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Jedes Mal, wenn ein:e Reporter:in dort getötet wird, geht nicht nur eine Stimme verloren, sondern auch ein Stück der Möglichkeit, die Realität vor Ort überhaupt zu erfassen.
Der Al-Jazeera-Journalist Anas al-Sharif wurde Sonntagabend zusammen mit vier Kollegen bei einem Angriff der israelischen Armee auf ein Zelt für Reporter:innen vor dem Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza Stadt getötet. Anas al-Sharif war in den letzten Monaten eines der bekanntesten Gesichter, die aus Gaza berichtet haben – über die Angriffe, über den Hunger, über die Essenauslieferungen, Anas war überall vor Ort.
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In Gaza sind Reporter:innen die letzte direkte Quelle für Informationen – ich stehe seit einigen Jahren mit mehreren Journalist:innen im Gazastreifen in Kontakt, habe sie offiziell interviewt und off-record gesprochen. Manchmal sind es auch kurze Nachrichten wie „Are you alive? How are you holding up?“ und dann kommt einfach nur ein: „Hey Aleksandra, i am not holding up.” Wie denn auch. Gestern dann die Nachricht einer befreundeten Person aus Gaza: “Mohammed, der gemeinsam mit Anas getötet wurde, hätte morgen mit uns eine Reportage im Camp drehen sollen.“
Es wird keine Nachricht mehr kommen
Mohammed Noufal war Kameramann für Al-Jazeera. Mein Whatsapp-Verlauf mit Mohammed wird jetzt für immer still sein, es wird keine Nachricht mehr kommen. Und wieder ist eine dieser Stimmen verstummt, die noch vor wenigen Wochen zwischen Bombenlärm und Stromausfällen geantwortet hat. Wer wird der oder die nächste sein?
Die israelische Armee begründet den Angriff damit, dass Anas ein Hamas-Kommandeur gewesen sei, der sich als Journalist ausgegeben habe. Die UNO-Sonderberichterstatterin Irene Khan nennt diese Vorwürfe unbegründet, Al Jazeera streitet die Behauptungen ab.
Anas ist nicht der einzige solche Fall. Immer wieder werden in diesem Krieg Journalist:innen mutmaßlich gezielt getötet oder als Terroristen bezeichnet.
Laut dem Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) ist die Zahl der in Gaza getöteten Medienschaffenden seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 so hoch wie in keinem anderen Konflikt in dieser Zeit.
Berichten unter Beschuss
Journalist:innen in Gaza arbeiten unter extremen Bedingungen: Sie berichten nicht nur aus einem Kriegsgebiet, sie leben auch dort. Sie sind der Hungersnot, dem Beschuss und dem schwierigen Alltag genauso ausgesetzt, wie die Toten und Verwundeten, über die sie berichten. Sie verlieren selbst Familienmitglieder und Freunde und müssten einige Stunden später wieder vor der Kamera stehen. Und sie tun das in einem Umfeld, das von der Hamas kontrolliert wird – einem Einfluss, dem sie sich nicht entziehen können. Daher kommt auch der immerwährende Vorwurf, Hamas-Mitglied zu sein, mit der Terrororganisation zu sympathisieren oder ihre Propaganda zu verbreiten. Was bei manchen stimmen wird, rechtfertigt nicht die gesamte Entmündigung dieses Berufsstands unter den Bedingungen, unter denen sie berichten und leben. Ob man voreingenommen ist, wenn man an einem Ort und mit einer bestimmten Lebensrealität aufwächst? Klar, das sind wir europäischen Journalist:innen aber auch.
Jedenfalls: Für viele Außenstehende sind diese Vorwürfe Teil der politischen Rhetorik – für die Betroffenen bedeuten sie jedoch eine permanente Gefahr, die über das eigentliche Kriegsgeschehen hinausgeht. Wer in Gaza berichtet, zahlt oft mit der eigenen Sicherheit, manchmal mit dem Leben. Und jedes Mal, wenn ein:e Reporter:in dort getötet wird, geht nicht nur eine Stimme verloren, sondern auch ein Stück der Möglichkeit, die Realität vor Ort überhaupt zu verstehen – und für uns Journalist:innen in Europa eine Quelle weniger, die uns helfen könnte, ein Bild von vor Ort zu zeichnen. Und vor allem: Ein Menschenleben weniger.
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Infos und Quellen
Genese
Stv. Chefredakteurin Aleksandra Tulej steht seit einiger Zeit mit mehreren Journalistinnen in Gaza in Kontakt, einer von ihnen wurde Sonntagabend bei einem Angriff auf ein Medienzelt in Gaza Stadt getötet.
Daten & Fakten
- Laut dem Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) ist die Zahl der in Gaza getöteten Medienschaffenden seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 so hoch wie in keinem anderen Konflikt in dieser Zeit.
- Anas al‑Sharif, Al Jazeera-Korrespondent, wurde am 10. August 2025 bei einem israelischen Luftangriff auf ein Medienzelt nahe dem Al-Shifa-Hospital getötet – zusammen mit vier Kolleg:innen. Zu diesem Zeitpunkt lag die Zahl der getöteten Journalist:innen bei über 234.
- Die israelische Armee erklärte, Anas al-Sharif habe als Anführer einer Hamas-Terrorzelle agiert.
- Al Jazeera erklärte, das israelische Militär habe bislang keine von unabhängigen internationalen Organisationen bestätigten Beweise vorgelegt, um diese Behauptung zu untermauern. Die UNO-Sonderberichterstatterin Irene Khan behauptet, die israelischen Aussagen seien unbegründet.
Das Thema in der WZ
- Ärzte in Gaza: "Es gibt jeden Tag nur schlechte Nachrichten"
- "Können wir bitte über Gaza sprechen?"
- Wir, die Medien, und Gaza
Das Thema in anderen Medien
- The Guardian: Prominent Al Jazeera Journalist killed in israeli airstrike on Gaza
- Der Spiegel: Israel meldet Tötung von palästinensischem Journalisten Anas al Sharif
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