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Tote alte Frauen

5 Min
2025 zählten die Autonomen Frauenhäuser 15 Femizide. Sieben der Opfer waren über 65 Jahre alt.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Adobe Stock.

Laut einer Studie werden Frauen über 65 Jahren überdurchschnittlich häufig getötet. Warum spricht kaum jemand darüber?


Dieser Artikel behandelt sexualisierte Gewalt, speziell Femizide. Der Inhalt kann belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte lies nur weiter, wenn du dich emotional sicher fühlst. Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.

Johannas Facebook-Profil ist noch aktiv. Hundefotos, Ausflüge, Bergtouren. Es wirkt fast so, als wäre sie noch da. Ein Bild zeigt sie am Badesee, ein anders wie sie die letzten Meter zu einem Gipfel hinaufklettert. Johanna wurde letzten Oktober zusammen mit ihrem Sohn von ihrem Ehemann erstochen. Im Dezember hätte sie ihren 71. Geburtstag gefeiert. Johanna ist kein Einzelfall.

Laut einer Studie der FH Joanneum in Graz sind Frauen über 65 Jahre überdurchschnittlich häufig Opfer von Tötungsdelikten. Vergangenes Jahr zählten die Autonomen Frauenhäuser 15 mutmaßliche Femizide in Österreich. Knapp die Hälfte der getöteten Frauen waren über 65 Jahre alt. Agnes, Anna, Anneliese, Eva, Margit, Monika – und eben Johanna. 2024, also ein Jahr vorher, starben laut Todesursachenstatistik insgesamt 50 Menschen durch Mord oder einen tätlichen Angriff. 43 Prozent der weiblichen Opfer waren über 65, bei den männlichen nur 14 Prozent. Anfang der Woche wurde in einem Wiener Pensionist:innenheim eine 87-jährige Frau tot in ihrem Zimmer aufgefunden. Es ist davon auszugehen, dass es sich um einen Mord handelt.

„Man könnte sagen: Ein Drittel der Frauen, die ermordet worden sind, sind über 65 Jahre alt“, sagt Marina Sorgo von den Gewaltschutzzentren Österreichs. Wirklich präsent sind diese Zahlen in der öffentlichen Debatte kaum. Eine Recherche über die Normalisierung des Undenkbaren.

„Gewalt an älteren Frauen wird doppelt tabuisiert“

Wir verstehen Gewalt heute anders als vor 40 Jahren. Erst Ende der 1970er Jahre wird das Familienrecht reformiert, bis zu diesem Zeitpunkt konnten Ehemänner ihren Frauen noch verbieten arbeiten zu gehen. Bis 1989 war die Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. Das prägt.

Sorgo sagt: „Älteren Frauen sind stärker in klassischen Rollenbildern verhaftet. Sie verbinden Gewalt in erster Linie mit körperlichen Übergriffen. Psychische oder ökonomische Gewalt als solche erkennen sie meistens gar nicht.“

Gewalt an älteren Frauen wird doppelt tabuisiert.
Marina Sorgo, Gewaltschutzzentren Österreich

Leopold Ginner von Pro Senectute, einem Verein, der sich für alte Menschen in Österreich einsetzt, stimmt dieser Einschätzung zu. Er erklärt: „Wir beobachten vier Risikofaktoren: Erstens Demenz oder eine hohe Pflegebedürftigkeit, zweitens Isolation, selbst gewählt oder zwangsläufig, weil niemand mehr da ist, drittens Abhängigkeiten, insbesondere der gepflegten Person von der Pflegenden und viertens psychiatrische Erkrankungen wie Sucht, Alkoholmissbrauch oder Drogen. Wenn diese vier Faktoren zusammentreffen, dann ist sehr oft Feuer am Dach.“

Dazu komme laut Sorgo die Scham von Betroffenen. „Gewalt an älteren Frauen wird doppelt tabuisiert. Einerseits von der Gesellschaft, andererseits von den Betroffenen selbst. Das heißt im Umkehrschluss, dass sich diese Personengruppe am meistens scheut, Hilfe in Anspruch zu nehmen“, so Sorgo.

„Jede Frau, egal wie alt, hat das Recht auf Schutz“

Maja Markanović-Riedl, Geschäftsführerin der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser, kennt die Schwierigkeiten ältere Frauen zu erreichen: „Für die ältere Zielgruppe ist es deutlich schwieriger, Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen, vor allem, wenn sie nicht mobil sind. Nicht alle Frauenhäuser oder Beratungsstellen sind barrierefrei.” Gerade am Land benötige man oft ein Auto, um sie zu erreichen. Dazu kämen die finanzielle Abhängigkeit vom Partner und das gesellschaftliche Stigma.

Wir beobachten eine Normalisierung von Gewalt gegen ältere Frauen.
Maja Markanović-Riedl, Autonome Österreichische Frauenhäuser

Vergangenes Jahr waren nur ungefähr zwei Prozent der Bewohnerinnen in den Frauenhäusern über 60 Jahre alt. Ein grobes Ungleichgewicht zu den Gewaltstatistiken. „Jede Frau, unabhängig davon in welchem Bundesland sie lebt und wie alt sie ist, hat das Recht auf Schutz“, sagt Markanović-Riedl. „Das heißt wir benötigen gutes Datenmaterial, damit wir wissen, was ältere Frauen brauchen und wie wir sie erreichen.” Dazu müsse es laufende Berichterstattung zu diesem Thema, Aufklärungsarbeit und Öffentlichkeitskampagnen geben. „Und dann natürlich eine ausreichende Finanzierung sowohl von den Frauenhäusern als auch von den Frauen- und Mädchenberatungsstellen, einschließlich spezieller Angebote für ältere Frauen.“

„Wir beobachten eine Normalisierung von Gewalt gegen ältere Frauen“

Altersdiskriminierung und Geschlechterstereotype sind eng miteinander verknüpft. Pflegegewalt und sexualisierte Gewalt fließen daher oft ineinander über. „Wir beobachten hier oft eine Normalisierung von Gewalt gegen ältere Frauen“, sagt Markanović-Riedl. „Gerade in der privaten Pflege, die überwiegend von Frauen geleistet wird, kommt es häufig zu Überforderung. Gewalt wird dabei oft ertragen, viele der betroffenen Frauen erleben sie aus Scham, Verpflichtung oder Loyalität zum Partner als private, hinzunehmende Situation.“

„Wir dürfen nicht abstumpfen“

Bettina Bogner-Lipp vom Verein Pro Senectute betont die Wichtigkeit von Sensibilität in der Arbeit mit älteren Frauen. Sie telefoniert regelmäßig über ein Beratungstelefon mit älteren Menschen, die von Gewalt betroffen sind. „Besonders bei älteren Frauen ist viel Sensibilität gefragt, weil das Aussprechen der Gewalt oft mit einer Rückschau auf das bisherige Leben verbunden ist, Selbstzweifel und Sinnfragen auslöst“, sagt Bogner-Lipp. „Dazu kommt, dass sich Betroffene nicht immer kooperativ verhalten müssen, psychiatrisch auffällig sind oder Demenz haben. Manchmal sind sie isoliert, vereinsamt und ganz still. Mir ist wichtig, dass wir das nicht einfach hinnehmen und abstumpfen. Wir müssen unsere Mitmenschen ernst nehmen und auf sie aufpassen.“

Johannas Ehemann sitzt derweil noch in Untersuchungshaft in Oberösterreich. Er ist geständig. In den nächsten Monaten wird er wegen zweifachen Mordes angeklagt.


Hilfe und Beratungsstellen

Wenn du selbst von sexualisierter Gewalt betroffen bist oder jemanden unterstützen möchtest, findest du hier Hilfe:

  • Beratungstelefon für Gewalt und Alter (Verein Pro Senectute): Tel.: 0699 11 2000 99, online hier
  • Der Helpchat, Online-Beratungsstelle für Frauen und Mädchen: online hier
  • Frauen- und Mädchenberatungsstellen: Tel.: 01 595 37 60, online hier
  • Frauenhelpline gegen Gewalt: Tel.: 0800 222 555, online hier
  • Gewaltschutzzentren Österreichs: Tel.: 0800 700 217, online hier
  • Männerberatung: Tel.: 0800 400 777, online hier
  • Rat auf Draht: Tel.: 147, online hier
  • StoP, Stadtteile ohne Partnergewalt: online hier
  • Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser: online hier

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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Bettina Bogner-Lipp, Pro Senectute Österreich, Verein für das Alter in Österreich
  • Leopold Ginner, Pro Senectute Österreich, Verein für das Alter in Österreich
  • Maja Markanović-Riedl, Geschäftsführung Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF)
  • Marina Sorgo, stellvertretende Bundesverbandsvorsitzende der Gewaltschutzzentren Österreichs

Daten und Fakten

  • Gewalt gegen Frauen umfasst körperliche, psychische, wirtschaftliche und sexualisierte Gewalt. Sie betrifft Frauen in jedem Lebensbereich und in allen Alters- und Bildungsschichten.
  • Gewalt gegen ältere Menschen bezeichnet körperliche, seelische, sexuelle oder finanzielle Übergriffe sowie Vernachlässigung gegenüber Menschen im höheren Alter. Sie kann im familiären Umfeld, in Pflegeeinrichtungen oder auch durch Betreuungspersonen passieren. Von Gewalt gegen ältere Menschen sind sowohl Männer wie Frauen betroffen.
  • Laut einer Studie der FH Joanneum sind Frauen über 65 Jahre überdurchschnittlich häufig Opfer von Tötungsdelikten. (siehe Morde in Österreich: Eine soziologische Untersuchung auf Basis einer statistischen Analyse der Todesursache „Mord“ im Zeitvergleich 1970–2024)
  • Im Jahr 2025 zählten die Autonomen Frauenhäuser 15 Femizide. Sieben der Opfer waren über 65 Jahre alt. (siehe Autonome Frauenhäuser Österreichs: Mutmaßliche Femizide, 2025)
  • Im Jahr 2024 wurden laut der Todesursachenstatistik 50 aufgrund von Mord/tätlichem Angriff Verstorbene dokumentiert (28 Frauen, 22 Männer). 43% der weiblichen Verstorbenen waren über 65 Jahre alt, bei männlichen Verstorbenen nur 14%. (siehe Statistik Austria: Gestorbene 2024 nach Todesursachen, Alter und Geschlecht)
  • Der Begriff Femizid bezeichnet die Tötung von Frauen und Mädchen, aufgrund ihres Geschlechts. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren von der feministischen Soziologin Diana E. H. Russell geprägt. Sie machte darauf aufmerksam, dass Gewalt gegen Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung und im Rechtssystem häufig verharmlost oder aus ihrem politischen Kontext gelöst wird.
  • Schon seit vielen Jahren zeigen Studien, dass die Dunkelziffer bei sexualisierter Gewalt sehr hoch ist. Nur wenige der Betroffenen erstatten tatsächlich Anzeige.
  • Aus vielen Erhebungen geht hervor, dass sexualisierte Gewalt in den meisten Fällen nicht von unbekannten Tätern ausgeht. Zum Großteil kennen die Betroffenen die Täter.
  • In Österreich ist jede dritte Frau (ab dem Alter von 15 Jahren) von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. (siehe Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen in Österreich, Prävalenzstudie beauftragt durch Eurostat und das Bundeskanzleramt, 2022)
  • Viele Daten zu sexualisierter Gewalt werden nur in binären Geschlechterkategorien erhoben. Eine europäische Umfrage zu queerfeindlichen Hassverbrechen zeigt jedoch, dass 29 Prozent der Transfrauen, 23 Prozent der Transmänner und 34 Prozent der intersexuellen Befragten in den letzten fünf Jahren physischer oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. (siehe Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, 2024)

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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