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Während Pop-Fans ihr Erspartes für Live-Shows ihrer Idole ausgeben, findet Millionär Michael Rapino, dass Tickets ruhig noch teurer werden können. Dabei hat Ticketmaster genug andere Probleme, um die sich der Boss kümmern könnte.
„Konzert-Tickets sind zu billig“: Das findet Michael Rapino, CEO von Live Nation Entertainment. Der Konzern umfasst den Konzertveranstalter Live Nation und die berühmt-berüchtigte Ticketplattform Ticketmaster, die Pop-Fans regelmäßig an den Rand des Wahnsinns treibt.
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Rapino erklärte kürzlich auf einer Konferenz, dass Konzerte vor allem im Vergleich zu Sport-Events supergünstig seien. Seiner Meinung nach werde Musik „zu wenig wertgeschätzt“, denn immerhin liege der durchschnittliche Ticketpreis immer noch bei 72 US-Dollar, während ein „Courtside Seat“ bei einem Spiel der Knicks „80 Grand“, also bis zu 80.000 Dollar, kosten würde. „Und die beschweren sich, wenn wir 800 für Beyoncé verlangen“, so Rapino. Dem Durchschnitt von 72 Dollar widersprechen übrigens Daten vom Branchenblatt „Pollstar“: Der Konzert-Ticket-Preis sei 2023 weltweit durchschnittlich um über 23 Prozent gestiegen – auf 130,81 US-Dollar.
Millionen von Arianators gehen leer aus
Dass Konzerte zu wenig wertgeschätzt werden, sollte Rapino besser mal den Arianators erzählen, die kürzlich vergebens versucht haben, Tickets für die frisch angekündigte Tour von Ariana Grande zu ergattern. Laut Fan-Berichten auf Social Media befanden sich zu einem Zeitpunkt über zwei Millionen Menschen in der Ticketmaster-Warteschlange – und das nur für Ariana Grandes Shows in London.
Nicht nur Fans schlugen nämlich bei den Tickets für die „Eternal Sunshine Tour“ zu, sondern wohl auch haufenweise „Reseller“, also Accounts, die nur Tickets kaufen, um sie um ein Vielfaches teurer weiterzuverkaufen. „Ich bin jede freie Sekunde am Telefon und kämpfe für eine Lösung“, richtete sich Ariana auf Instagram an ihre Fans. „Ich höre euch und hoffe, dass wir es schaffen, mehr Tickets in eure Hände zu bringen als in deren. Das ist nicht richtig“, schrieb sie. Diese Probleme beschränken sich keineswegs auf Ariana Grande, sondern machten auch schon während Taylor Swifts „Eras Tour“ oder beim Vorverkauf zu Lady Gagas „Mayhem Ball“ Schlagzeilen.
Die Politik nimmt Ticketmaster ins Visier
Die US-amerikanische Federal Trade Commission (FTC) klagte erst kürzlich gegen Live Nation Entertainment und warf dem Unternehmen „illegale Ticket-Wiederverkaufstaktiken“ vor. Laut der Klage soll Live Nation Entertainment strategisch mit Wiederverkäufern zusammenarbeiten, um noch höhere Gewinne zu erzielen. Noch drastischer wird das Ganze, weil Ticketmaster laut der FTC knapp 80 Prozent der Ticketverkäufe aller größeren Konzert-Venues in den USA kontrolliert. Für viele Fans gibt es also kaum ein Entkommen.
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Auch in UK hat Ticketmaster gerade Probleme – Oasis sei dank. Die Reunion-Tour der Britpop-Ikonen wurde zum Ticket-Chaos, weil Fans mit intransparenten Preisangaben in die Irre geführt wurden. So gingen zum Beispiel „Platinum Tickets“ über den Ladentisch, die mehr als doppelt so teuer waren wie gleichwertige Standard-Tickets, und bei denen nicht ausgewiesen wurde, was diese beinhalteten. Nach einer Untersuchung der „Competition and Markets Authority“ hat sich Ticketmaster nun unter anderem dazu verpflichtet, Fans 24 Stunden vor dem Verkauf genauere Informationen über die Ticketpreise zur Verfügung zu stellen. Auch darf Ticketmaster nicht mehr den Anschein erwecken, dass manche Tickets „besser“ seien als andere, wenn das nicht der Fall ist.
„Eine gesichtslose Masse, von der sie Geld erpressen können“
Bei all dem, was auf dem Ticketmarkt seit Jahren passiert, ist es erstaunlich, dass selbst riesige Artists machtlos gegen die angeblichen Ticketmaster-Praktiken scheinen – und ihre Tickets nicht über andere Anbieter vertreiben. Als Pop-Fan Aussagen wie die von CEO Rapino zu lesen, ist jedenfalls ein Schlag in die Magengrube und ein weiteres Zeichen dafür, dass Live-Shows in den letzten Jahren immer mehr zum seelenlosen Cash Grab wurden, der die Post-Corona-Fomo von jungen Menschen ausnutzt.
Pop-Koryphäe Jack Antonoff, der als Produzent mit Taylor Swift, Lorde oder Lana Del Rey zusammengearbeitet hat, brachte das Problem kürzlich auf den Punkt. Er reagierte online auf Michael Rapinos eingangs erwähnte Aussage: „Das bricht mein Herz und ist ein kranker Blickwinkel. Die Antwort ist einfach: Ein Ticket für mehr als den Originalpreis zu verkaufen, sollte illegal sein. Dann gibt es kein Chaos und ihr gebt uns Kontrolle zurück, anstatt einen bizarren freien Markt der Verwirrung für unser Publikum zu kreieren, das wir lieben. Es könnte alles so einfach sein, wenn die Menschen ganz oben das Publikum nicht als eine gesichtslose Masse sehen würden, von der sie Geld erpressen können.“
Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
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Infos und Quellen
Genese
Alle zwei Wochen schreibt Verena Bogner hier über Popkultur und was diese über unsere Gesellschaft aussagt. Wenn sie das gerade nicht macht, befindet sie sich in Ticketmaster-Warteschlangen und ärgert sich über die verrückten Preise und intransparenten Vorgänge. Und darüber, dass der Ticketmaster-Millionär (Rapino hat einen Net-Worth von über 900 Millionen US-Dollar) Konzert-Tickets zu billig findet.
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