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Ferien, wo andere ermordet wurden

3 Min
Urlaub am Sandstrand mit Panoramablick, der alles, was hier geschah, zu kaschieren versucht.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock

Ob in einer Hochsicherheitszone auf der Jaffna-Halbinsel in Sri Lanka, auf Bali oder in Pakistan: Tourismus funktioniert auch dort, wo die Kriegsruine zur Fotokulisse wird.


    • Das Thalsevana Holiday Resort in Sri Lanka steht auf Land, von dem die tamilische Bevölkerung gewaltsam vertrieben wurde.
    • Sinthujan Varatharajah kritisiert in ihrem Buch, dass Tourismus oft koloniale Gewalt und Vertreibung verschleiert.
    • Tourismus ignoriert häufig die Geschichte eines Ortes und verwandelt Leid in bloße Kulisse für Reisende.
    • Der Bürgerkrieg zwischen dem sri-lankischen Staat und der LTTE dauerte von 1983 bis 2009.
    • Die Wirtschaftskrise in Sri Lanka unter der Rajapaksa-Regierung endete 2022 im Staatsbankrott, begleitet von Massenprotesten und der Flucht des Präsidenten.
    • Der Norden bleibt hochmilitarisiert. Tourismus gilt als zentraler Devisenbringer.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Wer an Sri Lankas Nordküste ins Thalsevana Holiday Resort will, wird zuerst kontrolliert. Checkpoint, Pass, Reservierung, Freigabe. Erst dann geht es weiter: Palmen, Sandstrand, Abendessen mit Meerblick. Das Hotel liegt in einer Hochsicherheitszone auf der Jaffna-Halbinsel; betrieben wird es von der sri-lankischen Armee.

Die Geschichte dieses Strandes hat drei Schichten. Zuerst stand hier ein Rasthaus aus britischer Kolonialzeit, Teil eines Netzes von „rest houses“ in ganz Ceylon. Dann, 1990, erklärte das Militär die Region zur Hochsicherheitszone und vertrieb die tamilische Bevölkerung – ohne Entschädigung. Häuser und Tempel wurden zerstört, Menschen wurden massakriert. Es war ein Genozid. Und schließlich, nach dem Kriegsende 2009, machte die Armee aus der Anlage ein Ferienresort. Die Vertriebenen warten bis heute darauf, zurückkehren zu dürfen. Der Gast bekommt davon nichts mit. Er bekommt nur einen Panoramablick, der alles, was hier geschah, zu kaschieren versucht.

Pass als Ausdruck einer politischen Weltordnung

Die Autor:in und Essayist:in Sinthujan Varatharajah hat gerade ein Buch veröffentlicht, das genau solche Orte lesbar macht: „wo zeit stehen bleibt. vom tourismus und seiner gewalt“. Ausgangspunkt ist eine Reise nach Sri Lanka, in jene Region, aus der ihre eigene Familie in den Achtzigern vor antitamilischer Gewalt fliehen musste. Der Reisepass, heißt es dort, sei kein neutrales Dokument, sondern der materielle Ausdruck einer politischen Weltordnung. Dieselbe Grenze sei Durchgangstor oder Mauer, je nachdem, wer vor ihr steht.

Dass diese Ordnung kolonialen Ursprungs ist, lässt sich an fast jedem Sehnsuchtsort nachlesen. Balis Ruf als tropisches Paradies wurde von der niederländischen Kolonialverwaltung mitproduziert – Werbung für ein Land, das man zuvor erobert hatte. Das Paradies war eine Verwaltungsentscheidung. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Ländern. Und die Tourismuspropaganda geht auch in diesen Tagen munter weiter. Ein Beispiel hierfür ist etwa das pakistanische Militärregime, das seit einigen Jahren gezielt Reiseinfluencer ins Land holt, um schöne Berge in 4K-Qualität zu zeigen, während in ebenjenen Regionen in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele Menschen Opfer ebenjenes Militärs wurden.

Der Krieg wird zum Nervenkitzel

Darin liegt die eigentliche Pointe: Tourismus funktioniert am besten dort, wo ein Ort keine Geschichte haben muss. Die Ruine wird zur Fotokulisse, der Krieg zum Nervenkitzel, die Vertreibung zur Fußnote im Reiseführer. Nicht das Reisen selbst ist das Problem, sondern die Amnesie, die es voraussetzt.

Man muss deshalb nicht zu Hause bleiben. Aber man sollte wissen, wessen Haus man betritt – und dass die meisten Menschen denselben Weg nicht in die Gegenrichtung gehen dürfen.

Emran Feroz ist österreichisch-afghanischer Journalist und Autor. Für die WZ schreibt er alle zwei Wochen eine Kolumne über seine politischen Beobachtungen.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Zur politischen Lage in Sri Lanka: Die Wirtschaftskrise unter der Rajapaksa-Regierung endete 2022 im Staatsbankrott, begleitet von Massenprotesten und der Flucht des Präsidenten. Im September 2024 gewann Anura Kumara Dissanayake mit 42 Prozent die Präsidentschaftswahl, seine linke Koalition NPP holte bei der Neuwahl am 14. November 2024 159 von 225 Parlamentssitzen. Angetreten war sie gegen Korruption und die alten Eliten. Die Bilanz ist gemischt: Das Land bleibt im IWF-Programm, die offizielle Armutsquote liegt weiterhin bei rund 24,5 Prozent, und eine politische Lösung für den Konflikt mit der tamilischen Minderheit steht nach wie vor aus. Trotz schrumpfender Truppenstärke – von 300.000 auf etwa 135.000 Soldaten – steigt der Verteidigungshaushalt weiter. Der Norden bleibt hochmilitarisiert. Tourismus gilt als zentraler Devisenbringer.
  • Zum Krieg gegen die Tamilen: Der Bürgerkrieg zwischen dem sri-lankischen Staat und der LTTE dauerte von 1983 bis 2009. In der Endphase auf einem schmalen Küstenstreifen bei Mullivaikkal wurden nach UN-Angaben zwischen 40.000 und 70.000 Tamil:innen getötet – die große Mehrheit durch wahllosen Artilleriebeschuss der Streitkräfte, die auch Krankenhäuser und ein UN-Zentrum trafen. Zehntausende gelten bis heute als verschwunden. Eine umfassende strafrechtliche Aufarbeitung hat nie stattgefunden; angekündigte interne Untersuchungen gelten international als unzureichend und nicht unabhängig. Tamilische Organisationen und die Diaspora sprechen von einem fortdauernden Völkermord; Kanada hat den 18. Mai als Tamil Genocide Remembrance Day anerkannt, während UN-Gremien von schweren Menschenrechtsverletzungen sprechen und den Begriff Völkermord vermeiden.

Quellen

„wo Zeit stehen bleibt. vom tourismus und seiner gewalt“ von Sinthujan Varatharajah, Carl Hanser Verlag 2026, 416 S. (ISBN 9783446279179)

Das Thema in anderen Medien

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