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Google Kronstorf: Eine Protestbewegung nimmt Fahrt auf

5 Min
Bürger:inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf wünscht sich mehr Transparenz.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock, APA Images

In Österreich sind gut 50 Rechenzentren in Betrieb. Bis vor wenigen Monaten interessierte sich kaum jemand dafür. Das Bauvorhaben des Techgiganten Google in Kronstorf aber erhitzt die Gemüter – und löste Proteste weit über Kronstorf hinaus aus.


    • In Kronstorf protestieren Bürger:inneninitiativen und NGOs gegen das Google-Rechenzentrum wegen Umwelt- und Transparenzbedenken.
    • Die Proteste führten zu großem Medienecho, einer Petition mit 58.000 Unterschriften und fordern eine Umweltverträglichkeitsprüfung.
    • Rechenzentren benötigen viel Wasser, sind gesetzlich von Umweltprüfungen ausgenommen und stoßen auch in anderen Gemeinden auf Widerstand.
    • Google baut seit Anfang 2024 ein 50 Hektar großes Rechenzentrum in Kronstorf.
    • Das Projekt gilt als größtes Einzelinvestment in Oberösterreichs Geschichte.
    • Geplant sind nur 70 Arbeitsplätze, Investitionsvolumen: mehrere Milliarden Euro.
    • Bis zu 200 Liter Wasser pro Sekunde sollen der Enns entnommen werden.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Wir sind hier, wir sind laut – weil ihr uns das Wasser klaut“, hallt es durch die Linzer Innenstadt. Laut den Veranstalter:innen, der Bürger:inneninitiative Rechenzentrum, sind es rund 400 Menschen, die an diesem sonnigen Spätsommernachmittag vom Amt der Oberösterreichischen Landesregierung über den Linzer Hauptplatz und zum nördlich der Donau gelegenen Ars Electronica Center ziehen. Es ist ein bunt gemischter Haufen, von Jung bis Alt, von Fridays for Future über die Omas gegen Rechts, von Global 2000 bis zur KPÖ. Gemeinsam fordern sie „strenge ökologische und demokratische Regeln“ für den Bau von Rechenzentren.

Zur Erinnerung: Die 3.500-Einwohner:innen-Gemeinde Kronstorf liegt etwa eine halbe Autostunde südlich von Linz. Am Rande der Gemeinde hat Google Anfang des Jahres auf einem 50 Hektar großen Areal mit dem Bau eines sogenannten Hyperscale-Rechenzentrums begonnen. Ein Segen für die Region, wie Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) beim Spatenstich befand. Er sprach von einem „starken Signal für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Oberösterreich“ und versprach „Arbeitsplätze“ und „Wertschöpfung“. Schätzungen zufolge handelt es sich bei dem mehrere Milliarden Euro schweren Bau um das größte Einzelinvestment in der Geschichte Oberösterreichs.

Eine Katastrophe für die Natur, befinden die Bürger:inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf und ihre Unterstützer:innen. Sie kritisieren Boden-, Wasser- und Energieverbrauch des geplanten Baus. Ihrer Ansicht nach profitiere die Region kaum vom Rechenzentrum, es entstünden lediglich 70 Arbeitsplätze, Profite würden ohnehin in die USA abfließen. Vor allem aber kritisieren sie, über den Bau kaum informiert und vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein. Das ist auch der Tenor der Demo-Teilnehmer:innen, mit denen die WZ gesprochen hat. Sie kritisieren „null Mitsprache“ und „dass hier ohne Transparenz ein Megaprojekt beschlossen wird“.

Großes Medienecho

In Österreich sind bereits gut 50 Rechenzentren in Betrieb, bis vor wenigen Monaten kümmerte das kaum jemanden. Mitte April berichtet erstmals der Podcast Dunkelkammer über mögliche Folgen des Google-Baus für die Umwelt. Im Juni folgte eine erste, kaum beachtete Protestkundgebung mit einem guten Dutzend Teilnehmer:innen. Einen Monat später, Mitte Juli, waren es bereits gut 200 Demonstrierende – und ein enormes Medienecho. Von öffentlich-rechtlichen Sendern bis hin zu Boulevard- und Qualitätsmedien war das beschauliche Kronstorf in aller medialer Munde (auch die WZ berichtete).

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Seither hat das Thema mächtig Fahrt aufgenommen. Gut 58.000 Menschen unterzeichneten eine Petition, um eine „öffentliche, unabhängige und nachvollziehbare Gesamtprüfung des gesamten Projektkomplexes in Kronstorf“ zu erwirken. Auch bekannte NGOs wie Global 2000, WWF und Attac nehmen sich des Themas seither an.

Die oberösterreichische Landesregierung betont indes weiter die Impulse für Digitalisierung, Forschung und Industrie, die von der Ansiedlung Googles in der Region ausgingen. Anfang Juli reichte Google – selbst für die Landesregierung überraschend – einen Antrag zum weiteren Ausbau des Rechenzentrums ein. Der Komplex soll eineinhalbmal größer werden als bisher geplant.

Kronstorf, Leopoldsdorf, Nickelsdorf, Stetten, …

An Relevanz gewann das Thema auch vor dem Hintergrund eines in dieser Form nie dagewesenen Hitzesommers. Landesweit purzelten die Temperaturrekorde, mancherorts zeigten die Thermometer bis zu 42 Grad, einige Gemeinden mussten infolge der Trockenheit Trinkwasser zukaufen. Aus anderen Ländern ist längst bekannt, dass der Betrieb von Rechenzentren die Trinkwassersituation der angrenzenden Bewohner:innen drastisch verschärfen kann. Denn zu deren Kühlung sind enorme Mengen Wasser nötig – in Kronstorf sollen der Enns bis zu 200 Liter pro Sekunde entnommen werden (rund die Hälfte soll anschließend mit einer Temperatur von 30 Grad wieder zurückfließen).

Auch andernorts flammte die Debatte auf. Nachdem bekannt wurde, dass im niederösterreichischen Stetten ein Rechenzentrum gebaut werden soll, unterzeichneten binnen einer Woche rund 2.000 Menschen eine Petition, in der sie von der Gemeinde und vom Land Aufklärung über den Bau fordern. Stetten selbst zählt knapp 1.400 Einwohner:innen, das Rechenzentrum misst mit 4,3 Hektar Baufläche nicht einmal ein Zehntel des 50-Hektar-Baus in Kronstorf.

Im südlich von Wien gelegenen Leopoldsdorf sowie im burgenländischen Nickelsdorf sind weitere Rechenzentren geplant. Ein Kritikpunkt bei sämtlichen Projekten ist, dass derlei Bauten – anders als Bundesstraßen, Mülldeponien, Gewerbeparks, Windräder oder Logistikzentren – (ab einer gewissen Größe) keine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) brauchen. Der Grund: Die aktuelle Fassung des UVP-Gesetzes kennt keine „Rechenzentren“, weshalb sie, egal wie groß sie sind, vom Gesetz ausgenommen sind. Auf Regierungsebene wird derzeit über eine Novelle diskutiert, die diese Lücke schließen soll. Vergangenen Freitag entschied das Land Niederösterreich, das Rechenzentrumsprojekt in Leopoldsdorf einer UVP unterziehen zu wollen.

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Forderung nach mehr Transparenz

Die Bürger:inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf betont, man sei nicht gegen Künstliche Intelligenz, man fordere in Kronstorf auch keinen Baustopp. Aber: Alle Fakten sollen auf den Tisch. Sie fordern volle Transparenz, eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung, „strenge ökologische und demokratische Regeln bei Groß-Rechenzentren“. Global 2000 fordert in einer eigenen Petition, der Bau von Rechenzentren dürfe erst genehmigt werden, wenn „sämtliche rechtliche und politische Fragen geklärt sind“.

Manchen Aktivist:innen gehen diese Forderungen nicht weit genug. Ende August kletterten etwa 20 von ihnen aufs Dach der Baustelle in Kronstorf und forderten einen sofortigen Baustopp sämtlicher Rechenzentren in Österreich. Neben den ökologischen Auswirkungen kritisieren sie die polizeiliche und militärische Nutzung der in diesen Anlagen trainierten Künstlichen Intelligenz.

Another Zwentendorf?

Der Bau des Rechenzentrums in Kronstorf ist weit fortgeschritten, bereits Ende kommenden Jahres soll die erste Ausbaustufe fertig sein. Den Bau noch zu stoppen, dürfte schwierig bis unmöglich werden.

Gleichzeitig wäre es nicht das erste Mal, dass eine junge Bewegung einer (damals) neuen Technologie skeptisch gegenübersteht und die Inbetriebnahme eines bereits fertiggestellten Baus verhindert. Auf dem Schild eines Demo-Teilnehmers heißt es: „Kronstorf ist Zwentendorf 2.0“. Auf einem anderen: „Another Zwentendorf is possible“.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Das Rechenzentrum in Kronstorf ist für Google das erste in Österreich, das elfte in Europa und das 32. weltweit.
  • Nach Fertigstellung des Rechenzentrums sollen auf dem 50 Hektar großen Areal in Kronstorf zwischen 70 und 100 dauerhafte Arbeitsplätze entstehen.
  • Gut 58.000 Menschen unterzeichneten die Onlinepetition „Google Kronstorf: Transparente Gesamtprüfung jetzt!“. Die Petition in Stetten unterzeichneten binnen einer Woche 2.000 Menschen.
  • Österreichweit sind gut 50 Rechenzentren in Betrieb, die meisten davon im Großraum Wien.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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