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Fall Gunkl: Wenn das Opfer aus dem Blick gerät

8 Min
Günther Paal besser, bekannt als Gunkl
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: APA Images

Der Kabarettist der Kuseng verfasst einen Gastkommentar zum Fall rund um die Missbrauchsvorwürfe gegen Günther Paal, besser bekannt als Gunkl.


Dieser Artikel behandelt sexualisierte Gewalt. Der Inhalt kann belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte lies nur weiter, wenn du dich emotional sicher fühlst. Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.

Als Kabarettist hält man der Gesellschaft gerne den Spiegel vor. Man zeigt auf ihre Widersprüche, Absurditäten und blinden Flecken. Doch was, wenn das Spiegelbild plötzlich den Kabarettisten selbst zeigt?

Der Fall Günther Paal, bekannt als Gunkl, ist genau so ein Moment. Sein Videostatement liefert Einblicke, die danach schreien, eingeordnet zu werden. Jedes Handbuch der Krisenkommunikation würde ihm vermutlich bescheinigen, vieles richtig gemacht zu haben: Vorwürfe offenlegen, Schuld eingestehen und Reue zeigen. Hier will uns jemand vermitteln, dass er Verantwortung übernommen hat.

Doch recht schnell wird klar, wovon das Video tatsächlich handelt: von ihm selbst. Es beginnt mit dem Satz: „Ich habe Schande auf mich gebracht.“ Das ist irritierend und entlarvend zugleich. Denn Schande ist eine moralische Kategorie, die sich auf seine Scham bezieht. Darauf, dass seine Tat bekannt geworden ist und sein eigenes Bild in der Öffentlichkeit beschädigt wurde.

Was fehlt, ist der Ausgangspunkt und der eigentliche Missstand: Er hat einem heute fünfjährigen Kind sexualisierte Gewalt angetan und besitzt knapp 1.000 Dateien mit Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern.

Ein Kind, das selbst nicht vor die Kamera treten kann (aus Gründen des Kinderschutzes ist das auch richtig so). Ein Kind, das keine Reichweite hat, kein Publikum und keine Möglichkeit, seine Geschichte selbst zu erzählen. Ein Kind, das sich nicht vor eine Kamera setzen und erklären kann, wie sehr es unter dem Erlebten leidet.

Der Täter hat all das. Und er nutzt es. Ohne der Perspektive des Kindes Raum zu geben. Ohne einmal einfühlsam darüber zu sprechen, was das Erlebte für dieses Kind bedeuten muss. Stattdessen erzählt er uns von seiner Schande, seinem Innenleben, seiner Vergangenheit und seinen vermeintlich unkontrollierbaren Trieben. Aber wo bleibt dabei das Kind?

Wo ist der Satz: „Ich habe einem Kind enormen Schaden zugefügt“?

Wo ist der Satz: „Das Kind war mir als erwachsenem Mann ausgeliefert“?

Wo ist der Gedanke daran, dass ein Kind nicht einfach Teil einer Geschichte über die Läuterung eines Erwachsenen sein darf?

Stattdessen nennt er die konkrete sexualisierte Gewalthandlung gegenüber dem Kind und beschreibt sie in einer Weise, die auf mich relativierend und bagatellisierend wirkt.

Noch deutlicher wird das bei seiner Erklärung zum Besitz des sichergestellten Materials. Er sagt, er habe eine „Phase“ in seinem Leben gehabt, in der er „Lust auf solche Videos“ hatte. Eine Phase. Lust. Solche Videos.

Wer von einer „Phase“ und von „Lust auf solche Videos“ spricht, beschreibt damit etwas, das wie ein vorübergehender Teil des eigenen Lebens klingt. Aber hinter diesen Dateien stehen keine „solchen Videos“.

Dahinter stecken hunderte grausame Schicksale von Kindern. Kindern, denen sexualisierte Gewalt angetan und deren Leid aufgezeichnet wurde. Reale Menschen und reale Gewalt. Jedes einzelne Bild und Video ist mit einem Kind verbunden, dessen Leid für andere festgehalten wurde. Wie es sich wohl anfühlen muss zu hören, dass dieses Leid für Männer wie Günther Paal Lust bedeutete. Seine Sprache verschiebt den Fokus von der Gewalt auf seine „Phase“.

Der sexualisierte Übergriff auf das Kindergartenkind ist vor knapp zwei Jahren passiert. In der Folge hat er der Familie Schweigegeld gezahlt. Der Mutter und Großmutter des Opfers wird das Verbrechen der schweren Erpressung vorgeworfen. Beide sitzen seit Juli in Untersuchungshaft. Und trotzdem präsentiert uns der Täter heute seine Geschichte von der vergangenen Phase, der Schande und dem geläuterten Mann.

Auch seine Erklärung, er habe die Dateien auf alten Rechnern gehabt und gar nicht mehr gewusst, dass er sie noch besitzt, passt in die Geschichte, die er uns erzählen will. Eine längst vergangene Phase, alte Rechner, vergessenes Material, eine Vergangenheit, die nicht zu dem Menschen passt, den Gunkl heute porträtieren möchte und der Öffentlichkeit zeigen.

Was bedeutet es eigentlich, wenn jemand knapp 1.000 Dateien mit Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern auf seinen Geräten hat und davon spricht, er habe sie vergessen? Die betroffenen Kinder haben das sicherlich nicht vergessen. Diese Distanz und Empathielosigkeit den Opfern gegenüber ist für mich erschreckend und konterkariert das Bild, das er von sich durch das Video schaffen möchte.

Gleichzeitig bekommt dieses Video Likes und Herzreaktionen auf Social Media. Natürlich weiß ich nicht, was jeder einzelne Mensch mit einem Herz ausdrücken möchte. Vielleicht Erleichterung darüber, dass er die Tat zugibt. Vielleicht die Hoffnung, dass er nun Verantwortung übernimmt. Aber trotzdem finde ich es verstörend, wie schnell unsere Aufmerksamkeit wieder beim Erwachsenen landet. Der Mann spricht über seine Gefühle und viele sind bereit, mitzufühlen.

Es ist ein bekanntes Muster: Der Täter bekommt eine Stimme, eine Geschichte und Raum für seine Gefühle. Die Perspektive des Opfers verschwindet dahinter. Genau deshalb macht mich dieses Video so wütend. Weil es Verantwortung vorgaukelt. Aber Verantwortung beginnt für mich dort, wo das eigene Leid nicht mehr im Zentrum der Geschichte steht. Echte Verantwortung baut auch nicht auf jahrelanger Vertuschung auf.

Besonders das Ende des Videos lässt mich nicht los. Ich finde es dreist, dass der Täter den Zusehern den Rat mitgibt, sich Hilfe zu suchen, wenn sie ähnliche Neigungen haben. Hilfe, die er sich gesucht hat, während er Schweigegeld bezahlt hat? Oder hilft diese Aussage vor allem der Geschichte, in der wir statt eines Täters einen Menschen sehen sollen, für den jede Hilfe leider zu spät kam?

Natürlich braucht es Prävention. Natürlich müssen Menschen, die pädophile Neigungen haben, die Möglichkeit bekommen, sich Hilfe zu suchen, bevor ein Kind zu Schaden kommt. Aber Prävention darf nicht dafür genutzt werden, die Geschichte auf einen „kranken Mann“ zu reduzieren und damit unsere gesellschaftliche Verantwortung aus dem Blick zu verlieren. Denn sexualisierte Gewalt gegen Kinder existiert nicht im luftleeren Raum.

Es gibt ein strukturelles Problem darin, wie wir mit Macht, Gewalt, Objektivierung und Grenzen umgehen. Wir sollten uns fragen welche Bilder und Vorstellungen wir als Gesellschaft normalisieren.

Warum bei erwachsenen Frauen bestimmte kindlich konnotierte Merkmale als attraktiv gelten: große Augen, zierliche Körper, glatte oder haarlose Haut. Warum Jugendlichkeit als Schönheitsideal vermarktet wird.

Vor allem, warum wir so viel darüber sprechen, wie Kinder sich selbst vor Gefahren schützen sollen und so viel weniger darüber, welche Verantwortung Erwachsene dafür tragen, Kinder tatsächlich zu schützen.

Warum liegt die Verantwortung so oft bei denen, die sich am wenigsten selbst schützen können? Und warum bekommen angesehene Männer, bekannte Männer, Männer in Machtpositionen so häufig einen Vertrauensvorschuss?

Auch unsere Sprache müssen wir uns anschauen. „Kinderpornografie“ ist dafür ein Beispiel. Der Begriff legt sprachlich nahe, dass es sich um Pornografie handelt, um ein sexuelles Genre, das konsumiert werden kann. Tatsächlich geht es um illegale Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern von Erwachsenen. Oder, wie Günther Paal es nennt: „solche Videos“.

Unsere Sprache bestimmt mit, wie wir etwas wahrnehmen und dann handeln. Wenn wir die Gewalt sprachlich verschwinden lassen, machen wir es leichter, auch die Opfer aus dem Blick zu verlieren.

Wir können über vieles sprechen. Darüber, wie das Umfeld des Kindes versagt hat. Darüber, welche Verantwortung Mutter und Großmutter hatten und warum das Kind nicht ausreichend geschützt wurde. Darüber, ob unsere Gesetze Kinder tatsächlich ausreichend schützen oder Opfern noch immer zu viel abverlangen. Darüber, wie Prävention funktionieren muss und wie Menschen mit pädophilen Neigungen Hilfe bekommen können, bevor ein Kind zu Schaden kommt.

Wir können über all das sprechen. Aber verschieben wir nicht den Fokus, worüber wir eigentlich sprechen: Über ein Kind.

Über ein Kind das, zum Tatzeitpunkt etwa drei Jahre alt war, als ihm ein erwachsener Mann sexualisierte Gewalt angetan hat. Über das einzige Kind von dem wir bislang wissen, weil der Täter laut eigenen Angaben erpresst wurde und er sich deshalb selbst auslieferte. Wir sprechen aber auch über viele weitere Kinder, deren sexualisierte Gewalt aufgezeichnet und auf Günther Paals Rechner gespeichert wurde, weil ihr Leid ihm Lust bereitete.

Ich stehe selbst auf Bühnen. Auch ich mache Kabarett. Auch ich weiß, was es bedeutet, dass Menschen einem auf der Bühne zuhören, einem vertrauen und einenm vielleicht sogar mögen. Gerade deshalb glaube ich, dass für Menschen mit dieser Öffentlichkeit eine besondere Verantwortung entsteht.

Eine Bühne ist Macht. Reichweite ist Macht.

Vertrauen ist Macht. Wir als Gesellschaft sollten uns davon nicht blenden lassen. Nicht von einem bekannten Namen. Nicht von einer Karriere. Nicht von einem Menschen, den wir vielleicht jahrelang geschätzt haben. Nicht von unserer eigenen Enttäuschung uns in einem Menschen geirrt zu haben. Denn all das verändert nicht, was Günther Paal diesem Kind angetan hat.

Ich hoffe für dieses Kind, dass es Menschen um sich hat, die ihm jetzt das geben können, was ihm genommen wurde: Sicherheit, Vertrauen, Zeit und Einfühlungsvermögen. Dass es professionelle Hilfe bekommt das Erlebten zu verarbeiten. Ich hoffe, dass seine Kindheit aus noch mehr bestehen darf als aus dem schrecklichen Erlebten. Und ich hoffe, dass es dieses Video-Statement nie zu sehen bekommt.

Wenn du selbst von sexualisierter Gewalt betroffen bist oder jemanden unterstützen möchtest, findest du hier Hilfe:

  • Der Helpchat, Online-Beratungsstelle für Frauen und Mädchen: online hier
  • Frauen- und Mädchenberatungsstellen: Tel.: 01 595 37 60, online hier
  • Frauenhelpline gegen Gewalt: Tel.: 0800 222 555, online hier
  • Gewaltschutzzentren Österreichs: Tel.: 0800 700 217, online hier
  • Männerberatung: Tel.: 0800 400 777, online hier
  • Rat auf Draht: Tel.: 147, online hier
  • Tamar, Frauen- und Familienberatungsstelle: Tel.: 01/334 04 37, online hier
  • Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser: online hier
  • Weißer Ring, Verbrechensopferhilfe: Tel.: 0800 112 112, online hier

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