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Frauentrainerin Fuhrmann: „Rangnick wurde gehört. Ich nicht“

8 Min
Irene Fuhrmann: Eine Frau im Spitzenfußball
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

In Deutschland trainiert erstmals eine Frau einen Männer-Spitzenfußballklub – und erntet prompt Hasspostings. Ex-ÖFB-Teamchefin Irene Fuhrmann ist eine der wenigen Österreicherinnen, die ein Profiherrenteam trainieren dürfte.


Eine Frau wurde zur Weltsensation – obwohl der Grund dafür im ersten Moment nicht spektakulär klingt. Marie-Louise Eta trainiert künftig die Fußballer von Union Berlin. Das Besondere: Sie ist damit die erste Frau, die in einer großen Liga zur Trainerin einer Herrenmannschaft aufgestiegen ist. Das Fußballgeschäft ist eine der letzten handfesten Männerdomänen, wo Kicker Publikumsmagneten sind, zu Idolen aufsteigen, Millionen verdienen – und Frauen vor allem um Anerkennung kämpfen. Nun fragt man sich bis ins kleine Österreich: Wird sich das bald ändern, weil nun sogar eine Frau männliche Topfußballer coacht?

Die Frau, die hierzulande Antworten darauf hat, heißt Irene Fuhrmann. Ebenso eine Pionierin. Vor sechs Jahren wurde sie zur ersten Teamchefin des österreichischen Frauennationalteams – inklusive großem Hype und der Hoffnung, dass Frauen im Fußball zur Normalität werden. Doch dem war nicht so. Sogar im Frauenbereich trainieren hierzulande nahezu ausschließlich Männer. Fuhrmann, 45 Jahre alt, ist dagegen derzeit ohne Trainerinnenjob.

Männer zu trainieren, könnte sie sich durchaus vorstellen, sagt sie zur WZ. Aber wäre das in Österreich überhaupt denkbar?

WZ | Gerald Gossmann
Überrascht es Sie mehr, dass erstmals eine Frau in der Deutschen Bundesliga Männer trainieren darf – oder dass diese im Jahr 2026 immer noch sexistische Postings erntet?
Irene Fuhrmann
Die Reaktionen haben mich erschüttert. Das zeigt, wie weit wir von Chancengleichheit entfernt sind. Männer dominieren im Fußball, deshalb ist es immer noch eine Sensation, wenn Frauen auftauchen.
WZ | Gerald Gossmann
In den Postings hieß es etwa: „Einer muss ja für die Mannschaft kochen“. Oder: „Die Spieler freuen sich bestimmt auf die Kabine – nackig mit ihr.“ Müssen Sie da lachen oder weinen?
Irene Fuhrmann
Die Sprüche klingen noch harmlos und beim ersten muss ich sogar schmunzeln. Aber im Grunde ist es traurig. Ins Gesicht sagen würden ihr diese Personen das wohl nicht, aber im Internet traut man sich.
WZ | Gerald Gossmann
Sie waren die erste Frau des Landes, die eine Spitzenposition als Trainerin ergattern konnte, als sie 2020 zur ÖFB-Teamchefin ernannt wurden. Gab es damals auch blöde Sprüche?
Irene Fuhrmann
Nicht wirklich. Einmal hat mich ein Trainerkollege angerufen und gesagt: „Hallo Schatzi – oder muss ich jetzt Frau Teamchefin sagen?” Aber ich bin im Park mit Burschen aufgewachsen und deshalb da nicht so sensibel.
Ich war über meine gesamte Trainerinnenkarriere hinweg unterbezahlt.
Irene Fuhrmann
WZ | Gerald Gossmann
Männer verhandeln als ersten Schritt ihr Gehalt aus. Haben Sie damals darauf bestanden, dasselbe zu verdienen wie Ihr Vorgänger im Teamchefamt?
Irene Fuhrmann
Man wollte mir im Verband eine Freude machen und hat gesagt: Du bekommst jetzt dasselbe bezahlt wie die Nachwuchs-Teamchefs. Ich dachte: Aber Nachwuchs-Teamchefin war ich doch die Jahre davor als Trainerin der U19-Frauen – und ich habe mich gefragt, wie ich denn bisher entlohnt wurde. An solchen Kommentaren erkennt man, dass das Bewusstsein für Fairness fehlt. Dazu kam: Ich habe es cool gefunden, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen, weil ich früher nie damit gerechnet hätte, als Frau einmal mein Geld mit Fußball verdienen zu können. Aber im Nachhinein muss man schon klar sagen: Ich war über meine gesamte Trainerinnenkarriere hinweg unterbezahlt.
WZ | Gerald Gossmann
In der österreichischen Frauenbundesliga wird nur ein Team von einer Frau trainiert. Warum?
Irene Fuhrmann
Es gibt in Österreich viel zu wenige Trainerinnen. Als ich die UEFA-Pro-Lizenz (die höchste Trainer:innenausbildung im Land, Anm.) gemacht habe, hat die 8.000 Euro gekostet, was ich mir ohne UEFA-Stipendium nicht hätte leisten können. Und viele fragen sich zu Recht: Wie soll ich das finanzieren, wenn es im Frauenfußball kaum hauptberufliche Stellen gibt? Selbst in der Frauenbundesliga können nur wenige Trainer und Trainerinnen davon leben. Immerhin fordern UEFA und FIFA nun, dass bei Frauenteams zumindest eine Frau im Trainerstab sein muss.
WZ | Gerald Gossmann
Was halten Sie von solchen Frauenquoten?
Irene Fuhrmann
Ich war nie ein Freund davon, weil es unangenehm ist, als Quotenfrau gesehen zu werden. Aber die Realität zeigt, dass Quoten notwendig sind, damit Frauen gefördert werden. Am Ende setzt sich aber Qualität durch.
WZ | Gerald Gossmann
Als Teamchefin waren Sie auf einmal auch in der Rolle der Vorreiterin für mehr Gleichberechtigung.
Irene Fuhrmann
Mir war meine Rolle anfangs nicht bewusst. Ich wollte mich eigentlich aufs Sportliche konzentrieren – aber es ging vor allem um mein Geschlecht. Dadurch, dass ich immer mit Burschen gespielt habe, habe ich weiterhin Hintermann statt Hinterfrau gesagt. Gendern ist für mich nicht entscheidend. Mir ist wichtiger, wie mich jemand behandelt. Sprache hat Signalwirkung, aber ich lege nicht jedes Wort auf die Waagschale.
WZ | Gerald Gossmann
Mussten Sie oft beweisen, dass auch Frauen Ahnung von Fußball haben?
Irene Fuhrmann
Ich bin im Park groß geworden, in Fußballkäfigen – und ich konnte sehr gut mit dem Ball umgehen. Spätestens wenn wir in Trainerkursen, wo ich die einzige Frau war, praktische Übungen gemacht haben, sind die kritischen Stimmen verstummt. Viel mehr Probleme hatte ich zu Beginn als Teamchefin mit dem öffentlichen Scheinwerferlicht. Ich habe mir meine erste Pressekonferenz nie wieder angeschaut. Die war für mich ein absoluter Horror, weil ich unsicher war und erst in meine Rolle hineinwachsen musste.
WZ | Gerald Gossmann
Wie sind Sie damals, mitten in den Achtzigerjahren, als Mädchen zum Fußball gekommen?
Irene Fuhrmann
Ich habe schon in der Volksschule mit den Buben gespielt. Die Väter waren begeistert. Das war aber nicht überall so. Als ich in ein Gymnasium mit Fußballklasse gehen wollte, wurde ich als Mädchen abgelehnt. In der nächsten Schule wurde ich zwar genommen, aber der Lehrer sagte mir direkt: Du bist da falsch! Ich habe geantwortet: Nein, ich bin hier richtig!
Der Frauenfußball war nicht sichtbar.
Irene Fuhrmann
WZ | Gerald Gossmann
Erst ab den Siebzigerjahren durften Frauen in Österreich legal Fußball spielen. Davor wurden Plätze von der Polizei geräumt und vom Gesetzgeber wurde auf „die Gefährdung der weiblichen Gebärfähigkeit” hingewiesen. Haben Sie diese Vergangenheit damals noch gespürt?
Irene Fuhrmann
Ich war das einzige Mädchen in meinem Umfeld, das gekickt hat. Der Frauenfußball war nicht sichtbar. Ich wusste auch nicht, dass 1990 das Frauennationalteam in Österreich gegründet wurde. Wenn ich im Park gekickt habe, rief ich: „Toni Polster schießt, Franz Wohlfahrt hält.” Ich kannte einfach keine Fußballerinnen.
WZ | Gerald Gossmann
Wo konnten Sie damals Fußball spielen?
Irene Fuhrmann
Mein Bruder hat mich in den Käfig mitgenommen. Seine Freunde waren Türken, Perser, Ungarn, Österreicher – und obwohl ich fünf Jahre jünger war und ein Mädchen, wurde ich akzeptiert.
WZ | Gerald Gossmann
Wurden Sie auch gesellschaftlich akzeptiert?
Irene Fuhrmann
Ich habe zwei ältere Brüder, aber meine Mutter wollte unbedingt ein Mädchen – und dann kam ich. Ein Mädchen, das keine Kleider tragen wollte und im Park kickte. Meine Oma hat mich einmal gezwungen, zum Ballettunterricht zu gehen. Dort habe ich nur geweint. Meine Mutter hat das erkannt und mich gefördert.
WZ | Gerald Gossmann
Viele Fußballerinnen berichten von Anfeindungen und blöden Sprüchen. Haben Sie Sexismus erlebt?
Irene Fuhrmann
Es ist vorgekommen, dass die Tür zur Kabine aufgerissen wurde, in der ich mich gerade umgezogen habe. Einmal hat ein Zuschauer aufs Feld gerufen, ob ich mit ihm das Leiberl tauschen möchte. Sowas kommt vor. Als ich in der Schülerliga mitspielen wollte, in der aber nur Buben spielen durften, hat man mir geraten, meine Haare abzuschneiden, damit keiner mitbekommt, dass ich ein Mädel bin. Aber das wollte ich nicht.
WZ | Gerald Gossmann
Eine Universitätsprofessorin erkannte Ihr Talent und riet Ihnen als 19-Jährige, zu einem Frauenfußballverein zu gehen. Sie wurden noch zur Bundesliga- und Nationalteamspielerin. Konnten Sie je davon leben?
Irene Fuhrmann
Geld habe ich nur in einer Saison ausgezahlt bekommen – etwa 200 bis 300 Euro im Monat. Einmal, als wir Meister geworden sind, spendierte uns die Stadt Musical-Karten. Die höchste Jahresbruttoprämie als Nationalteamspielerin war 500 Euro, also nein, ich konnte nie davon leben.
WZ | Gerald Gossmann
Als Teamchefin sind Sie 2022 bei der EM in England mit den ÖFB-Frauen ins Viertelfinale eingezogen. Eine späte Genugtuung?
Irene Fuhrmann
Es war ein Erfolg für den Frauenfußball, keine Genugtuung für mich persönlich. Die Art und Weise, wie wir dort gespielt haben, hat international Aufsehen erregt. Aber auch die Erwartungshaltung hochgeschraubt.
WZ | Gerald Gossmann
Nach der verpassten EM 2025 kam Kritik an Ihnen auf, Sie traten zurück und erklärten später, dass der ÖFB „sinnvolle Maßnahmen“, die Sie eingemahnt hatten, nicht durchgeführt habe.
Irene Fuhrmann
International haben viele Nationen den Frauenfußball professionalisiert. 2022 bin ich mit den ÖFB-Geschäftsführern am Tisch gesessen und habe gefordert, dass wir die nächsten Schritte einleiten müssten. Ich hätte gerne eine weitere hauptberufliche Person neben mir im Trainerstab gehabt – interessanterweise hat die mein Nachfolger bekommen. Ich war damals weitgehend auf mich gestellt.
Ich wurde da eher als nervig oder hysterisch angesehen.
Irene Fuhrmann
WZ | Gerald Gossmann
Warum denken Sie, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt wurden?
Irene Fuhrmann
Ich konnte mich nicht durchsetzen – auch, weil die Überzeugung im Verband nicht da war. Es gibt im ÖFB in vielen Bereichen niemanden, der für den Frauenfußball etwas entwickeln könnte, weil viele ausgelastet sind oder nicht in der Position, um Entscheidungen zu treffen. Der Verband hat definitiv investiert, und mir ist klar, dass die Männer das Geld einspielen. Aber um international bestehen zu können, muss mehr passieren. Bei Ralf Rangnick heißt es: „Der ist so klar in seiner Forderung.” Ich wurde da eher als nervig oder hysterisch angesehen. Zumindest ist mir dieses Gefühl vermittelt worden. Dabei gab es klare Parallelen. Nur wurde er gehört – und ich nicht. Er ist halt ein Mann, hat ein anderes Standing und er kommt als Deutscher von außen. Ich bin im ÖFB groß geworden. Vielleicht wurde ich deshalb weniger gehört.
WZ | Gerald Gossmann
Könnten Sie sich vorstellen, eine Männermannschaft in der Bundesliga zu trainieren – wie Ihre deutsche Kollegin Marie-Louise Eta?
Irene Fuhrmann
Ich würde es schon spannend finden. Aber da müsste alles zusammenpassen: Der Verein bräuchte den Mut und ich die Überzeugung, dass das funktioniert.
WZ | Gerald Gossmann
Wäre das in Österreich überhaupt denkbar, bei Rapid, Sturm Graz oder Salzburg?
Irene Fuhrmann
Ich denke, da sind wir noch weit davon entfernt.
WZ | Gerald Gossmann
Gab es schon einmal Anfragen aus dem Männerfußball?
Irene Fuhrmann
Nein, ich hatte nie eine Anfrage.
WZ | Gerald Gossmann
Macht Sie das nachdenklich?
Irene Fuhrmann
Nein, weil ich zum Männerfußball auch zu wenige Berührungspunkte gehabt habe bis jetzt.
WZ | Gerald Gossmann
Dominik Thalhammer hat auch keine Frauen trainiert, ehe er Frauenteamchef wurde. Auch Andreas Ogris, der die Damen aus Neulengbach in der Bundesliga coacht, hatte davor keine Erfahrung damit. Warum ist es bei Männern kein Problem, die Seiten zu wechseln – aber für Frauen schon?
Irene Fuhrmann
Es gibt in Österreich zu wenige Trainerinnen, im Grunde sind es nur drei, die in der Männer-Bundesliga trainieren dürften. Der Beruf ist weiterhin männlich dominiert. Und es ist auch ein strukturelles Thema: Frauen kümmern sich oft um die Familie, wenn sie Kinder haben oder pflegebedürftige Angehörige. So ist die Realität.
WZ | Gerald Gossmann
Sie könnten jetzt forsch sein und öffentlich erklären, dass Sie sich den Trainerjob bei den Männern von Rapid oder zumindest in Hartberg durchaus zutrauen würden.
Irene Fuhrmann
Ich würde es mir zutrauen. Warum soll es nicht möglich sein? Auf der anderen Seite ist selbst in der österreichischen Frauenbundesliga derzeit nur eine Frau als Trainerin tätig, ansonsten nur Männer. Es gibt bei uns noch viele Schritte zu gehen, bevor wir so weit sind wie in Deutschland.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Die 34-jährige Marie-Louise Eta ist zur ersten Cheftrainerin einer Männermannschaft in der deutschen Bundesliga aufgestiegen. Die ehemalige Fußballerin betreut Union Berlin in den letzten fünf Spielen der Saison. Zu ihrer Präsentation reisten Pressevertreter:innen aus der ganzen Welt an.
  • Irene Fuhrmann wurde 2020 zur ersten Teamchefin des Frauennationalteams ernannt. Als erste Frau im Land hatte sie den höchsten Trainerkurs absolviert, der sie berechtigen würde, Männer in der Bundesliga zu trainieren.
  • Der Frauenfußball erlebte in Österreich 2017 einen Höhepunkt, als das Nationalteam unter Trainer Dominik Thalhammer bei der Europameisterschaft ins Halbfinale einzog. Spielerinnen wie Viktoria Schnaderbeck wurden danach zu landesweit bekannten Stars. Bei der EM 2022 erreichten die Frauen unter Teamchefin Fuhrmann das Viertelfinale. Zuletzt ging es mit dem ÖFB-Frauenteam eher bergab, weshalb der ÖFB Ende April den Teamchef Alexander Schriebl entließ und Lars Søndergaard zum Nachfolger bestellte.
  • Die heimische Frauenbundesliga fristet ein Schattendasein. Zwar hat sich die mediale Präsenz gesteigert, viele Partien werden auf ORF Sport Plus übertragen, aber das Interesse blieb bis zuletzt gering. Doch das könnte sich ändern. Immer mehr große Männervereine betreiben Frauenteams, darunter RB Salzburg, Austria Wien, LASK und Sturm Graz. Bald könnten auch die Rapid-Frauen in der Bundesliga mitspielen.

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