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Ein tödlicher Schuss – zwei Realitäten

6 Min
Eine Protestwelle überzieht die USA.
© Bild: Alex Wong/Getty Images

Die Kugel eines ICE-Beamten traf die dreifache Mutter Renée Good in den Kopf. Der gesellschaftliche Schaden der Tat hat in den USA enorme Ausmaße angenommen.


Im Jahr 1951 gab es in den Vereinigten Staaten ein Football-Spiel zwischen den Universitätsmannschaften von Princeton und Dartmouth. Es wurde ein brutales Aufeinandertreffen zweier rivalisierender Teams. Am Ende hatte der Quarterback von Princeton eine gebrochene Nase, ein Spieler von Dartmouth ein gebrochenes Bein, dazu unzählige Blessuren auf beiden Seiten. In den Lokalzeitungen wurde anschließend die ausufernde Gewalt des jeweils anderen Teams gebrandmarkt.

Die beiden Psychologen, Albert Hastorf (Dartmouth) und Hadley Cantril (Princeton), wollten in den Folgewochen diesen Sachverhalt genauer untersuchen und zeigten den Mannschaften getrennt voneinander eine Filmaufnahme des reich an Fouls geführten Spiels. Die Dartmouth Studenten sahen die Bilder als Beweis dafür, wie hart ihre Gegner vorgegangen waren. Die Princeton Spieler hingegen sahen sich in ihrer Annahme bestätigt, dass die Brutalität vor allem von der Mannschaft von Dartmouth ausgegangen war. Beide Teams sahen jedoch den gleichen Film. Das Ergebnis war eine mittlerweile berühmt gewordene psychologische Untersuchung, die belegt, dass Menschen Ereignisse nicht nur unterschiedlich interpretieren, sondern, dass sie oft auch unterschiedliche Realitäten erleben, die durch Gruppenidentität und Überzeugungen geprägt sind. Ganz selektiv werden so Ereignisse aufgrund einer angenommenen Gruppenzugehörigkeit wahrgenommen.

Unversöhnte Lager

Genau dieses Phänomen erleben wir gerade in den USA. Nach den tödlichen Schüssen eines ICE-Beamten (Immigration and Customs Enforcement) auf die 37-jährige Renée Good in Minneapolis ist das Land in zwei Lager geteilt. Nahezu jeder und jede in den USA hat die verschiedenen Videos, die die Eskalation zwischen den ICE-Einsatzkräften und der Mutter dreier Kinder zeigen, aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln gesehen. In den Nachrichtensendungen und online wurden die Sequenzen Bild für Bild analysiert. Für die einen sind diese Videos klare Belege dafür, dass ein Beamter der Behörde die Frau mit drei Schüssen kaltblütig und ohne ersichtlichen Grund ermordet hat. Eine Kugel traf die Frau von vorne durch die Windschutzscheibe, zwei von der Seite durch das offene Fenster. Es wurden drei Schüsse in weniger als einer Sekunde abgefeuert. Die Situation war zuvor allerdings nicht außer Kontrolle geraten – auch das zeigen die Videoaufnahmen von Zeug: innen und von den Bodycams der beteiligten Polizisten. Es schien, Good wollte einfach ruhig, besonnen und langsam wegfahren und sich so den weiteren Fragen und der Identifizierung ihrer Personalien entziehen. Sie hatte erst den Rückwärtsgang eingelegt, dann den Vorwärtsgang, das Lenkrad eingeschlagen und leicht auf das Gaspedal gedrückt. Dann fielen die tödlichen Schüsse, eine Kugel traf Good in den Kopf. Das Gaspedal wurde durchgetreten, der Wagen raste auf zwei am Straßenrand geparkte Autos zu und blieb dort liegen. Auf der Videoaufnahme des Todesschützen und ICE-Beamten kann man noch die Worte „Fucking Bitch“ hören.

Für den US-Präsidenten, seinen Stellvertreter und auch die Heimatschutzministerin Kristi Noem sahen die Bilder von Anfang an eindeutig aus. Trump erklärte, Renée Good sei Teil eines „linken Netzwerkes“, das zur Gewalt gegen Bundespolizist:innen aufrufe. Good habe den Einsatz der ICE-Beamten behindert und hätte sich einer Kontrolle widersetzt, so Trump. Dann „fuhr sie gewaltsam, vorsätzlich und bösartig den ICE-Beamten an, der offenbar in Notwehr auf sie geschossen hat“. Es sei „kaum zu glauben, dass (der Beamte) noch lebt, aber er erholt sich derzeit im Krankenhaus.“ Tatsache ist jedoch – und dies wird auch durch die Videoaufnahmen bestätigt –, der Schütze, Jonathan Ross, erscheint auf den Videos nicht verletzt und läuft anschließend ohne merkliche Beeinträchtigung zum verunglückten Fahrzeug von Renée Good.

„Ein Opfer linker Ideologie“

J.D. Vance betonte, es sei „eine Tragödie, die sie (Good) selbst verursacht hat“. Renée Good sei „ein Opfer linker Ideologie“. Heimatschutzministerin Kristi Noem verbreitete zuerst Falschmeldungen und toppte das Ganze dann noch mit der Behauptung, es handele sich um einen Fall von „Terrorismus“.

Das Trump-Lager und fast alle in den republikanischen Reihen stimmten dieser Sichtweise zu oder wollten zumindest nicht gegen das reden, was der Präsident als Vorgabe nur wenige Minuten nach den tödlichen Schüssen geäußert hatte. Der ICE-Beamte habe aus Notwehr und aus Angst um sein eigenes Leben gehandelt, seine Waffe gezogen und abgedrückt. Dass auf den Videos nicht klar ersichtlich ist, ob der Wagen ihn überhaupt berührt hat, interessierte da wenig.

Redakteure der Washington Post spielten die Videos zwei Kongressabgeordneten vor. Der kalifornische Demokrat Eric Swalwell sagte umgehend: „Ich habe einen Mord gesehen.“ Der Republikaner Mike Flood aus Nebraska meinte hingegen: „Ich konnte nicht richtig sehen, was da genau passierte.“ Ganz deutlich wird erneut dabei, wie tief und unüberbrückbar Amerika gespalten ist. Gespalten in zwei Lager, die sich noch nicht einmal einig darüber werden können, was sie mit ihren eigenen Augen sehen. Oftmals aus Angst davor, wie der Präsident und seine Gefolgschaft auf kritische Töne reagieren würden. So wird ihm blind gefolgt, all das frag- und kommentarlos wiedergegeben, was er als Direktive vorgibt. Sei es zu Venezuela, zu Grönland, zu Migrant:innen, zu Ereignissen wie dem 6. Januar 2021, zur massiven Verhaftungswelle im ganzen Land und nun zu den tödlichen Schüssen in Minneapolis. Da werden Realitäten verbogen, Geschichte umgeschrieben, einst felsenfeste Überzeugungen in den republikanischen Reihen über den Haufen geworfen, damit das, was Trump sagt, stimmen kann, stimmen muss.

Protestwelle

Die Reaktionen auf der anderen Seite ließen nicht lange auf sich warten. Waren bislang die Opfer von Polizeigewalt und Verhaftungen vor allem Afro-Amerikaner:innen und Latinas und Latinos, ist mit Renée Good nun eine weiße Frau durch Polizeikugeln zu Tode gekommen. Es kann jede und jeden treffen, hieß es auf einmal. Schon wenige Stunden nach der Meldung aus Minneapolis standen auf zahlreichen Brücken über den Autobahnen in der San Francisco Bay Area Protestierende mit Schildern, die vehement ein Ende der militärisch erscheinenden Aufmärsche und Einsätze durch Bundespolizeieinheiten forderten.

Am vergangenen Sonntag wurde dann im ganzen Land auf mehr als 1.000 Protestveranstaltungen an die tödlichen Schüsse auf Renée Good und die gewaltsamen Übergriffe und Verhaftungen von ICE und der Border Patrol erinnert. Im kalifornischen Oakland kamen weit über 1000 Menschen auf einem Platz am Rande von Downtown zusammen. Sie sangen, machten Lärm und bejubelten sympathisierende, hupend vorbeifahrende Autofahrer:innen. Schilder mit Aufschriften wie „Immigranten sind keine Kriminellen, aber der Präsident ist einer“, „ICE Gestapo“, „Deportiert ICE zum Mars“,Protestiert weiter, Courage ist ansteckend“ oder auch einfach nur die Frage „Are you next?“ waren zu sehen.

Joseph Raff, einer der lokalen Organisator:innen von der Protestbewegung Indivisible East Bay, glaubt, dass es zwischen den tödlichen Schüssen auf Renée Good und dem Mord an George Floyd im Mai 2020 durch einen weißen Polizisten in Minneapolis durchaus Parallelen gibt. Bei Floyd spielten sicherlich noch rassistische Gründe eine tiefere Rolle, doch „dies ist eine ganz neue Form des Hasses, der sich gegen alle Amerikaner und Einwanderer richtet. Ich denke, dabei handelt es sich um dieselbe Instrumentalisierung staatlicher Gewalt gegen Menschen, die für die grundlegenden amerikanischen Werte eintreten.“ Für Raff sei dabei klar, dass es Trump und seiner Administration nicht um eine Reform des Einwanderungsgesetzes geht, sondern „es geht vielmehr darum gewaltsam gegen all jene vorzugehen, die nicht mit ihrem Bild eines weißen Amerika übereinstimmen. Sie setzen ja in Minneapolis die Immigrationsgesetze nicht einfach um, sie verhaften da vielmehr Leute ohne Grund, einfach um die Staatsgewalt gegen all jene einzusetzen, die sie als anders sehen.“

Neuer Schwung

Joseph Raff ist sich sicher, dass die außerparlamentarische Opposition in den USA nach dem Wahldebakel 2024 und der anfänglichen Schockstarre in den ersten Monaten von Trump 2.0 mit den „No-Kings“-Protesten im vergangenen Jahr und nun nach den gewaltsamen Übergriffen durch ICE wieder so viel Fahrt aufgenommen hat, dass ein politischer Wandel im Land in diesem Jahr durchgesetzt werden kann. Das erklärte Ziel: ein Wahlsieg der Demokraten bei den „Midterms“ im November, den anstehenden Kongresswahlen für das Abgeordnetenhaus und den Senat, um Donald Trumps weitere innen- und außenpolitische Alleingänge zu stoppen. „Wir holen die Mehrheit“, ist Raff überzeugt, lenkt aber auch ein, dass Trump und seine MAGA-Bewegung schon jetzt auf lange Zeit hin einen politischen und gesellschaftlichen Schaden angerichtet haben.

Jane, eine grauhaarige, ältere Dame mit einem Schild, auf dem steht „Ein Angriff auf einen von uns, ist ein Angriff auf uns alle“ meint auf einer Demo in Oakland, sie hoffe, dieser sinnlose Mord in Minneapolis habe zumindest zur Folge, dass viele Amerikaner:innen endlich aufwachten und erkennen würden, dass Trump einfach falsch für dieses Land sei. Die USA bräuchten keinen starken Führer, sondern eine gestärkte Demokratie. „Ich habe Freunde und Verwandte in von den Republikanern dominierten ‚red states‘, die glauben noch immer all das, was Trump und seine Leute ihnen vorkauen. Wir sind so gespalten in diesem Land, sogar in Familien und Freundeskreisen reden viele nicht mehr miteinander.“ Hat sie Hoffnung, dass dieses Land wieder geeint werden könnte? Jane lächelt, lässt sich mit ihrer Antwort Zeit und meint dann: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“.

Kein Einlenken

Am Montag, einen Tag nach den landesweiten Protesten, steht Trumps Pressesprecherin Karoline Leavitt Fox News in einem Interview Rede und Antwort. Es geht dabei auch um die tödlichen Schüsse auf Renée Good. Unverhohlen wirft Leavitt den Demokraten und den verhassten Medien vor, von Anfang an gelogen zu haben. „Nun gibt es aber zahlreiche Videoaufnahmen, die belegen, dass der Beamte von dem Auto angefahren wurde, dass diese gestörte, wahnsinnige Frau versuchte, ihn mit ihrem Fahrzeug zu überfahren, und dass sie dieses Fahrzeug als Waffe einsetzte, was als Terrorakt zu werten ist.“ Ein Zeichen des Einlenkens und des aufeinander Zugehens ist da nicht in Sicht.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • ICE (United States Immigration and Customs Enforcement), ist die größte Polizei- und Zollbehörde des Ministeriums für Innere Sicherheit (DHS) der USA mit Sitz in Washington DC. Seine Beamt:innen haben die Befugnis, Personen anzuhalten, festzuhalten und zu verhaften, die sie des illegalen Aufenthalts in den USA verdächtigen.
  • Der Tod von Renée Good erinnert an den Fall George Floyd am 25. Mai 2020 in Minneapolis. Der weiße Polizist Derek Chauvin tötete den Schwarzen US-Bürger Floyd bei der Festnahme, indem er neun Minuten und 29 Sekunden lang auf seinem Hals kniete. In der Folge kam es unter dem Motto „Black Lives Matter“ zu umfangreichen Protesten in den USA.

Gesprächspartner:innen

  • Joseph Raff hat Proteste gegen die ICE-Schüsse an der Westcoast mitorganisiert.
  • Jane, eine Demonstrantin.

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