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Eine echte Heldin für den Planeten ist tot

4 Min
Die britische Anthropologin Jane Goodall beobachtete unter Schimpansen zärtliches Verhalten, Umarmungen, Berührungen und Trauer, aber auch Brutalität und Aggression.
© Bildquelle: Getty Images.

Ob Affe, Hund oder Elefant: Sie alle haben Gefühle und gehen Beziehungen ein. Mit ihrer Arbeit hat die Primatenforscherin Jane Goodall unsere Sicht auf die Tierwelt grundlegend verändert.


    • Jane Goodall revolutionierte die Primatenforschung, indem sie zeigte, wie menschlich Affen sind.
    • Ihre Beobachtungen haben bewiesen, dass Menschenaffen Gefühle, Persönlichkeiten und komplexe soziale Verhaltensweisen besitzen.
    • Die Anthropologin setzte sich für Arten- und Umweltschutz ein und inspirierte Generationen, insbesondere Frauen, in der Wissenschaft.
    • Jane Goodall starb im Alter von 91 Jahren am Mittwochabend in Kalifornien.
    • 1960 begann sie im Alter von 26 Jahren mit der Schimpansenforschung in Tansania.
    • Ihre Forschungsmethoden wurden von etablierten Wissenschaftler:innen zunächst abgetan, heute werden sie übernommen.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

In der Vergangenheit nahm man an, dass einzig und allein wir Menschen in der Lage seien, rational zu denken. Kirche und Wissenschaft verhöhnten Charles Darwin für seine Evolutionstheorie, wonach der Mensch vom Affen abstammt. Die Gesellschaft machte sich über das Aussehen der Neandertaler lustig, obwohl diese Menschenart schon vor 64.000 Jahren Kunstwerke schuf, bevor der moderne Mensch von Afrika aus Europa erreicht hatte. Diese überkommene Sichtweise konnte die britische Primatenforscherin Jane Goodall entscheidend verändern, indem sie niemals zu zeigen versuchte, wie affig der Mensch ist, sondern herausfand, wie menschlich der Affe ist. Am Mittwochabend ist Jane Goodall im Alter von 91 Jahren während einer Vortragsreise im US-Bundesstaat Kalifornien verstorben.

Goodall arbeitete als Sekretärin und Kellnerin, um ihre erste Reise nach Tansania bezahlen zu können. Ihre Familie konnte ihr kein Universitätsstudium finanzieren. Ihren Kindheitstraum von einem Leben bei wilden Tieren in Afrika wollte sie dennoch verwirklichen. 1960, im Alter von 26 Jahren, gelang es ihr. Auf Einladung eines Schulkameraden reiste sie nach Kenia, wo sie im Nationalmuseum eine Anstellung fand. Dort kam sie in Kontakt mit dessen Direktor, dem Anthropologen Louis Leakey. Er sah in Goodalls unvoreingenommenem Interesse, das ganz und gar nicht dem damals vorherrschenden wissenschaftlichen Zugang entsprach, eine Stärke. Er beauftragte sie damit, eine Gruppe Schimpansen am Tanganjikasee im Norden von Tansania zu erforschen.

„Fremder weißer Menschenaffe“

Jane Goodall verbrachte weite Teile ihres Lebens bei jeder Witterung in der Nähe „ihrer” Primaten. Sie nutzte die Methode der „teilnehmenden Beobachtung“, die Erkenntnisse über das Verhalten von Gruppen durch eine besondere Nähe gewinnt. Das stieß auch auf Kritik, denn damals gab die Forschung Schimpansen bloß Nummern. Die Verhaltensforscherinaber fand für sie Namen und blieb so lange in ihrer Nähe, bis sich diese an „den fremden weißen Menschenaffen“ gewöhnt hatten, wie sie im Film „Jane“ berichtet.

Ein Portrait in Schwarz/Weiß von Jane Goodall.
„Eine große Kraft entsteht, wenn junge Menschen beschließen, etwas zu verändern. Sie haben Macht und die Zukunft des Planeten in ihrer Hand“, sagte Goodall.
© Bildquelle: Getty Images.

Die Britin beobachtete unter Schimpansen zärtliches Verhalten, Umarmungen, Berührungen und Trauer, aber auch Brutalität und Aggression. Heute wissen wir, dass Menschenaffen nicht nur Emotionalität, sondern auch individuelle Persönlichkeiten besitzen, Werkzeuge benutzen, Wissen über Generationen weitergeben, sich im Spiegel erkennen, lachen, tanzen, Klänge erzeugen,sich an Freunde erinnern und in Gefangenschaft Depressionen bekommen. Gleichermaßen können sie auch Schadenfreude empfinden oder kranke Artgenossen aus der Gemeinschaft ausstoßen, um diese zu schützen.

Wir wissen jetzt, dass Tiere uns ähnlich sind

All diese Erkenntnisse hat Jane Goodall mit ihrer Arbeit erst möglich gemacht. Wir wissen heute, dass Tiere uns ähnlich sind. Ob Affe, Hund, Katze, Rabe oder auch Elefant: Sie alle haben Gefühle und gehen Beziehungen ein. Dieses Wissen hat Goodall durch ihren unermüdlichen Einsatz auf den Weg gebracht und damit unser Leben als Menschen grundlegend bereichert.

Eine Pionierin war die Primatenforscherin, die zudem Anthropologin war, auch für die Frauen. Denn ihre Forschungsmethoden wurden von etablierten Wissenschaftler:innen zunächst abgetan, nicht zuletzt deshalb, weil sie zuvor „nur“ Sekretärin und Kellnerin gewesen war. Heute tun Forscher:innen es ihr gleich. Unterstützung erfuhr sie zunächst von ihrer Mutter, die sie bei ihrer ersten Reise begleitete. Um aber in ihren Interessen weiterzukommen, musste Jane Goodall konsequent ihren eigenen Weg gehen. „Ihre bahnbrechende Arbeit über Primaten und die Bedeutung des Naturschutzes öffnete Türen für Generationen von Frauen in der Wissenschaft“, sagte der ehemalige US-Präsident Barack Obama.

Goodall, die ihre Bekanntheit für den Schutz der Arten, der Umwelt und des Planeten einsetzte, war ein Vorbild dafür, was Neugier, Beharrlichkeit und Veränderungswille vollbringen können. In diesem Sinne ermutigte sie die junge Generation, sich Ähnliches zu trauen. „Eine große Kraft entsteht, wenn junge Menschen beschließen, etwas zu verändern. Sie haben Macht und die Zukunft des Planeten in ihrer Hand“, sagte sie. Was Jane Goodall bewirkt hat, bleibt.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Das von Jane Goodall 1977 gegründete Jane Goodall Institute unterstützt Entwicklungsbemühungen in ganz Afrika in den Bereichen Natur, Umweltschutz, Umweltbildung und Gesundheit und Interessenvertretung.
  • Goodalls Jugendprogramm „Roots & Shoots", das weltweit aktiv ist, ermutigt junge Menschen, sich für eine nachhaltigere und gerechtere Welt einzusetzen.

Quellen

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