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Wer? Echt? Was? Ein Hohelied auf den Gossip

4 Min
Information ist Macht.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Pexels

Klatsch und Tratsch wird von jenen verteufelt, die es sich leisten können. Für die sozial Schwächeren ist das informelle Austauschen von Informationen ein Frühwarnsystem, das auch Leben retten kann.


    • Gossip dient als informelles Warnsystem, besonders für Menschen ohne offizielle Macht oder Stimme.
    • Tratsch schützt potenziell vor Übergriffen, wie die Beispiele Harvey Weinstein und Jeffrey Epstein zeigen.
    • Über Gossip werden soziale Normen vermittelt und Verhaltensweisen kritisch reflektiert.
    • Harvey Weinstein wurde 2020 wegen Vergewaltigung verurteilt.
    • Gossip ist ein Instrument der Schwächeren.
    • Soziologin Katie Jagielnicka: Gossip stammt von "God" und "sibb" ab.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Wir Männer tratschen nicht“, sagte der inzwischen verstorbene Papst Franziskus erst vor zwei Jahren zu einer Gruppe junger Priester. Tratsch, also Gossip, sei eine Frauensache. Die Männer hätten dagegen „die Hosen an“. Entweder deutlich Ansprechen oder Schweigen.

Die Hosen anhaben, das bedeutet, bestimmen zu können. Das heißt auch: Der Mächtigere kann die Geschichte bestimmen. Jede:r, der oder die mal in der Schule war, weiß, dass man ungern „vor der ganzen Klasse“ erzählt, wer einen im Schulhof gehaut hat. Oder begrapscht hat. Erstens will irgendwer dann immer Beweise – sonst bitte Maul halten. Also, ist ja nichts passiert. Zweitens wird die Revanche des Beschuldigten nicht lange warten lassen. Rufmord und so. Da dann wirklich besser nichts sagen. Also, nicht vor der ganzen Klasse. Oder in einem Gerichtssaal.

Seinen Freund:innen wird man es aber sehr wohl erzählen, dass es besser ist, mit XY nicht allein zu sein und XYZ keine Bücher nachhause mitzubringen. Von dem einen Typen beim Fortgehen keine Getränke anzunehmen. Und sich von dem nicht nachhause fahren zu lassen.

Lange bevor der US-Filmproduzent Harvey Weinstein im Jahr 2020 von einem Gericht verurteilt worden war, weil er zahlreiche Frauen – jetzt offiziell – vergewaltigt hat, kamen die Gerüchte. Bloß nicht mit Weinstein aufs Zimmer gehen. Bloß kein Vorstellungsgespräch mit ihm allein machen. Auch wenn er noch so viel „Potenzial“ in einem sähe und nur jetzt am Abend Zeit hätte.

Zu groß, zu mächtig, zu viel Einschüchterung

Dieser Gossip hat sicher die eine oder andere Frau vor einer traumatischen Erfahrung bewahrt. Wieso wurde er nicht viel früher angeklagt? Verurteilt? Hätten sie halt was gesagt? Ging nicht. Zu groß, zu mächtig, zu viele Anwälte auf Abruf. Einschüchterungstaktiken inklusive. Auch bei Jeffrey Epstein hat es Gossip gegeben. Der hat aber natürlich nicht alle erreicht. Denn für Gossip braucht man auch ein Netzwerk.

Das englische Wort Gossip deutet auch das Naheverhältnis an (und rückt es in weiblichen Kontext). Laut der Soziologin Katie Jagielnicka setzt es sich aus God und sibb zusammen. Die deutsche Entsprechung wäre das dialektale „Goti“ (hochdeutsch: Pat:in, englisch: God-Parent) und „sibb“ (Sippe), also jemand im Naheverhältnis – laut Jagielnicka besonders gebräuchlich für weibliche Bekannte, die zur Geburt eingeladen werden (und dabei assistieren). Die moderne akademische Definition von Gossip ist, über jemanden zu reden, der nicht anwesend ist.

Die Soziologie weist Gossip mehrere Funktionen zu. Einerseits ist es ein informelles Warnsystem – vor allem von jenen, die offiziell keine gewichtige Stimme haben. Andererseits lernen wir über Gossip sozial akzeptiertes Verhalten und Normen. Nur, wenn ich bei anderen mitbekomme, dass es nicht okay ist, sich so oder so zu verhalten, kann ich mein Benehmen adaptieren. Denn nicht überall gibt es Schilder wie auf der Straße. Manchmal ist es hilfreich, zu hören, dass Schlagen nicht akzeptiert wird. Oder was alles ein Übergriff ist. Das funktioniert nicht nur, wenn ich mich über die Nachbarschaft austausche, sondern auch, wenn ich globale Celebrity News verfolge. Wer trennt sich und warum? Darf man so überhaupt noch herumlaufen? Ist ein großer Swimmingpool bei Wasserknappheit noch vertretbar? Die Welt ist dank Internet das sprichwörtliche Dorf der Abgleichungen. Vielleicht hilft das dann, auch die eigenen Entscheidungen abzugleichen.

Natürlich ist Gossip, so wie alles, nicht nur unproblematisch. In der Soziologie wird hier gern von „indirekter Aggression“ geredet. Aber, wie eingangs erwähnt, direkte Aggressionen und Anschuldigungen sind oft Privilegien der Stärkeren. Oder, wie eine Reddit-Userin schreibt: „Männer mögen keinen Gossip, weil es oft bedeutet, dass sich Frauen gegenseitig vor besch* Männern warnen. Informierte Frauen haben für die keinen Nutzen.“


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Inhaltsneutraler Gossip, also das Reden über Nicht-Anwesende, ist Studien zufolge kein weibliches Phänomen. Männer reden also genauso wie Frauen.
  • Das informelle Austauschen von Informationen als Warnsystem wird aber vor allem dort angewendet, wo es ein Machtgefälle gibt, also der oder die Schwächere sich nicht traut, eine Information öffentlich verteidigen zu müssen.

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