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Der Präsenzdienst soll verlängert werden, wünscht sich die Wehrdienstkommission. Ehemalige Rekruten blicken auf ihre Zeit beim Bundesheer zurück.
Europa rüstet auf. Deutschland, das derzeit ein reines Berufsheer hat, schreibt gerade alle 18-Jährigen (auch die Frauen) an, um Freiwillige zur Aufstockung der Bundeswehr zu gewinnen. Und ab sofort gibt es wieder verpflichtende Musterungen für junge Männer, zwar ohne verpflichtenden Präsenzdienst, aber eine sogenannte Bedarfswehrpflicht steht im Raum.
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Auch in Österreich ist die Wehrpflicht wieder Thema, hier geht es um eine Verlängerung des Grundwehrdienstes. Eine Kommission, bestehend aus Vertreter:innen von Bundesheer, Zivildienstträgerorganisationen, Ministerien, Zivilschutzverband, Jugend, Wirtschaft, Kammern, Gewerkschaft, AMS und Präsidentschaftskanzlei, hat seit Juni 2025 fünf unterschiedliche Modelle ausgearbeitet und nun ihren Favoriten präsentiert.
Zehn Monate beim Heer oder zwölf Monate Zivildienst
Knapp acht Monate hat sie dafür gebraucht – und genauso lang soll nach ihrem Wunsch künftig der Präsenzdienst dauern, plus insgesamt 60 Tage Auffrischungsübungen, auf fünf Etappen alle zwei Jahre aufgeteilt werden sollen, um die Wehrfähigkeit zu erhalten. Statt derzeit sechs Monate Grundwehrdienst wären das also in Summe zehn Monate. Der Zivildienst soll von neun auf mindestens zwölf Monate verlängert werden.
Das neue Modell mit dem Titel „Österreich PLUS“ könnte mit 1. Jänner 2027 starten, so die Kommission, die argumentiert: Angesichts der sicherheitspolitischen Gesamtsituation sei für eine Stärkung der Verteidigungsbereitschaft Österreichs eine Verlängerung des Präsenzdienstes unbedingt notwendig, um die Soldaten ordentlich ausbilden zu können. Die derzeit sechs Monate seien dafür zu kurz. Außerdem gehen Österreich die Rekruten aus, weil immer mehr junge Männer untauglich oder nur teiltauglich sind. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) hat bereits klargestellt, dass sie angesichts der geopolitischen Lage bereit sei, „notwendige Veränderungen vorzunehmen”. Sie muss nun den Konsens mit den anderen Parteien finden.
Wie aber sehen die Betroffenen die Wehrpflicht? Waren die sechs Monate beim Heer im Rückblick eine verlorene Zeit, die nun noch weiter verlängert würde? Oder haben sie etwas daraus fürs Leben mitgenommen? Die WZ hat sich unter ehemaligen Bundesheer-Rekruten umgehört.
Felix (20):
„Nach meiner kaufmännischen Ausbildung rückte ich in das Versorgungsregiment des Bundesheeres ein. Während der Grundausbildung wurde immer wieder die Wichtigkeit dieser Einrichtung für die Republik Österreich im Ernstfall und auch für die Logistik im Allgemeinen betont, das war dann anfangs auch ein interessanter Einblick. Mit der Zeit wurde es allerdings immer öfter langweilig. Natürlich ist es super, wenn man nicht mit dem Ernstfall konfrontiert wird, aber es gab Tage, da hatte ich wenig bis gar nichts zu tun. Als Rekrut in der Versorgung hatte und hat man bei den Leuten immer so ein bisschen den Ruf, sich keinen Haxen auszureißen. Da stellte ich mir öfter die Frage, ob der Zivildienst nicht sinnvoller gewesen wäre.“
Moritz (23):
„Ich wollte nach dem Lehrabschluss unbedingt meine Sanitäter-Ausbildung machen und deshalb eigentlich Zivildienst leisten. Nachdem damals beim Rettungsdienst keine Zivildienst-Plätze mehr in meinem Heimatort verfügbar waren, entschied ich mich fürs Bundesheer. Dort konnte ich dann meine Ausbildung zum Rettungssanitäter abschließen und war dann viel mit der Rettung unterwegs. Rückblickend war es dann eine schöne Zeit, und durch die abgeschlossene Prüfung konnte ich viel Sinnvolles für das weitere Leben mitnehmen. Ich konnte und durfte mich nach der Grundausbildung beim Heer ganz meinem Ziel widmen. Nebenbei ersparte ich mir dann auch drei Monate an Zeit im Vergleich zum Zivildienst.“
Felix (23):
„Ich war bei der Garde. Da hat man Übungen, Exerzieren, aber schon auch Leerläufe. Auf jeden Fall war es eine interessante Erfahrung. Und ich habe beim Heer den Lkw-Führerschein gemacht, den hätte ich mir sonst sicher nicht geleistet. Wer weiß, wofür ich ihn später brauchen kann? Finanziell macht man halt keine großen Sprünge, mit den paar hundert Euro im Monat. Allerdings habe ich nach den sechs Monaten Grundwehrdienst dann noch freiwillig zwei Monate an der Grenze angehängt – und da habe ich monatlich um die 3.000 Euro netto bekommen. Ich meine, wo kriegt man das schon in diesem Alter? Dafür waren wir dort halt komplett eingespannt, also Zeit für etwas anderes hatten wir da überhaupt nicht.“
Jürgen (23):
„Als gelernter Kfz-Mechaniker durfte ich in der Werkstätte tätig sein. Es machte viel Spaß, alle Fahrzeuge des Heeres kennenzulernen und daran arbeiten zu dürfen. Von der Tätigkeit her war es kaum ein Unterschied zu meinem eigentlichen Beruf. Die Bezahlung war aber viel schlechter als in meinem Job. Mit den Kameraden und Offizieren kam ich immer gut klar, und es herrschte ein lockeres und respektvolles Miteinander. In der Grundausbildung lernte ich viel über Teamwork und auch teilweise meine Grenzen kennen, das konnte ich positiv daraus mitnehmen. Noch heute habe ich mit einigen Rekruten von damals Kontakt und wir treffen uns auch manchmal.“
Max (29):
„Ich bin erst mit 25 Jahren eingerückt, also recht spät. Erst war ich bei den Pionieren in Salzburg, das war echt spannend. Dann durfte ich als Schreiber in einer Wiener Kaserne den Presseoffizier unterstützen. Gerade bei den Pionieren sind wir echt gedrillt worden. Da muss man aber auch im Einsatzfall binnen Minuten alles stehen und liegen lassen und aufbruchsfertig sein, das haben wir geübt. Und da ist der Umgangston nicht immer höflich und freundlich. Persönlich habe ich ihn aber letztlich doch als professionell empfunden. Goschert zurückreden wird halt nicht akzeptiert. Durch das höhere Alter war ich wohl auch recht schmerzbefreit und hatte im Hinterkopf, dass es schon einen Sinn haben wird. Das Autoritäre gehört halt auch dazu, wenn man mit lauter Spätpubertierenden zu tun hat. Und am Ende waren wir eine zusammengeschweißte Truppe. Was die nun geforderten verpflichtenden Übungen betrifft: Das finde ich eigentlich gut. Aktuell wüsste ich nicht, ob ich entsprechend gerüstet dafür wäre, wenn man mich im Kriegs- oder Krisenfall einziehen würde.“
Philipp (21):
„Für mich war es keine große Umstellung. Ich hab davor bereits beim Heer eine Lehre als Mechatroniker gemacht. Da schon mein Vater dort ist, lag das quasi in der Familie. Nach der Grundausbildung bin ich wieder zurück an meine Lehrstelle gekommen. Leider hat das Heer kein allzu gutes Image. Ich kann mir schon vorstellen, dass das ‚Schleifen‘ in der Ausbildung, von dem man so oft hört, viele abschreckt, die dann versuchen untauglich zu sein. Und ganz ehrlich: Die Tests bei der Stellung machen es ihnen auch nicht wirklich schwer, muss ich sagen.“
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
Die Wehrpflicht wurde erstmals 1866 in Österreich eingeführt. Anlass dafür war die Niederlage in der Schlacht von Königgrätz gegen Preußen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Armee in ein Berufsheer, das Bundesheer, umgewandelt. Jedoch führte die Regierung im Ständestaat am 1. April 1936 wieder die Wehrpflicht ein, die auch im Nationalsozialismus galt, als das Bundesheer in der Wehrmacht aufging (bis 1945).
Nach dem Zweiten Weltkrieg durfte das besetzte Österreich zunächst keine eigene Armee haben. Erst mit der wiedererlangten Souveränität 1955 wurden das Bundesheer wieder aufgebaut und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Damals dauerte der Wehrdienst neun Monate. 1971 wurde er unter Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) das erste Mal auf sechs Monate verkürzt, allerdings kamen noch zwei Monate Truppenübungen dazu, weshalb die tatsächliche Verkürzung nur einen Monat betrug.
1975 wurde der Wehrersatzdienst (Zivildienst) für Wehrdienstverweigerer mit Gewissensvorbehalten ins Leben gerufen. Dieser dauerte zunächst genauso lange wie der Wehrdienst. Erst 1991, als die kommissionelle Gewissensprüfung für den Zivildienst wegfiel, wurde dieser auf zwölf Monate verlängert. Im Zuge der bisher letzten großen Reform 2006 unter Verteidigungsminister Günther Platter (ÖVP) wurde der Wehrdienst tatsächlich auf sechs Monaten verringert, weil für das Gros der Präsenzdiener die anschließenden Milizübungen wegfielen. Der Zivildienst wurde auf neun Monate verkürzt. Die Zahl der einsatzbereiten Soldaten ging in der Folge erheblich zurück. 2013 stand die Wehrpflicht erneut auf dem Prüfstand: Österreichs Bevölkerung stimmte in einer Volksbefragung mit 60 Prozent gegen ihre Abschaffung.
2021 führte Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) die sogenannte Teiltauglichkeit ein, nachdem die Zahl der Grundwehrdiener binnen 15 Jahren um die Hälfte gesunken war. Die Teiltauglichkeit sollte auch die Zahl der Zivildiener erhöhen. Beide Zahlen stiegen jedoch nicht so stark wie erhofft, weshalb nun die Dauer des Präsenzdienstes wieder erhöht werden soll. Angesichts der Entwicklung fordert die Wehrdienstkommission nun eine Verlängerung auf insgesamt zehn Monate – so viel wie noch nie in der Zweiten Republik.
Insgesamt hat die Wehrdienstkommission fünf Modelle ausgearbeitet. Das favorisierte Modell „Österreich PLUS“ sieht acht Monate Grundwehrdienst vor sowie fünfmal alle zwei Jahre je zwölf Tage Übungen. Das „Schweizer Modell“ hätte vier Monate Grundwehrdienst plus zehnmal jährlich 14 Tage Übungen. Beim „Stufenmodell“ wären es sechs Monate Grundwehrdienst, dann kämen 18 Monate später eine Truppenausbildung und danach viermal alle zwei Jahre jeweils zehn Tage Übungen. Das Modell „Alle acht“ würde acht Monate Grundwehrdienst sowie bedarfsorientiert 40 Tage Übungen vorsehen. Beim „Skandinavischen Modell“ wären es überhaupt 16 Monate Grundwehrdienst, allerdings nur für Freiwillige oder per Los ausgewählte Taugliche, weil ja hier weniger Rekruten nötig wären. Zusätzlich gäbe es je nach Bedarf 40 Tage Übungen.
Quellen
- Verteidigungsministerium: Kommission empfiehlt Modell „Österreich PLUS“ (8+2)
- Modelle der Wehrdienstkommission
- Österreichisches Bundesheer
- Zivildienst in Österreich
- Wehrdienst in Deutschland
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