen Methoden kann man heute gegnerische Satelliten stören – und wie reagiert man darauf?
Norbert Frischauf
Satelliten mit kinetischen Waffen zu beschießen, also Waffen, die Projektile verwenden, ist keine gute Idee. Die dabei entstehenden Trümmer könnten die eigenen Satelliten ruinieren. Sinnvoller wäre es daher, feindliche Satelliten zu blenden, also ihre Optik zu zerstören. Möglich wäre auch das Jammen bei dem das Signal überlagert wird, sodass die Kommunikation zwischen dem Satelliten und der Bodenstation nicht mehr klappt.Um solchen Angriffen entgegenzuwirken, setzt die NATO zusehends auf den sogenannten Responsive Launch. Dabei werden strategisch wichtige Satelliten in großen Mengen produziert und gelagert. Fällt ein ein wichtiger Satellit – etwa durch Blenden – aus, wird reaktionsschnell ein neuer ins Weltall geschossen. Es macht dadurch keinen Sinn mehr, Satelliten zu zerstören, es kommt ja sofort ein besserer hinterher.
WZ I Markus Schauta
Wie sehen Sie die Zukunft der Raumfahrt?
Norbert Frischauf
Die ISS wird Anfang der 2030er-Jahre privatisiert werden. Eine neue Raumstation, die den Mond umkreist, ist geplant. Das ist ein erster Schritt hin zu einer permanenten Station am Mond. Diese könnte in etwa zehn Jahren fertig sein und würde Raketenstarts deutlich erleichtern. Weil der Mond viel kleiner als die Erde ist und über keine Atmosphäre verfügt, brauchen von dort gestartete Weltraumflüge deutlich weniger Energie, um ins All zu gelangen, als wenn sie von der Erde starten. Vom Mond aus könnten zum Beispiel Raumschiffe mit einem nuklearthermalen Antrieb starten und viel schneller zum Mars oder zu anderen Zielen im Sonnensystem fliegen. Der Mond ist aber auch wirtschaftlich interessant. Man kann mit den dort verfügbaren Rohstoffen für die Raumfahrt wichtige Bauteile wie Solarzellen oder Triebwerke herstellen. Es gibt Eisen, Titan, Magnesium, Silizium, und der Mond verfügt über jede Menge Sauerstoff in der Kruste. Er kann auch mit großen Mengen an Wassereis in den Polen aufwarten, wie man mittlerweile weiß.
WZ I Markus Schauta
Welche Rolle werden dabei Private spielen?
Norbert Frischauf
Bei diesen Mond-Projekten werden zunächst einzelne Staaten vorangehen bzw. werden Staaten diese in Kooperation miteinander realisieren. Denn solche Missionen sind anfangs nicht nur teuer, sondern auch sehr riskant, weshalb keine Versicherung bereit sein, wird diese Risiken abzufedern – und wenn, dann wäre es viel zu teuer. Ist das Neuland aber erst einmal erkundet und sind die Risiken besser abschätzbar, können einzelne Aufgabenbereiche an private Firmen ausgelagert werden. Was für den Mond gilt, gilt in noch stärkerem Maße für die Marsmission. Elon Musks Marspläne sind daher aus heutiger Sicht unrealistisch – und riskant.Insgesamt wird aber die Raumfahrt in Zukunft eine noch stärkere Privatisierung erleben. Daher werden Regularien umso wichtiger. Die Welt hat sich weiter entwickelt und die aktuell gültigen Weltraumverträge sind zum Teil zu eng gefasst. Allerdings will keine Partei diese Verträge wieder aufschnüren. Denn mit den heutigen geopolitisch divergierenden Interessen könnte es schwierig sein, einen Konsens zu finden. Die aktuellen Verträge wurden 1967 geschlossen, knapp bevor die USA am Mond landeten. Damals hatten Russland und die USA Angst, dass der andere früher den Mond erreicht und wollten sichergehen, dass ihn niemand in Besitz nimmt. Daher fiel die Einigung leicht, dass der Mond niemandem gehört.Ohne eine Erweiterung der bestehenden Verträge, am ehesten durch Zusatzverträge, wird es aber nicht gehen. Ein rechtsfreier Raum im All wäre fatal.

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Infos und Quellen

Genese

Der Autor stellte sich die Frage, wie die steigende Beteiligung privater Firmen an der Raumfahrt die technologischen, aber auch sicherheitspolitischen Entwicklungen beeinflusst. Als er im Juni 2025 einen Vortrag von Norbert Frischauf an der Universität Wien hörte, glaubte er den richtigen Experten gefunden zu haben, um ihm diese und andere Fragen zu beantworten.


Gesprächspartner

Norbert Frischauf ist ein österreichischer Hochenergiephysiker und Weltraumsystemingenieur.


Daten und Fakten

  • Im März 2025 landete die kommerzielle Mondlandefähre Blue Ghost erfolgreich am Mond. Dies war bereits die zweite Landung eines privaten US-Unternehmens am Erdtrabanten und zeigt die fortschreitende Bedeutung privater Firmen in der Raumfahrt.
  • Staatliche Agenturen wie die NASA lagern zusehends Aufgaben an Private aus. Das treibt einerseits die Entwicklungen in der Raumfahrt voran. Andererseits entwickelt sich das Weltall zum umkämpften Raum, wenn es um Fragen der Sicherheit und die Nutzung von Rohstoffen geht.

Quellen

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