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Spätestens nach Ceuta sollte klar sein, dass die rechtsextremen Erzählungen von Martin Sellner und Co. schon längst im Mainstream angekommen sind.
Die jüngsten Szenen aus der spanischen Exklave Ceuta, die ankommende Geflüchtete und Migrant:innen zeigten, werden weiterhin mit einer barbarischen Invasion gleichgesetzt. Dies verdeutlicht nicht nur ein Blick in die Kommentarspalten von „X", Instagram und Co., vielmehr sind es auch etablierte, dem Mainstream zugehörige Medien und Politiker:innen, die zu diesem Narrativ beitragen, obwohl klar ist, woher es kommt: von den extremen Rechten, die sich in den letzten Jahren auf TikTok, Telegram und Co. neuerfunden haben und dank einflussreicher Unterstützer, etwa Elon Musk, dem reichsten Mann der Welt, einen massiven Aufschwung erleben.
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Vor wenigen Jahren war es der rechtsextreme Aktivist Martin Sellner, der den Begriff der „Remigration" zum Kampfbegriff formte – und in seinen Foren, etwa auf Telegram, stets vor einem „Bevölkerungsaustausch" und einem „ethnokulturellen Wandel" der Gesellschaft „warnte", während er die „Reconquista", also die Rückeroberung Europas, heraufbeschwor. 2023 kürte die sprachkritische Aktion „Remigration" zum Unwort des Jahres. Und im Juni 2025 stufte das deutsche Bundesverwaltungsgericht Sellners „Remigrationskonzept" als menschenwürdewidrig ein: Es widerspreche dem Demokratieprinzip und laufe faktisch auf Vertreibung und Ausbürgerung hinaus, hieß es.
Doch „Remigration" ist schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Denn während die Menschen, die in Ceuta ankamen, unter militärischer Präsenz und ohne individuelle Verfahren „zurückgeführt" worden sind, begrüßten und adaptierten zahlreiche Beobachter:innen nicht nur diesen menschenverachtenden Duktus, sondern auch die reale Gewalt der Festung Europa. Diese, so meint etwa der Axel-Springer-Journalist Ulf Poschardt, sei nötig, um die europäische Gesellschaft (vor den unzivilisierten, nordafrikanischen Männerhorden) zu schützen. Von den Geflüchteten in Ceuta kamen dabei mindestens 72 ums Leben, die meisten ertranken, andere starben im Gedränge an einem Wellenbrecher; die Marokkanische Vereinigung für Menschenrechte spricht von fast 130 Toten.
Sellner'scher Sprech
Poschardt hat nicht nur eine irre Reichweite, sondern gibt sich auch noch als eine Art rationaler Liberaler, während alle anderen, sprich, die „Woken", „Gutmenschen" oder „Shitbürger", wie er sie nennt, verrückt geworden zu sein scheinen. Dabei wird die eigene Radikalisierung verklärt und verdrängt. Stets haut Poschardt gegen Muslim:innen, Migrant:innen, Geflüchtete und Feminist:innen, während Donald Trump oder die in weiten Teilen rechtsextreme Regierung Benjamin Netanjahus vehement verteidigt werden – samt jener Kriegsverbrechen in Gaza, wegen derer der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen Netanjahu und seinen früheren Verteidigungsminister erlassen hat.
Das Ironische, ja fast schon Dummdämliche: Poschardt sieht sich bei alldem auch noch als Vertreter einer vermeintlich unterdrückten Bürgerschicht, sprich, als Underdog, der doch nur die Wahrheit anspricht. Zur Erinnerung: Der Axel-Springer-Verlag ist ein milliardenschwerer Medienkonzern, dem mit „Politico” und „Business Insider” auch in den USA große Marken gehören.
Ausgerechnet dieser Konzern springt Sellner und Co. seit geraumer Zeit gewollt zur Seite. Immerhin imitiert nicht nur Poschardt in vielerlei Hinsicht den Sellner'schen Sprech, sondern auch der Kopf des Konzerns: Mathias Döpfner ließ Ende Dezember 2024, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, eine Wahlempfehlung Elon Musks für die rechtsextreme AfD in der „Welt am Sonntag" abdrucken – gegen den ausdrücklichen Widerstand der Redaktion. Eva Marie Kogel, die Leiterin des Meinungsressorts von „Welt" und „Welt am Sonntag", reichte noch in der Nacht des Andrucks ihre Kündigung ein.
„Ich bin gegen Remigration, aber…“
Doch viel geändert hat sich seitdem nicht. Stattdessen geht die Radikalisierung munter weiter. Poschardt, der bis zum 1. Juli 2026 als Herausgeber von „Welt", „Politico Deutschland" und „Business Insider Deutschland" agierte, wurde mittlerweile zum „freiesten Mitarbeiter" des Konzerns befördert – mit täglichen Social-Media-Formaten, einer eigenen Talkshow bei Welt TV und einer wöchentlichen Kolumne in der „Bild".
Besonders klar wurde dies nach Ceuta: Constantin Schreiber, ein weiterer prominenter Springer-Mann, diskutierte in seinem Podcast mit dem in Expert:innenkreisen umstrittenen Islamismus-Experten Ahmad Mansour über „Remigration". Der Titel der Folge: „Ich bin gegen Remigration, aber …" Richtig gelesen, kein Witz. Martin Sellner dürfte sich freuen.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Martin Sellner ist ein österreichischer Rechtsextremist, Autor und einer der bekanntesten Aktivisten der Neuen Rechten im deutschsprachigen Raum. Er war jahrelang Sprecher der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ). Sellner vertritt völkisch-nationalistische Positionen und gilt als zentraler Ideologiegeber für Konzepte wie den „Großen Austausch“ sowie die sogenannte „Remigration“. Aufgrund seiner Vernetzung in rechtsextremen Kreisen und seiner politischen Aktionen wurden gegen ihn in verschiedenen Ländern und Kommunen Einreiseverbote verhängt oder ausgedehnt.
- Der Begriff „Remigration“: Ursprünglich bezeichnet Remigration in der Soziologie neutral die freiwillige Rückkehr von Migrantinnen und Migranten in ihr Herkunftsland. Seit den 2010er-Jahren wurde der Begriff von rechtsextremen und identitären Akteuren umgedeutet und als Kampfbegriff etabliert. In diesem völkisch-nationalistischen Diskurs dient er als Euphemismus für die massenhafte, teils erzwungene Ausweisung oder Vertreibung von Menschen mit Migrationshintergrund – bis hin zu eingebürgerten Staatsbürgern. Wegen dieser Bedeutungsverschiebung hin zu einer menschenrechtswidrigen Forderung wurde Remigration in Deutschland zum „Unwort des Jahres 2023“ gewählt.
- Axel Springer SE ist ein international tätiges deutsches Medien- und Technologieunternehmen mit Sitz in Berlin, das 1946 von Axel Springer gegründet wurde. Zu den bekanntesten deutschen Publikationen gehören die Boulevardzeitung Bild und die Tageszeitung Die Welt; international gehören Medien wie Politico und Business Insider zum Konzern. Das Unternehmen steht traditionell für eine konservativ-liberale, proamerikanische und proisraelische Haltung, die auch in internen Unternehmensgrundsätzen festgehalten ist. Axel Springer befindet sich mehrheitlich im Besitz des US-Finanzinvestors KKR sowie der Gründerfamilie und setzt stark auf digitale Geschäftsmodelle.
Quellen
- Elon Musk und Martin Sellner: Nach der Übernahme von Twitter, das heute als „X“ bekannt ist, durch Elon Musk, wurde der Account der Identitären Bewegung umgehend freigeschaltet.
- Ulf P. auf X
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