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Anpfiff zur Unabhängigkeit von den USA

7 Min
Mathias Ziegler beleuchtet in seiner Kolumne alle zwei Wochen EU-Themen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Die Fußball-WM lenkt den Blick aktuell verstärkt über den Atlantik. Abseits des Sports muss sich jedoch die EU von den USA emanzipieren – 250 Jahre, nachdem diese sich von Europa emanzipiert haben.


    • Europa muss sich politisch, militärisch und wirtschaftlich stärker von den USA unabhängig machen.
    • Die EU fördert eigene Technologien wie KI, Satellitennavigation und den Digitalen Euro, bleibt aber oft hinter den USA zurück.
    • Eine gemeinsame EU-Armee und engere Kooperation werden diskutiert, stoßen aber auf politische Hürden und nationale Vorbehalte.
    • BIP der USA: 27 Billionen Euro, BIP der EU: 19 Billionen Euro
    • Drei Viertel der EU-Bürger:innen wollen mehr Eigenständigkeit von den USA
    • EU-Armee hätte rund 1,3 Mio. aktive Soldat:innen
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Die Welt zu Gast bei Freunden“ lautete das Motto der Männer-Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. 20 Jahre später würden das bei den USA, einem der Gastgeberländer der laufenden WM, wohl nicht alle Gäste unterschreiben. Und auch das diesjährige Motto „Football unites the World“ gilt für WM-Teilnehmer wie den Iran sicher nicht. Aber selbst zwischen den USA und Europa kriselt es gewaltig.

Ich bin fast versucht, Parallelen zum 4. Juli 1776 zu ziehen. Damals, vor genau 250 Jahren, schlug die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten von Amerika, die sich mit der Unabhängigkeitserklärung von den europäischen Kolonialmächten emanzipierten. Heute allerdings ist es genau umgekehrt: Die Alte Welt muss sich von der Neuen Welt emanzipieren. Denn mittlerweile gilt selbst China als vertrauenswürdiger als die USA unter Präsident Donald Trump, die in einer entsprechenden Umfrage nur noch knapp vor Russland landeten. Drei Viertel der EU-Bürger:innen sind deshalb der Ansicht, Europa solle seinen eigenen Weg gehen.


Gemeinsame Verteidigung

Lange galten die USA als Schutzmacht Europas innerhalb der NATO. Inzwischen gilt nicht einmal mehr als gesichert, dass sie der EU zu Hilfe kämen, wenn ein Mitgliedsland direkt angegriffen würde. Trump bezeichnet das transatlantische Bündnis als „Papiertiger“, stellt einen Austritt der USA in den Raum und bedroht sogar Europas territoriale Integrität (siehe Grönland). Der finnische EU-Abgeordnete und ehemalige Generalmajor Pekka Toveri sieht deshalb nicht nur Russland als Gefahr, sondern auch die USA: „Wir sind in einer Ära, in der die Starken tun, was sie wollen. Aber als einer der letzten Orte der Welt mit echter Demokratie haben wir etwas, das es zu verteidigen lohnt.“

In dieser Gemengelage sucht die EU neue Partner, zum Beispiel Kanada, kooperiert trotz Brexit mit Großbritannien und forciert mit einem milliardenschweren Programm die gemeinsame und einheitliche Beschaffung von Rüstungsgütern in Europa, wo derzeit 150 verschiedene Waffensysteme im Einsatz sind. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung im EU-Parlament, befürchtet allerdings, dass die EU-Staaten trotz massiver Veränderungen in der Kriegsführung Unsummen für veraltete Technologien ausgeben könnten. Sie verweist auf die Ukraine, die sich zum Drohnenexporteur gemausert hat und ihr modernes Kriegsgerät direkt im Feldeinsatz nachbessert. „Sie haben in den vergangenen Monaten skaliert, das ist unvorstellbar.“ Freilich hat die Ukraine kein so enges Regel- und Bürokratiekorsett wie die EU, wo es im Hintergrund „neun Soldat:innen braucht, damit einer an der Front kämpfen kann“, wie es Strack-Zimmermann überspitzt formuliert.


Ebenfalls interessant: Österreichs Rolle als neutraler Staat.


Am schlagkräftigsten wäre wohl eine gemeinsame EU-Armee. Bei rund 1,3 Millionen aktiven Soldat:innen könnten gegenüber 27 nationalstaatlichen Armeen jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge eingespart werden, meint Christian Wind, Experte für internationale Beziehungen. Jedoch ist schon die Zusammenarbeit von kleinen Kontingenten derzeit schwierig. Der Friedensforscher Matthias Dembinski ergänzt, dass eine EU-Armee eine zentrale Führung bräuchte, aber die Nationalstaaten schon jetzt nicht bereit sind, Kompetenzen abzugeben. Wer also könnte entscheiden, ob Europa in einen Krieg zieht?

Militärische Stärke wird aber immer wichtiger, auch auf See, wo neben den der Sperre der Straße von Hormus auch Probleme in der Straße von Malakka und womöglich vor Taiwan drohen. Und wer weiß, wie lange die USA ihren Raketenabwehrschild über Europa aufrecht erhalten? Völlig vernachlässigt hat Europa bisher auch den Weltraum.

Wirtschaftsraum stärken

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) um die 27 Billionen Euro ist die Wirtschaft der USA um fast die Hälfte stärker als jene der EU (19 Billionen Euro). Dazu kommt ein US-Präsident, der seinen Handelspartnern regelmäßig mit neuen Strafzöllen droht. Umso wichtiger ist es, sich auf die eigene Stärke durch den gemeinsamen Binnenmarkt zu besinnen und neue Handelspartner zu finden. Beides forciert die EU schon länger. Neben Freihandelsabkommen mit Indien, Kanada, Australien oder dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur hat man sich auch auf einen Fahrplan mit dem Arbeitstitel „Ein Europa, ein Markt“ geeinigt, der die Wettbewerbsfähigkeit der EU stärken soll. Mit konkreten Maßnahmen soll das Wirtschaftswachstum in Europa angekurbelt und die Industrie widerstandsfähiger gemacht werden.

KI made in Europe

Allzu lange hat sich Europa bei der Künstlichen Intelligenz auf US-Technologien verlassen und die Entwicklung eigener Programme vernachlässigt. Dementsprechend viele europäische Daten sind bei den US-Konzernen OpenAI, Anthropic und Google gespeichert. Nun sollen europäische Serverfarmen entstehen, die europäische Daten verwalten, und europäische Gigafabriken aufgebaut werden, die europäische Mikrochips für europäische Supercomputer produzieren, um europäische Chatbots mit europäischen Daten zu trainieren.

Trotz verstärkter Förderungen und beschleunigter Genehmigungen dürften bis dahin noch mehrere Jahre vergehen. „Mit Mistral haben wir zwar ein französisches Modell, das US-Chatbots schon nahekommt. Aber wir sind um Jahre hinterher“, stellt die grüne EU-Abgeordnete Alexandra Geese fest, die 2024 die erste Konferenz zur digitalen Unabhängigkeit der EU organisiert hat. Strack-Zimmermann findet das nicht unbedingt negativ. Mit Blick auf die immer noch große Skepsis gegenüber KI und die wachsende Ablehnung gegenüber den dafür notwendigen Gigafabriken in der Bevölkerung sieht sie sogar eine Chance: „Die EU könnte aus amerikanischen Fehlern lernen und es mit Verspätung besser machen.“ Vor allem in Bezug auf Ausfall- und Datensicherheit gibt es noch viel Luft nach oben. Ob allerdings Europas Rückstand tatsächlich je aufgeholt werden kann, ist fraglich.




Digitaler Euro

Visa oder Mastercard im Geldbörsel, PayPal oder Apple Pay am Handy: Wer heute in Europa online bezahlt, ist dabei von US-Konzernen abhängig. Die Europäische Zentralbank (EZB) will diesen nicht mehr Milliarden in den Rachen werfen und arbeitet deshalb mit Hochdruck am Digitalen Euro, der ab 2027 in Pilotprojekten eingeführt werden soll, um die Position Europas gegenüber der US-Konkurrenz zu stärken. Eine Hoffnung, die in einer Online-Umfrage von market im März 2026 im Auftrag der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) nur drei von zehn Personen teilten. Etwa ebenso vielen war der Digitale Euro bis dahin noch gar nicht bekannt. Zumindest vier von zehn könnten sich aus heutiger Sicht vorstellen, ihn dann auch tatsächlich zu nutzen, wobei die Zustimmung bei den Jüngeren erwartungsgemäß höher ist als bei den Älteren.

Das Bargeld soll der Digitale Euro übrigens dezidiert nicht ersetzen, sondern bloß ergänzen. Der entsprechende EU-Rechtsrahmen soll sogar das Recht auf Barzahlung garantieren, indem Händler in der Eurozone zur Annahme von Scheinen und Münzen verpflichtet und „No Cash“-Schilder verboten werden.



Satelliten: Galileo vs. GPS

Was passiert, wenn die Satellitennavigation und -kommunikation von US-Gnaden nicht mehr unterstützt wird, hat man im Ukraine-Krieg gesehen, als Elon Musk sein Satellitennetzwerk „Starlink“ plötzlich abdrehte und beide Kriegsparteien massive Probleme an und hinter der Front bekamen. Umso wichtiger ist es, dass die EU schon seit 20 Jahren mit dem System Galileo ihre eigenen Navigationssatelliten betreibt, um nicht vollends vom amerikanischen GPS abhängig zu sein. Inzwischen ist Galileo mit bis zu 20 Zentimetern sogar wesentlich genauer als GPS (3 bis 5 Meter). Und: Galileo steht unter ziviler Kontrolle der EU, während GPS von der US Space Force betrieben wird.

Europäische Suchmaschine

Google, Bing, Yahoo!, DuckDuckGo – die halbe Welt nutzt fast ausschließlich Suchmaschinen made in USA. Nur Russland, China und Südkorea haben eigene Platzhirsche, was allerdings zum Teil der Zensur geschuldet ist. Die EU-Kommission fördert die Entwicklung eines europäischen Open Web Index. Und es gibt bereits Qwant aus Frankreich, „die Suchmaschine, die nichts über Sie weiß“, weil sie anders als Google keine persönlichen Daten der Nutzer:innen sammelt. Zwei große Unsicherheitsfaktoren bleiben. Erstens: Haben die jüngsten Entwicklungen rund um KI-basierte Suchfunktionen die europäische Forschung schon wieder überholt? Zweitens, noch wichtiger: Wird die europäische Bevölkerung sich überhaupt auf Alternativen zu Google einlassen?



EU-Erweiterung

Zehn Staaten streben derzeit den EU-Beitritt an. Realistischerweise könnte Montenegro in zwei Jahren Teil der Staatengemeinschaft werden. Und sollten die Isländer:innen beim Referendum am 29. August für die Wiederaufnahme der Beitrittsgespräche stimmen, wäre der nordische Staat als Nettozahler quasi eine Bank. 62 Prozent der Befragten bei der jüngsten ÖGfE-Umfrage würden sich auch einen EU-Beitritt des reichen Nachbarn Norwegen wünschen. Dort sind die EU-Ambitionen allerdings überschaubar. Dafür rückt die Schweiz durch neue Abkommen immer näher an Europa heran. Die fünf anderen Beitrittskandidaten am Westbalkan, die zum Teil seit 25 Jahren warten, dürften dies noch länger tun. Auch bei Georgien, Moldawien und der Ukraine wird der Beitritt eher später als früher erfolgen. Und die Beitrittsgespräche mit der Türkei liegen komplett auf Eis. Eine Erweiterungseuphorie sucht man zumindest in Österreich vergeblich: Knapp sechs von zehn Befragten sind dagegen, dass die EU in den nächsten fünf Jahren neue Mitglieder aufnimmt.



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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Matthias Dembinski ist Friedensforscher am Peace Research Institute in Frankfurt.
  • Alexandra Geese ist seit 2019 EU-Abgeordnete der deutschen Grünen und war von 2022 bis 2024 stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Grünen/EFA.
  • Marie-Agnes Strack-Zimmermann sitzt seit 2024 für die FDP im EU-Parlament. Dort ist sie Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung und Vorstandsmitglied der liberalen Renew-Fraktion.
  • Pekka Toveri diente 35 Jahre lang in der finnischen Armee, wo er bis zum Generalmajor aufstieg. 2024 ist er für Kokoomus, die Nationale Sammlungspartei, ins EU-Parlament eingezogen und gehört der EVP-Fraktion an.
  • Christian Wind ist Experte für internationale Beziehungen und war EU- und OSZE-Wahlbeobachter in mehr als zwanzig Missionen weltweit.

Quellen

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