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Generation Antimafia: Siziliens Jugend gegen das System

6 Min
Generation Antimafia: Wie Siziliens Jugend gegen das System kämpft, das den Süden bremst
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images, Pexels

Sizilien kämpft noch immer mit dem Erbe der Mafia – wirtschaftlich, sozial, im Alltag. Eine neue Generation will nicht länger im Schatten leben. Zwischen Weinfeldern, Schulprojekten und Fußballplätzen formt sich eine stille Bewegung des Aufbruchs.


Frühmorgens im Auto, die Fenster halb offen, denn die Klimaanlage bleibt aus, im Radio läuft leise Italo Pop. Links und rechts ziehen kleine, halb verlassene Dörfer vorbei. Die Landschaft Siziliens zeigt sich Mitte Oktober von ihrer besten Seite: grün, bergig, fast alpin. Die Straßen eher weniger.

„Hier ist fast jede Straße eine Baustelle“, sagt Francesco Citarda vom Fahrersitz aus und deutet auf eine halbverfallene Brücke. „Viele Baustellen, aber wenig geht weiter.“ Dann lacht er leise, ein Lachen zwischen Ironie und Resignation. Citarda ist Präsident des Konsortiums Libera Terra Mediterraneo. Auf beschlagnahmtem Boden, der einst der Mafia gehörte, baut die Organisation verschiedene Bio-Produkte wie Wein, Pasta und Olivenöl an – auch mit Hilfe junger Menschen aus ganz Italien, die gleichzeitig über die Machenschaften der Cosa Nostra (so wird die Mafia in Sizilien auch genannt) aufgeklärt werden.

Land für alle

Nach großen Mafia-Prozessen in den 1990er-Jahren wurden viele Besitztümer der Cosa Nostra vom Staat beschlagnahmt. Zunächst blieben sie oft jahrelang ungenutzt. Die Felder standen leer und waren verwildert. Mit dem Gesetz 109 aus dem Jahr 1996 änderte sich das. Es schreibt nämlich vor, dass konfisziertes Mafia-Vermögen der Allgemeinheit zurückgegeben werden soll – etwa an Gemeinden oder soziale Genossenschaften, die sich in einem öffentlichen Verfahren um die Nutzung bewerben können. So entstanden in den Folgejahren zahlreiche Kooperativen, die diese Flächen heute bewirtschaften. Über 10.000 Hektar Land in ganz Italien sind so inzwischen wieder in Nutzung.

Anti-Mafia-Wein aus Sizilien

Francesco Citarda lenkt das Auto über Feldwege hinunter nach San Cipirello, einem kleinen Ort südlich von Palermo. Dort wachsen heute Trauben für einen der bekanntesten Antimafia-Weine Italiens, den Centopassi. „Beschlagnahmte Güter sind öffentliches Eigentum, und wir wollen zeigen, dass die soziale Wiederverwendung beschlagnahmter Güter ein Motor wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Erneuerung sein kann,“ sagt Citarda. „Außerdem hat sich ein Sektor des verantwortungsvollen Tourismus entwickelt. Im vergangenen Jahr haben wir mehr als 7600 Schülerinnen und Schüler aus ganz Italien empfangen.“ Für ihn ist Libera Terra mehr als Landwirtschaft: „Das ist nicht nur Agrarwirtschaft, das ist auch ein kultureller Akt.“

Weinberge in Sizilien mit einem Haus, das von der Organisation Libera Terra als Showroom genutzt wird
Weinberge von Libera Terra am Rande des Dorfes San Cipirello
© WZ/Simon Plank

Eine Wirtschaft im Schatten

Die aus Filmen bekannten Explosionen und Einschüchterungen sind in den letzten Jahren selten geworden. Doch verschwunden ist die Mafia nicht. „Die Mafia verzerrt in Wirklichkeit den Wettbewerb“, sagt Livio Ferrante, Wirtschaftsprofessor an der Universität Catania. Sie tue das heute nicht mehr mit Gewalt, sondern durch ihre Präsenz in der Wirtschaft – in Bauprojekten, in der Landwirtschaft und bei öffentlichen Aufträgen.

Gerade dieser Einfluss ist einer der Gründe, warum der Süden Italiens wirtschaftlich weiterhin so weit hinter dem Norden zurückliegt. Das BIP pro Kopf in Sizilien ist knapp halb so groß wie in der Lombardei, der wirtschaftsstärksten Region des Landes.

Eine Brücke für den Aufschwung?

Was Sizilien laut Ferrante zum Aufschwung verhelfen könnte, seien Investitionen in Infrastruktur. Auf der ganzen Insel gibt es alte Bahnlinien, Schlaglöcher und einsturzgefährdete Brücken. Die Regierung in Rom will den Wirtschaftsaufschwung durch eine Brücke über die Straße von Messina erwirken – ein Milliardenprojekt, das den Süden mit dem Festland verbinden soll. Viele Einheimische wünschen sich zunächst funktionierende innere Infrastruktur, bevor neue Prestigeprojekte kommen.

Trotzdem überwiegt bei Ferrante nicht der Pessimismus: „Ich sehe viele junge Menschen, die jetzt den Kopf nicht mehr senken.“ An der Wirtschaftsfakultät in Catania gebe es viele Studierende, die neue Projekte auf Sizilien starten wollen. Potenzial gebe es – im tertiären Sektor, in digitalen Dienstleistungen, bei regionalen Spitzenprodukten und im Tourismus. Entscheidend sei, die Voraussetzungen dafür auf der Insel zu schaffen.

Zwischen Trotz und Hoffnung

Gegenmaßnahmen wie jene von Libera Terra können laut dem Experten wirken: „Wenn ehemals mafiöses Eigentum wieder der Gesellschaft übergeben wird, sind die Effekte sehr positiv – sowohl für den Wettbewerb als auch für den Wert der Immobilien.“

In Palermo klingt der Widerstand anders. Auf einem kleinen Fußballplatz spielen Kinder und Jugendliche. Organisiert wird das Training von Addiopizzo, einer Bewegung, die sich seit zwanzig Jahren gegen Schutzgeldzahlungen einsetzt.

Pizzo ist der sizilianische Name für das Schutzgeld. Jahrzehntelang zahlten Geschäftsleute in Palermo einen Anteil ihrer Einnahmen an die Mafia, um in Ruhe gelassen zu werden. Wer sich weigerte, riskierte, dass sein Geschäft in Brand gesetzt wurde.

2004 begannen einige junge Palermitaner dagegen aufzustehen. Sie klebten in der Nacht kleine Zettel an Hauswände: Un intero popolo che paga il pizzo è un popolo senza dignità – Ein ganzes Volk, das Schutzgeld zahlt, ist ein Volk ohne Würde. Aus dieser spontanen Aktion entstand eine Bewegung, die bis heute wächst.

„Hier geht es nicht nur um Sport“, sagt Laura, eine der Freiwilligen. „Wir wollen, dass die Kinder verstehen, dass man ‚Nein‘ sagen kann – und dass man nicht allein ist, wenn man das tut.“

Kinder warten rund um einen Trainer auf den Beginn des Fußballtrainings
Addiopizzo organisiert Fußballtrainings für die Nachbarschaft
© WZ/Simon Plank

Eine Generation, die nach vorne schaut

Nach dem Training sitzen ein paar Jugendliche auf der Mauer neben dem Spielfeld. Einer, 15 Jahre alt, sagt: „Früher hat man hier nicht über die Mafia gesprochen. Jetzt reden wir. Das allein ist schon was.“ Ein anderer meint: „Man kann sie nicht einfach abschaffen. Aber man kann lernen, keine Angst mehr zu haben.“

In solchen Momenten zeigt sich, was Wirtschaftsexperte Ferrante „eine kulturelle Revolution“ nennt. Keine großen Gesten, sondern kleine, alltägliche Aktionen des Widerspruchs. Vielleicht beginnt Veränderung ja genau hier: zwischen einem Fußball, einer Handvoll Trauben und dem Mut, nicht mehr zu schweigen.


Dieser Artikel ist im Zuge des Projektes „Eurotours 2025“ des österreichischen Bundeskanzleramtes entstanden.

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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Francesco Citarda – Präsident des Konsortiums Libera Terra Mediterraneo
  • Livio Ferrante – Wirtschaftsprofessor an der Universität von Catania
  • Laura – Freiwillige bei Addiopizzo
  • Verschiedene Jugendliche in Sizilien

Daten und Fakten

  • Laut der zuständigen ANBSC wurden bis 2024 rund 20.500 Vermögenswerte (Immobilien, Unternehmen, Grundstücke) beschlagnahmt oder endgültig konfisziert. Davon sind etwa 10.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche für soziale Zwecke oder Kooperativen (z. B. Libera Terra) freigegeben.
  • Die geplante Brücke von Messina soll Sizilien und Kalabrien verbinden. Ein Mammutprojekt, das seit Jahrzehnten für Kontroversen sorgt. Bereits in den 1970er-Jahren wurde erstmals über eine feste Verbindung diskutiert, konkrete Baupläne gab es in den 2000er-Jahren unter Silvio Berlusconi. Das Projekt wurde 2013 aus Kostengründen und Umweltbedenken gestoppt, nun aber unter der Regierung von Matteo Salvini (Lega) wieder aufgenommen. Geplant ist eine Hängebrücke mit einer Spannweite von über 3,2 Kilometern, aufgrund von steigenden Baukosten bremst der italienische Rechnungshof das Projekt.

Quellen

Das Thema in der WZ

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