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Eine waidwunde Nation, die sich nicht einschüchtern lässt

7 Min
Die Iraner:innen weigern sich, Alltag zu spielen.
© Bildquelle: Adobe Stock

Vor einem Monat hat das iranische Regime Tausende auf offener Straße getötet. Und will zurück zur Normalität. Die Iraner:innen lassen das nicht zu – nicht gegenüber dem Regime und dem Westen, der mit dem Regime über das Atomprogramm „verhandeln“ will


Irgendwo war da für einen Moment die Hoffnung, dass die Islamische Republik ihren 47. Jahrestag nicht mehr erleben wird. Dass sie an diesem 11. Februar, dem Tag, der als Sieg der Islamisten in der Revolution von 1979 gegen die Shah-Diktatur markiert wurde, nichts zu feiern hat. Weil sie schlichtweg nicht mehr existiert.

Knapp ein Monat ist nun vergangen, seit das Regime mit scharfer Munition auf die eigene Bevölkerung geschossen hat. Tausende hat es so auf offener Straße exekutiert. Genaue Zahlen, wie viele Opfer das Massaker vom 8. und 9. Jänner tatsächlich gefordert hat, wird die Geschichte eines Tages liefern. Dann erst wird man erfahren, was in den Wochen, in denen das Internet abgedreht war, tatsächlich passiert ist. Von all den Toten, die man im Bazar von Rasht verbrennen ließ, den Verwundeten, die man aus Krankenhäusern entführt hat, um sie dann zu erschießen. Und von den Leichen, die das Regime den Angehörigen nur gegen ein „Kugelgeld“ in Höhe von mehreren Tausend Euro rausrückte oder nur, wenn die Familie behauptete, dass es sich bei ihren Kindern um Regimeschergen gehandelt hat, die im Kampf gegen die „Terroristen“ zu Märtyrern wurden.

Eine bleierne Decke liegt über der iranischen Bevölkerung. Bekannte berichten, dass sie aufgehört haben, sich beieinander zu erkundigen, weil sie es nicht mehr ertragen können, zu erfahren, wer sonst noch getötet wurde.

Es ist eine waidwunde Gesellschaft, die traumatisiert darauf hofft, dass die Weltöffentlichkeit sie nicht vergessen hat. Jetzt, wo die EU die Revolutionsgarden auf die Terrorliste gesetzt hat und sich auf die Schulter klopft. Und jetzt, wo die USA, deren Präsident Donald Trump doch versprochen hatte, den Protestierenden zu Hilfe zu kommen, mit dem Regime verhandelt: Atomprogramm, Langstreckenraketen, Proxy-Finanzierung und Anerkennung Israels stehen da auf der Agenda. Menschenrechte und Demokratie nicht.

„Wir haben unser Blut nicht für Verhandlungen vergossen“ steht auf Häuserwänden in Teheran, deren Fotos im Netz kursieren.

Der Mut der Iraner:innen

Wofür sie es getan haben, werden sie nicht müde zu betonen. Trotz des nationalen Traumas. Trotz der Grausamkeit der Islamischen Republik, so zu tun, als wäre nichts passiert. Unmittelbar nachdem die Internetsperre gelockert wurde, meldeten sich die ersten aus dem Land selbst öffentlich zu Wort. Sie weigern sich, Alltag zu spielen. Man kann nicht oft genug betonen, wie viel Anerkennung diesem Mut gezollt werden muss, in einem Land und in einem Moment, in dem der Ausdruck der offenen Trauer bereits ein Grund für eine Inhaftierung sein kann. Geschweige denn, dass ein Statement mit einem ausländischen Fernsehsender akzeptiert würde.

Und die Iraner:innen tun es trotzdem, direkt und offen – ohne die üblichen Codes und Dechiffrierungen – sprechen sie aus, was passiert ist: Massaker, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verrat am Vaterland. Da wäre einmal die iranische Filmemacherin Mojgan Ilanlou, die in einer Audionachricht an iranische Exilmedien die orwellianischen Propagandastrategien des Regimes bloßstellt und die Regierung für die Gräuel verantwortlich macht. Oder die Studierenden an mehreren Universitäten, die sogar in den vergangenen Tagen Freiheit für alle Gefangenen fordern und sich in Solidarität mit den Protestierenden weigern, Prüfungen abzulegen. Oder die „Gruppe 17“ – Menschenrechtsaktivist:innen, Künstler:innen und Intellektuelle – die in einem Statement ganz klar den Obersten Führer Ali Khamenei und das System der „religiösen Tyrannei“ für den Tod und die Zerstörung des eigenen Landes als Schuldige nennen. Drei der 17 sind mittlerweile festgenommen: die Journalistin Vida Rabbani, der Menschenrechtsaktivist Abdullah Momeni und Drehbuchautor Mehdi Mahmoudian, der dieses Jahr für seine Arbeit in Jafar Panahis Film „Ein einfacher Unfall“ für den Oscar nominiert ist. Wie es ihnen geht, weiß niemand.

Das ganze Land ist zu einem Gefängnis geworden

Das nächste Nordkorea

Damit teilen sie das Schicksal Tausender ihrer inhaftierten Landsleute. Menschenrechtler:innen befürchten Massenhinrichtungen im Geheimen.

„Das ganze Land ist zu einem Gefängnis geworden“, schreibt eine Freundin, „wir sind auf dem besten Weg, zum nächsten Nordkorea zu werden“, schreibt eine andere. „Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, wir wissen nicht mehr weiter. Es liegt nun an euch im Ausland.“

Die Iraner:innen haben alles probiert. Bei Wahlen haben sie versucht, das geringste von mehreren vom Wächterrat zugelassenen Übeln zu wählen. Sie haben die islamistische Sprache ihrer Peiniger gelernt, um hie und da ein Schlupfloch für ihren Aktivismus zu finden. Sie haben friedlich demonstriert, mit Bannern und ohne, wütend, schreiend, schweigend. Haben gestreikt, getanzt, gesungen, gemalt und getrauert. Alles, um dieses Regime zu stürzen. Und jedes Mal aufs Neue endet ihr Freiheitskampf im Blutbad und in Verhöhnung, wenn wie jetzt Fernsehmoderatoren im Staatsfernsehen sich darüber lustig machen, auf welcher Art von Kühltruhen die zahlreichen Leichen ihrer Mitmenschen gelagert sind.

Warten auf den Tag X

Daher ist es nachvollziehbar, dass viele nur den Tag X herbeisehnen, an dem das Regime kollabiert. Egal wie, egal durch wen. Hauptsache, es ist weg. Sei es durch einen US-Präsidenten, von dem sie sich erhoffen, dass er kurz und schmerzlos mit ein paar gezielten Angriffen Irans Machthaber entmachtet. Oder durch Reza Pahlavi, den Sohn des 1979 gestürzten Shahs, der im Juni im 12-Tage-Krieg gegen Israel seine Landsleute vom lauschigen Exil aus gebeten hat, doch bitte im Bombenhagel auf die Straße zu gehen und das Regime herauszufordern.

Es ist bitter zu sehen, hinter welchen Heilsbringern sich eine verwundete Nation versammelt – weniger aus Überzeugung als aus Verzweiflung. Es ist eine Hoffnung, die überall dort entsteht, wo sich der Horizont verengt. Wenn nur noch der Tag X gesehen wird, und nichts darüber hinaus. Was wird passieren, wenn tatsächlich die Bomben fallen? Wenn es zu einem Krieg kommt? Bereits jetzt berichten Reisende, die vor wenigen Tagen noch im Iran waren, wie sehr sie die Wut der eigenen Leute schockiert hat. Dass Jahrzehnte der systematischen Gewalt eines aufmunitionierten Unterdrückers auch langsam Auswirkungen auf die Unterdrückten hat, wenn sie beginnen, sich in einer Freund-Feind-Mentalität gegenseitig zu beschuldigen und zu bedrohen.

Erzwungene Einheit

Und was passiert, wenn die Kronprinz-Anhänger:innen, die im Ausland jede Kritik, die es wagt, ihre Heilsfigur in Frage zu stellen, bedrohen und mundtot machen? Und sogar drohen zu töten, sobald sie tatsächlich an die Macht kommen? Was wird das für ein Iran sein, der von solchen Leuten geführt werden will, die die Diversität im Denken, Sein und Handeln als ein Manko sehen und geradezu verantwortlich dafür machen, warum sich das Regime 47 Jahre lang an der Macht gehalten hat?

Wer solche Sorgen äußert – vor allem in der Diaspora – ist rasch in der Ecke der Regimeversteher:innen und Beschwichtiger:innen, denen vorgeworfen wird, dass sie den „Krieg“, den das Regime gegen die Bevölkerung aktuell führt, lieber in Kauf nehmen als einen hypothetischen Krieg in der Zukunft, der sich nur in ihren Köpfen abspiele. Allesamt Schwarzmaler:innen, die auf den letzten Metern den Regimesturz gefährden würden, weil sie nicht bereit seien, in Reih und Glied unter dem Banner einer aufgezwungen „Einheit“ zu stehen und gegenüber einer upgejazzten Führungsfigur jeden Zweifel zu unterdrücken.

Man mag diese Differenzen verurteilen und verspotten. Oder man kann sie als eine Entwicklung anerkennen. Als ein Lernen aus Fehlern der Vergangenheit, in der man sich als Nation blind hinter einen Führer und eine Vision für das Land gestellt hat. Wofür die Iraner:innen 47 Jahre später immer noch den Preis zahlen.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Bei den von der Wirtschaftskrise (Wertverfall der iranischen Landeswährung Real) ausgelösten Protesten gegen die Islamische Republik wurden Tausende Menschen getötet. Schätzungen reichen von 6000 bis über 30.000 Toten. Zehntausende wurden festgenommen. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Wochen veranlasste die iranische Führung weitreichende Telefon- und Internetsperren.
  • Ende Januar 2026 hat die Europäische Union die iranische Revolutionsgarde auf die Liste der Terrororganisationen gesetzt, woraufhin der Iran die Armeen europäischer Staaten als Terrororganisationen bezeichnet und die Botschafter:innen aller europäischen Länder einbestellt hat.
  • Seit Jahren befindet sich der Iran in stockenden Verhandlungen über ein Atomabkommen mit westlichen Staaten. Diese werfen dem Iran vor, Atomwaffen bauen zu wollen, was das iranische Regime zurückweist. Derzeit gibt es keine verlässlichen Informationen zum Stand des Atomprogramms, da der Iran die Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) eingestellt hat. Seit September 2025 sind die UN-Sanktionen gegen den Iran wieder in Kraft getreten, nachdem sie ab 2015 schrittweise abgebaut worden waren.

Quelle

Das Thema in der WZ

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