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Finnland gilt als das „glücklichste“ Land der Welt, mit hohem Vertrauen in den Staat und einem international bewunderten Bildungssystem. Doch das Land hat auch die höchste Jugendarbeitslosigkeit innerhalb der EU.
Zwischen Erdbeer-, Heidelbeer- und Erbsenkisten steht Sofia hinter einem Marktstand im Zentrum von Tampere, einer Stadt im Süden Finnlands. Die 16-jährige Finnin arbeitet während der Sommerferien auf diesem Marktstand, um Geld zu verdienen. „Ich brauche den Job“, sagt sie. Sofia lebt allein in Tampere, hat ihre Freund:innen hier und geht in der Stadt zur Schule. Ihre Mutter ist in die USA gezogen, ihr Vater lebt in einem anderen Teil von Finnland.
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Immer wieder verzeichnet Finnland in Studien und Rankings Bestnoten: Bildungssystem, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Spitzenplätze im World Happiness Report. Aber junge Menschen beschäftigen hier genauso Zukunftsängste und psychische Belastungen. Das haben sie mir erzählt, als ich in die Stadt Tampere gereist bin.
Diese Sorgen sind berechtigt: Mit einer Jugenderwerbslosenquote von 26,5 Prozent unter den 15- bis 24-Jährigen verzeichnete Finnland laut Destatis im Juli 2026 den höchsten Wert in der Europäischen Union.
Diese hohe Jugendarbeitslosigkeit in Finnland hängt laut dem Europäischen Arbeitsvermittlungsdienst EURES weniger mit dem Bildungssystem als mit dem Arbeitsmarkt zusammen: Es gebe zu wenige offene Stellen für Berufseinsteiger:innen, weil viele Arbeitgeber:innen bereits Berufserfahrung und spezifische Qualifikationen verlangten, heißt es. Besonders junge Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung oder Arbeitserfahrung haben daher Schwierigkeiten, den Einstieg ins Berufsleben zu schaffen und sind dann stärker von Langzeitarbeitslosigkeit bedroht.
Jede:r Zweite:r verspürt Jobunsicherheit
„Ich fühle mich nicht wirklich gesehen“, sagt Sofia. Der Satz klingt nüchtern, fast beiläufig.
Mit diesem Gefühl ist sie aber nicht allein. Der finnische Youth Barometer 2025 zeigt, dass die größte Sorge vieler Jugendlichen im Alter von 15 bis 29 Jahren die eigene Zukunft ist: Sieben von zehn Befragten fühlen sich demnach unter Druck, einen Job zu finden, jede zweite Person ist unsicher, ob sie überhaupt Arbeit finden wird. Zudem berichten viele von Leistungsdruck in Schule und Ausbildung sowie von Sorgen über die wirtschaftliche Entwicklung.
Finnland mag zwar immer wieder Bestnoten im World Happiness Report bekommen – was konkret die jungen Menschen betrifft, sieht die Situation aber ganz anders aus. Die Lebenszufriedenheit finnischer Jugendlicher ist laut dem Youth Barometer 2025 auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Erhebung Anfang der 1990er-Jahre gefallen. Viele Befragte geben an, dass ihnen langfristige Zukunftspläne schwerfallen, weil Arbeit, Wohnen und finanzielle Sicherheit immer weniger planbar erscheinen.
Wenn der erste Sommerjob fehlt
Im Rathaus von Tampere zeigt sich die Vizebürgermeisterin Johanna Kirjavainen von der Partei Vihreä liitto (Der Grüne Bund) besonders besorgt über die steigende Jugendarbeitslosigkeit: „Wenn junge Menschen ihren ersten Sommerjob nicht bekommen, verlieren sie oft auch den Zugang zu sozialen Netzwerken und Gemeinschaften.“ Kirjavainen sieht soziale Beziehungen als zentrale Voraussetzung für das Wohlbefinden junger Menschen. „Es ist wichtig, dass junge Menschen einen Ort finden, zu dem sie gehören“, sagt sie.
Deshalb versucht die Stadt gegenzusteuern. Jocka Träskbäck, Vizevorsitzender der Stadtregierung, verweist auf die sogenannten „Summer Job Vouchers“. Unternehmen erhalten finanzielle Unterstützung von 320 Euro, wenn sie Jugendliche unter 18 Jahren im Sommer beschäftigen. „Junge Menschen brauchen Sommerjobs“, sagt Träskbäck. „Sie brauchen Routinen und erste Arbeitserfahrungen als Grundlage für ihr späteres Leben.“
Geringe Wahlbeteiligung unter jungen Menschen
Die Hoffnung, durch politisches Engagement und ihre Wähler:innenstimmen etwas an der Situation ändern zu können, haben diese aber offenbar auch nicht. Denn Finnland kämpft nicht nur mit steigender Jugendarbeitslosigkeit, sondern auch mit einer geringen politischen Beteiligung junger Menschen. Laut Youth Wiki Finland beteiligten sich bei den vergangenen Kommunalwahlen nur rund 35 Prozent der 18- bis 24-Jährigen. Bei den Parlamentswahlen 2023 waren es zwar deutlich mehr mit 58 Prozent, bei den Europawahlen lag die Wahlbeteiligung der 20- bis 34-Jährigen aber nur bei 16 bis 17 Prozent.
Tampere versucht deshalb, junge Menschen möglichst früh in politische Prozesse einzubinden. Für alle Schüler:innen der neunten Schulstufe organisiert die Stadt einen sogenannten „Influence Day“. Politiker:innen erklären dabei, wie demokratische Beteiligung funktioniert und welche Möglichkeiten junge Menschen haben, ihre Anliegen einzubringen.
Zusätzlich verfügt Tampere über einen Jugendrat, der sich dafür einsetzt, dass die Vorschläge der jungen Menschen auch gehört und sie in den kommunalen Entscheidungsprozessen berücksichtigt werden.
Aus psychologischer Perspektive
Welche Auswirkungen gesellschaftliche Entwicklungen auf Jugendliche haben, erlebt Maria täglich in ihrer Praxis. Heute verbringt die Psychologin ihren freien Tag mit ihrem dreijährigen Sohn auf dem Spielplatz, wo ich sie zum Gespräch treffe. Für Familien sei Tampere ein guter Ort zum Leben, meint sie.
In ihrem Berufsalltag erlebt sie jedoch eine andere Seite der Stadt. „Viele meiner jungen Klient:innen kämpfen mit Ängsten und Depressionen“, erzählt sie. „Sie fühlen sich einsam und unsicher.“ Geldsorgen würden oft eine Rolle spielen; die Ursachen seien vielfältig. Zukunftsängste, Leistungsdruck und die Frage, welchen Platz man in der Gesellschaft hat, würden viele Jugendliche beschäftigen.
Finnland mag als eines der glücklichsten Länder der Welt gelten. Die Gespräche in Tampere zeigen jedoch, dass Glückrankings allein wenig darüber verraten, wie junge Menschen ihre Gegenwart und Zukunft erleben.
Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramtes, finanziert aus Bundesmitteln.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Sofia, Schülerin
- Maria, Psychologin
- Jocka Träskbäck, Vizevorsitzender der Stadtregierung Tampere
- Johanna Kirjavainen, Politikerin der Partei Vihreä liitto (Der Grüne Bund)
Daten und Fakten
- Die Jugenderwerbslosenquote in der EU-27 betrug im Mai 2026 rund 15,2 Prozent und lag damit deutlich über dem Durchschnitt aller Erwerbstätigen. Die niedrigsten Quoten verzeichneten Deutschland (7,0 Prozent), Österreich (8,0 Prozent) sowie Tschechien (8,4 Prozent). Am höchsten waren die Anteile in Finnland (26,5 Prozent) und Schweden (24,4 Prozent). Belgien, Kroatien, Zypern, Rumänien und Slowenien meldeten keine Jugenderwerbslosenquote für Mai 2026. (Aktuelle Erwerbslosenquoten der EU-Staaten 2026)
- Erneut belegen die nordischen Länder die Spitzenplätze, wobei Finnland seinen Titel als glücklichstes Land der Welt zum neunten Mal in Folge verteidigt. Diese wohlhabenden, homogenen Staaten mit hohem Vertrauensniveau und großzügigen Sozialsystemen dominieren weiterhin die Rangliste. Costa Rica erreicht mit dem 4. Platz die höchste Platzierung, die jemals ein lateinamerikanisches Land erreicht hat. (WHR Dashboard)
- Junge Menschen in Finnland berichten von wachsendem Druck in den Bereichen Arbeit, Studium und Zukunftsplanung. Gleichzeitig ist die allgemeine Lebenszufriedenheit auf den niedrigsten Stand gesunken, der seit Beginn des Jugendbarometers vor mehr als drei Jahrzehnten gemessen wurde. Dies geht aus dem Youth Barometer 2025 hervor, einer jährlichen Umfrage zu Einstellungen, Erwartungen und Erfahrungen von 15- bis 29-Jährigen in Finnland, die auf den Antworten von 2.312 Teilnehmer:innen basiert. (Nuorisobarometri 2025)
- EU-weit waren im Mai 2026 rund 13,2 Millionen Menschen ohne Arbeit. Das entsprach einer Erwerbslosenquote von 5,9 Prozent. Der größte Mangel an Arbeitsplätzen herrschte in Finnland (10,8 Prozent) und Spanien (10,3 Prozent). Die Jugenderwerbslosenquote in der EU-27 betrug im Mai 2026 rund 15,2 Prozent. Die niedrigsten Quoten verzeichneten Deutschland (7,0 Prozent), Österreich (8,0 Prozent) sowie Tschechien (8,4 Prozent). Am höchsten waren die Anteile in Finnland (26,5 Prozent) und Schweden (24,4 Prozent). (Aktuelle Erwerbslosenquoten der EU-Staaten 2026 - Statistisches Bundesamt)
Quellen
- Europäisches Parlament: Wahlbeteiligung | Ergebnisse der Europawahl 2024
- Europäische Kommission: IP_25_874_DE.pdf
- EURES: Arbeitsmarktinformationen: Finnland
- Happier Lives Institute: World Happiness Report 2026
- YEP: Stimme der Jugend | Jugendberichte
- Destatis: Jugend in Zahlen - Statistisches Bundesamt
- World Population Review: Happiest Countries in the World 2026
- World Happiness Report: WHR Dashboard
- Tampere.fi: Employers are supported in employing young people with Summer Job Voucher: City of Tampere doubles the vouchers available
- Tampere.fi: Influencing of children and youth
- Youth Wiki: youth-participation-in-representative-democracy
- Finnish Youth Research Society: Nuorisobarometri 2025 - Valtion nuorisoneuvosto
Das Thema in der WZ
- Warum ist das Interesse an EU-Wahlen so gering? | WZ • Wiener Zeitung
- Zypern: Schwieriger Arbeitsmarkt für Junge | WZ • Wiener Zeitung
- Schweden: Jugend ohne Job | WZ • Wiener Zeitung
Das Thema in anderen Medien
- ORF: Jugendliche fordern mehr politische Mitbestimmung
- YLE: Finland's unemployment rate rises to highest level this century | Yle News | Yle
- Helsinki Times: Youth survey finds rising pressure and record low life satisfaction in Finland
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