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Für einen Schnappschuss auf die Jagd

5 Min
Die Jagd vor der Kamera: Influencer:innen machen das Revier zum Social-Media-Schauplatz.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Sonnenuntergang im Wald, Designerjacke und ein erlegtes Reh: In Österreich wird die Jagd zunehmend zur Bühne. Aber was hat das Jagen heute noch mit Naturbewusstsein zu tun? Verschieben sich mittlerweile die Grenzen eines alten Handwerks?


    • Immer mehr Jäger:innen inszenieren ihre Jagd auf Social Media, wodurch Jagd zum Content und Jäger:innen zu Influencer:innen werden.
    • Die Zahl der Jahresjagdkarten steigt, besonders der Frauenanteil wächst; Jagd wird als bewusste Entscheidung für Nachhaltigkeit gesehen.
    • Trotz strenger Regeln gibt es illegale Praktiken wie das Aussetzen von Tieren vor der Jagd, Kontrolle bleibt schwierig.
    • 2024: 139.566 gültige Jahresjagdkarten in Österreich, 17 Prozent mehr als 2013
    • Frauenanteil bei Jagdprüfungen: 13 Prozent, in Salzburg 2025: 32 Prozent
    • Jagdausbildung: Durchfallquote 15–25 Prozent, Kosten meist über 8.000 Euro
    • Rund 5.000 Menschen bestehen jährlich die Jagdprüfung
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Bevor Stella Rieder ins Revier aufbricht, richtet sie die Kamera auf sich und zeigt ihren Follower:innen ein „Get Ready With Me“ für die Jagd. Hinter ihr sieht man den ausgestopften Auerhahn. In den Kommentaren reichen die Reaktionen von „Instagram-Jägerin“ bis hin zu „nur Modeschau“.

Die Szene steht exemplarisch für einen Wandel: Was früher vor allem innerhalb der Jagdgemeinschaft dokumentiert und geteilt wurde, wird heute auf Instagram und TikTok einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Aus der Jagd wird Content, aus Jäger:innen werden Influencer:innen und aus dem Wald eine Szenerie.

Die neue Generation: Sinnsuche und Selbstversorgung

Der Jäger Lukas, der seinen vollen Namen nicht in diesem Artikel sehen wollte, lebte früher vegan. Nach einem Schicksalsschlag suchte er bewusst den Kontakt zu Tieren und zur Natur. Sein Ziel war es, sich selbst versorgen zu können: „Ich wollte jeden Handgriff selbst machen und genau wissen, wo mein Essen herkommt.“ Für ihn war die Jagd eine persönliche Entscheidung: „Ich erlege alles, was ich esse, selbst.“

Diese Haltung zieht sich durch viele Gespräche mit Jäger:innen: Jagd als Gegenmodell zur industrialisierten Landwirtschaft, als bewusste Entscheidung für Kontrolle und Verantwortung. Jagdfluencerin Stella erklärt, dass sich viele Menschen intensiver mit Nachhaltigkeit und Ernährung beschäftigen. Den Menschen fehle der Bezug zur Natur und das Wissen über die heimische Tier- und Pflanzenwelt. „Ich glaube, dass viele junge Leute genau das wieder stärker kennenlernen möchten“, so die Jungjägerin.

Social Media verstärkt diesen Trend. Plattformen wie Instagram und TikTok sind voll von Jagdeindrücken: Nebel über Wiesen, Sonnenaufgänge im Revier, hochwertige Ausrüstung und Fotos erlegter Tiere. Die Darstellung schwankt zwischen Naturidylle und Konfrontation. Für Außenstehende entsteht ein widersprüchliches Bild: romantisch inszeniert, aber gleichzeitig radikal. Stella postet keine Bilder von erlegten Tieren, „weil ich glaube, dass viele Menschen diese Bilder nicht sehen möchten. Außerdem führt das schnell zu emotionalen Reaktionen und vorschnellen Verurteilungen.“

Nur wenige sprechen offen über den Moment des Schusses. Für Jäger Lukas gehört dieser jedoch untrennbar dazu: „Der Moment, wo man abdrückt, gibt einem etwas. Wer das bestreitet, lügt, glaube ich.“

Immer mehr Jahresjagdkarten

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Jagen wird immer populärer. Zwischen 2013 und 2024 stieg die Zahl der gültigen Jahresjagdkarten laut Statistik Austria in Österreich von 119.360 auf 139.566, das entspricht einer Steigerung von etwa 17 Prozent. Von Lutz Molter, dem stellvertretenden Generalsekretär von Jagd Österreich, heißt es, dass rund 5.000 Menschen jährlich die Jagdprüfung bestehen, der Frauenanteil steigt von Jahr zu Jahr. Mittlerweile liegt der weibliche Anteil bei etwa 13 Prozent, in Salzburg waren es 2025 sogar schon 32 Prozent, Tendenz steigend.

Nach einem kurzen Rückgang während der Pandemie steigt das Interesse wieder kontinuierlich. Molter erklärt das steigende Interesse an der Jagd mit einer wachsenden Beschäftigung der Bevölkerung mit Natur- und Umweltthemen. Für viele liege der Reiz auch darin, Lebensräume aktiv mitzugestalten und Einfluss auf deren Entwicklung zu nehmen: „Die Jagd ist einfach ein ganz großes Feld, wo man aktiv ins Geschehen eingreifen kann. Sie tun viel für den Artenschutz und können Lebensräume selbst gestalten.“

Offen für alle, aber nicht für jede:n

Formal steht die Jagd heute allen offen. Der Weg führt über die Jagdkarte und damit über Ausbildung, Prüfung und Bürokratie. Die Kursteilnehmer:innen können frühstens mit 16 Jahren den Jugendjagdschein absolvieren, in der Regel muss man jedoch 18 Jahre alt sein. Zudem brauchen die angehenden Jäger:innen ein einwandfreies Führungszeugnis und in manchen Bundesländern eine gesundheitliche Eignung. Auffällig ist dabei auch, was fehlt: Ein verpflichtendes psychologisches Gutachten ist in Österreich nicht vorgesehen, obwohl der Jagdschein eine Waffenberechtigung darstellt.

Für Molter ist das durch die Anforderungen der Ausbildung begründet. Neben einer behördlichen Überprüfung der Verlässlichkeit würden angehende Jäger:innen über mehrere Monate hinweg geschult und im sicheren Umgang mit Waffen geprüft. Ein zusätzliches psychologisches Gutachten hält er deshalb nicht für notwendig.

Die Ausbildung selbst ist umfangreich: Inhalte von Wildtierkunde über Ökologie bis Waffenrecht. Die Prüfungen gelten als anspruchsvoll, gerne wird auch von der „grünen Matura“ gesprochen. Die Durchfallquote liegt je nach Bundesland zwischen 15 bis 25 Prozent.

Das Naturerlebnis hat aber auch seinen Preis: Für die Erstanschaffung fallen meist über 8.000 Euro an – inklusive Jagdschein, Waffen, Kleidung und Ausrüstung. Deutlich wird dabei: Interesse allein reicht nicht, denn entscheidend ist der finanzielle Spielraum.

Zwischen Gesetz und Praxis

Offiziell ist die Jagd streng geregelt. Inoffiziell passiert aber offenbar auch Illegales: Mehrere Gesprächspartner:innen berichten von Treibjagden, bei denen Fasane kurz vor der Jagd ausgesetzt werden, um höhere Abschusszahlen zu erzielen, obwohl dies rechtlich unzulässig ist. Auch Tierschutzorganisationen beobachten diese Entwicklungen seit Jahren. „Kontrolle und Durchsetzung der gesetzlichen Regelungen sind gleich null, doch das illegale Aussetzen der Fasane ist schwer nachweisbar“, sagt VGT-Obperson Martin Balluch.

Ähnliches zeigt sich bei Jagdreisen im Ausland: Tiere werden teils gezüchtet und kurz vor der Jagd freigelassen – Kritiker:innen sprechen von inszenierter Jagd.

Eine Szene im Wandel

Stella wolle mit ihrem Content die Jagd für Menschen sichtbarer machen: „Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, bewusst auch nicht jagende Menschen auf Social Media zu erreichen, um Aufklärungsarbeit über die Jagd zu leisten“, sagt sie.

Dass eine Jägerin heute Tausende Menschen auf Instagram und TikTok erreicht, zeigt auch, wie sehr sich das traditionelle Handwerk verändert hat und heute auch Teil eines kulturellen Trends ist. Doch mit der neuen Reichweite wächst auch die Kritik: Wo die einen Aufklärung über Natur, Wildtiere und Lebensmittelherkunft sehen, sehen andere die Inszenierung einer Tätigkeit, die das Töten von Tieren einschließt.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Lukas, Jäger
  • Stella, Jagdfluencerin und Studentin der Veterinärmedizin
  • Gespräche mit Jäger:innen
  • Jagdverbände der neun Bundesländer
  • Lutz Molter, Stv. Generalsekretär von Jagd Österreich
  • Martin Balluch, Tierschützer und Obperson des VGT

Daten und Fakten

  • Knapp die Hälfte unseres Landes ist bewaldet. Damit liegen wir deutlich über den Durchschnitt, der weltweit bei knapp einem Drittel Waldfläche liegt. Mit unserem Wald könnte man rund 5,5 Mio. Fußballfelder füllen. Mit 60 Prozent Nadelwald, 27 Prozent Mischwald und 13 Prozent reinem Laubwald spielt unser Wald eine wesentliche Rolle beim Klimaausgleich: Er speichert CO2 und Wasser, dient uns als Erholungsraum und ist ein Zuhause für viele unserer heimischen Wildtiere. (Lebensraum und Wild in Österreich)
  • Wer die Jagd in Österreich ausüben will, muss eine Jagdkarte – auch Jagdschein genannt – erwerben. Vor dem erstmaligen Erwerb ist die erfolgreiche Ablegung der Jungjägerprüfung notwendig. Es gibt in jedem Bundesland eine eigene Landesjagdkarte. Daher ist es ratsam, die Jagdprüfung in dem Bundesland abzulegen, in dem man die Jagd ausüben möchte. Die Jagdausbildung dauert in Österreich rund vier Monate und kostet etwa 750 Euro. Etwa ein Drittel der Kursteilnehmer:innen bei der Jungjägerprüfung sind Frauen. (Wie wird man Jäger in Österreich - Jagdfakten Österreich)
  • Die Anzahl der Wildabschüsse lag im Jagdjahr 2024/25 bei 725 300 Stück. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Rückgang um 4,6 Prozent. Dabei wurde um 4,5 Prozent weniger Haarwild und 5,4 Prozent weniger Federwild erlegt. Die Wildverluste nahmen im gleichen Zeitraum um 6,1 Prozent ab. Ein Rückgang von 14,8 Prozent wurde bei den ausgegebenen Jagdgastkarten verzeichnet. (Jagdstatistik)
  • Die Jagd war in Österreich lange ein Privileg des Adels. Für die Habsburger bedeutete sie politische Macht, Training im Umgang mit Waffen und zugleich eine Flucht aus dem Alltag. Für die bäuerliche Bevölkerung hatte diese Jagdkultur gravierende Folgen. Wer Wild erlegte, obwohl ihm das Jagdrecht fehlte, riskierte Strafen. Wilderei entstand aus Not, aber auch als Protest gegen ein System, das den Zugang zur Ressource Wald exklusiv regelte. (Kaiserliche Auszeiten: Habsburgische Jagdleidenschaft)

Quellen

Das Thema in der WZ

Who killed Bambi? Wenn die Tierrettung nicht kommt | WZ • Wiener Zeitung

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