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Frauenquote als Chance: Warum Österreich hinterherhinkt

7 Min
In Österreich sind Frauen nach wie vor in Führungspositionen unterrepräsentiert.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Bei der Umsetzung der EU-Frauenquote hinkt Österreich hinterher. Was ist der Status Quo in Unternehmen? Und was könnte dazu führen, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen?


    • In Führungspositionen sind Frauen in Österreich stark unterrepräsentiert; gesetzliche Quoten wirken nur begrenzt.
    • Die EU-Richtlinie zur Frauenquote wurde von Österreich nicht fristgerecht umgesetzt, ein Verfahren läuft.
    • Expert:innen fordern 50-Prozent-Quote, flankierende Maßnahmen und ein Umdenken bei traditionellen Rollenbildern.
    • In der steirischen Industrie: 2025 nur 1 Frau unter 88 Personen in der Geschäftsführung (4 Prozent, Rückgang um 3 Prozentpunkte gegenüber 2023).
    • In Österreich: nur 13,8 % Geschäftsführerinnen in den 200 umsatzstärksten Unternehmen; 12,8 % Frauen in Vorständen börsennotierter Unternehmen.
    • Aufsichtsratsquote seit 2018: 30 %, realer Anteil inzwischen 38 %.
    • EU-Richtlinie Women-on-Boards: mindestens 40 % Frauen in Aufsichtsräten, Umsetzungsfrist endete 2024.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Nur eine einzige Chefin unter 88 Chefs. In der steirischen Industrie ist Macht männlich. Das zeigt eine aktuelle Studie des Grazer Vereins „Felin“ (Female Leaders Initiative). Analysiert wurden die Geschäftsführungen, die Vorstände und die Aufsichtsräte der 100 umsatzstärksten Unternehmen der Steiermark. Was die Untersuchung auf lokaler Ebene zeigt, sieht österreichweit nicht anders aus. Frauen – und damit die Hälfte der Bevölkerung – sind in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert. Warum ist das so? Wo steht Österreich in Sachen Frauenquote? Und was braucht es, damit echte Gleichstellung Realität wird?

Gleich vorneweg: Den rechtlichen Rahmen für mehr Gleichstellung gibt es längst. Bereits 2022 beschloss die EU die sogenannte Women-on-Boards-Richtlinie: Sie fordert mindestens 40 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten großer börsennotierter Unternehmen – und in Vorständen ab drei Personen eine Person des unterrepräsentierten Geschlechts. Die Umsetzungsfrist endete mit dem Jahreswechsel. Doch Österreich hinkt hinterher – und zählt zu den zehn EU-Staaten, die die Vorgaben nicht fristgerecht umgesetzt haben.

Im Jänner dieses Jahres reagierte die EU-Kommission mit einem Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich. Zwar legte die damalige Justizministerin Alma Zadić (Grüne) im Februar einen Gesetzesentwurf zur Umsetzung der Richtlinie vor, doch seither ist es ruhig geblieben. Auf Nachfrage der WZ bei Frauenministerin Eva Maria Holzleitner (SPÖ) und Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) betonen beide, dass sie die Quote unterstützen und mehr Gleichstellung wollen. Zu konkreteren Ausführungen lässt man sich aber nicht hinreißen, zur Umsetzung der EU-Richtlinie heißt es nur: „Es laufen Verhandlungen“.

Rückschritte statt Fortschritt

Und währenddessen? Gibt es mitunter Rückschritte. In der Steiermark etwa sank der Frauenanteil in Geschäftsführungen über alle Branchen hinweg in den 100 umsatzstärksten Unternehmen auf nur noch 4 Prozent – ein Minus von 3 Prozentpunkten im Vergleich zu 2023, so die „Felin“-Studie. Auch österreichweit ist das Bild ernüchternd: Ein Bericht der Arbeiterkammer zeigt, dass in den 200 umsatzstärksten Unternehmen nur 13,8 Prozent der Geschäftsführungspositionen von Frauen besetzt sind. Besonders deutlich wird die Schieflage in den Vorständen börsennotierter Unternehmen: Dort sind nur 28 von 218 Mitgliedern weiblich – das entspricht einem Anteil von gerade einmal 12,8 Prozent.

Quote wirkt

Anders sieht es in den Aufsichtsräten aus – dort, wo in Österreich bereits eine gesetzlich verankerte Frauenquote gilt. Seit 2018 müssen börsennotierte Unternehmen hierzulande mindestens 30 Prozent Frauen in diesen Gremien haben. Das zeigt Wirkung: Der Anteil stieg seither von 22,4 Prozent auf 38 Prozent. Gleichstellungsexpertin Michaela Gindl von der Universität für Weiterbildung Krems erklärt: „Die Quote wirkt wie ein Schneeballsystem. Sie verändert Unternehmenskulturen, macht sie für Frauen interessanter und bringt langfristig mehr Vielfalt in Entscheidungsprozesse.“ Längst ist wissenschaftlich bewiesen: „Je diverser Unternehmen aufgestellt sind, desto innovativer werden sie.“ Das wirke sich auch positiv auf den Umsatz aus. Langfristig könne eine Quote gesamtgesellschaftlichen Wandel bringen.

Das bisherige Gesetz greife aber zu kurz. Gindl hofft, dass Österreich die EU-Richtlinie und damit die neuen Quoten bald umsetzt. Dass dann neben Aufsichtsräten auch Vorstände im Visier sind, findet Gindl gut. Denn in den Aufsichtsräten würden Frauen zwar Kontrollmacht, aber wenig Mitsprache- und Bestimmungsrecht haben.

Gesetz nur für wenige Unternehmen gültig

Doch dass das bestehende und auch das neue Gesetz nur für börsenorientierte Unternehmen gilt, sei ein Problem. Gindl nennt es eine „mutlose Geschichte“: Denn in Österreich ist damit nur ein kleiner Prozentsatz an Unternehmen von der Frauenquote betroffen.

Hinzu kommt in diesen Zeiten ein „tendenziell gleichstellungsfeindliches politisches Klima“. Die Frauenquote habe einen schlechten Ruf, die Debatte werde emotional und hitzig geführt, sagt Gindl. Es bestehe vielfach die Meinung, dass es eine reine „Biologie-Quote“ sei, die nichts mit Qualifikation zu tun habe. Dabei sorge die Maßnahme lediglich dafür, dass Frauen bei gleicher Qualifikation reale Chancen auf Führungspositionen haben. Auch Jurist und Gleichstellungsexperte Nikolaus Benke sieht viel Nachholbedarf in der Aufklärungsarbeit rund um die Quote: „Eine Herausforderung wird sein, allgemein bewusst zu machen, dass diese Maßnahmen keine Privilegien für Frauen schaffen, sondern nur helfen, dass qualifizierte Frauen das Vorurteil überwinden, sie wären für Führungspositionen weniger geeignet als Männer.“ Laut Benke braucht es eine „beständige Skepsis gegenüber den traditionellen Geschlechterbildern, die vermitteln wollen, dass sich Männer besser für Führungsaufgaben eignen und Frauen besser für familiäre Belange“.

Strukturelle Hürden

Neben tief verankerten Rollenbildern sind es vor allem auch strukturelle Hürden, auf die Frauen treffen. Sabine Urnik hat sie über viele Jahre beobachtet, sie ist Gleichstellungsexpertin, Professorin an der Uni Salzburg und Aufsichtsratsvorsitzende der BKS Bank. „Vielfach folgen Männern in Führungsrollen auch wieder Männer nach. Den Schritt ganz nach oben trauen sich viele Frauen gar nicht zu, weil sie vorher schon verunsichert wurden“. Auch Urnik war lange skeptisch gegenüber Quoten, doch mit der Zeit hat sie ihre Meinung geändert. „Außerhalb von Zwängen wird es nicht funktionieren.“ Jetzt hält Urnik die gesetzliche 30-Prozent-Quote für zu niedrig, „wenn schon Quote, dann 50 Prozent“. Die Situation würde sich „viel zu langsam“ ändern. Obwohl Frauen akademisch besser aufgestellt sind und im Schnitt häufiger einen Hochschulabschluss haben als Männer, bedeutet die Familienplanung allzu oft das Karriereende. Frauen leisten immer noch deutlich mehr unbezahlte Care- und Betreuungsarbeit als Männer und landen in Teilzeitjobs.

Wie es Unternehmen geht

Und die Unternehmen? Sehen sich Herausforderungen gegenübergestellt, weiß Anita Rainer. Seit über 30 Jahren berät die Geschäftsführerin der BAB GmbH Unternehmen zu Gleichstellung und fairen Strukturen. Oft hört sie Sätze wie: „Bei uns bewerben sich kaum Frauen“ oder „Wir finden kein Personal“. Viele Unternehmenschefs würden auch gar nicht wissen, dass es in ihrem Unternehmen einen Gender Pay Gap gibt. Rainer plädiert für die gesetzliche Quote, vergleicht sie mit Tempolimits: „Keiner würde sagen, die Leute sind klug genug, um sich ohne Regeln ans Tempolimit zu halten.“ Doch Unternehmen, die eine Frauenquote bloß als „Mascherl“ umsetzen, reiche nicht: „Man muss wissen, warum man etwas verändert – und sich fragen, wie es gelingen kann.“

Was neben der Quote hermuss

Die Quote allein sei „kein Allheilmittel“, betont auch Gleichstellungsexpertin Gindl. Sie müsse in Maßnahmen eingebettet sein, wie etwa mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten, Karriereförderungs- und Mentoringprogramme, transparente Auswahlprozesse, Verständnisförderung und Strukturveränderung.

Dass es schon anders geht, zeigt sich in Teilen des öffentlichen Dienstes in Österreich. An Universitäten gilt für jedes Gremium eine Quote. Durch Begleitmaßnahmen wie Awareness-Workshops und Programme, die Frauen empowern, habe man es an der Uni Graz bei den Fakultäten geschafft, Gleichstellung zu erreichen, sagt Vizerektorin Mireille Van Poppel, Leiterin der Gleichstellungsagenden. Natürlich gebe es noch viel zu tun, aber die Hochschulen könnten der Privatwirtschaft als Vorbild dienen: „Unis können ein politisches Statement für Toleranz und eine moderne Gesellschaft setzen. Eine andere Kultur beginnt mit Ausbildungsmaßnahmen – und mit Strukturen, die es Frauen ermöglichen, Vollzeit zu arbeiten, ohne Karrierelücken, mit Work-Life-Balance.“

Was passiert, wenn Österreich die EU-Richtlinie nicht umsetzt? „Dann verlieren wir – ökonomisch und gesellschaftlich. Gerade im Fachkräftemangel können wir es uns nicht leisten, auf das Potenzial von Frauen zu verzichten“, betont Van Poppel.

Im Endeffekt würden alle von Gleichstellung profitieren, fasst es Gleichstellungsexpertin Gindl zusammen: „Sie schafft mehr Freiraum und mehr Möglichkeiten – auch für nachfolgende Generationen.“


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Michaela Gindl ist Gleichstellungsexpertin an der Universität für Weiterbildung Krems.
  • Nikolaus Benke ist Jurist und Gleichstellungsexperte.
  • Sabine Urnik ist Professorin an der Universität Salzburg, Gleichstellungsexpertin und Aufsichtsratsvorsitzende der BKS Bank.
  • Anita Rainer ist Geschäftsführerin der BAB GmbH, die Unternehmen zu Gleichstellung berät.
  • Mireille Van Poppel ist Vizerektorin und Leiterin der Gleichstellungsagenden an der Universität Graz.

Daten und Fakten

  • Seit 2018 gilt in Österreich eine gesetzliche Frauenquote, die besagt, dass in den Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen sowie solcher mit über 1.000 Beschäftigten zu mindestens 30 Prozent Frauen vertreten sein müssen.
  • Die EU-Richtlinie „Women on Boards“ fordert: mind. 40 Prozent Frauen in Aufsichtsräten und mindestens eine Person des unterrepräsentierten Geschlechts in Vorständen ab drei Personen. Die Umsetzungsfrist lief Ende 2024 ab.
  • Frauen sind nach wie vor in den Chefetagen der heimischen Unternehmen unterrepräsentiert, das zeigt der "Frauen.Management.Report" der Arbeiterkammer (AK):
    • Bei den 200 umsatzstärksten Unternehmen in Österreich sind 86,2 Prozent der insgesamt 610 Geschäftsführungspositionen mit Männern besetzt. Nur 29 dieser Unternehmen erreichen einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent in der Geschäftsführung.
    • Besonders gering ist der Frauenanteil in den Vorständen börsennotierter Unternehmen: Von 218 Vorstandsmitgliedern sind lediglich 28 Frauen – das entspricht einem Anteil von 12,8 Prozent. In 10 von 69 börsennotierten Unternehmen bestehen sowohl Vorstand als auch Aufsichtsrat ausschließlich aus Männern.
    • In den Aufsichtsräten großer börsennotierter Firmen zeigt sich eine positivere Entwicklung: Seit der Einführung der gesetzlichen 30-Prozent-Quote im Jahr 2018 ist der Frauenanteil von 22,4 Prozent auf 38 Prozent gestiegen.
    • Bei den ATX-Unternehmen sind nur 15,5 Prozent der Vorstandsposten von Frauen besetzt. Damit liegt Österreich im europäischen Vergleich weit hinten – lediglich Luxemburg schneidet mit 10 Prozent schlechter ab. Der EU-Durchschnitt beträgt rund 24,7 Prozent.
    • Deutlich besser steht es um staatsnahe Betriebe: Dort liegt der Frauenanteil in den Aufsichtsräten bei 51,4 Prozent, bei den Geschäftsführungen bei 22,4 Prozent.
  • In einer aktuellen Studie hat der Grazer Verein „Felin“ (Female Leaders Initiative) in der Steiermark die 100 umsatzstärksten Unternehmen und die Beteiligungsgesellschaften von Stadt und Land analysiert. Die Ergebnisse:
    • Der Anteil von Frauen in Geschäftsführungen ist 2025 auf 4 Prozent gesunken – ein Rückgang um 3 Prozentpunkte gegenüber 2023.
    • In den Aufsichtsräten der Unternehmen ist der Frauenanteil mit 21 Prozent konstant geblieben. Im Vorstand hat sich der Anteil leicht von 7 auf 8 Prozent verbessert. Insgesamt findet sich insbesondere in der Dienstleistungsbranche ein großer Frauenanteil mit 31 Prozent. Hingegen in der zahlenmäßig dominierenden Industriebranche (die 58 Prozent der betrachteten Unternehmen ausmacht) liegt der Frauenanteil insgesamt bei nur 13 Prozent – in der Geschäftsführung sitzt hier nur eine Frau unter 88 Personen.
    • Ein anderes Bild zeigen die börsennotierten Unternehmen, die einer gesetzlichen Frauenquote von 30 Prozent unterliegen. Bei Andritz, ams-Osram AG und AT&S liegt der Frauenanteil in Führungsfunktionen mittlerweile bei 38 Prozent – ein deutlicher Anstieg gegenüber 24 Prozent im Jahr 2023.
    • Die höchsten Frauenanteile finden sich laut Studie in den Aufsichtsräten der Beteiligungsgesellschaften von Stadt Graz und Land Steiermark – so wie auch schon in den Jahren davor. Bei der Stadt liegt der Frauenanteil bei 55 Prozent, ein deutlicher Anstieg gegenüber 44 Prozent im Jahr 2023. Beim Land liegt der Anteil bei 39 Prozent, 2023 waren es 40 Prozent.
      • Neben der Zahlenanalyse wurden in der Studie auch 228 Personen zu ihrer Sicht der Dinge befragt – etwa aus Betriebsräten und Unternehmensvertretungen. Dabei gaben zum Beispiel 55,9 Prozent der Personen aus Unternehmen an, dass keine Gleichstellungsmaßnahmen umgesetzt wurden. Zu den wirksamsten Gleichstellungsmaßnahmen zählen nach der Befragung flexible Arbeitszeitmodelle – auch weil Care-Arbeit an den Frauen hängt –, transparente Kriterien und Frauenquoten in der Führung.
  • Die Situation in staatsnahen Aufsichtsräten: Die Regierung will die Frauenquote in Aufsichtsratsgremien von Betrieben erhöhen, an denen der Bund mit mindestens 50 Prozent beteiligt ist. Bis 2029 sollen die Hälfte aller vom Bund entsandten Mitglieder von Aufsichtsräten dieser staatsnahen Unternehmen Frauen sein.
  • Frauen sind im Durchschnitt häufiger akademisch ausgebildet als Männer: Laut Statistik Austria hatten in Österreich 22,8 Prozent der Frauen und 18,1 Prozent der Männer einen Akademie- oder Hochschulabschluss.
  • Unbezahlte Betreuungsarbeit: Laut der Zeitverwendungsstudie Österreich 2023 leisten Frauen täglich fast zwei Stunden mehr unbezahlte Arbeit als Männer und übernehmen in Paarhaushalten im Schnitt 64,8 Prozent der Hausarbeit sowie 67,2 Prozent der Kinderbetreuung – selbst bei gleichem oder höherem Erwerbsausmaß.
  • Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit: Laut Statistik Austria arbeiten 74 Prozent der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren in Teilzeit, während bei Männern mit Kindern im selben Alter nur 7,7 Prozent teilzeitbeschäftigt sind.

Eine Auswahl an Publikationen und Angeboten:

Quellen

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