PodcastIn sozialen Medien scheint Female Rage bereits ein etabliertes Gefühl zu sein. Wie es sich mit der anhaltenden Wut lebt, erzählt Lea der WZ.
„Das ist eine Situation, die wahrscheinlich viele Frauen kennen“, sagt Lea* und erzählt von einer Präsentation, für die sie sorgfältig PowerPoint-Folien angelegt und Notizen gekritzelt hatte, um ihren Kolleg:innen aktuelle Projekte vorzustellen. Vor einer Runde Männer stand die Marketingmitarbeiterin eines größeren Unternehmens, das sie nicht namentlich nennen will, als ihr ein Kollege ins Wort fiel und die Präsentation kurzerhand übernahm. Mehrmals öffnete Lea den Mund, holte hörbar Luft, um etwas zu sagen, begann neue Worte zu formen – und wurde jedes Mal wieder unterbrochen.
- Kennst du schon?: „Der Täter wurde geschützt, nicht ich“
„Ich war nicht laut genug“, sagt die 34-Jährige heute. Sie fühlte sich vor den Kopf gestoßen, verstummte und überließ ihrem Kollegen den Rest des Vortrags.
„Dann war ich im Rage Mode.“ In seinem Büro wartete Lea auf seine Rückkehr, um ihn zur Rede zu stellen: Beim nächsten Mal, sagte sie ihm, werde sie keine Präsentation mehr vorbereiten, nur damit er sie ihr dann wegnehmen könne. „Mach es selbst, ich bin da jetzt raus.“ Der Kollege reagierte laut und ungehalten – was genau er sagte, weiß Lea heute nicht mehr. Aber dass sie ihm sagte, er solle nicht so mit ihr reden, und dass sie dann aus seinem Büro lief, zurück in ihres, das weiß sie noch genau. Auch daran, wie er ihr nachlief und sie weiter mit Worten bombardierte, erinnert sie sich gut. Schließlich schrie sie: „Geh jetzt raus. Ich möchte nicht mehr reden.“
Gerechtfertigt oder instabil?
Female Rage nennt nicht nur Lea das: Für die Wut, die viele Frauen spüren, wenn sie mit geschlechtsbedingten Ungerechtigkeiten konfrontiert werden, ist das mittlerweile ein gängiger Begriff in sozialen Netzwerken und anderen Medien. Dazu zählen Erfahrungen unbezahlter Care-Arbeit ebenso wie sexistische Sprüche oder das Aberkennen beruflicher Expertise – und Letzteres erlebt Lea in ihrem Job häufig. Ihr Arbeitsfeld ist Technik- und männerdominiert. Dass Männer ihr die Arbeit aus der Hand nehmen, um sie als ihre eigene zu präsentieren, kommt immer wieder vor.
„Da liegt ein schmaler Grat zwischen laut genug sein, um gehört zu werden, und leise genug, um nicht unprofessionell, unkontrolliert oder emotional instabil zu wirken“, sagt sie.
Female Rage ist für viele Frauen, die sie empfinden, ambivalent: belastend, weil weibliche Wut gesellschaftlich verpönt ist, aber sie kann auch zur Stärke werden. „Ich sehe die Wut mittlerweile als Chance für Veränderung“, sagt Lea.
Nach dem Konflikt mit ihrem Kollegen schaltete sich Leas Vorgesetzter ein. Warum sie so aggressiv gewesen sei, fragte er, und betonte, dass er Harmonie im Team wolle. Zur Strafe entzog er ihr Verantwortung.
Das brachte Lea ins Grübeln: Hätte sie besser ruhig bleiben sollen? War ihre Wut unangemessen? War sie zu viel – zu laut? Fragen wie diese begleiten sie seit ihrer Kindheit.
Sorgearbeit von klein auf
Zwischen der mangelnden Impulskontrolle ihres Vaters und der Mutter, die ihre Kinder in elterliche Konflikte hineinzog, lernte Lea früh, sich anzupassen. Wenn sie nach Hause kam, spürte sie sofort, welche Stimmung herrschte: ob der Bruder die Geduld der Eltern mit seinen schlechten Noten bereits strapaziert hatte, ob die Mutter neue Geheimnisse vor dem Vater hütete, die die Kinder mitbewahren sollten. Dann hielt Lea die Luft an, sorgte für Ruhe, schirmte den Vater ab und nahm den Bruder in Schutz. Parentifizierung nennt die Psychologie diese kindliche Rollenumkehr. Später, wenn es wieder still war und Platz für ihre eigenen Gefühle blieb, kochte die Wut hoch: Egal wie sehr sie sich bemühte, alles richtig zu machen, irgendwie ging es doch immer nur um den Problem-Bruder.
Es ist, davon ist Lea überzeugt, dieselbe Wut, die auch heute wieder in ihr aufsteigt, wann immer ihr oder anderen Unrecht widerfährt. Auch auf ihren Chef wird sie nach dessen Sanktionen wütend. Schon bald lässt sie sich in eine andere Abteilung versetzen, um ihm aus dem Weg zu gehen.
„Wut gibt Antrieb“, sagt Lea heute. „Sie holt mich aus der Anpassung. Sie gibt mir meine Stimme zurück.“ Als sie gebeten wird, einen Workshop über die Wertekultur im Unternehmen zu halten, nutzt sie die Gelegenheit und baut ihn zu einem umfassenden Programm über Gleichberechtigung und Female Empowerment aus. Für Lea ist das „ein kleiner Mikrofeminismus im System“. Die Energie dafür, die Workshops allen Gegenmeinungen der Kollegen zum Trotz durchzusetzen? Sie entstammt Leas Wut.
*Name geändert
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- „Female Rage“: Die Philosophin Sigrid Wallaert beschreibt Female Rage als Wut vieler Frauen über strukturelle Ungerechtigkeiten und emotionale Überlastung. In Medien und Popkultur wird sie zunehmend sichtbar, bleibt aber kulturell stigmatisiert, so US-Autorin Soraya Chemaly und Journalistin Rebecca Traister. Studien zeigen: Frauen, die im Beruf Wut äußern, werden negativer beurteilt und seltener unterstützt als Männer – ein Muster, das ihre Bereitschaft, Ungerechtigkeiten anzusprechen, mindert.
- Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz: Frauen erleben im Arbeitsleben häufig Diskriminierung oder subtile Benachteiligung – etwa durch geringere Sichtbarkeit, geringeren Status oder Lohneinbußen bei gleicher Leistung. In Österreich zeigen Daten der Statistik Austria, dass Frauen weiterhin unterrepräsentiert in Führungspositionen sind, häufiger in Teilzeitarbeit tätig sind und im Schnitt weniger verdienen als Männer.
- Unbezahlte Care-Arbeit: Unbezahlte Care-Arbeit umfasst Tätigkeiten wie Kinderbetreuung, Haushaltsführung, Pflege von Angehörigen oder emotionale Betreuung. Viele Frauen leisten diese Arbeit – meist unbezahlt, wenig anerkannt und unter Zeit- und Leistungsdruck. Studien zeigen, dass ein hoher Anteil an solcher Arbeit bei Frauen deutlich mit schlechterer psychischer Gesundheit und Lebensqualität verbunden ist. Zudem ist der Zusammenhang zwischen unbezahlter Arbeit und psychischer Belastung bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern. Diese Belastungen gelten wiederum als möglicher Auslöser von Wut – etwa dann, wenn Überforderung, mangelnde Anerkennung und strukturelle Ungleichheit zusammentreffen.
Quellen
- Chemaly, S. (2018). Rage becomes her: The power of women’s anger. Atria Books.
- Marshburn, C. K., & Cole, E. R. (2020). Workplace anger costs women irrespective of race. Frontiers in Psychology, 11, 579884. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.579884
- Radke, H. R. M., Hornsey, M. J., Barlow, F. K., & Sibley, C. G. (2025). Women are derogated for expressing group-based anger: Gender, communal roles and collective action. The Journal of Social Psychology. Advance online publication. https://doi.org/10.1080/00224545.2025.2529850
- Traister, R. (2018). Good and mad: The revolutionary power of women’s anger. Simon & Schuster.
- Wallaert, S. (2022). Reading rage: Theorising the epistemic value of feminist anger. CEVI – Center for Ethics & Value Inquiry, Ghent University. https://philarchive.org/archive/WALRRT-2
- Statistik Austria: Women’s gross hourly earnings were 18.4 % below those of men in 2022
- Bundesministerium für Frauen, Frauen & Gleichstellung: Gender Equality in the Labour Market and Socio-economic Equality
- Seedat, S., & Rondon, M. (2021): Women’s wellbeing and the burden of unpaid work. BMJ, 374, n1972.
- Ervin, J., Taouk, Y., Fleitas Alfonzo, L., Hewitt, B., & King, T. (2022): Gender differences in the association between unpaid labour and mental health in employed adults: A systematic review. The Lancet Public Health, 7(9), e775-e786.
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