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Die Wiener Austria zeigt in einer Werbekampagne zwei sich küssende Frauen und erntet europaweit Aufsehen. Es bleibt die Frage: Wäre ein männliches Paar im Fußballumfeld nicht das mutigere Zeichen gewesen?
Die Wiener Austria sorgt weltweit für Aufsehen. Die deutsche BILD-Zeitung und britische Boulevardmedien berichteten. Sogar in Amerika war der heimische Fußballverein Thema. Aber nicht wegen sportlicher Erfolge oder packender Spiele. Sondern: Wegen zwei sich küssender Frauen.
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Anfang September stellten die Wiener ein neues Fußball-Dress vor. Begleitet von einer Kampagne unter dem Motto „Liebe kennt viele Formen“. Im Mittelpunkt: Mehrere sich liebende Paare – darunter ein lesbisches. Und das ging viral. Von der „aufsehenerregendsten Trikotpräsentation im Fußball“, schrieb die Daily Mail. Und BILD titelte: „Knutsch-Fotos. Österreich staunt über diese Trikot-Vorstellung“.
Selten wurde Homosexualität im konservativen Fußballbetrieb so offensiv thematisiert. In einem Umfeld, in dem es in der Vergangenheit immer wieder zu homophoben Entgleisungen gekommen war. Bedeutet die Kampagne der Wiener Austria also einen Fortschritt hin zu mehr Toleranz? Nicht ganz, meinen manche. Unter Medienberichten warfen einige User etwa die Frage auf, ob es sich der Klub nicht zu einfach gemacht hätte: Zwei sich küssende junge Frauen würden bequemerweise eine Männerfantasie bedienen, heißt es, während schmusende Kicker in einer auf knallharte Männlichkeit gepolten Szene das stärkere Statement gewesen wären. War der Traditionsverein also nun mutig – oder doch nicht so ganz? Eine Spurensuche.
Shitstorm „bei Frauen sicher kleiner als bei Männern“
Oliver Egger, 33 Jahre alt, ist der einzig öffentlich bekannte schwule Fußballer des Landes. Er findet die Kampagne generell „großartig“, sagt er im WZ-Gespräch, weil sie immerhin „ein gleichgeschlechtliches Paar zeigt“. Aber, so merkt er an: „Ein Fußballverein kalkuliert wahrscheinlich genau ein, welchen Shitstorm er abkriegen könnte – und der ist bei zwei Frauen sicher kleiner als bei zwei Männern.“
Das Fußballmilieu ist immer noch von einem sehr maskulinen Männerbild geprägt. Ein schwaches Zuspiel wird unter Burschen gerne „schwuler Pass“ genannt. Auch ein zögerliches Tackling: schwul! Während sich Schauspieler, Musiker und Politiker weltweit als homosexuell outen, tut das im Fußball kaum einer – weil eine Hetzjagd befürchtet wird. Die erlebte auch Egger, der öffentlich zu seiner Homosexualität steht und im Fußball-Unterhaus spielt. Zuschauer riefen ihn „warme Ente“. Und Gegenspieler hörte er sagen: „Schau, da kommt der Kranke, der hat sicher schon die ganze Mannschaft angesteckt.“ Homophobie ist Alltag auf Fußballplätzen. Vor allem im Männersport. Bei der Frauenfußball-WM vor drei Jahren dagegen liefen 120 geoutete Spielerinnen auf. Ohne Probleme. Ein ähnliches Bild in Österreich: Viele Teamspielerinnen leben offen lesbisch. Während sich Fußballerinnen öffentlich mit ihren Partnerinnen vermählen, müssen sich schwule Kicker weiterhin verstecken.
Männliches Paar „schwieriger zu finden“
Nikola Staritz, die beim Verein Fairplay für Antidiskriminierung zuständig ist, erklärt im WZ-Gespräch: „Die große Masse hat Aufholbedarf, wenn ich mir anschaue, welche Arten von Männlichkeit da auf den Sportplätzen zelebriert werden. Da bräuchte es schon in den Nachwuchsakademien viel Bewusstseinsbildung.“
Wenn lesbische Frauen toleriert, aber schwule Kicker immer noch tyrannisiert werden, wären da nicht zwei küssende Männer als Kampagnen-Leitmotiv das mutigere Zeichen gewesen?
Es wäre schwieriger gewesen ein männliches homosexuelles Paar zu findenJulian Uhlig, Marketing Austria Wien
Julian Uhlig, der für die Kampagne der Wiener Austria verantwortlich ist, freut sich generell über die weltweiten Reaktionen. Das weltberühmte Gemälde „Der Kuss“ von Gustav Klimt gab den Anstoß zum neuen Trikot und zur Kampagne. Während im Original „ein starres Rollenbild gezeichnet wurde, wollten wir ein Stück weit Offenheit symbolisieren“, erklärt er der WZ. Deshalb wollte man unbedingt ein homosexuelles Paar zeigen. Weil man aber unter Zeitdruck stand, und das Shooting bereits anstand, habe man sich nicht auf die komplizierte Suche nach zwei Männern begeben – sondern griff auf zwei Frauen aus dem Vereinsumfeld zurück. „Es wären auch zwei Männer möglich gewesen“, betont Uhlig. Aber: „Es wäre sicher schwieriger gewesen ein männliches homosexuelles Paar aus Fankreisen zu finden, die dann auch noch bereit sind, auf einem Werbesujet zu sein.“
„Bei Männern heißt es: Das ist grauslich“
Fußballer Oliver Egger, der offen zu seiner Homosexualität steht, glaubt, dass zwei sich küssende Männer gesellschaftlich immer noch weniger Akzeptanz finden als zwei Frauen. Bei einem lesbischen Paar schwinge „der Touch vom Erotischen“ mit. „Da sagt man: Das ist geil. Bei Männern heißt es: Das ist grauslich.“
Und so schaffte es die Austria-Mitarbeitern Lea Herold mit ihrer Partnerin in die Kampagne. Sie gehe seit ihrer Pubertät „sehr offen damit um“, erzählt sie im WZ-Gespräch. Bei der Austria ist die 23-Jährige für die Pressearbeit der violetten Fußballerinnen zuständig. In diesem Umfeld werde mit Homosexualität „sehr offen umgegangen“, betont sie. Sie habe schnell zugesagt, weil sie so eine Kampagne als Jugendliche „cool gefunden“ hätte, auch weil sie junge Frauen ermutigt, „ zu ihrer Sexualität zu stehen“. Die Fotos, auf denen sie ihre Freundin küsst, bekamen viele positive Reaktionen. „Ich hatte auf einmal hunderte Follower mehr auf Instagram und werde immer wieder darauf angesprochen.“ Es sei wichtig, dass Homosexualität „auch im Fußball mehr im Fokus steht“, sagt sie. Dass das im Männersport schwieriger ist, findet sie schade. „Es sollte auch dort als normal angesehen werden.“
„Wäre schön, wenn die Austria da weitermacht“
Die Kampagne erntete trotzdem viel Lob, weil sie ein Thema in den Mittelpunkt rückt, das im Fußball eben noch ein Tabu ist. Auch Nikola Staritz, die für Antidiskriminierung bei Fairplay zuständig ist, findet, dass die Bilder „Sichtbarkeit schaffen und sicher viele lesbische Frauen ermutigen“. Andererseits, so sagt sie, „wäre es schön, wenn die Austria da nun weitermacht und überlegt: Warum traut sich kein männliches Paar öffentlich zu zeigen und was können wir dagegen machen?“ Nachsatz: „Dann würden wir in die Tiefe kommen.“
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
- Julian Uhlig, Marketing Austria Wien
- Oliver Egger, homosexueller Fußballer
- Nikola Staritz, Antidiskriminierungs-Beauftragte bei Fairplay
- Lea Herold, Kampagnen-Testimonial
Daten und Fakten
- Die Wiener Austria präsentierte zuletzt ein neues Trikot und eine Kampagne zum Thema: „Liebe kennt viele Formen“, die vom weltbekannten Gemälde „Der Kuss“ von Gustav Klimt inspiriert wurden. Die Kampagne setzt nicht auf die Gesichter von Profi-Fußballern, sondern zeigt fünf Paare aus dem Fan-Umfeld des Klubs. Lea und Jeannine stehen dabei für gleichgeschlechtliche Liebe. Ihre Fotos gingen international viral.
- Homosexualität ist im Fußball – anders als in Kultur, Politik oder Gesellschaft – noch ein großes Tabuthema. Weniger im Frauensport, viel mehr bei den Männern.
Quellen
Das Thema in anderen Medien
- Bild: Knutsch-Fotos aus Österreich
- Daily Mail: Football's most eye-catching new kit unveiling
- Der Standard: Küssende Frauen im Austria-Trikot
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