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Gewalt in Syrien: Wenn Minderheiten zur Zielscheibe werden

6 Min
In Syrien ist in den letzten Tagen erneut Gewalt ausgebrochen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Reuters

In der südwestlichen syrischen Provinz Suwaida gab es bei Kämpfen fast 1.000 Tote. Regierungstruppen und sunnitische Beduinen gingen gewaltsam gegen die Minderheit der Drus:innen vor.


In Syrien ist in den letzten Tagen erneut Gewalt ausgebrochen: In der Provinz Suwaida, dem Zentrum der religiösen Minderheit der Drus:innen, kam es zu Kämpfen zwischen Drusen und sunnitischen Beduinen. Daraufhin rückten Regierungstruppen in die gleichnamige Provinzhauptstadt vor. Später flog Israel Luftangriffe auf Ziele in der Hauptstadt Damaskus. Beobachtern zufolge war ein Raubüberfall auf einen drusischen Gemüsehändler der Auslöser für die Kämpfe, worauf es zu Vergeltungsangriffen auf beiden Seiten kam. Die Spannungen zwischen Drus:innen und Beduin:innen bestehen seit langem und sind auch auf ökonomische Gründe zurückzuführen: Beduinische Clans, die zuvor vom Schmuggel mit der Aufputschdroge Captagon profitiert hatten, verloren durch das Erstarken drusischer Milizen an Einfluss und fühlen sich zunehmend marginalisiert.

Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kamen fast 1.000 Menschen ums Leben, rund 200 wurden „auf der Stelle exekutiert”. Die UN-Menschenrechtskommission berichtet von schweren Menschenrechtsverletzungen durch verschiedene bewaffnete Gruppen und syrische Streitkräfte.

„Religiöse Minderheiten haben Angst”

„Religiöse Minderheiten in Syrien leben in Angst, werden entmenschlicht und ermordet, weil man sie als Abtrünnige oder Ungläubige betrachtet. Sie haben keine Lobby – ihre einzige Stimme sind unsere Stimmen. So wie wir andere Gruppen verteidigen, müssen wir Minderheiten verteidigen. Ich sehe derzeit kaum jemanden, der das tut”, sagt die Menschenrechtsaktivistin, Journalistin und Filmemacherin Düzen Tekkal im Gespräch mit der WZ. Sie wuchs als Kind kurdischer Eltern in Deutschland auf und ist Teil der jesidischen Glaubensgemeinschaft, einer religiösen Minderheit.

Drus:innen im Fadenkreuz

Viele Drus:innen aus Syrien wandten sich die letzten Tage verzweifelt an Tekkals Hilfsorganisation HÁWAR.help, einige Videos veröffentlichte sie mit Triggerwarnung auf Instagram. „Wir sehen Bilder, die für uns als Minderheiten schwer zu ertragen sind. Über 80-jährige drusische Würdenträger wurden gefoltert – ihnen wurde der traditionell getragene Oberlippenbart als islamistisches Zeichen der Verachtung abgeschnitten, bevor sie hingerichtet wurden“, schildert die Menschenrechtsaktivistin. „Häuser von Drus:innen wurden geplündert und in Brand gesetzt.“ Auch in Deutschland werden Drus:innen bedroht: Tareq Alaows, selbst Druse und flüchtlingspolitischer Sprecher von Pro Asyl, hat letzte Woche zwei Familienangehörige in Suwaida verloren. Weil er in Berlin täglich Proteste organisiert, erhält er Drohungen.

Weltweit gibt es rund eine Million Drus:innen, die vor allem in ländlichen Dörfern und in den Bergen von Syrien, dem Libanon und Israel leben. Sie haben sich vor Jahrhunderten vom schiitischen Islam abgespaltet – für Islamisten gilt dieser „Abfall vom Glauben“ als todeswürdiges Vergehen. Drus:innen sind, wie Tekkal erklärt, für ihre außergewöhnliche Loyalität gegenüber ihrem jeweiligen Heimatland bekannt. Trotz ihrer kleinen Gemeinschaft spielten sie immer wieder eine wichtige politische Rolle – etwa im libanesischen Bürgerkrieg oder im syrischen Widerstand. Nach dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad im Dezember 2024 hofften Drus:innen auf eine neue Zukunft. „Sie wussten aber nicht, dass sie die Nächsten sein würden, die von Islamisten geschlachtet werden“, so Tekkal.

Spirale der Gewalt

Seit Beginn des Syrischen Bürgerkriegs 2011 sind religiöse Minderheiten in Syrien wiederholt Angriffen ausgesetzt – durch IS-Milizen, islamistische Gruppen und Regimekräfte. Besonders schwer traf es 2014 die Jesid:innen mit einem Genozid, bei dem IS-Kämpfer tausende Männer ermordeten, Frauen versklavten und Kinder verschleppten. Auch in den letzten Monaten gab es Massaker an Alawit:innen in der Küstenprovinz Latakia und einen Selbstmordanschlag auf eine christliche Kirche in Damaskus.

Externe Kräfte und Milizen begrenzen den Handlungsspielraum der Regierung
André Bank, Syrienexperte

Neuer Präsident, keine Kontrolle?

Mit dem Machtwechsel begann in Syrien ein neues Kapitel voller Unsicherheit: „Ahmed al-Scharaa als neuer Präsident ist entweder nicht willens oder nicht fähig, öffentliche Sicherheit für alle im Land zu garantieren“, kritisiert Tekkal. Al-Scharaa führte einst die islamistische und als Terrororganisation eingestufte Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die aus der Al-Qaida-nahen Al-Nusra-Front hervorging und Assads Sturz vorantrieb. Heute distanziert sich der Präsident von seiner dschihadistischen Vergangenheit, sein Image hat er sorgfältig poliert. Dennoch fürchtet sich die Bevölkerung laut Tekkal, dass der Islamismus zurückgekehrt ist: „Für religiöse Minderheiten bedeutet das Angst, Schrecken und eine erneute Traumatisierung.”

Laut André Bank, Syrienexperte am GIGA-Institut für Nahost-Studien in Hamburg, fehle al-Scharaa weniger der Wille als die Möglichkeit, eine inklusive Politik umzusetzen: „Externe Akteure und konkurrierende Milizen schränken den Handlungsspielraum seiner Regierung weitgehend ein.” Zudem sei Syrien „wirtschaftlich am Boden”. Auch Bente Scheller, Politikwissenschaftlerin der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, betont: „Als Machtpolitiker ist al-Scharaa daran gelegen, dass im Land Ruhe einkehrt.“ Zwar spreche er von einem „Syrien für alle“ und stehe im Austausch mit verschiedenen Minderheiten, doch solange bewaffnete Gruppen unabhängig agieren, entstehe keine verlässliche Sicherheitsstruktur – und damit auch kein Vertrauen in der Bevölkerung.

Was braucht ein neues Syrien?

Zurück nach Suwaida. Am Wochenende haben die Drus:innen die Stadt zurückerobert, die Lage ist laut Berichten vorerst unter Kontrolle und die Zusammenstöße sind beendet. Durch die Kämpfe wurden nach UN-Angaben mehr als 80.000 Menschen vertrieben, die Versorgung mit Strom und Wasser wurde unterbrochen. Erst am Sonntag erreichte ein dringend benötigter Hilfskonvoi die Region. Düzen Tekkal pocht auf humanitäre Korridore und internationale Aufmerksamkeit. „Das internationale Interesse kam erst, als Israel eingriff. Das lässt tief blicken“, kritisiert sie und fügt hinzu: „Ein freies Syrien wird es erst dann geben, wenn es selbst in der Lage ist, seine Minderheiten zu schützen.“

Externe Mächte wie die Türkei, die Gebiete im Norden militärisch besetzt hält, und Israel, das völkerrechtswidrig unter anderem die Golanhöhen kontrolliert, erschweren laut Bank ein friedliches Miteinander: „Israel versteht sich als Schutzmacht der Drusen – aber das wird nicht von allen Drusen vor Ort akzeptiert.” Innerhalb der drusischen Gemeinschaft gebe es unterschiedliche Positionen: Während sich einer der drei höchsten Geistlichen offen für Unterstützung durch Israel und die USA ausspricht und klar gegen die Übergangsregierung stellt, fordern die beiden anderen religiösen Führer eine innersyrische Lösung.

Verbrechen von heute und der letzten Jahrzehnte müssen aufgearbeitet werden
Bente Scheller, Politikwissenschaftlerin

Um den Weg zu einem stabilen und inklusiven Syrien zu ebnen, müssen laut Bank innerhalb der verschiedenen Milizen und Gruppierungen jene Kräfte gestärkt werden, „die auf Ausgleich und Verständigung setzen – nicht nur lautstarke oder extremistische Stimmen.” Bente Scheller betont: „Wenn wir über Minderheiten sprechen, klingt das oft so, als seien sie nur schutzbedürftig – dabei haben viele selbst eine Geschichte, die Rachegefühle mit sich bringt.“ Alawit:innen seien zentral an Assads Schreckensherrschaft beteiligt gewesen, drusische Milizen hätten sich unter Assad an brutalen Offensiven im Umfeld von Damaskus beteiligt. Natürlich sei es immer falsch, wenn Zivilist:innen getroffen werden. „Genauso wichtig wie die Ahndung der jetzigen Verbrechen ist es, dass die Verbrechen der letzten Jahrzehnte aufgearbeitet werden – und insbesondere das Schicksal der über 130.000 Menschen aufgeklärt wird, die, zumeist in Händen des Regimes, verschwunden sind.“ Sonst stehe es schlecht um das Miteinander.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Düzen Tekkal ist eine deutsche Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Filmemacherin jesidisch-kurdischer Herkunft. Sie wurde durch ihre Dokumentation über den Völkermord an den Jesid:innen bekannt und gründete die Hilfsorganisation HÁWAR.help sowie die Bildungsinitiative GermanDream. Ihr Einsatz für Menschenrechte wurde vielfach ausgezeichnet.
  • André Bank ist Syrienexperte am GIGA-Institut für Nahost-Studien in Hamburg.

Daten und Fakten

  • Syrien ist ein historisch multiethnischer und multireligiöser Staat, in dem neben Sunnit:innen auch Alawit:innen, Christ:innen, Drus:innen, Ismailit:innen, Jesid:innen und andere Gruppen leben. Der Bürgerkrieg hat viele dieser Minderheiten besonders getroffen.
  • Seit dem Sturz Assads im Dezember vergangenen Jahres kam es in Syrien zu mehreren Wellen religiös motivierter Gewalt. Die Gefechte rund um Suwaida löste Beobachtern zufolge ein Raubüberfall auf einen drusischen Gemüsehändler aus – als Reaktion darauf sollen Drus:innen Angehörige von Beduinenstämmen entführt haben. Auf beiden Seiten kam es zu Vergeltungsangriffen. Ein zusätzlicher Konfliktfaktor sind ökonomische Spannungen: Beduinische Clans, die zuvor vom Schmuggel der Aufputschdroge Captagon profitiert hatten – ein lukratives Geschäft, das vom Assad-Regime lange gefördert wurde – verloren durch das Erstarken drusischer Milizen an Einfluss. In einer ohnehin instabilen Sicherheitslage fühlen sie sich zunehmend an den Rand gedrängt.
  • Seit dem Jahr 2000 stand Baschar al-Assad als Präsident an der Spitze Syriens. Im Jahr 2011 reagierte er auf erste Proteste gegen seine Herrschaft mit Gewalt, was einen Bürgerkrieg auslöste. Assad führte diesen Konflikt mithilfe von Verbündeten wie Russland, dem Iran und der Hisbollah gegen Teile der eigenen Bevölkerung.
  • Das Assad-Regime wird für schwerste Menschenrechtsverletzungen seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 verantwortlich gemacht, darunter systematische Bombardierungen ziviler Einrichtungen und Massentötungen. In Gefängnissen wie Saydnaya kam es laut Berichten zu Folter, Misshandlungen und dem Verschwindenlassen Zehntausender ohne Gerichtsverfahren.
  • Nach einer längeren Phase relativer Ruhe im syrischen Bürgerkrieg starteten die HTS-Kämpfer gemeinsam mit verbündeten Gruppen am 27. November 2024 eine unerwartete Großoffensive gegen die Regierungstruppen und rückten dabei sehr schnell vor. Am 8. Dezember 2024 wurde Assad dann gestürzt.
  • Ahmed Al-Scharaa führte 2011 eine Gruppe Al-Qaida-Kämpfer aus dem Irak nach Syrien und gründete die Al-Nusra-Front, die sich schnell zu einer der stärksten Milizen im syrischen Bürgerkrieg entwickelte. 2016 löste er sich von Al-Qaida und formierte Hayat Tahrir al-Sham (HTS).

Quellen

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