)
In Wien wird an der psychosozialen Versorgung gespart. Was das für Menschen mit psychischen Erkrankungen bedeutet, erzählt ein Betroffener.
„Ich glaube, ich werde das erst ein bisschen später realisieren”, sagt Stefan Malicky, der zum Gespräch mit der WZ auf einem Sofa im Büro des sozialpsychiatrischen Zentrums (SPZ) der Caritas sitzt. Es wird das letzte Mal sein, dass er hier gesessen ist, denn am Tag nach unserem Gespräch schließt das Zentrum, das bislang das einzige in Wien war, das sich spezifisch an die Bedürfnisse von Menschen mit Schizophrenie richtete. Am 31. Jänner fand die Abschiedsfeier statt.
- Kennst du schon?: Was los? Mit ME/CFS: Die unsichtbare Krankheit
Malicky spricht langsam. Wenn er nach Worten sucht, blickt er kurz aus dem Fenster. Er spricht von einem Umbruch in seinem Leben, einem von vielen. Vor ein paar Monaten ist sein Vater gestorben, da habe er viel Zeit bei seiner Mutter verbracht, jemand müsse schließlich im Familienhaus sein, in dem sie nun alleine lebt. Gerade in den letzten Monaten sei er deshalb weniger hier im Zentrum gewesen. Üblicherweise war er mehrmals pro Woche da. Die Füße des 54-Jährigen stehen fest auf dem Parkettboden, während er spricht. In der Küche im Nebenraum kochen gerade ein paar andere Klient:innen mit einem Sozialarbeiter. Wer mitkocht, darf hier gratis essen. Wer erst beim Duft der frischen Pasta Appetit bekommt, zahlt drei Euro für eine Portion warmes Essen.
„Meine Eltern fanden mich etwas seltsam”
Über 20 Jahre lang ist Stefan Malicky regelmäßig hierhergekommen, in das schlichte Haus in Wien Margareten, dessen Stil an einen Gemeindebau erinnert. Genau genommen kommt er, seit er zum zweiten Mal aus der Psychiatrie entlassen wurde. Seine Eltern haben ihn damals ins Otto-Wagner-Spital gebracht, weil sie ihn etwas seltsam fanden, erzählt der große Mann, seine Hände liegen auf seinen Knien. Was sie damit meinten, wisse er nicht so genau. Nur dass er eine Zeit lang keine Rechnungen mehr zahlen wollte, nur noch Big Macs aß und immer weniger rausging. In seiner Wiener Wohnung habe er eine Matratze auf dem Boden gehabt, auf der er unermüdlich Bücher wälzte. Sein Gewicht kletterte immer weiter nach oben. „Mir ist es nicht gut gegangen. Aber es dauert eine Weile, bis man das merkt.” Die Diagnose in der Klinik: Schizophrenie. „Ob ich typische Symptome einer Schizophrenie hatte, kann ich nicht sagen.” Für Malicky fühlt sich die Kategorie wie ein Stempel an. „Es hat nur einen Moment gegeben, an dem ich mich plötzlich sehr leicht gefühlt habe, als würde ich auf Wolken gehen oder unter Drogen stehen, was nicht so war. Mit Notwendigkeiten existenzieller Natur wollte ich nichts mehr zu tun haben. Während mein Bruder geheiratet hat, bin ich für zehn Monate nach Spanien gefahren und war abgängig gemeldet.”
Die Sachwalterschaft, die damals eingeschaltet wurde, um die Erwachsenenvertretung für den gebürtigen Kärntner zu übernehmen – eine Institution, die es so heute nicht mehr gibt, weil sie die Selbstbestimmung ihrer Klient:innen massiv beschnitt – befand es schließlich für richtig, dass Malicky nach seinem Aufenthalt im Krankenhaus hierher in das Zentrum komme.
Ein Club gegen die Einsamkeit
„Damals hat es hier noch ganz anders ausgeschaut”, erklärt Malicky. „Da wurde hier noch geraucht. Es waren extrem viele Leute da.” Schon damals boten die Räume vor allem einen Kontaktpunkt an. Man kennt sich hier, man bildet Freundschaften. Man kann jederzeit kommen, wann immer es zuhause zu einsam wird. Also kam Malicky seit 2004 fast jeden Montag in die Zeichengruppe. Kreativ war er schon immer gerne, schließlich zog er einst nach Wien, um Kunst zu studieren. Er war als freischaffender Künstler tätig, ehe er in die Psychiatrie kam und mit Anfang dreißig für berufsunfähig erklärt wurde. Noch heute, in seiner Pension, fertigt der Wahlwiener Skulpturen an, beteiligt sich an Ausstellungen und veröffentlicht in seinem Blog persönliche Texte. „Hier in Gesellschaft geht das viel besser als alleine zuhause. Man braucht auch gar kein Künstleratelier, es reicht ein Blatt Papier.”
Updates aus der Redaktion:
)
WZ Weekly
Einblicke in die WZ-Redaktion. Ohne Blabla.
Jeden Tag wurden hier im Zentrum andere Programmpunkte für die Besucher:innen angeboten. Freitags besuchte Malicky die Zeitungsgruppe, um für die „Buchstabensuppe”, das Blatt des Zentrums, Texte zu schreiben. An anderen Tagen lernte er über Behindertenrechte, sprach mit dem hauseigenen Arzt, bis diese Möglichkeit vor zwei Jahren eingestellt wurde, oder genoss einfach die Geselligkeit im Haus. „Es war eigentlich eine Art Club”, sagt Malicky ernst.
„Der Totengräber vom SPZ”
Nun schließt das Zentrum wegen der Einsparungspläne der Stadt Wien mit Anfang Februar. Der Abschied ist ein großes Thema im Haus, Mitarbeiter:innen und Klient:innen sind gleichermaßen betroffen. Die Änderungen bereiten viele Sorgen. Erst vor wenigen Wochen waren alle gemeinsam demonstrieren. In seinem Blog veröffentlicht Malicky einen Text zum Thema. In „Der Totengräber vom SPZ” schreibt er: „Ein Pflänzchen kann ich mitnehmen vom SPZ. Ich kann es hegen und pflegen. Die Grenze des betroffen Sein (sic) macht mich wütend, der morbide Geruch von Arabischem (sic) Parfum macht mich traurig.”
Mehr Umbruch als Abschied
Dennoch gibt sich der Künstler zuversichtlich. Immerhin werden die Klient:innen eingeladen, künftig mittwochs an der Sigmund Freud PrivatUniversität Kunsttherapie zu machen – und: Malicky und die anderen Klient:innen, der Club vom SPZ also, haben eine WhatsApp-Gruppe gegründet. „Da sind wir organisiert. Da haben wir recherchiert, wo wir jetzt anstelle des SPZ hingehen können: das Regenbogenhaus zum Beispiel, das Nachbarschaftszentrum oder die psychosozialen Dienste.” Schon jetzt gehen da einige der anderen hin, so der Kärntner. „Deshalb ist es eigentlich mehr ein Umbruch als ein Abschied. Wenn man sich sehen will, glaube ich, funktioniert das auch irgendwie.”
In seinem Blog schreibt er: „Ich habe eigentlich die letzten 23 Jahre im SPZ außer Atem verbracht. Ich weiß gar nicht so genau, was da alles passiert ist. Zu viel ist passiert. So viele Leute, so viele Geschichten und Ereignisse. Die Geschichten strömen alle durch einen Trichter in eine Flasche oder durch die Engstelle einer Sanduhr. Der Moment ist gekommen, für das SPZ, dass die Sanduhr umgedreht wird. Es ist Zeit, die Komfortzone zu verlassen.”
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Warum in Wien jetzt gespart wird – und warum das eine teure Entscheidung ist: Österreichs Wirtschaft stagniert. Um das öffentliche Budgetdefizit nicht explodieren zu lassen und einen Verstoß gegen die Maastricht-Kriterien der EU, die für solche Defizite eine Obergrenze vorgeben, zu verhindern, muss nun gespart werden. Dazu kommt: Die Inflation der letzten Jahre hat Mieten und Personalkosten explodieren lassen, während die öffentlichen Förderungen oft nicht im gleichen Ausmaß mitgewachsen sind. Nun wird bei Einrichtungen wie dem SPZ, dem Anton Proksch Institut oder der Wiener Suchthilfe eingespart.
- Teure Drehtür-Psychiatrie: Die Schließung solcher niederschwelligen Einrichtungen spart kurzfristig Geld, kann langfristig aber hohe Kosten verursachen. Wenn stabilisierende Tagesstrukturen wegfallen, steigt das Risiko für Rückfälle und akute Krisen. Ein Tag in stationärer psychiatrischer Behandlung kostet ein Vielfaches der ambulanten Betreuung. Ohne präventive Strukturen stellt sich der sogenannte Drehtüreffekt ein: Patient:innen werden stabilisiert, entlassen, vereinsamen ohne Struktur und müssen rasch wieder stationär aufgenommen werden. Die indirekten Kosten durch diesen Kreislauf belasten das Gesundheitssystem und die Volkswirtschaft massiv.
- Vom Sachwalter zur Vertretung: Der Begriff Sachwalterschaft wurde in Österreich im Jahr 2018 abgeschafft und durch die sogenannte Erwachsenenvertretung ersetzt. Ziel der Reform war der Wechsel von Entmündigung hin zu mehr Selbstbestimmung. Dennoch bleibt für viele psychisch erkrankte Menschen der schmale Grat zwischen notwendigem Schutz und gefühlter Fremdbestimmung eine ständige Herausforderung.
Quellen
- Bundesministerium für Justiz (BMJ). (2024). Erwachsenenschutz
- OECD & European Union. (2018). Health at a Glance: Europe 2018: State of Health in the EU Cycle. OECD Publishing.
- Rechnungshof Österreich. (2019). Versorgung psychisch Erkrankter durch die Sozialversicherung (Reihe Bund 2019/5). Wien.
- Sozialwirtschaft Österreich. (2024). PK SWÖ: Stellen Inflationsabgeltung bei KV-Verhandlungen in Aussicht
- VertretungsNetz. (2021). Selbstbestimmung trotz Stellvertretung – gelingt es in der Praxis? (Blogbeitrag)
- WIFO. (2024). Rezession in Österreich hält sich hartnäckig: Prognose für 2024 und 2025
)
)
)
)